LubaLuba trat entschlossen die verschneiten Gassen Berlins hinunter, bereit, das Geheimnis des alten Uhrturms zu lüften.

Im Schlafwagen des Zuges, auf der unteren Sitzreihe, saß ein ganz junges Mädchen und starrte schweigend aus dem Fenster. Sie hieß Leni, hatte erst vor einer Woche ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert und fuhr zu ihrer Großmutter Gertrud. Erst jetzt, wo alle Umstiege hinter ihr lagen und der Zug in drei Tagen Leni direkt in die Stadt bringen würde, in der Gertrud wohnte, verspürte sie zum ersten Mal während der gesamten Fahrt Angst. Was, wenn Gertrud dort nicht mehr lebte? Was, wenn sie gar nicht mehr existierte? Als Leni hastig die Wohnung ihrer Mutter verließ, dachte sie an nichts dergleichen.

***

1995. Morgen wird die kleine Leni sechs Jahre alt. Doch die hübsche Puppe im weißen Ballkleid mit funkelnden Perlen im Haar, die das Mädchen Liese nannte, wird ihr natürlich nicht geschenkt werden. Zu teuer für dich, sagte ihre Mutter, und außerdem musst du nächstes Jahr erst in die Schule, welche Puppen sollen das denn sein?. Leni schluchzt leise, während Vater und Mutter erneut in der Küche über Geld streiten genauer gesagt über das Fehlen von Geld. Oma Gertrud sitzt auf dem Bett, streichelt Leni über den Kopf und seufzt schwer.

Am nächsten Tag, als Leni aus dem Kindergarten nach Hause kam, überreichte die Großmutter ihr eine große Schachtel, mit roter Schleife gebunden. Das Mädchen löste die Schleife, hob den Deckel, ihr Herz blieb für einen Moment stehen und dann pochte es rasend, als Liese mit ihren blauen Augen und den langen Wimpern aus der Schachtel heraufschaute. Am Abend stritten die Mutter zuerst mit der Großmutter und dann mit dem Vater wegen dieser Puppe. Trotzdem war Leni überglücklich!

***

Während Leni die vorbeiziehenden Landschaften aus dem Fenster sah, lächelte sie unwillkürlich an ihre Erinnerungen als hätte die kindliche Freude von zwölf Jahren, durch die Zeit zerbrochen, ihr Herz erneut mit Wärme und Ruhe umhüllt. Leni ließ plötzlich die Angst vor dem Unbekannten fallen. Natürlich ist Oma Gertrud noch am Leben! Natürlich wohnt sie noch in derselben Stadt, in derselben Straße, im dreistöckigen Haus und in derselben Wohnung, deren Adresse Leni mit Drohungen aus der Mutter herausgeschleudert hatte.

***

Leni zerrt ungeduldig an der Hand ihrer Mutter und drängt sie, schneller nach Hause zu gehen. Dort wartet Liese, und die Großmutter hat versprochen, heute ein richtiges Bett für Liese zu bauen, weil jede Puppe ihr eigenes Bett haben soll.

Die Mutter knackt die Hand von Leni fest. In letzter Zeit ist sie oft wütend und schimpft häufig mit dem Vater, weil er nicht genug Geld verdienen kann. In solchen Momenten spricht die Großmutter laut mit ihr (mit Leni), doch Leni hört trotzdem, wie die Mutter schreit: Echte Männer finden Wege und versorgen ihre Familien! Endlich erreichen sie das Haus. Leni stürzt nach vorne und hüpft die Treppe hinauf. Oma, Oma, klopft sie mit der Faust an die Tür (sie erreicht den Klingelknopf nicht), ich bins! Ich bin da!. Gertrud öffnet die Tür, umarmt Leni. Komm, wir bauen Liese ein Bett, zieht sie das Mädchen ins Zimmer.

