Schneeflöckchen
Hast du auch wirklich nichts vergessen?
Ich glaube nicht
Sollen wir uns noch kurz setzen, bevor du gehst? Johanna ließ sich als Erste zwischen den noch unausgepackten Umzugskartons im Flur nieder und klopfte neben sich auf den Boden. Komm. Das macht man so hier!
Alexander setzte sich neben seine Freundin, schauderte leicht, als sie ihm den Arm um die Schultern legte.
Hast du Angst?
Ja, Hanni! Was, wenn ich sie nicht finde?
Ach, Alex! Was erzählst du da? Das wird schon alles! Halte einfach die Woche durch, dann bin ich hier fertig und komme sofort zu dir! Wir schaffen das zusammen!
Hanni, meinst du, sie hat mich völlig vergessen? Alexander drückte seine Nase in Johannas Hand, die ihm trostspendend über die Wange strich und die Sorgen zu vertreiben versuchte.
Nein, ganz sicher nicht! Sie war zwar klein, aber kein Baby mehr. Sie hat schon was verstanden damals. Wichtig ist jetzt, herauszufinden, wo sie hingebracht wurde. Danach hilft Mama uns weiter!
Was hätte ich nur ohne euch gemacht? seufzte Alexander. Ihr habt mir schon so oft geholfen, auch damals, als Mama krank war Hanni, ich kann all das nie zurückzahlen!
Hör auf jetzt mit dem Unsinn!
Johanna schnaubte entrüstet und ihre Hand, eben noch zärtlich, erinnerte Alexander daran, wie resolut seine kämpferische Freundin sein konnte. Die Kopfnuss, die er kassierte, war wie immer kräftig. Ihr Judo-Gürtel war ihr nicht umsonst verliehen worden.
So was will ich von dir nicht mehr hören! Hör auf zu jammern! Sag sowas auch bloß mal Mama! Die würde dich gleich unter die Erde bringen und Rosen drüber pflanzen!
Und hätte noch Recht dabei! grinste Alexander und stand auf.
Er schnappte sich seinen Rucksack und winkte Johanna zum Abschied.
Ich melde mich, sobald ich angekommen bin.
Und erzähl mir alles! Hast du verstanden? Ich will über alles Bescheid wissen!
Die Tür fiel hinter Alexander ins Schloss, Johanna hastete zum Küchenfenster. Draußen schneite es schon seit dem Morgen so dicht, dass man fast nichts erkennen konnte. Nur ein roter Fleck im Schnee ließ in der Ferne erkennen, wie Alexanders Jacke im Bogen unter dem Torbogen verschwand, der aus dem Hof auf die Hauptstraße führte. Dann warf der Wind erneut einen Schwall Schneeflocken ans Fenster, und Johanna schüttelte drohend die Faust gen Himmel:
Zieh weiter, Schneekönigin! Mit uns wirst du die Rechnung nicht gewinnen! Da hast du dir die Falschen ausgesucht!
Der Gedanke war so kindisch und lustig, dass Johanna, statt wegen der Abreise ihres Freundes zu weinen, lachen musste und sich erinnerte, wie sie als Kinder genannt wurden.
Kai und Gerda
Eine glückliche Kindheit hatten sie. Voller Freundschaft. Und eine Oma, die sie teilten, fast wie in Andersens Märchen
Johanna und Alexander waren nicht wirklich verwandt, aber ihre Mütter gingen zusammen zur Schule und lebten jahrelang Tür an Tür. Alexanders Mutter, Elisabeth, war früh zur Waise geworden, musste aber nie ins Heim. Die Eltern von Natalja, Johannas Mutter, nahmen sie zu sich.
Wo eine Tochter da ist auch Platz für eine zweite.
Sie waren damals zehn und verstanden wenig von erwachsenen Lasten, aber wussten schon genug vom Leben, um zu begreifen, wie schwer diese Entscheidung für Nataljas Eltern gewesen war. Einfache Ingenieure mit wenig Geld aber ein warmes Zuhause, in dem das Wort Liebe so oft fiel wie das Atmen, und die Überzeugung, dass Kinder das hören müssen.
