Pantoffeln im Maul
19. Februar
Seltsam ruhig war es, als ich nach Hause kam. Ich schloss die Wohnungstür leise, stellte meinen Rucksack mit dem Laptop ab, zog meinen Mantel aus. In der Wohnung: absolute Stille.
Anna? Anna, bist du da? rief ich vorsichtig. Ich bins, Anna, ich bin wieder zu Hause.
Keine Antwort. Kein Geräusch, völlige Ruhe. Seltsam als wäre die Wohnung ausgestorben.
Ich schaute in den Flur. War ich sicher, im richtigen Stockwerk ausgestiegen zu sein? Manchmal verliert man bei der Arbeit wirklich den Verstand. Der Chef hetzt von allen Seiten: Leistungsziele übererfüllen! Die Personalabteilung kürzt schon wieder Stellen, fordert immer weitere Einsparungen, die Kunden drängeln ebenfalls, fordern Extras Und ich ich kämpfe mit allen allein!
Doch halt, es war meine Wohnung. Auf dem Regal lag Annas Pudelmütze, im Flur hing ihr Daunenmantel den Schwiegervater hatte ihn letztes Jahr aus Berlin mitgebracht.
Anna, ich bin jetzt wirklich da! murmelte ich und ging den Flur entlang ins Wohnzimmer.
Dort, auf dem Sofa, lag Anna. Sie hatte Gurkenscheiben auf den Augen, war im Bademantel eingewickelt, die Fußnägel knallrot lackiert. Vermutlich schlief sie. An einem Schrank hing ein glitzerndes, rotes Kleid mit einem hübschen Satinband an der Taille. Davor auf dem Boden standen elegante schwarze Pumps mit richtig hohen Absätzen.
Ich runzelte die Stirn. Warum das alles? Gehen wir heute Abend aus? Habe ich was vergessen? In Gedanken suchte ich die Familienkalender durch: Hochzeitstag, Geburtstag der Schwiegermutter, vom Schwiegervater, Kennenlerntag, erster Kuss, Silvester Aber nein, nichts Wichtiges heute.
Anna, alles in Ordnung?, fragte ich sanft und stupste sie an der Schulter. Was ist denn los, warum liegst du so?
Sie schnappte nach Luft, als wäre sie aus tiefem Traum aufgetaucht, setzte sich ruckartig auf. Die Gurkenscheiben kullerten auf ihren Bademantel, sie fischte sie schnell auf, steckte sie in den Mund, blinzelte zur Uhr und sprang erschrocken auf.
Ach du meine Güte! Ich habe verschlafen! Wie peinlich! Martin, du bist schon da? Schatz, ich beeile mich! Geh doch noch mal zehn Minuten raus! Nein, fünfzehn Minuten wären sicherer. Bitte! Martin, geh raus!, plapperte sie, drehte mich um und schob mich zur Tür. Los!
Anna, ich bin doch gerade erst heimgekommen, ich bin so müde und, begann ich zu brummeln.
Weil du müde bist, sollst du ja kurz raus. Ich brauche einfach ganz kurz Ruhe. Vertraue mir! Los, geh endlich, zischte sie.
Missmutig steckte ich mir eine bunte Süßigkeit aus der Schale ein, zuckte die Schultern und trottete Richtung Tür.
Soll ich meine Jacke mitnehmen?, grummelte ich beim Öffnen der Wohnungstür.
Natürlich, nimm sie! Und Schuhe anziehen! Martin, beeil dich doch!
Anna war deutlich aufgeregt. Vielleicht dreht sie jetzt durch, dachte ich bedrückt. Heutzutage können Menschen mit Mitte dreißig schon einen frühen Alzheimer bekommen
Ich geh ja schon. Ich warte im Treppenhaus und rauche eine, ja?
Gut!, rief Anna und schlug eilig die Tür hinter mir zu. Drinnen hörte ich Rumoren, Klebeband-Rascheln, dann strömte feiner Duft aus der Küche.
Irgendetwas ist heute ganz anders, dachte ich und paffte vor mich hin.
Da kam Herr Schulze, mein Nachbar, den Hausflur entlang.
Na, Martin, warum stehst du denn hier? Lass mich mal eine mit dir rauchen. Was für ein Wetter Winter in Hamburg!, knurrte er gutgelaunt und stampfte den Schnee von den Stiefeln. Der Winter gibt dem Deutschen Kraft, murmelte er und verstummte, als ihm auffiel, dass ich offenbar schon im Halbschlaf stand.
Von der Arbeit?, erkundigte er sich mitfühlend.