***Seltsam, dachte Leni weiter, während sie noch immer aus dem Zugfenster blickte. Vor ihr flogen nicht mehr Wälder und Felder, sondern die Puppe in ihrem kleinen Bett. Zwölf Jahre zuvor hatte die Großmutter aus einer Schachtel ein Puppenbett gebaut. Sie nähte einen kleinen Beutel, den sie anschließend mit Schaumstoff- und Watteklumpen füllte. Die geschickten Nähte formten eine richtige Matratze, die perfekt in die Schachtel passte.

Leni lächelte erneut, dann runzelte sie die Stirn. Und doch ist es seltsam, ich erinnere mich so gut an die Puppe, ihr Bett, an alle Kleider, die Oma für Liese gestrickt hat, aber das Gesicht meiner Großmutter bleibt verschwommen. Es ist ein helles, gesichtsloses Feld. Dunkles Haar, immer zu einem großen Knoten mit brauner Haarnadel gebunden, das erinnere ich, das Gesicht nicht. Schwer seufzte das Mädchen. Sie rang nach dem Bild der Großmutter, doch außer ihrer Frisur und den Händen blieb ihr nichts mehr. Die Hände jedoch, die geschickt mit Nadel und Faden spielten, standen ihr klar vor Augen.

Am kleinen Finger der linken Hand trug sie stets einen dünnen goldenen Verlobungsring, der ihr damals noch nicht auffiel. Der filigrane Ring mit einem Rubin am mittleren Finger der rechten Hand gefiel ihr als Kind besonders. Oma sagte damals: Wenn du groß bist, schenke ich dir diesen Ring, weil er dir so gefällt, und er wird dein sein. Leni wollte damals unbedingt erwachsen werden und bat immer wieder, das Ringchen anzuprobieren. Oma lächelte, nahm den Ring ab und reichte ihn Leni. Doch jedes Mal war er zu groß für ihre kleinen Finger. Mädchen, ich will jetzt schlafen, riss die Stimme einer Frau gegenüber Leni aus den Erinnerungen. Leni zuckte zusammen und kletterte hastig auf das obere Fach.

***Die Wohnungstür stand weit offen, viele fremde Gestalten drängten herein. Sie kamen alle zu dem Vater, der mit geschlossenen Augen in einem großen Raum lag. Mutter und Oma weinten, und Leni weinte mit, weil ihr Vater gestorben war. Sie verstand nicht genau, wie er gestorben war, und weinte eher aus einer allgemeinen Trauer. Nach der Beerdigung sprachen Mutter und Oma kaum noch miteinander. Leni wusste nicht, warum ihr Vater gestorben war, doch in ihrem kindlichen Inneren wuchs die Überzeugung, dass die Mutter Schuld hatte.

Zwei riesige Koffer standen im Flur. Leni und die Mutter fuhren davon. Oma weinte. Auch Leni weinte und versprach, oft zu Oma zu kommen sie wollte gar nicht weggehen. Als sie mit der Mutter die Schwelle überquerten, rief Oma plötzlich: Lena, die Puppe haben wir vergessen! Sie rannte ins Zimmer, holte einen großen Beutel, in dem Liese, bedeckt mit einer Decke, in ihrer Puppenbettchen lag, und obendrauf ein zweiter Beutel mit allen Puppenkleidern.

Ich nehm mir die Puppe an den Mund! knurrte die Mutter wütend. Ich trage sie selbst! schrie Leni verzweifelt. Du nimmst den Lebensmittelbeutel, brüllte die Mutter, riss Leni den Beutel mit der Puppe aus den Armen und reichte ihr stattdessen einen mit Wurst und Brötchen. Leni schluchzte laut.

Weine nicht, mein Kind, ich schicke dir Liese per Post, tröstete Oma, Tränen rollten ihre Wangen hinab. Lena, gib mir die Adresse, ich sende die Puppe Die Eingangstür knallte zu. Schick die Adresse, Lena hörte Leni die weinende Stimme der Oma und schrie: Ich komme bald, versprochen!