So wuchsen die Mädchen auf, in dem Glauben, dass das Wichtigste im Leben die Menschen um einen herum sind. Man muss auf sie aufpassen und füreinander sorgen. Und so wurden sie mit der Zeit einfach Schwestern
Das Leben riss sie nicht auseinander. Sie hielten den Kontakt, auch als Natalja heiratete und mit ihrem Mann in den Bayerischen Wald zog scheinbar ans Ende der Welt. Sie zogen von Stadt zu Stadt, doch am Ende kehrten sie wieder nach Augsburg zurück. Auch als Elisabeth durch eine falsche Wahl an einen Mann geriet, der ihre Güte nicht zu schätzen wusste, ging ihr Kontakt nicht verloren. Es gab in jener Ehe alles: Schläge, Beleidigungen, blinde Wut. Manchmal meinte Elisabeth, mit zwei verschiedenen Männern gleichzeitig zu leben: Der eine freundlich und fürsorglich, der andere ein Monster Die Trennung kam nach dem Betrug. Elisabeth atmete auf, ließ die Vergangenheit hinter sich, mit ihrem Sohn, Alexander, der ihr alles war. Beziehung oder neue Ehe? Kam für sie nicht in Frage. Sie kümmerte sich um Alexander, pflegte den Stiefvater, half ihrer Schwiegermutter, und wartete, bis Natalja zurückkehrte.
Der Tag, an dem sie sich am Bahnhof nach vielen Jahren wiedersahen, wurde der glücklichste ihres Lebens. Ja, sie hatten sich gelegentlich besucht, als Natalja kam, um ihre Eltern zu sehen doch erst dann begriffen sie, wie wenig Zeit das je war.
Während sie sich in den Armen lagen und einander die Tränen abwischten, musterten sich die siebenjährigen Johanna und Alexander verstohlen. Sie hatten sich schon mal gesehen, aber es nie wirklich verstanden. Jetzt mussten sie klären, was nun aus ihnen werden sollte.
Oma sagt, du magst Kartoffelpuffer, brach Alexander das Schweigen.
Sehr.
Ich mag sie lieber mit Apfelmus.
Du magst Süßes? Johanna kramte und zog einen Bonbon aus der Tasche. Hier!
Und du?
Die Hälfte reicht. So mag ich das eh nicht besonders.
Mit diesem geteilten Bonbon begann ihre Freundschaft.
Sie hielten so fest zusammen, dass ihre Mütter manchmal nur staunten.
Noch nie gestritten! Das ist schon merkwürdig, Lise.
Wieso?
Erinner dich, wie wir uns als Kinder gezofft haben! Überall nur Gezeter! Unsere Eltern mussten uns trennen
Und nach fünf Minuten wollten wir schon wieder zusammen sein!
Woran liegts bei unseren Kindern, meinst du?
Vielleicht haben sie ja das Beste von uns geerbt.
Den Kindern war das alles egal. Sie freuten sich einfach, einander zu haben.
Elisabeth arbeitete auf zwei Stellen, um Alexander alles bieten zu können. Die Oma, Nataljas Mutter, gab ihr Bestes und empfing von den Kindern eine solche Dankbarkeit, dass die Nachbarn sich wunderten.
Jugendliche! Unsere schnauzen nur rum, tun nichts, sind kaum nach Hause zu kriegen und diese beiden? Immer freundlich, im Garten helfen sie freiwillig! Wie geht das denn?
Die Antwort wäre einfach. Die Oma zwang sie nie zu etwas. Sie bat. Einmal. Wenns nicht half, machte sie alles alleine und schwieg. Dieses Schweigen sprach Bände. Alexander und Johanna spürten: Sie werden respektiert und sollen es auch zurückgeben. Oma sprach nie mit ihnen wie mit Dummen.
Was schaust du so? Mist gebaut? Dann machs wieder gut! Hast doch einen klugen Kopf. Steck den nicht in den Sand! Und du, Schutzengel, was schaust du so bedrückt? Dein Freund bringt jetzt den Rosengarten in Schuss Strafe muss eben sein , heut gibts keinen Ausflug zum See. Gehst du mit den anderen oder bleibst du bei Alex?
Die Frage war eigentlich nie nötig. Und wenn nach einer Stunde die Arbeit zur Zufriedenheit der Großmutter getan war, gabs für die Sünder meist eine kleine Leckerei und den Segen, loszurennen.