Ach was, seufzte ich und pustete Rauchkringel in die kalte Flurluft. War noch kurz bei meiner Schwester, sie braucht gerade Hilfe.
Bei Friederike? Die hält dich aber auf Trab, lachte Herr Schulze.
Sie kommt zurecht. Aber jetzt ist sie allein, nach der Trennung. Ich helf ihr halt manchmal im Haushalt. Aber sie schimpft viel rum, nervt, und heute wollte auch noch Anna irgendwas hat mich rausgeschmissen! Egal. Und, wie läufts bei euch, wie geht es deiner Antje?
Sie duldet mich, lobt mich sogar hin und wieder, grinste Herr Schulze. Wir haben die Enkel besucht. War schön, richtig schön
Plötzlich öffnete sich die Wohnungstür. Anna stand im roten Kleid da, geschminkt, die Haare hochgesteckt wie zum Gala-Abend, überall Goldschmuck.
Martiiiiin!, entfuhr es ihr mit glänzenden Augen. Da bist du ja, mein Schatz! Warum stehst du noch hier herum? Komm, komm, du bist sicher erschöpft!, rief sie, stürmte auf mich zu, nahm mir Mantel und Schal ab und nestelte an Mütze, Jacke, alles auf einmal.
Herr Schulze räusperte sich, so hinreißend sah Anna aus.
Hallo, Herr Schulze, flüsterte sie, nachdem sie mich ins Wohnzimmer bugsiert hatte. Grüßen Sie bitte Ihre Frau von mir. Ich bringe später das Geschirr zurück.
Äh, ja, stammelte Herr Schulze.
Ich zog mich langsam aus. Der Reißverschluss klemmte wie immer, ich fummelte daran herum, sah Anna dabei an, die mit einem Tablett mit ernster Miene vor mir stehen blieb.
Herr Schulze schloss schließlich seine eigene Tür, schüttelte den Kopf über das Schauspiel.
Brot und Salz für meinen einzig wahren, geliebten Ehemann. Nimm ein kräftiges Gläschen und iss, was Gott uns geschenkt hat!, deklamierte Anna, streckte das Tablett mit Schnapsglas, feinen Schinkenscheiben, Schwarzbrot, eingelegten Zwiebeln und Essiggurken aus. Komm schon, mein Lieber, nimm und koste!
Anna, was ist denn los?, fragte ich verdattert. Der Reißverschluss versagte, also zog ich den Mantel eben umständlich über den Kopf. Ich wollte meine Schuhe ausziehen, aber Anna kam schon, kniete sich hin und zog sie mir aus.
So, jetzt Pantoffeln, die habe ich auf der Heizung vorgewärmt, damit deine klammen Füße aus unserem flotten Mazda schnell auftauen. Die Schuhe trockne ich später. Komm jetzt in die Küche, mein Held! Das Festbankett ist angerichtet.
Anna verbeugte sich tief, strich fast über den Parkettboden.
Ich wollte etwas sagen, aber Anna ließ mich nicht zu Wort kommen.
Erstmal Hände waschen, hier ist die Schüssel, hier das Handtuch. Oh, wie liebe ich dich, Martin, so sehr, am liebsten würde ich niederknien. Darf ich?, sah sie mich flehend an.
Nein, lass das mit dem Knien, murmelte ich verlegen.
Gut, dann startet jetzt das Festmahl. Erst der Salat, probier ihn, ganz frisch: Olivier extra für dich auf dem guten Porzellanteller von Antje. Und natürlich eiskalten Wodka, wie du es liebst.
Ich kippte das Glas, aß und staunte alles seltsam, aber lecker.
Anna stand neben mir und beobachtete, wie ich esse, schnalzte zustimmend mit der Zunge, reichte ein Leinen-Serviettchen, falls ich kleckerte.
Fertig? Dann gibts das Hauptgericht: Rinderbraten mit Gemüse, Bio aus dem Reformhaus, vierzig Euro das Kilo. Voilà!, rief Anna und holte einen irdenen Bräter aus dem Ofen. Unfassbares Aroma! Mit Kräutern und ganz viel Liebe
Anna! Wir sind doch keine Millionäre! Warum solche teuren Sachen? Schwein oder Hähnchen hätten auch gereicht, protestierte ich.
Verzeih mir, Herr Gemahl!, rief Anna und kniete sich tatsächlich nieder, verzog das Gesicht vor Schmerz. Ich will nur für dein Wohl sorgen. Ich knabber notfalls an Knochen, aber du, du bist der Herr unseres Hauses, du wirst wie ein König bewirtet. Los, iss endlich!, rief sie plötzlich, sprang auf und brach in Tränen aus, verschmierte dabei die Schminke. Was brauchst du noch? Ich hätte dir gerne auch noch einen Teppich ausgerollt aber der liegt bei den Nachbarn, die wollten ihn nicht hergeben. Silberbesteck konnte ich mir auch nicht leisten. Trotzdem bemühe ich mich. Ich will dich verwöhnen und
Ich schob den Teller weg, stand auf, überragte Anna.