***

Leni erwachte, wischte das tränende Gesicht ab. Der Wagen ratterte gleichmäßig weiter. Oma, flüsterte Leni, ich fahre schon. Jetzt verstand sie, dass Oma Gertrud die Puppe nicht geschickt hatte, weil sie nicht böse oder geizig war, wie die Mutter ihr einst gesagt hatte, sondern weil sie nicht wusste, wohin. Die Mutter hatte der Großmutter nie die neue Adresse mitgeteilt; sie hatte die Puppe behalten, weil die Schwiegermutter sie geschenkt hatte. Und damals fragte Leni jeden Tag die Mutter und die andere Oma Gisela, ob die Puppe schon angekommen sei. Dann war sie wütend und beschuldigte Gertrud, sie betrogen und die Puppe geärgert zu haben. Leni kletterte vorsichtig vom Regal und trat ins Trittbrett. Sie zündete sich eine Zigarette an. Im Rhythmus der rollenden Räder ließ sie ihr Leben der letzten elf Jahre durchgehen das Herz schwer wie Blei.

Die kleine Leni mochte die Oma Gisela nicht, obwohl sie lächelte, juchzte, umarmte und anfangs Geschenke brachte; doch Leni fühlte, dass das alles nicht echt war. Gisela schmuggelte heimlich Schnaps, den sie nachts in der Küche versteckte, trotz einer AbstinenzGemeinschaft. Sie selbst trank selten, nur einen Schnaps für den Appetit. Sie lehrte die Mutter das Leben, suchte ihr Schwiegersöhne Und so begann die Mutter, immer mehr zu trinken vielleicht war das ihr Anteil am Tod des Vaters, den sie auf Rat ihrer eigenen Mutter aufhellte.

Als Leni in die fünfte Klasse kam, erlitt Oma Gisela einen Schlaganfall und starb. Da brach die Mutter endgültig zusammen: Partys bis in die Morgenstunden, Männerhaufen, Alkohol. Leni geriet in Konflikt, die Mutter meldete sie im Internat an.

Alles Weitere wollte Leni nicht mehr erinnern. Das Internatsleben war grau, und wenn die Mutter sie am Wochenende holte, brachte das keine Freude. Leni wurde rebellisch, schnippisch, ihr war alles egal. Nach dem Internat musste sie zu ihrer trinkenden Mutter zurück, die inzwischen zum Alkoholiker geworden war.

Wie es endete, blieb im Nebel, vermutlich nicht gut. Doch vor zwei Wochen träumte Leni plötzlich von Oma Gertrud, die sie lange vergessen hatte. Im Traum sprach die Großmutter traurig: Leni, schau, wie viele Kleider ich für Liese genäht habe. Warum kommst du nicht zum Spielen? Ich bin gekommen, Oma, rief Leni fröhlich. Sie spielten MutterKind, Leni legte die Puppe ins Bett, und Gertrud nähte ein neues Kleid für Liese. Am nächsten Morgen wachte Leni mit einem seltsamen Kloß im Hals auf, ein Drang zu weinen, aber zugleich eine leise Freude, als wäre etwas lang Vergessenes, etwas Helles zurückgekehrt.

Oma erschien jede Nacht im Traum, und am fünften Tag brach Lenis Psyche: Sie weinte bitter, laut, bis zum Ersticken. Wenn du von deiner Mutter träumst, denkt sie an dich, vermisst dich und wird dich holen, erinnerten die Mädchen aus dem Heim. Da beschloss Leni, zu Oma zu fahren, weil sie fest an das Warten und die Liebe der Großmutter glauben wollte.

Ich zerbreche jetzt dein Gerät und den frisch gebrannten Schnaps, drohte die trinkende Mutter, Leni riss ihr die Adresse von Gertrud heraus und erfuhr den Grund für die Flucht. Ich schob deinen Vater in die Bande. Was sollte ich sonst tun? Damals lebten alle so. Ich konnte nicht länger bei seiner Mutter bleiben, habe dir die Adresse nicht geschickt. Tränen aus Schnaps flossen, die Mutter wischte sich das Gesicht. Ich hasse dich! schrie Leni.