Nur nicht bis zum Abend verschwinden! Zum Abendessen seid ihr daheim!
Das war eine gute Zeit. Ihnen schien die ganze Welt zu gehören.
Doch als Alexander fünfzehn wurde, plante Elisabeth erneut zu heiraten.
Lass Alex hier bei uns, wenn du willst, half Natalja beim Packen.
Was soll das? Er ist mein Sohn! Wohin denn ohne ihn!? Niemals!
Natalja schwieg. Ihr war nicht wohl bei Elisabeths Wahl. Reich, erfolgreich, charmant aber manchmal war da ein kalter Schatten in seinem Blick, eine seltsame Härte hinter dem Lächeln. Sprach sie ihn darauf an, veränderte er sich sofort.
Alles war nur ein dumpfes Unbehagen, Beweise gab es keine Die Hochzeit fand statt. Elisabeth zog mit Mann und Sohn nach Frankfurt, der Kontakt zu Natalja schwand.
Dass ihre Ahnung sie nicht getrogen hatte, erfuhr Natalja erst später. Alexander lief davon und kehrte zu ihr zurück. Seiner Mutter erzählte er, er wolle in Augsburg zur Schule gehen. Elisabeth, die noch ein Kind erwartete, war einverstanden. Sie war erschöpft von ihrer schwierigen Schwangerschaft und den ständigen Streitereien.
Natürlich kann er kommen! Warum fragst du? wunderte sich Natalja am Telefon. Lise, ist bei dir alles in Ordnung?
Ja!
Elisabeth weinte beim Packen, ahnte aber noch nicht das Ausmaß ihrer Lage. Immer wieder ermahnte sie sich: Nicht jammern! Du hast doch alles! Aber während sie das sagte, wurde ihr klar: Ihren Sohn hatte sie schon verloren, die Tochter war unterwegs
Das Mädchen, klein, schwach, viel zu früh geboren, kam im Winter. Draußen war es eisig, aber noch kälter fühlte es sich in Elisabeths Herz an.
Was in der Nacht vor der Geburt geschah, verschwieg sie selbst sich gegenüber, aus Angst um ihre Vernunft und das Neugeborene. Auf Nachfragen murmelte sie nur:
Bin gestürzt. War schwindlig.
Die blauen Flecken vergingen, die kleine Irene wuchs langsam, der Mann kümmerte sich kaum, mahnte aber Elisabeth, an Weggehen nicht zu denken, sonst gäbe es ein schlimmes Ende.
Doch Elisabeth hatte ohnehin nur noch Kraft für einen Gedanken: Um Irene kämpfen. Sich selbst Vorwürfe machen, dass sie Warnsignale wieder übersehen hatte.
Halt durch, mein Schneeflöckchen! Halt einfach durch
Mit drei war Irene kräftiger, zur Freude der Mutter doch Elisabeths Leben war zur Hölle geworden. Mit niemandem konnte sie reden nicht einmal mit Natalja, die gerade ihre eigene Mutter verloren und noch mit Oleg und Johanna zu tun hatte, die zwar erwachsen waren, aber oft noch wie Kinder agierten.
Als Elisabeth endlich zur Flucht bereit war, war Irene schon fünf.
Das erste ernsthafte Gespräch nach all den Ehejahren! führten die Freundinnen am Vortag jener Nacht, die alles veränderte.
Wie kann ich helfen, Lise?! fragte Natalja, während sie das Handy umklammerte und den Mut der Freundin bewunderte, für ein paar Stunden aus dem Haus gekommen zu sein.
Nein! Tu das nicht! Sonst lässt er mich nie gehen! Ich hab alles geplant! Warte nur auf Nachricht und sag Alex, ich setz alles daran, dass wir zusammen sind! Nati Ich habe solche Angst
Sag nichts mehr! Sag nur Bescheid, wo ich hinkommen soll! Ich helfe! Sonst hätte ich doch nicht Jura studiert!
Nein! Elisabeth legte auf. Natalja hätte das Handy am liebsten zerschmettert in ihrer Verzweiflung.
