Elisabeth Wagner schlenderte aus der Apotheke und dachte nur an eines: heil nach Hause zu kommen, ohne ein weiteres Mal auszurutschen.
Stock. Schritt. Stock. Schritt. Das Bein schmerzte, die Tüte mit Medikamenten schnitt in die Handfläche. Der Oktober dieses Jahres war ein richtiger Griesgram feucht, grau und ohne ein bisschen Nachsicht.
Noch ein Viertelblock. Noch ein bisschen weiter.
Sie war fast an dem Spielplatz vorbeigelaufen, als ein leises Winseln aus dem Gebüsch neben dem Gartenzaun zu ihr drang.
Elisabeth blieb stehen, hängte kurz inne und dachte bei sich: Keine Kraft mehr, einfach nach Hause. Und doch bog sie ab.
Sie schob die Äste beiseite.
Im Gebüsch lag ein Schäferhund. Groß, erwachsen und völlig hilflos. Die vordere Pfote war blutend, gleichzeitig trocken und frisch. Das Fell hing lose, die Rippen ließen sich darunter deutlich erkennen. Am schlimmsten waren jedoch die Augen lebendig, aber fast schon resigniert. Solche Blicke kannte Elisabeth schon. Sie wusste, was sie bedeuteten.
Der Hund sah sie an, ohne zu knurren.
Nur ein Blick.
Na, was soll ich jetzt mit dir machen? sagte Elisabeth, mehr ein Seufzer als eine Frage.
Sie zog ihr Handy heraus, wählte ein Taxi das erste Mal seit Monaten, das Geld war knapp. Sie nannte die Adresse der Tierklinik in der Waldstraße.
Der Fahrer verzog das Gesicht, als er den Hund sah.
Wir transportieren normalerweise keine Tiere. Nur, wenn sie im Kofferraum Platz finden. Das wird Ihr Auto nicht verschmutzen?
Verschmutzt es nicht, helfen Sie mir bitte, ihn hineinzubekommen, sagte Elisabeth mit der Stimme, die sie einst zu unzuverlässigen Sanitätern verwendet hatte.
Überraschenderweise stritt er nicht er hob den Hund fast ganz alleine in den Kofferraum.
In der Klinik hieß es: gebrochene Pfote, stark blutende Wunde, Unterernährung. Eine sofortige Operation war nötig.
Sie nannten den Preis.
Elisabeth schwieg einen Moment, dann öffnete sie ihre Geldbörse.
Es war fast ihre gesamte Rente.
Fast alles aber nicht ganz, murmelte sie zu sich selbst und legte das Geld auf den Tresen.
Spät am Abend kam sie nach Hause mit dem Hund, der Medikamententüte und einer zweispaltigen Anleitung in minziger Schrift.
Der Schäferhund legte sich sofort im Flur hin. Elisabeth setzte sich neben ihn.
Der Hund lag da, die Pfote hochgelagert, schaute sie kaum an.
Na gut, sagte sie. Wenn du nicht willst, sieh einfach nicht hin. Hauptsache, du lebst.
In der Nacht schlief sie kaum. Sie lauschte, stand zweimal auf, ging zum Fenster, leuchtete mit dem Handy.
Am Morgen klingelte Liselotte.
Mama, wie geht’s dir?
Ganz gut. Ich habe einen Hund gefunden.
Stille. Lange Stille.
Welchen Hund?
Einen Schäferhund. Er war verwundet, lag im Gebüsch. Ich habe ihn zur Klinik gebracht.
Mama, wurde Liselottes Stimme plötzlich fest, als sie sich beherrschen musste. Mama, das ist doch ernst?! Du kannst kaum noch laufen! Und mit welchem Geld?
Mit meinem.
Mit deiner Rente?!
Liselotte, bitte nicht schreien.
Ich schreie nicht, ich rede nur. Wir hatten doch besprochen, dass du bald zu uns ziehst, und jetzt
Liselotte, sagte Elisabeth ganz ruhig. Ich rufe später zurück. Und sie legte auf.