Jetzt ritt Leni in diesem Zug tausende Kilometer und fürchtete sich. Sie fürchtete, dass die Großmutter nicht mehr lebte. Je näher die Endstation kam, desto größer wurde die Angst in ihr.

***

Der Zug zuckte ein letztes Mal und hielt. Leni trat auf einen fremden Bahnsteig. Ein Taxi wäre einfacher gewesen, doch das Geld, das sie mühsam für die Reise zusammengekaut hatte, war fast auf. Sie befragte Passanten, stieg in den Bus, der sie zur gesuchten Straße bringen sollte. Das Haus, das sie erreichen sollte, war ihr unbekannt, völlig fremd. Auf den dritten Stock hinauf, blieb sie stehen, ein heißes Zittern durchlief ihren Körper, ihr Mund trocknete, sie erkannte die Tür, gepflastert mit dunklem Holz und einer metallenen Türklinke, die gedrückt werden musste. Mit zitternder Hand drückte Leni den Klingelknopf. Stille. Noch einmal. Kein Geräusch.

Natürlich lebt Oma nicht mehr hier, vielleicht gar nicht mehr, schwirrten Gedanken durch ihren Kopf, Tränen wollten kommen. Instinktiv drückte sie die Tür, die daraufhin öffnete. Zögernd trat sie in den Flur: Ist jemand da? rief sie mit klappernder Stimme. Mara? ertönte es aus einem hinteren Raum. Leni folgte dem Klang.

Auf dem Bett lag eine kleine, schlaffe alte Frau, daneben ein Hocker mit Medikamenten, ein Teller, eine Tasse. Wer seid ihr? Neue Schwester? fragte die alte Frau und starrte Leni an.

Leni war verwirrt. Sie kannte das Gesicht ihrer Großmutter nicht, doch die kindliche Erinnerung an ein Bild blieb nicht passend zu dem, was sie sah. Plötzlich wurde die alte Frau rot, griff verzweifelt nach dem Bettrand, Tränen flossen: Leni, du bist gekommen Oma! fiel Leni auf die Knie, ergriff die runzligen Hände, drückte sie ans Gesicht und weinte laut. Ich bin ein bisschen krank geworden dachte, ich sehe dich nie wieder ich habe immer auf dich gewartet, Leni sieh, wie viele Kleider ich für Liese genäht habe du bist jetzt groß und spielst nicht mehr mit Puppen

Leni drehte den Kopf zur gegenüberliegenden Wand. Dort erkannte sie sofort ihr kleines Kinderbett, bedeckt mit einer vertrauten Decke, und darauf saß Liese mit ihren blauen, gläsernen Augen. Ich ich, schluchzte Leni.

***

Zehn Jahre später hatte Leni eine Ausbildung zur Konditorin abgeschlossen und arbeitete in einer kleinen privaten Bäckerei. Sie heiratete, bekam ein Mädchen, das sie Katja nannte, zu Ehren der Großmutter. Oma Gertrud war geheilt, ein wenig erholt, und spielte gern mit ihrer dreijährigen Enkelin, schlüpfte in die Rollen von MutterKind und steckte Liese immer wieder in neue Kleider. Das Nähen ging ihr nicht mehr, doch in elf Jahren hatte sie so viele Kleider für die Puppe genäht, dass sie kaum noch tragen konnte. An ihre eigene Mutter dachte Leni nie mehr, hatte sie aus ihrem Gedächtnis gestrichen, was einst elf schreckliche Jahre bedeutete.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

LubaLuba trat entschlossen die verschneiten Gassen Berlins hinunter, bereit, das Geheimnis des alten Uhrturms zu lüften.
Wann wirst du, liebe Marienchen, endlich abfahren?