Das Warten wurde elend und lang. Drei Monate lang hörte sie nichts. Dann kamen zwei Nachrichten: Endlich die Flucht gelungen. Und: Elisabeth war krank. Die Jahre der Angst hatten ihre Spuren hinterlassen.
Nati, komm bitte. Ich schaffe das nicht ohne dich Sag Alex nichts! Lass ihn studieren. Ich später
Fast ein Jahr lang stand Natalja alles stehen und liegen lassend der Freundin bei, pflegte sie und Irene, gab alles für Elisabeths Genesung.
Vergebens.
Elisabeth starb an einem kalten Januarmorgen. Im Schmerz wegdämmernd, als das neue Jahr begann. Kurz vor Sonnenaufgang öffnete sie die Augen und rief:
Nati
Was, Liebes? Natalja richtete sich im Sessel auf.
Was meinst du gibt es da drüben etwas?
Natalja dachte nach.
Sie hatte nie gelogen in so persönlichen Fragen. Verschweigen ja. Lügen nie.
Ich weiß es nicht Aber ich glaube ja. Weißt du noch, bei uns am Haus der hohe Absatz an der Schwelle? Johanna und Alex konnten den als Kleine nie übersteigen und haben immer geweint. Heute merken sie ihn nicht mal mehr. Genauso ist es: Das Leben ist nur der Weg zu dieser Schwelle. Dahinter ist etwas Größeres, das wir vorher nicht ahnten. Wir wachsen und irgendwann steigen wir darüber.
Was erwartet uns da?
Ich weiß es nicht Aber für dich jedenfalls nichts, wovor du Angst haben musst. Die schlimmsten Dinge hast du schon hinter dir
Du hast wohl recht Elisabeth drückte ihre Hand. Bleib ein wenig noch bei mir.
Ich bin da, meine Liebe Ich bin bei dir
Was riecht hier so nach Mandarinen?
Keine Ahnung. Möchtest du eine? Natalja sprang auf. Elisabeth hatte schon lange nach nichts mehr verlangt. Ich bringe eine, sofort!
Sie lief in die Küche, holte Mandarinen, die sie für Irene gekauft hatte.
Gleich, gleich sie pellte sie, und merkte nicht, dass sie dabei weinte.
Weine nicht, Nati! Elisabeths Stimme wurde plötzlich wieder kräftig. Alles wird gut! Versprich mir, du kümmerst dich um meine Kinder! Besonders um Alex! Irene, mein Schneeflöckchen, ist noch so klein aber ihm ihm hab ich nie genug geben können Immer war ich beschäftigt Versprich es mir!
Natürlich, Lise! Musstest du mich davon überzeugen?
Jetzt ist alles, wie es sein muss Danke mühsam biss sie ein Stück der Mandarine ab, die ihr Natalja reichte. Schmeckt
Die Mandarine rollte zu Boden, Natalja hielt sich den Mund zu, um Irene nicht zu wecken.
Elisabeth hatte ihre Schwelle überschritten.
Am Morgen, als Alexander direkt nach dem Semesterende ankam, umarmte er Natalja.
Danke
Ach, mein Junge! Es ist alles so schwer Irene wacht gleich auf Bleibst du bei ihr?
Ja
Pflichten und Erledigungen füllten diesen Tag. Als Natalja abends nach Hause kam, überraschte sie die Stille in der Wohnung.
Kinder! Alex?! Wo seid ihr?
Alex lag bewegungslos in der Küche auf dem Boden einen Moment lang erschrak sich Natalja, dachte, er sei seiner Mutter gefolgt.
Aber er lebte. Während sie den Rettungswagen rief und ihn wieder zu sich brachte, merkte sie das Blatt auf dem Tisch nicht sofort: Irene nicht suchen!, stand da fein säuberlich darauf unverkennbar die Handschrift von Irenes Vater. Nur wie er das Versteck seiner Ex-Frau ausfindig gemacht hatte, blieb ein Rätsel.
Natürlich befolgte Natalja den Befehl nicht. Sie holte Alex aus dem Krankenhaus, setzte sofort alles in Bewegung: Anzeigen, Behörden, Nachforschungen auf jede mögliche (und manchmal unmögliche) Weise. Doch Irene blieb verschwunden. Ihr Vater verkaufte seine Firma, das Haus, und tauchte unter. Es dauerte, bis Natalja überhaupt herausfand, in welcher Stadt sich der Entführer versteckt hielt.
