— Lukas, wer ist das? Warum stehen hier so viele Menschen? — Kerstin zitterte, ihr Griff um den Ellenbogen ihres Sohnes wurde fester. In ihrem Kopf wirbelte: „Ich habe das Wochenendehaus verkauft – ganz ohne zu fragen – und jetzt kommen fremde Besitzer, um zu herrschen.“ Der Gedanke ließ ihr den Mund trocken werden. Sie ließ seine Hand los, erstarrte und starrte in den eigenen Garten.
Der Holzsteg roch nach frischer Kiefer, süß und scharf, sodass Kerstin schon beim Betreten des Tores die Nase zuckte. Jetzt mischte sich dieser Duft mit Kalk und Schweiß. Im Hof versammelten sich Menschen – zwanzig, vielleicht mehr. Männer in abgewetzten T‑Shirts und staubigen Jeans, zwei junge Frauen mit Rollen Filmfolie, ein Junge auf einer Leiter, ein anderer gleich oben auf dem Dach, Hammer in der Hand. Jemand schleppte Zementsäcke, ein anderer rührte in einem Eimer weißliche Mischung, aus der ein stechender Kalkgeruch strömte. Ihr einst stilles, tristes Stück Land glich plötzlich einem Ameisenhaufen im April.
— Lukas, — sagte sie trocken, fast flüsternd. — Siehst du das? Wenn du das Haus verkauft hast, ohne zu fragen, verzeihe ich dir das nie. Sag mir ehrlich: Sind das fremde Leute?
— Mama, halt mal, welche neuen Besitzer? — Lukas wirrte. — Was? Das sind meine. Alle meine.
— Was heißt „meine“? Was geht hier vor? Ich habe mein Handy in der Tasche, wenn du mir jetzt nicht alles erklärst, rufe ich die Polizei.
Sie griff nach der Handtasche, die an ihrem Unterarm hing, doch ihre Finger gehorchten ihr nicht. Ein Schwall von Erinnerungen überflutete sie: das Haus, das sie fünfzehn Jahre lang mühsam aufgebaut hatte, die Veranda, die nie gebaut wurde – weil die Ausbildung von Lukas, ein Autokredit, Zahnimplantate, eine neue Linoleumboden in der Stadt… alles wartete, doch nun stampften fremde Menschen auf ihr Stück Erde, das sie wie ein Kind gehegt hatte.
— Mama, — fuhr Lukas fort, legte ihr eine Hand auf die Schulter. — Hör zu. Das sind keine fremden Eigentümer. Ich habe sie gerufen.
Kerstin erstarrte, die Tasche noch immer am Arm. Sie sah ihren Sohn, als wäre er ihr zum ersten Mal begegnet – dreißig Jahre, ein Hauch von Grau an den Schläfen, breite Schultern, nicht ihr, sondern ihr Sohn. Keine Angst, kein Trotz, nur ein stilles, ruhiges Erwartungslicht.
— Du?
— Ich. Mama, das sind meine. Alle. Die Jungs vom Sportplatz, die ich aus der Schule kenne. Erinnerst du dich an Pascal?
Kerstin erinnerte sich an Pascal. Dünn, immer hungrig, blieb oft zum Abendessen bei ihnen, weil zu Hause nicht genug war. Sie reichte ihm immer eine extra Portion und tat so, als würde sie seine Scham nicht sehen.
— Pascal ist hier?
— Hier. Und Sascha, Michi der Rothaarige, und Jürgen, der bei meiner Hochzeit als Trauzeuge stand. Fast alle, die du gefüttert hast, Mama.
Ihr Blick schweifte über den Hof. Jetzt machte alles Sinn – die Gesichter, die ihr vage vertraut erschienen. Der Junge auf der Leiter war der, dem sie einst Lukas‘ altes Fahrrad übergeben hatte, als seine Familie in ein Plattenbau zog. Der Typ mit dem Eimer – das war Sascha, in der neunten Klasse hatte er das Fensterglas zerschlagen, und sie bat ihn nur, ein neues einzusetzen. Sie waren zu Männern herangewachsen, mit starken Händen und ernsten Gesichtern, und standen jetzt in ihrem Garten zwischen Brettern und Setzlingen.
— Warum? — flüsterte Kerstin. — Lukas, warum?
Lukas schwieg, dann ergriff er behutsam ihre Hand – so zerbrechlich wie Glas – und drehte sie zu sich.
