Der kleine NiemandDoch als er eines Tages den mutigen Wind über die Berge hörte, erkannte er, dass selbst das Kleinste das Potenzial hat, die Welt zu verändern.

Verstehs doch, das ist doch niemand für uns! kreischte Elfriede, während sie ihrer Tochter die Wahrheit einredete. Leni verzog das Gesicht, als wolle sie gleich weinen, doch dann hob sie den Kopf und sagte: Dann ist für mich die Niemandlein auf der Welt die einzige, die wirklich zu mir gehört!

Niemandlein
So kam es, dass aus einer kinderreichen Bauernfamilie von Bauer Hartmann und seiner Frau Lotte alle Töchter verheiratet wurden nur die Jüngste, Marlene, die stillste und friedlichste, blieb ohne Anwärter. Offenbar hatte ihr Schwarm nie das Dorf gefunden oder war im Wald verloren gegangen. Lotte sah ihr dabei zu und dachte mit schwerem Herzen:Vielleicht wird er ja nie kommen. Marlene blieb bei ihren Eltern ein fester Anker, bis ihre Nichten, die inzwischen in die Stadt gezogen waren, endlich Kinder bekamen.

Der erste Besucher war Fritz, der Sohn der ältesten Schwester, der mit tiefem Knicks und einer großen Bitte erschien: Tante Marlene, ich bräuchte dringend jemanden, der meine Tochter betreut. Der Kindergarten ist voll, meine Frau muss arbeiten. Marlene, inzwischen eine erwachsene Frau, stand an einem Scheideweg: Meine Eltern sind alt, wohin soll ich sie setzen? Und die Stadt macht mir Angst. Doch Fritz bat eindringlich und versprach, die Eltern nicht zu vergessen. Er kam immer wieder vorbei, um Kartoffeln zu pflügen und das Dach zu reparieren.

Elfriede und ihr Mann rieten Marlene, mitzufahren. Vielleicht lernst du ja in der Stadt einen netten Mann kennen du bist ja noch nicht über vierzig, sagten sie. Sie wussten nicht, dass sie selbst schon lange überlegten, wie Marlene allein dastehen würde, wenn sie das Haus verließ. So wurde die einstige Hofmagd zur städtischen Kindermädchen. Fritz dachte weiter: Wir stellen noch eine Bekannte für einen Nebenjob ein, damit Marlene weiter üben kann.

Die älteste Tochter von Fritz ging zur Schule, die zweite folgte. Währenddessen verstarben Marlenes Eltern, doch sie betreute nun nicht mehr Fritz Kinder, sondern den Sohn ihres Bruders. Das Mäntelchen der Verantwortung wechselte von Hand zu Hand: von der Kita bis zur Grundschule. Und weil sie plötzlich kaum noch gebraucht wurde, begannen die Nichten, sie zu drängen, nicht mehr zu wohnen ein Dank an Fritz!

Kurz bevor Marlene das Haus, das von einem Beeren- und Pilzwald umgeben war, verkauften, schlug Fritz vor: Kauft wir der Tante ein kleines Zimmer. Sie hat ja auch ein Stück vom Haus. Die Nichten stritten sich, wer das Geld erhalten würde. Fritz winkte ab: Wer das Glas füllt, bekommt den Rest, oder wie Tante Marlene es regelt. So bekam Marlene ein kleines Apartment, das später zu einer Einzimmerwohnung ausgebaut wurde.

Jahre später, als Fritz noch nicht einmal die fünfzig erreicht hatte er starb an einer Lungenentzündung, die er sich beim Aufräumen eines Stalls zuzog vergaß die ganze Verwandtschaft die alte Marlene. Alle Kinder waren groß, brauchten keine Nanny mehr, und Marlene stand kurz vor ihrem siebten Lebensjahrzehnt. Sie zog in ihr kleines Apartment: nur ein Tisch, ein Schrank und ein Klappbett. Ohne die ständige Arbeit mit Kindern wurde ihr langweilig, doch dann klopfte das Schicksal an die Tür.

Im Supermarkt, in der langen Schlange an der Kasse, sprach eine junge Frau zu ihr: Suchen Sie zufällig eine Nanny? Meine Tochter hat nach einer Herzoperation keinen Kindergartenplatz, und ich suche die netteste Nanny mit Übernachtungsmöglichkeit. Das blasse Mädchen neben ihr nickte. Marlene beugte sich hinüber, und das Mädchen flüsterte: Komm, ich erzähle dir Märchen. Und so bekam Marlene eine neue Schützlinge.

