Sabine hatte das Gespräch mit ihrem Mann noch nicht beendet, als sie plötzlich eine Frauenstimme am anderen Ende hörte. Sie stand am Fenster und beobachtete, wie dicker Schnee über Berlin fiel. Das Telefonat mit Markus näherte sich dem Ende ein alltägliches Gespräch, wie es unzählige in ihren fünfzehn Ehejahren gegeben hatte. Wie immer berichtete er von seiner Dienstreise nach München: Alles in Ordnung, die Meetings verliefen nach Plan, er würde in drei Tagen zurück sein.
Gut, Schatz, dann bis später, sagte Sabine und nahm das Telefon vom Ohr, um die rote Ende-Taste zu drücken. Doch etwas hielt sie zurück. Am anderen Ende hörte sie deutlich eine melodische, junge Frauenstimme:
Marki, kommst du? Ich habe schon die Badewanne gefüllt
Ihre Hand erstarrte in der Luft. Ihr Herz setzte für einen Moment aus, dann schlug es so wild, als wollte es sich aus ihrer Brust befreien. Sie presste das Telefon wieder ans Ohr, doch es war zu spät nur noch das Besetztzeichen. Markus hatte bereits aufgelegt.
Sabine sank langsam in einen Sessel, ihre Knie gaben nach. Gedanken wirbelten durch ihren Kopf: *Marki Badewanne Welche Badewanne auf einer Dienstreise?* Erinnerungen der letzten Monate kamen hoch: die häufigen Reisen, die späten Anrufe, die Markus stets auf dem Balkon entgegennahm, das neue Parfüm in seinem Auto.
Mit zitternden Händen öffnete sie ihren Laptop. Sein E-Mail-Passwort kannte sie noch aus Zeiten, als zwischen ihnen noch Vertrauen und Ehrlichkeit geherrscht hatten. Tickets, Hotelbuchungen Honeymoon-Suite in einem Fünf-Sterne-Hotel im Herzen Münchens. Für zwei.
In den Mails fand sie auch den Austausch. *Katja*. Sechsundzwanzig, Fitnesstrainerin. *Schatz, ich halte das nicht mehr aus. Du hast versprochen, dich vor drei Monaten scheiden zu lassen. Wie lange soll ich noch warten?*
Sabine wurde übel. Vor ihrem inneren Auge tauchte die Erinnerung an ihr erstes Date mit Markus auf damals war er ein einfacher Manager gewesen, sie eine junge Buchhalterin. Sie hatten gemeinsam für die Hochzeit gespart, in einer kleinen Mietwohnung. Sie hatten sich über erste Erfolge gefreut, einander in Niederlagen gestützt. Und jetzt? Er war ein erfolgreicher Geschäftsführer, sie die leitende Buchhalterin derselben Firma zwischen ihnen klaffte eine Kluft von fünfzehn Jahren Ehe und einer sechsundzwanzigjährigen Katja.
Im Hotelzimmer lief Markus unruhig auf und ab.
Warum hast du das getan? Seine Stimme bebte vor Wut.
Katja lag auf dem Bett, lässig in einen seidenen Morgenmantel gehüllt. Ihre langen blonden Haare breiteten sich über dem Kissen aus.
Was ist denn dabei? Sie reckte sich wie eine satte Katze. Du hast selbst gesagt, du würdest dich von ihr trennen.
Ich entscheide, wann und wie das passiert! Verstehst du, was du angerichtet hast? Sabine ist nicht dumm, sie hat alles verstanden!
Und gut so! Katja richtete sich abrupt auf. Ich habe es satt, die Geliebte zu sein, die du in Hotels versteckst. Ich möchte mit dir in Restaurants gehen, deine Freunde treffen, endlich deine Frau sein!
Du benimmst dich wie ein Kind, zischte Markus.
Und du wie ein Feigling! Sie sprang auf und trat vor ihn. Sieh mich an! Ich bin jung, schön, ich kann dir Kinder schenken. Und was kann sie? Nur dein Geld verwalten?
Markus packte sie an den Schultern. Wag es nicht, so über Sabine zu reden! Du weißt nichts über sie, nichts über uns!
Ich weiß genug! Katja riss sich los. Ich weiß, dass du unglücklich mit ihr bist. Dass sie nur noch in Arbeit und Alltag versinkt. Wann habt ihr das letzte Mal geschlafen? Wann seid ihr zusammen verreist?
Markus wandte sich zum Fenster. Irgendwo dort draußen, im schneebedeckten Berlin, zerbrach in ihrer gemeinsamen Wohnung alles. Fünfzehn Jahre Ehe brachen wie ein Kartenhaus zusammen wegen eines einzigen Satzes einer launischen jungen Frau.
Sabine saß in der dunklen Küche, eine kalte Tasse Tee in den Händen. Auf ihrem Handy blinkten dutzende verpasste Anrufe ihres Mannes. Sie ging nicht ran. Was sollte sie sagen? *Schatz, ich habe gehört, wie deine Geliebte dich in die Badewanne ruft?*
Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben tauchten auf: Markus, der ihr den Verlobungsring schenkte, auf einem Knie mitten im Restaurant. Sie, die zusammen in ihre erste Wohnung zogen eine kleine Zweizimmerwohnung in einem ruhigen Viertel. Er, der sie hielt, als sie ihre Mutter verlor. Sie, die seine Beförderung feierten.