Anna, wir setzen uns jetzt hin und du erklärst mir in aller Ruhe, was hier los ist, langsam, deutlich und verständlich. Sonst explodiert noch mein Kopf.
Anna setzte sich mit mir, schob das Rindfleisch hin und nahm sich auch ein Glas Wein. Dann aß sie hastig, ich sagte erstmal nichts, beobachtete.
Deine Friederike ruft mich heute an und macht mir Vorwürfe! Sie meint, ich halte dich wie einen Knecht, kann dich nicht richtig bekochen, mache das Bier nie kalt genug, bringe dir die Pantoffeln nicht mal in den Zähnen. Martin, du hast mich aus dem Dreck aufgelesen, mich zum Menschen gemacht und ich, ich quäle dich jetzt. So sieht es sie zumindest!, stieß Anna hervor.
Was? Anna, rede keinen Unsinn! Was hat Friederike damit zu tun?
Du fährst jede Woche zu ihr, jammerst über mich. Ich kann angeblich nicht bügeln, deine Hosen nicht, das Bier nicht, und trinke mit dir nicht mit! Stimmts oder nicht? Anna schlug auf den Tisch, leerte ihr Glas mit einem Ruck, schniefte und wischte sich mit meiner Hand die Nase.
Es war doch nur Spaß ich fahre halt hin, will helfen. Sie ruft mich, braucht Unterstützung, ist jetzt allein, verteidigte ich mich.
Aber es stimmte ich hatte ihr schon mal mein Leid geklagt, aber mehr aus Jux, weil Friederike immer wissen wollte, wie es bei uns läuft. Sie lachte dann, fühlte sich gebraucht, und ich brachte oft dumme Sprüche über Anna.
Du gehst zu ihr, sie füttert dich und bemitleidet dich. Bleib doch gleich dort, ihre Pantoffeln passen bestimmt besser in deinen Riesenmund. Ich werde schon allein klarkommen ehrlich!, sagte Anna mit einem Achselzucken.
Ach was! Ich will doch nur dich. Ich brauche keine Pantoffeln, Bier lasse ich auch gern stehen. Ich will dich, Anna, nur dich!
Wirklich? Warum jammerst du dann immer? Ich dagegen verteidige dich überall, erzähle allen, wie glücklich wir sind. Aber Friederike mag mich einfach nicht. Und sie nervt, Woche für Woche. Dabei arbeite ich mich selbst zu Tode, habe Abschlussklasse, Prüfungsstress und jetzt das auch noch.
Friederike, meine große Schwester, hat mich nach dem frühen Tod unserer Eltern mit aufgezogen. Sie half immer, erledigte alles für mich war immer ein Teil meines Lebens, rief ständig an, kontrollierte, kümmerte sich. Anna mochte sie nie. Bei unserer Hochzeit saß Friederike stumm am Tisch, wünschte kein Glück, schmiss keine Gummibärchen, tanzte nicht.
Blutsverwandtschaft, murmelte ich, jetzt in das Rindfleisch beißend. Aber lecker ist es, Anna! Kann ich noch einen Nachschlag haben?, hoffte ich, sie zum Lachen zu bringen.
Anna ging wortlos ins Schlafzimmer.
Bedien dich selbst, erzähl Friederike davon. Sie wird dich sicher trösten.
Bald klimperte sie auf dem Klavier, wie sie es immer tat, wenn sie aufgeregt war.
Herr Schulze in der Nachbarwohnung sah Antje eindringlich an: Siehst du, so läuft das bei anderen! Zuerst empfängt sie ihn aufgedonnert, reicht einen Schnaps, dann ein Festessen jetzt sorgt sie musikalisch für die Verdauung. Und du? Zieh die Schuhe aus!, Fass nichts an mit deinen Pranken!, Koch Kartoffeln!, Hol Brot!, Wieder Schnapsgestank! Du verstehst gar nichts von uns Männern, Antje.
Antje stemmte die Hände in die Hüften, zog ihren Kopf stolz hoch.
Ach, und du verstehst? Solche Männer rennen zu ihren Schwestern, beschweren sich über die Ehefrau und wollens doch immer allen recht machen. Such dir doch so eine Frau, die das toll findet!, rief sie und marschierte zum Schrank. Ich geh!