— Du hast dein ganzes Leben für dieses Ferienhaus gespart, Mama. Erinnerst du dich an deine Idee, eine große Veranda mit Schiebefenstern zu bauen, um im Sommer Tee zu trinken und den Sonnenuntergang zu genießen? Vor fünfzehn Jahren hast du das Bild aus einer Zeitschrift am Kühlschrank aufgehängt.
Kerstin nickte. Das Bild war vergilbt, die Ecken abgeknickt, doch sie hatte es nie weggeworfen, bis der Kühlschrank ausgetauscht wurde. Dann verschwand es fast vollständig aus ihrem Gedächtnis.
— Du hast immer von Gehalt zu Gehalt gespart, — fuhr Lukas fort, — dann kam meine Ausbildung, die Nachhilfe, die erste kleine Wohnung, als Vera und ich geheiratet hatten… Mama, du hast seit sechs Jahren das Schlafzimmer renoviert und hast immer noch die Blumenmuster‑Tapete, die älter ist als ich. Ich erinnere mich, wie du sagtest: „Keine Sorge, die Veranda wartet.“ Sieh her, sie wartet nicht länger. Es reicht.
Kerstin schwieg. Sie schwieg so lange, dass Pascal auf dem Dach den Hammer fallen ließ und erstarrte, während er sie anstarrte.
— Ich bringe dein Geld zurück, — sagte Lukas. — Die Baucrew arbeitet kostenlos. Wir schaffen das in einer Woche. Schau.
Er zog ein gefaltetes Blatt aus seiner Jackentasche, entrollte es. Kerstin sah den präzisen Plan – Maße, Notizen am Rand, keine Zeitschriftenausschnitte, sondern ein echter Entwurf, der ihren alten Apfelbaum berücksichtigte, den sie nie wollte, dass man rührt.
— Wir umfahren den Baum, — sagte Lukas, traf ihr prüfendes Auge. — Wir verstärken das Fundament, legen Fußbodenheizung, ich habe ein günstiges, zuverlässiges System gefunden. Im November kannst du dich darauf einwickeln, eine Decke über die Schultern legen und Tee trinken.
Eine Träne rollte über Kerstins Wange und blieb an der Mundwinkel hängen. Sie ließ sie unbemerkt trocknen, während sie die erwachsenen Männer betrachtete, die einst mit ihr Fußball spielten, Knie aufschlugen, aus ihrer Pfanne heiße Frikadellen stahlen, Hausaufgaben tauschten und lautstark über Computerspiele stritten. Jetzt kamen sie zurück, kostenfrei, um ihre Traumveranda zu bauen.
Ein raues Husten drang hinter dem Zaun, und ein Kopf in bunter Kopftuchtuch lugte über das Lattenzaunchen. Es war Frau Anke, die Nachbarin von links, mit dem stets skeptischen Blick „Ich hab’s ja gesagt.“ Sie verschränkte die Arme und sah das Treiben an, als sähe sie die Aufteilung einer Staatsgrenze.
— Kerstin, bist du das? — rief sie mit einer Stimme, die metallisch klang. — Und was ist das hier? Ein Marktplatz?
— Guten Morgen, Anke, — wischte Kerstin hastig eine Träne von der Wange. — Das ist mein Sohn und seine Freunde. Wir bauen die Veranda.
— Veranda? — schwenkte Anke die Hände. — Habt ihr eine Genehmigung? Weißt du, dass es für Selbstbauten jetzt Strafen gibt, die das ganze Haus kosten können? Und dein Stück Land ist doch kaum drei Meter von meinem Zaun entfernt, hast du die Abstandsflächen beachtet? Ich halte das nicht mehr still, ich kenne jemanden in der Bauaufsicht.
Lukas drehte sich um, trat ruhig zum Zaun.
— Guten Tag, Frau Anke. Wir haben die Genehmigung, das Projekt ist abgestimmt, die Brandschutzvorschriften sind erfüllt. Mein Freund ist Architekt, er prüfte alles, bevor wir mit dem Zeichnen begannen. Möchten Sie die Unterlagen sehen?
Anke geriet ein wenig ins Erröten – das hatte sie nicht erwartet.
— Na gut, — sagte sie und trat zurück. — Ich will sehen, was ihr schafft. Sonst wird hier noch alles dem Erdboden gleich gemacht. Und meine Enkelkinder werden nicht lange schlafen können wegen des Lärms.