Und dann begannen die endlosen Überstunden, die Kredite, die Renovierungen
Wann hatten sie zuletzt ehrlich miteinander gesprochen? Wann Filme auf dem Sofa geschaut? Wann Pläne für die Zukunft geschmiedet?
Das Telefon vibrierte erneut. Diesmal eine Nachricht: *Sabine, lass uns reden. Ich erkläre dir alles.*
Was gab es da zu erklären? Dass sie gealtert war? Dass sie im Alltag versunken war? Dass eine junge Fitnesstrainerin seine Bedürfnisse besser verstand?
Sabine trat vor den Spiegel. Zweiundvierzig Jahre. Fältchen um die Augen, graue Strähnen, die sie monatlich kaschierte. Wann hatte das angefangen diese Müdigkeit in ihrem Blick, diese Gewohnheit, nach Plan zu leben, dieser endlose Kampf um Stabilität?
Marki, wo warst du? Katja musterte ihn missbilligend, als er ins Zimmer zurückkehrte, nachdem er wieder vergeblich versucht hatte, seine Frau zu erreichen.
Nicht jetzt, murmelte er und ließ sich in einen Sessel fallen, die Krawatte lockerte er.
Doch, genau jetzt! Sie stellte sich vor ihn, die Hände in die Hüften gestemmt. Ich will wissen, wie es weitergeht. Du verstehst doch, dass du jetzt eine Entscheidung treffen musst?
Markus sah sie an schön, selbstbewusst, voller Energie. So war Sabine vor fünfzehn Jahren gewesen. *Gott, wie konnte ich ihr das antun?*
Katja, er rieb sich müde das Gesicht. Du hast recht. Es muss eine Entscheidung geben.
Sie strahlte, warf sich an ihn. Schatz! Ich wusste, du würdest das Richtige tun!
Ja, er schob sie sanft weg. Wir müssen damit aufhören.
Was?! Sie fuhr zurück, als hätte er sie geschlagen.
Es war ein Fehler, er stand auf. Ich liebe meine Frau. Ja, wir haben Probleme. Ja, wir sind uns entfremdet. Aber ich kann nicht ich will nicht alles hinter mir lassen, was zwischen uns war.
Du du bist einfach ein Feigling! Tränen rollten über ihr Gesicht.
Nein, Katja. Feig war ich, als ich diese Affäre begann. Als ich die Frau belog, die fünfzehn Jahre lang alles mit mir geteilt hat: Freuden, Sorgen, Siege, Niederlagen. Du hast recht ich bin unglücklich. Aber Glück muss man aufbauen, nicht woanders suchen.
Es war kurz vor Mitternacht, als es an der Tür klingelte. Sabine wusste, dass er es war mit dem ersten Flug zurückgekommen.
Sabine, mach bitte auf, seine Stimme drang gedämpft durch die Tür.
Sie öffnete. Markus stand draußen unrasiert, im zerknitterten Anzug, mit schuldvollen Augen.
Darf ich reinkommen?
Schweigend trat sie zur Seite. Sie gingen in die Küche den Ort, an dem sie einst von der Zukunft geträumt, an dem sie wichtige Entscheidungen getroffen hatten.
Sabine
Lass gut sein, sie hob die Hand. Ich weiß alles. Katja, sechsundzwanzig, Fitnesstrainerin. Ich habe deine Mails gelesen.
Er nickte, fand keine Worte.
Warum, Markus?
Er schwieg lange, blickte aus dem Fenster auf die nächtliche Stadt.
Weil ich schwach war. Weil ich Angst hatte, dass wir uns entfremdet haben. Weil sie mich an dich erinnerte an das, was du einmal warst. Voll Energie, voll Pläne.
Und jetzt?
Jetzt Er wandte sich ihr zu. Jetzt will ich alles wieder gutmachen. Wenn du es zulässt.
Und sie?
Es ist vorbei. Ich habe verstanden, dass ich dich nicht verlieren kann. Will nicht verlieren. Sabine, ich weiß, ich verdiene keine Vergebung. Aber lass uns noch einmal von vorn anfangen? Zum Paartherapeuten gehen, mehr Zeit miteinander verbringen, wieder die werden, die wir einmal waren
Sabine sah ihn an gealtert, ergraut, schmerzlich vertraut. Fünfzehn Jahre waren mehr als eine Zahl. Es waren gemeinsame Erinnerungen, Gewohnheiten, Witze, die nur sie verstanden. Es war die Fähigkeit, gemeinsam zu schweigen. Die Bereitschaft zu vergeben.
Ich weiß nicht, Markus, zum ersten Mal an diesem Abend weinte sie. Ich weiß es einfach nicht
Vorsichtig zog er sie in seine Arme, und sie wehrte sich nicht. Draußen fiel Schnee, bedeckte Berlin mit einer weißen Decke.
Und irgendwo in München, in einem Hotelzimmer, weinte eine junge Frau, die zum ersten Mal mit einer harten Wahrheit konfrontiert wurde: Wahre Liebe ist keine Leidenschaft, keine Romantik. Sie ist eine Entscheidung, die man täglich neu treffen muss.
Und hier, in der Küche, versuchten zwei nicht mehr junge Menschen, die Scherben ihres Lebens zusammenzusetzen. Vor ihnen lag ein langer Weg durch Verletzungen und Misstrauen, durch Therapiesitzungen und schmerzhafte Gespräche, durch den Versuch, einander neu kennenzulernen. Doch beide wussten: Manchmal muss man etwas verlieren, um seinen Wert zu erkennen.