Leni, jetzt vier Jahre alt, war ein wahres Vergnügen. Die alte, kleine Marlene und das quirligwitzige Mädchen wurden feste Freundinnen. Sie teilten ein geräumiges, helles Zimmer. Lenis Eltern arbeiteten lange, und das meiste ihrer Zeit verbrachte sie bei Marlene, die sie liebevoll Käschen nannte ein Kosename, den Leni gern annahm. Leni musste Atemübungen machen, nicht zu staubigen Straßen gehen und einen geregelten Tagesablauf einhalten. Obwohl Marlene nie eine Schulbildung hatte, folgte sie den Anweisungen penibel. Leni wuchs gesund und munter heran.

Wenn es Zeit zum Schlafengehen war, bat Leni die Nanny: Käschen, erzähl mir etwas aus deinem Leben. Und Marlene, alt aber voller Geschichten, erzählte ihr kindgerechte Anekdoten aus ihrer Jugend. Einmal erzählte sie von einer Fahrt mit einem Dampfschiff, als sie mit der schwangeren Frau ihres Bruders zurück nach Hause fuhr. Dort kam das zweite Kind zur Welt, und die Schwägerin holte Marlene bereits vorher ab.

Auf dem Schiff traf Marlene die junge Studentin Oda. Oda hatte einen Freund verlassen und war schwanger, doch ihre Eltern wüssten nichts davon Gefahr drohte, dass sie aus dem Haus geworfen würde. Oda bat Marlene, das Kind für einen Moment zu halten, damit sie schnell etwas besorgen könne. Sie legte den kleinen Jungen, den sie Alina nannte, auf Marlenes Knie und sprintte davon, bevor das Schiff den Hafen erreichte.

Zwanzig Minuten später weinte das Kind. Marlene, die nie selbst ein Kind geboren hatte, wickelte es ein, sang ein Wiegenlied und fand eine Notiz von Oda: Entschuldigung, dass ich es zurücklasse, das Baby ist Alina. In der Tüte lagen Windeln, Trockenmilch und ein Thermos mit heißem Wasser kein offizieller Geburtsschein, wohl weil Oda das Kind außerhalb eines Krankenhauses zur Welt gebracht hatte.

Der Steuermann ließ das Schiff weiterfahren, und Marlene fütterte Alina, während sie an Odas Worte dachte: Gott hat dich geschickt. Ein kurzer Moment des Glücks, dann kam Oda zurück, wütend, weil sie dachte, das Kind sei ihr Eigentum. Das Gespräch eskalierte, und das Kind wurde wieder Marlene übergeben. Sie konnte die Entscheidung nie vergessen, das Mädchen nicht genommen zu haben, und trauerte darüber.

Du bist doch meine Nanny, meine kleine Schätze, flüsterte Leni, während sie Marlene zärtlich die faltige Haut streichelte. Marlene lächelte müde: Ach, mein Kind, du bist mein Sonnenschein.

Die Beziehung zu Elfriede verschlechterte sich, obwohl Elfriede anfangs die Nanny wie ein Familienmitglied behandelte. Sie bezahlte ein bisschen Geld, das Marlene zusammen mit ihrer Rente auf ein Sparbuch legte. Eines Tages kam Elfriede mit einer Idee: Wir könnten das kleine Apartment vermieten und das Geld für Lenis Musikunterricht verwenden. In der Wohnung stand ein altes Klavier, das staubig in der Ecke stand. Elfriede wollte Lenis musikalisches Talent fördern, ohne eine teure Musikschule zu bezahlen. Marlene stimmte zu, und das Zimmer wurde vermietet.

Einige Jahre später verkaufte Elfriede ihren Erbanteil an einer Eigentumswohnung in Berlin und investierte das Geld, um Marlenes kleine Wohnung in ein geräumiges EinzimmerApartment umzuwandeln. Das neue Heim gehörte zu gleichen Teilen Leni und Marlene. Die Verwandten hatten das Interesse an der alten Nanny längst verloren, und alles verlief friedlich.

Jahre vergingen. Leni entwickelte sich zu einer attraktiven, gesunden jungen Frau, schloss die Schule ab und zog nach Hamburg, um zu studieren. Marlene überließ ihr das Geld, das sie gespart hatte, für Miete, Lebensunterhalt und vielleicht sogar für die Hochzeit. In der Zwischenzeit wurde Marlenes Augenlicht schwächer, und sie stapfte blind durch die Wohnung, ein Bild der Gebrechlichkeit.

Elfriede schob Marlene von dem hellen Zimmer in den dunklen Abstellraum. Für Gottes willen, geh in dein Zimmer! brüllte sie, nun auf Sie umgestiegen, weil Marlene für sie niemand war. Alle guten Taten, die Marlene einst gebracht hatte, schienen vergessen.