— Das ist in Ordnung, — murmelte Kerstin, ihre Stimme plötzlich fest. — Im August haben Ihre Enkelkinder bei mir Pfannkuchen gegessen, weil Sie sie nicht gefüttert haben. Sie schlafen also später.
Anke verzog die Lippen, zog sich zurück hinter den Zaun. Pascal, der immer noch auf dem Dach stand, nahm wieder den Hammer, während Kerstin zum ersten Mal seit vielen Jahren ein Kribbeln wie kämpferische Aufregung in sich spürte. Jetzt würde sie ihren Traum verteidigen.
Die nächsten zwei Stunden schwebte Kerstin in einem seltsamen, halbtransparenten Zustand, als würde sie schlafen. Lukas setzte sie auf einen klappbaren Stuhl im Schatten des Apfelbaums, brachte eine alte Tasse mit abgebrochenem Henkel – die, aus der sie noch als Kind Tee getrunken hatte – und füllte sie mit heißem Tee aus einer Thermoskanne.
— Setz dich, — befahl er. — Dein Job heute ist nur zuzusehen. Kein „ich fege nur kurz“, kein „ich gieße gleich die Gurken“. Verstanden?
Kerstin wollte widersprechen – gewöhnt daran, seit vier Jahrzehnten zu protestieren – aber sie ließ es bleiben, lehnte sich zurück und beobachtete.
Pascal sägte Bretter, die Säge kreischte so laut, dass der Nachbarhund jaulte. Michi, inzwischen glatt rasiert und ernst, mischte Zement und erklärte einer jungen Frau mit Blumenkästen etwas. Lukas ging von Gruppe zu Gruppe, gab Anweisungen, nickte, half, hielt etwas fest, sein Gesicht erwachsen, konzentriert, herrisch. Ihr Sohn. Der Besitzer dieses Hofes. Nicht nur das Grundstück, sondern das Leben, das er ihr zurückgibt.
Um drei Uhr nachmittags stand Kerstin endlich auf. Es reichte. Sie konnte noch beobachten, aber nicht mehr so intensiv.
— Ich koche, — sagte sie zu Lukas.
— Mama…
— Nicht „Mama“. Wir haben zwanzig Leute, die seit acht Uhr morgens auf den Beinen sind. Was haben die gegessen? Brot? Aufschnitt?
— Wir haben Brot und Aufschnitt…
— Genau. Ich mach das schnell.
Sie ging ins Haus. Es war kühl, roch nach Sommerstaub. Sie öffnete den Kühlschrank, der immer noch karg wirkte – Eier, Butter, ein Becher Joghurt, Senf aus drei Jahren. Sie seufzte. Nichts. Improvisation war nötig.
Als sie auf die Veranda trat, um Lukas zu rufen, warteten bereits Pakete. Eine der beiden jungen Frauen, die mit den Folien arbeitete, reichte ihr zwei schwere Papiertüten.
— Hier Gemüse, Hähnchen, Eier, Mehl, Butter, — sagte sie. — Lukas hat gestern eingekauft, er meinte: „Mama, du kochst, wir streiten nicht, nimm einfach das Zeug.“
Kerstin nahm die Tüten, sah die Frau an, dann Lukas, der abseits stand und die Balken befestigte.
— Du, — flüsterte sie ihm zu. — Wie hast du das alles geschafft?
— Mama, ich habe drei Monate dafür geübt, — sagte er, ohne sich umzudrehen. — Sag mir nur, wann die Pfannkuchen fertig sind.
Sie schloss die Tür, lehnte sich gegen den Türrahmen, atmete tief durch, dann zog sie die Ärmel hoch und begann, den Teig zu rühren.
Eine Stunde später stand ein langer Tisch im Hof, zusammengebaut aus den gleichen Brettern in fünfzehn Minuten. Auf dem Tisch dampfte Kartoffelbrei, den Kerstin in drei Pfannen nacheinander kochte, weil es keinen großen Topf gab. Daneben lagen Gurken, Tomaten, grob geschnitten – wie in ihrer Jugend, als Salate noch kein Aufwand waren. In der Mitte thronte ein Berg von Pfannkuchen – dünn, zart, knusprig an den Rändern. Die eigenen, die einst hungrige Zehntklässler in drei Minuten verzehrten.