Die ersten Tage waren hart. Der Hund fraß nichts. Elisabeth kaufte alles Mögliche: Leberwurst, gekochtes Hähnchen, Reis in Brühe. Sie stellte die Schüssel hin, ging weg, kam zurück nichts war angerührt.
Sie setzte sich knochenschwer auf den Boden, reichte das Essen aus der Hand. Nur halten und warten.
Am dritten Tag schnappte der Hund nach einem winzigen Stück Hähnchen.
Kaum mehr als ein Krümel.
Elisabeth lächelte nicht, blieb still, um ihn nicht zu verschrecken.
So war es. So war es gut.
Sie nannte ihn Gerda. Das fiel ihr nicht sofort ein; zuerst dachte sie, warum ein Name, wenn er vielleicht nicht bleibt? Dann erkannte sie: er bleibt.
Gerda fürchtete alles. Laute Geräusche, fremde Bewegungen. Als Elisabeth zum ersten Mal versuchte, sie am Kopf zu streicheln, zog sie sich zusammen, als wolle sie den Schlag erwarten.
Wer hat dir das angetan? dachte sie.
Sie strich nicht, legte die Hand nur neben das Fell, auf die Decke, neben die Pfote. Die Hand lag dort und das war’s. Kein Druck, nur Gewöhnung.
So vergingen die Tage.
Morgens und abends gingen sie nach draußen.
Gerda hinab die Treppe, vorsichtig, auf drei Pfoten die vierte schon schone.
Elisabeth ebenfalls vorsichtig, am Geländer haltend. Zwei Hinkel, meinte sie. Ein echtes Traumpaar.
Sie erreichten die Bank unter der Linde und hielten an. Elisabeth setzte sich, Gerda stand daneben und blickte misstrauisch umher, als erwartete sie Gefahr aus allen Richtungen.
So spazierten sie jeden Morgen und Abend. Zuerst bis zur Bank, dann bis zur Hauswinkel, dann rund um den Hof. Elisabeth kam heim und spürte, wie ihre Beine summten nicht vor Schwäche, sondern von ermüdetem Wohlbefinden.
Im November kam Liselotte ohne Anruf vorbei.
Sie klopfte, trat ein und blieb im Flur stehen. Sie sah Gerda auf dem Körbchen liegen, die Schüsseln an der Wand, die Leine am Haken. Dann ihre Mutter, die gerade Tee in der Küche trank, vom Spaziergang leicht gerötet.
Mama, du siehst normal aus, sagte Liselotte verwirrt, als hätte sie etwas anderes erwartet.
Ich gehe zweimal am Tag raus, erwiderte Elisabeth. Setz dich, ich gieße dir Tee ein.
Liselotte setzte sich, sah Gerda an die hob nur den Kopf.
Beißt sie?
Nein.
Und wenn ein Fremder kommt?
Sie ist nicht aggressiv, nur vorsichtig.
Liselotte schwieg, dann wieder:
Mama, das Zimmer ist fertig. Ich hab alles gemacht. Mir ist es lieber, wenn du hier bist. Allein bist du ja
Elisabeth stellte die Tasse ab.
Nehmt ihr den Hund mit?
Mama.
Liselotte.
Einfach antworten.
Eine lange Pause.
Unsere Wohnung ist nicht groß genug. Und Klaus ist gegen Tiere. Du weißt das.
Weiß ich, sagte Elisabeth.
Das Gespräch kam an diesem Abend nicht mehr zurück.
Gerda, als hätte sie etwas gespürt, stand vom Körbchen auf, ging in die Küche und legte sich an die Füße ihrer Herrin direkt auf den kalten Fußboden, streckte sich.
Elisabeth ließ die Hand sinken und kraulte sie hinter dem Ohr.
Alles klar?, flüsterte sie.
Im Dezember kam Liselotte wieder, diesmal mit Koffern, Essen und dem entschlossenen Blick eines Menschen, der etwas festlegen will.