Doch sie konnte leider wenig tun. Das Sorgerecht war nicht aberkannt worden, somit hatte sie keine rechtliche Handhabe. Sie sammelte, sogar halb illegal, Informationen über Irenes Wohlergehen. Der Vater verweigerte absoluten Kontakt, auch den zu Alexander.
Nach dem Überfall auf Alex wurde er zu Bewährung verurteilt und kontaktierte Irene überhaupt nicht mehr.
Fast zwei Jahre wusste Alexander kaum etwas von seiner Schwester. Er war von Angst gelähmt, dass sie ihn vergessen haben könnte oder noch Schlimmeres passiert war.
Erst viel später, als sein Stiefvater bei einem Unfall ums Leben kam und das Mädchen in einem Heim unterkam, erreichte die Nachricht Natalja. Irene hatte nach dem Tod des Vaters noch tagelang alleine zu Hause geharrt, bis eine Nachbarin die Polizei rief: Die Nanny hatte sie einfach zurückgelassen sie verließ das Haus, weil es Zeit für den Feierabend war. Wie sie das fertigbrachte, bleibt bis heute unerklärlich. Irene aber, von Natalja in einfachen Dingen unterrichtet, konnte sich wenigstens zu essen machen. Aber mit der kaputten Heizung im eisigen Winter kam sie nicht zurecht und suchte Hilfe bei Nachbarn welche die Polizei alarmierten.
Da Elisabeths Kinder unterschiedliche Nachnamen trugen, fand man Alexander zudem nicht sofort Später wurde bekannt, dass nicht einmal besonders gesucht wurde.
Während Irene zunächst weinend ihre Zöpfe verlor man schor sie bei der Erstaufnahme , bemühte sich Alexander in Frankfurt, ihr auf die Spur zu kommen.
Er hatte Angst, zu spät zu kommen, Angst, dass seine kleine Schwester ihn nicht erkennen würde. Doch als Johanna kam, gefolgt von Natalja und deren Mann, wurde alles anders. Irene wurde gefunden, und auf Johannas und Nataljas Initiative hin und da Alexander, dank Nataljas Hilfe, alle Papiere beisammen hatte und ein gutes Zuhause nachweisen konnte relativ schnell dem Bruder übergeben.
Die alte Wohnung, in der Elisabeth einmal mit ihren Eltern gelebt hatte, musste zwar für wenig Geld verkauft werden, doch die neue Wohnung, die Natalja für Alex direkt neben ihrer eigenen in München gekauft hatte, bot alles, was ein Kind brauchte. Kein Jugendamt konnte Einwände vorbringen.
Entgegen seiner Angst erkannte Irene ihn sofort, umklammerte ihren Bruder und weigerte sich loszulassen. So trug er sie zur wartenden Familie, wusste nicht, wen er zuerst trösten sollte: das kleine Schneeflöckchen, das klammernd an ihm hing, Natalja, die vor Erleichterung in Tränen ausbrach, oder Johanna, die hektisch abwechselnd Alex und Irene wärmte.
Ihr werdet euch noch erkälten!
Doch keiner wurde krank, als sie durch den dichten Schnee zur Wohnung liefen. Es war, als wollte das Schneegestöber alles Schwere und Leidvolle überdecken.
Als sie im Auto saßen, schüttelte Alex sachte die Schneeflocken aus Irenes Haaren, wickelte sie ein, und Irene schmiegte ihr kaltes Näschen an seine Wange.
Sind wir jetzt für immer zusammen?
Ja.
Ganz bestimmt?
Habe ich dich je belogen? Weine nicht, Schneeflöckchen! Ich gebe dich niemandem mehr her. Nicht einmal der Schneekönigin! Alexander drückte seine Schwester fest an sich und sah Johanna an.
Diese hielt dem flehenden Blick sicher Stand und lächelte:
Du schaffst das schon! Unbedingt! Wir sind immer bei euch. Oder, Mama? Du bist nicht allein, Alex! Und du und Irene habt nichts mehr zu fürchten!