— Tante Kerstin, — rief jemand mit vollem Mund, vermutlich Sascha, der das Glas zersplittert hatte, — ich habe seit fünfzehn Jahren keinen solchen Pfannkuchen gegessen. Ehrlich. Meine Mutter kochte nur Fertigprodukte.
— Das weiß ich, — sagte Kerstin und lächelte plötzlich. — Deshalb hast du bis zum Abend hier gesessen.
Alle lachten laut, frei, jugendlich. Zwanzig Erwachsene am Hof, ihr Lachen war das schönste Geräusch der letzten zehn Jahre.
Kerstin erhob sich, sah alle an. Pascal hielt einen Löffel, Lukas wurde wachsam. Sie nahm eine Suppenkelle, goss Kompott in eine Tasse und hielt sie hoch.
— Freunde, — rief sie, ihre Stimme nun überraschend laut, — ihr habt meine Tränen heute dreimal gesehen: einmal aus Angst, einmal aus Freude und einmal, weil ich nicht wusste, wie ich euch danken soll. Jetzt weiß ich es. Ich trinke auf euch, auf jeden Einzelnen. Ihr habt mich nicht vergessen, also habe ich euch nie vergessen. Auf euch!
Sie trank das Kompott in einem Zug, als wäre es ein stärkeres Getränk. Ein kurzer Moment der Stille, dann brach ein lautes „Hurra“ aus, das eine Krähe vom Apfelbaum verscheuchte.
Sie ging zwischen den Gästen umher, reichte Pfannkuchen, schöpfte Tee, lauschte den Gesprächen und fühlte, wie die alte Sorge – die Sorge um Lukas, seine Ehe, die Hypothek, das mühsame Einkommen – plötzlich zurückwich. Denn ihr Sohn saß jetzt auf einer umgedrehten Kiste, ein Brett auf den Knien anstelle eines Tellers, bestreichte einen Pfannkuchen mit Marmelade und rief: „Nein, die Fronten erst morgen, heute erst das Dach vollenden, sonst regnet das alles weg.“ Und sie verstand: Er war erwachsen. Er konnte zwanzig Menschen organisieren und eine Veranda bauen. Und er tat es – für sie.
Am Abend, als die Leute zu den Zelten am Waldrand zogen, saß Kerstin auf der alten Veranda, Lukas setzte sich neben sie.
— Wie gefällt es dir? — fragte er.
— Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll.
— Mama, das ist doch kein Dank. Ich danke dir. Für alles.
Ein Schweigen folgte, dann sagte Kerstin:
— Ich dachte immer, Eltern geben, und Kinder gehen ihr eigenes Leben. So ist es bei allen. Ich habe nie etwas erwartet, Lukas. Ehrlich. Ich wollte nur, dass es dir besser geht als mir.
— Und das ist es, — erwiderte er. — Weil du es wolltest. Jetzt will ich, dass es dir auch besser geht. Auch eine Veranda.
Sie grinste, schob ihn leicht an die Schulter – wie damals, als er eine Zwei in Deutsch bekam und sagte: „Mama, ich bin doch kein Goethe.“
— Gut, Baumeister. Morgen wieder Fronten.
— Die Fronten gehen nicht weg, — sagte Lukas und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.
Eine Woche verging wie ein Tag. Am Freitagabend stand Kerstin auf ihrer neuen Veranda und sah, wie die Sonne den Garten orange färbte. Die Veranda sah aus wie auf dem alten Zeitschriftenausschnitt: hell, geräumig, mit Schiebefenstern und dem Duft frisch gesägten Holzes. Die Bretter waren noch unverputzt, das war egal. Auf dem Boden lag ein alter Plaid, auf der Fensterbank eine Tasse Tee. Lavendel, den die Mädchen am Eingang gepflanzt hatten, duftete zart, wie ein Versprechen.
Morgen würden alle wieder auseinandergehen. Heute saßen sie noch gemeinsam, lachten, tranken Tee und aßen Pfannkuchen. Und Kerstin dachte: Am meisten will ich, dass jeder dieser zwanzig Menschen – Pascal, der bald heiratet, Michi, dem das Haar ausfällt, die beiden Mädels mit den Pflanzkästen, deren Namen ich nie lernte – einmal einen solchen Moment erlebt, in dem das Gute zurückUnd als die letzten Sonnenstrahlen hinter den Apfelbaum fielen, schwor sie sich, dass jeder Wunsch, den sie je gehegt hatte, nun im warmen Schein ihrer Veranda weiterleben würde.