Sie packte die Lebensmittel ein, spülte das Geschirr, setzte sich dann an den Tisch und legte die Hände zusammen so, wie man das macht, wenn man ernst reden will.
Mama, lass uns keinen Groll hegen.
Elisabeth saß daneben, Gerda schnaufte leise im Raum.
Okay, sagte Elisabeth.
Ich hab das Zimmer fertig, Vorhänge aufgehängt, dir eine neue Matratze gekauft. Es ist schön hier, du bist nah, ich fühle mich beruhigt. Du bist nicht allein.
Ich bin nicht allein.
Mama, Liselotte schloss die Augen einen Moment. Der Hund ist keine Gesellschaft, das ist Verantwortung, die du jetzt nicht brauchst. Du gibst deine Rente dafür aus, gehst zweimal am Tag in die Kälte
Ich sehe besser aus als vor einem Jahr.
Du bist müde.
Alle werden müde.
Mama, ich habe ein Tierheim gefunden. Dort gibt es viel Platz, gutes Personal. Gerda wäre dort glücklich, besser als in einer Einzimmerwohnung.
Gerda seufzte, stand auf, das Geräusch ihrer Krallen auf dem Boden war zu hören, und ging zur Küche. Sie stellte sich in die Tür, sah beide an, dann zu Elisabeth und setzte sich neben sie.
Liselotte sah erst den Hund, dann ihre Mutter.
Ich höre dich, sagte Elisabeth leise. Ich höre alles.
Sie legte die Hand auf Gerdas Kopf, die nicht rührte.
Erinnerst du dich, wie ich früher gearbeitet habe? fragte Elisabeth plötzlich. Du warst klein, aber vielleicht merkst du es noch. Ich war um sechs Uhr morgens weg, kam zurück, wenn du schon geschlafen hast. Dein Vater sagte immer, du existierst nicht zu Hause, nur im Krankenhaus.
Liselotte schwieg.
Ich war nicht beleidigt. Ich verstand, dort waren Menschen, denen es schlechter ging als mir. Ich war gebraucht. Dann starb dein Vater, ich ging in Rente und plötzlich war ich niemandes Hilfe mehr. Du bist erwachsen, hast dein eigenes Leben. Das ist okay. Aber ich Liselotte, ich wusste einfach nicht, was ich mit mir anfangen soll.
Sie blickte aus dem Fenster. Draußen lag Dezember, grau, frühe Dämmerung, Laternen leuchteten.
Als ich Gerda fand, dachte ich: noch ein Problem. Keine Kraft, kein Geld, Gesundheit im Keller. Warum das? Dann schnappte sie an meinem dritten Tag ein kleines Stück Hähnchen von meiner Hand. So winzig. Und ich merkte, dass ich nicht drei Nächte ohne Schlaf lag, weil ich müde war sondern weil es wichtig war. Wenn ich nicht drauf achte, gibt es niemanden, der das tut.
Gerda rückte näher, Elisabeth kraulte sie wieder hinter dem Ohr.
Ich gehe jetzt wieder nach draußen. Früher kam ich nur bis zur Bank und war außer Atem. Jetzt drei Runden um das Haus, und die Blutdruckpillen habe ich vor zwei Wochen reduziert, der Arzt meinte, das geht.
Ich habe Valentina aus dem zweiten Hauseingang kennengelernt, wir gehen jetzt manchmal zusammen spazieren. Ich habe mir endlich richtige Winterschuhe gekauft das erste Mal seit drei Jahren, weil ich dachte, warum sollte ich welche brauchen, wenn ich nie rausgehe.
Sie wandte sich zu ihrer Tochter.
Und jetzt gehe ich, Liselotte.
Liselotte sah sie an, wollte etwas sagen, sprach aber nicht.
Ich verstehe deine Angst, sagte Elisabeth. Dass ich falle, niemand den Krankenwagen ruft, der Winter rutschig ist, ich allein bin. Ich habe diese Angst selbst für Papa in den letzten Jahren gehabt.