Schließlich begannen die Nichten, Marlene in ein Pflegeheim zu bringen. Sie engagierten eine einflussreiche Bekannte, um das Dokument zu bekommen. Leni, die gerade erst ihr Studium abgeschlossen hatte, vergaß die Nanny fast völlig, rief nur kurz an: Wie gehts der Nanny?, bevor sie wieder zum Campus eilte. Sie kam selten nach Hause, nur wenn die Eltern mit Lebensmitteln vorbeikamen.

Im zweiten Semester zog Leni mit ihrem Freund Andreas zusammen, und Marlenes Ersparnisse halfen, die erste Miete zu zahlen. Nach der Prüfung flippte Leni aufgeregt: Mama, Andreas hat mir einen Antrag gemacht! Er kommt am Wochenende mit seinen Eltern, um uns kennenzulernen. Wir wollen keine große Feier, aber das weiße Kleid muss her Und wo ist die Nanny? Ich habe ihr ein besonderes Geschenk mitgebracht! Sie rannte ins alte Zimmer, das einst Marlenes war. Elfriede folgte verwirrt hinter ihr.

Mama?, fragte Leni, als sie das dunkle Zimmer öffnete. Elfriede erklärte zögerlich: Nichts, sie ist hier unten. Dein Vater hat die Regale umgestellt, jetzt ist es ein Abstellraum. Marlene ist ja blind, das ist doch besser. Leni zog die Tür auf und sah das alte Bett und die knarrende Nanny, die noch immer dort lag.

Elfriede verließ den Raum, weil sie nicht Zeugin des schmerzhaften Wiedersehens sein wollte. Leni, wütend und traurig, küsste Marlene auf die faltige Stirn: Entschuldige, meine Kleine, du bist mein reifer Apfel, mein süßer Kuchen. Marlene flüsterte: Leni, mein Kind, wir sind wieder vereint. Sie streichelte das Gesicht der jetzt blinden Frau und sagte: Du bist wunderschön.

Zwei Stunden später, nach einem gemeinsamen Mittagessen, saß Marlene halb im Bett, halb auf dem Boden, ihr gewohnt schüchternes Lächeln. Auf ihren Knien lag eine kleine Schachtel mit duftenden Kräutern. Leni hatte ihr AromatherapieGeschenke gebracht: Beutel mit getrockneten Lavendel, Kamille und Rosmarin. Für die blindgewordene Marlene war das wie ein Spaziergang über eine blühende Wiese.

Hinter der Küchentür versuchte Elfriede, mit ihrer erwachsenen Tochter ein ernstes Gespräch zu führen. Sie klagte darüber, wie schwer es sei, die blinde Mami zu pflegen, während Lenis Vater plötzlich eine MidlifeCrisis bekam: Du bist jung, du fliegst wie ein Schmetterling, genießt das Leben. Ich nehme dir nichts weg, aber verurteile mich nicht. Meine eigene Mutter lebt in Frankfurt und braucht nichts, also warum soll ich mich um diese alte Frau kümmern?

Leni flüsterte beinahe: Und wenn ich dich in den Schrank sperre, verstehst du das? Elfriede schrie wieder: Sie ist doch niemand für uns! und Leni erwiderte trotzig: Für mich ist sie die einzige, die ich je geliebt habe. Damit beendete das Duo das Gespräch und ging ihrer eigenen Wege.

Zuerst verschob Leni die Begegnung mit Andreas Eltern, dann lud sie ihn ein, den Freund zu treffen. Sie zeigten ihm das neue Apartment, das dank Marlenes Unterstützung in ein gemütliches EinzimmerWohnung umgebaut war. Die Möbel kauften sie günstig auf dem Flohmarkt. Leni dachte zunächst, Andreas würde das alte Alter nicht verstehen, doch er war Medizinstudent und sah das Ganze mitfühlend. Sie beschlossen, zu heiraten, und Leni wechselte von der Sprachwissenschaft zur Logopädie, um Defektologie zu studieren.

Marlene musste nicht mehr alleine in die Küche gehen; sie bekam Hilfe von Nachbarn und Freunden. Sie kümmerte sich weiterhin liebevoll um Leni, obwohl das Leben sie immer wieder überraschte.

Am Ende, nach vielen Höhen und Tiefen, starb die alte Marlene im Alter von 92 Jahren. Das letzte Jahr stand im Bett, still und friedlich. Sie verließ die Welt, wie sie gelebt hatte: freundlich, warmherzig und ein wenig ironisch.

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Homy
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