Herr Schulze verschluckte sich, hustete, wurde rot.
Wo willst du hin?, keuchte er.
Ins Kloster! Und Anna nehme ich gleich mit. Leb wohl, Peter.
Sie packte ihren abgewetzten Lederkoffer, ein Traditionsstück von Mutter und Großmutter, und ging raus.
Im Hausflur stand Anna, auch mit einem kleinen, alten Koffer.
Na dann los, Anna!, sagte Antje entschlossen, warf Peter einen raschen Blick zu. Hier sind wir unerwünscht.
Sie gingen gemeinsam zur Haltestelle und stiegen in den ersten Bus.
Peter und ich jagten ihnen hinterher, ohne Mützen, außer Atem. Als wir sie erreicht hatten, wollten wir reden.
Jetzt raus! Wir wollen sprechen!, flehte ich.
Im Leben nicht! Komm, Anna, hier hören wir sie nicht mehr. Weiter, Busfahrer!, rief Antje gelassen.
Die Türen schlossen sich, und Peter und ich wir fuhren mit. Hauptsache, bei ihnen sein.
Eine Zeitlang schwiegen wir. Schließlich wechselte Anna zu mir, ich nahm sofort ihre Hand. Antje bedeutete Peter, sich neben sie zu setzen.
Mir ist kalt, murmelte sie. Umarme mich noch mal das letzte Mal vor der Scheidung. Und lächelte schelmisch.
Peter legte zögerlich den Arm um sie, sie schmiegte sich an.
Auch ich zog Anna an mich.
Es tut mir leid, flüsterte ich. Ich rede mit Friederike. Ich höre auf zu nörgeln. Ich brauch nur dich. Mich gefällt alles an dir. Und unser Leben zusammen ist das Allerbeste!
Peter und Antje senkten beschämt den Blick, als Anna und ich uns küssten.
Martin!, schrie Friederike ins Telefon. Was geht da eigentlich vor? Ich sitz hier allein, der Staubsauger steht rum und du lässt dich nicht blicken! Nachher nach der Arbeit kommst du her!
Geht nicht, Rike. Anna und ich gehen heute ins Theater, antwortete ich mit zugekniffenen Augen.
Was?! Ich, deine Schwester, hab alles für dich geopfert und du drehst mir den Rücken zu? Schämen solltest du dich!
Darum verlässt ein Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an, las ich ihr vor. Ich hab dir viel zurückgegeben, Rike. Am Wochenende kannst du uns gern besuchen.
Friederike schnaubte und legte auf. Nach einem langen Weinausbruch wählte sie die Nummer ihres Ex-Mannes. Vielleicht kommt der wenigstens mal StaubsaugenIm Bus fuhr die Sonne langsam hinter den grauen Häusern Hamburgs unter; das fahle Winterlicht streichelte Annas Gesicht. Sie lehnte an meiner Schulter, ihre Pantoffeln baumelten lose in der Einkaufstasche wie ein leises Versprechen auf Heimkehr. Antje und Peter hantierten verstohlen Händchen haltend, als könnte eine einzige Berührung genügen, um den ganzen Ärger und Hohn wegzuwischen.
Haltestelle für Haltestelle füllte sich der Bus mit fremden Menschen, Lachen, Alltagssorgen. Anna schaute aus dem Fenster, dann sagte sie leise: Weißt du, Martin, ich habe heute gelernt: Pantoffeln im Maul bringen nichts, wenn das Herz nicht spricht. Ich lächelte, drückte ihre Hand, roch das Rindfleisch an meinen Fingern und fühlte mich leichter als seit Monaten.
Irgendwo auf Höhe Lehesterdeich stieg eine alte Frau mit violettem Schal ein, ihre rissigen Hände umklammerten einen Strauß Tulpen. Sie lächelte Anna und mir zu, als hätte sie alles verstanden. Plötzlich lachten wir beide, laut, herzlich und frei. Die ganze Stadt schien mitzuschwingen.
Als wir zurückkamen, war es Nacht. Anna schob ihre Pantoffeln an, machte Kakao, und wir lagen Arm in Arm mitten auf dem Wohnzimmerteppich, umringt von Lachen, Musik und dem fernen Echo meiner Schwester, der vielleicht, irgendwann, auch die Pantoffeln gereicht werden.
Und am nächsten Morgen, noch bevor die Stadt erwachte, war da einfach: Frieden.
Nur beim Hinausgehen in den Tag da trat Anna mir verstohlen auf den Fuß. Damit du nicht vergisst, wo du hingehörst. Ich grinste. Und wusste: Genau hier.