Und was ist daran schlimm?, flüsterte Liselotte.
Nichts. Ich bin nur noch nicht bereit, hilflos zu sein. Elisabeth lächelte leicht. Noch zu früh.
Liselotte senkte den Blick.
Stille.
Gibst du sie nicht her? fragte Liselotte.
Und ziehe ich nicht um?
Liselotte nickte langsam, als würde etwas in ihr Platz finden.
Dann will ich, dass du einen Notrufknopf bekommst. Einen Armband, den du drückst, und ich sofort klingel.
Okay.
Und ich komme einmal die Woche vorbei. Nicht, um zu kontrollieren, sondern um zu besuchen.
Das würde mich freuen.
Und das hier, Liselotte deutete auf Gerda, ich versuche, dich zu übernehmen. Verspreche nichts, aber ich werde es versuchen.
Elisabeth sah ihre Tochter an.
Komm her, sagte sie.
Liselotte stand auf, ging zu ihr, Elisabeth umarmte sie fest. Liselotte hielt einen Moment, dann erwiderte sie die Umarmung.
Gerda zog sich behutsam zu ihrem Körbchen zurück.
Draußen wurde es völlig dunkel, Laternen leuchteten gleichmäßig, Schnee bedeckte das Fenstersimschen.
Der Winter zog still vorbei.
Elisabeth bemerkte gar nicht, wann Dezember Endete, dann Januar, dann Februar und sie ging immer weiter, morgens und abends, im Frost, im Tau, im Schnee, im Matsch.
Gerda lief jetzt ohne Hinken neben ihr her; die Pfote war komplett geheilt, der Tierarzt sagte, man könne sie nicht mehr von einer gesunden Pfote unterscheiden.
Im Hof kannten sie schon alle. Valentina aus dem zweiten Hauseingang kam immer zur gleichen Zeit, sie spazierten zusammen, plauderten über Kinder, Gesundheit, Politik vorsichtig. Der alte Opa Semjon von der dritten Etage hielt jedes Mal an und gab Gerda ein Stück Trockenfutter, das sie mit Würde nahm. Die Kinder vom Spielplatz fürchteten sie zuerst, weil sie ein Schäferhund war, dann gewöhnten sie sich, liefen zu ihr und streichelten sie.
Elisabeth ließ ihren Stock im Februar zu Hause liegen. Einmal ging sie ohne ihn hinaus, erinnerte sich später und sah den Stock an der Tür liegen Na, das hätte ich doch brauchen können, dachte sie.
Im März rief sie im Gartenbauamt an, ob die Zufahrt zur Hütte schon geöffnet sei. Sie war es, sie meldete sich für den Bus an.
Gerda saß auf der Rückbank und schaute aus dem Fenster.
Auf der Hütte war alles wie immer altes Haus, Laub vom Vorjahr, kahle Apfelbäume. Elisabeth ging über das Grundstück, berührte die Erde noch kühl, aber nicht mehr gefroren. Sie überlegte, wo sie Stiefmütterchen, Petunien, Dill und Petersilie pflanzen könnte einfach so, für den Duft.
Gerda tollte über das Areal wie ein junges Kätzchen.
Im April kam Liselotte mit Klaus. Klaus trat ein, sah Gerda, spannte die Nerven. Gerda schnüffelte an seiner Hand, dann ging sie weiter Okay, er ist nicht gefährlich.
Klaus atmete aus.
Nun, sagte er vorsichtig, sie ist ja beruhigt.
Klug, korrigierte Elisabeth.
Beim Tee sah Liselotte ihre Mutter aufmerksam an, dann leise, während Klaus auf den Balkon ging:
Mama, du hast dich verändert.
Zum Besseren?
Ja.
Elisabeth dachte kurz nach.
Ich lebe jetzt wieder, das spürt man wohl.
Gerda legte den Kopf auf Elisabeths Knie.





