Es war einmal im Oktober, als Friedrich Müller, ein einfacher Mann aus Berlin, am Rande einer verlassenen Landstraße ein kleines, nasses Würmchen fand. Der Welpe saß mitten auf dem Asphalt, blickte den vorbeifahrenden Autos nach, als erteute er jemanden ganz Bestimmtes erwarten würde. Friedrich fuhr gerade zu seinem Wochenendhaus in Brandenburg, um Kartoffeln zu ernten, bremste kurz, dachte, er täte nur einen kurzen Stopp, doch das Tier hob den Kopf und plötzlich alles veränderte sich. Die Kartoffeln blieben eine weitere Woche im Erdreich.
Der Nachbarin Liselotte Becker, die ihn oft in der Wohnanlage auf dem FabrikstraßePlatz begegnete, fiel das rote, hängende Etwas mit den disproportionalen Pfoten sofort ins Auge. Sie rief aus: Rötlich, schnüffelig, tollpatschig Mars! Das passt. Friedrich musste darüber lachen und nannte den Hund fortan Mars.
Mars wuchs wie ein Staub im Wind. Noch im Frühjahr nahm er die ganze linke Sofahälfte ein, als gehöre sie ihm allein. Friedrich schimpfte anfangs, ließ es dann jedoch bleiben; allein in der kleinen Wohnung zu schlafen war schlimmer, als mit einem Hund zu teilen, der schnarchte und ab und zu im Traum die Pfote zuckte. Ihre Freundschaft entwickelte sich langsam, wie bei Menschen, die keinen Grund zur Eile haben. Morgendliche Spaziergänge, ein Futternapf um sieben Uhr abends, das Fernsehen und manchmal redete Friedrich laut mit Mars. Der Hund saß da, schaute ernsthaft zu, gähnte nur selten und zeigte, wenn nötig, alle Zähne.
Du hast recht, sagte Friedrich eines Abends, genug. Und er drückte die Fernbedienung aus.
Im April jedoch passierte das Unglück. Auf der Heimfahrt nach einem abendlichen Rundgang geriet das Auto auf einer glatten Straße ins Schleudern, schoss vom Bordstein ab und krachte gegen den Gehweg. Mars war noch angeleint; plötzlich riss die Leine. Friedrich wurde gegen die Bordsteinkante geschleudert, spürte einen harten Aufprall am Körper und lag für ein paar Sekunden da, hörte nur sein eigenes Atemgeräusch und ein fernes Aufschreien.
Als er wieder zu sich kam, war Mars verschwunden. Die Leine lag zersplittert auf dem Asphalt, das PlastikSchnappstück war in zwei Hälften gebrochen. Friedrich suchte bis Mitternacht, durchquerte drei Straßenblocks, rief den Namen, befragte Passanten. Sie schüttelten nur den Kopf. Einer meinte, er habe einen roten Hund gesehen, der in Richtung eines Bahngleises gerannt sei, doch das war bereits vierzig Minuten zurück und danach war nichts mehr zu sehen.
Zuhause saß Friedrich lange an der Küche, starrte in die leere FutternapfSchale. Dann stand er auf, schrieb eine Suchanzeige, druckte zwanzig Kopien aus und verteilte sie im ganzen Viertel. Er rief drei Tierarztpraxen und das Tierheim in der BirkenwegStraße an:
Falls ein roter Mischlingshund bei Ihnen auftaucht, bitte melden Sie sich. Meine Nummer lautet
Eine Woche verging, dann ein Monat. Der Regen im Mai ließ die flüchtigen Flugblätter verblassen, Friedrich musste sie neu anbringen, im Juni wiederholt. Die Tierarztpraxen blieben stumm. Das Tierheim meldete sich zweimal beide Male irrtümlich, und es war nicht unser Mars.
Im Juli dachte Liselotte vorsichtig hinter der Tür: Fritz, vielleicht nimmst du einen anderen Hund. Im Tierheim gibt es doch genug.
Nein, sagte Friedrich. Sie ließ das Thema fallen.
Die Wohnung ohne Mars fühlte sich anders an. Nicht leer, aber die Möbel standen still, der Kühlschrank summte, die Nachbarn oben traten wie gewohnt um halb zehn ein. Irgendetwas hatte sich verändert. Friedrich hob den alten Gummiball vom Boden, den Mars einst durch den Flur getrieben hatte, legte ihn ins Regal, dachte kurz nach und steckte ihn dann in die Schublade, nur um ihn später wieder hervorzuholen und auf das Regal zu legen.
Morgens streckte er aus Gewohnheit die Hand nach der Leine am Türrahmen, doch die hing nur noch leblos dort. Es gab keinen Grund mehr, irgendwohin zu gehen. Er ging allein auf derselben Route, zur selben Zeit, nur ohne Mars. Warum? Keine Erklärung, er ging einfach.
Im August rief seine Tochter Klara aus Köln: Papa, komm doch zu uns, du kannst hier wohnen und dich erholen.
Kann nicht, sagte er.
Warum?
Ein Schweigen. Dann: Vielleicht kommt er ja zurück.
Klara schwieg, dann sagte sie mit einem Ton, der mehr sagen wollte, als er aussprach, In Ordnung.
Im Oktober hörte Friedrich ein Kratzen an der Tür gegen acht Uhr abends. Zuerst dachte er, der Wind oder ein Luftzug im Treppenhaus schaffe das Geräusch, doch das Kratzen wiederholte sich, beharrlich, als wüsste jemand, dass die Tür bald aufgehen würde.
Er öffnete. Auf dem Türmatten saß Mars, nun ein wenig betagt, das Fell an einigen Stellen geschoren, wo einst Wunden waren, die linke Seite etwas verbrannt, ein fremder brauner Ledergürtel um den Hals, mit einer vergoldeten Schnalle und einem kleinen Anhänger, auf dem ein Wort prangte: Freund.
Friedrich stand im Flur, starrte den Hund an. Mars sah zurück, sein rechtes Ohr hing schlaff, ein roter Fleck auf der Stirn bildete einen unregelmäßigen Stern, die bernsteinfarbenen Augen sahen mit dunklem Rand.
Wo warst du? sagte Friedrich.
Mars sprang auf, schritt über die Schwelle, ging wie gewohnt zum Futternapf, der leer war, wie immer. Friedrich schloss die Tür, ging in die Küche, die Hände leicht zitternd, öffnete den Kühlschrank.
Gut, murmelte er, gut.
Am nächsten Morgen fuhr er in die Tierarztpraxis. Mars wurde untersucht, erhielt die nötigen Impfungen, der Chip wurde überprüft. Friedrich fragte nach dem fremden Halsband. Die Tierärztin nahm den Anhänger, las laut vor: Freund.
Ein zweiter Name? fragte Friedrich.
Jemand hat ihm einen anderen Namen gegeben, antwortete sie. Er lebte sechs Monate bei jemandem, ich weiß nicht, wo.
Die Tierärztin sah erst zu ihm, dann zu Mars, dann wieder zu ihm.
Kommt vor, Hunde gehen manchmal weg und finden den Weg zurück, besonders die klugen.
Friedrich schwieg, beobachtete, wie Mars auf dem Metalltisch saß, unbewegt, die Untersuchung ertrug. Auf der Rückseite des Anhängers stand eine Telefonnummer. Friedrich rief vom Auto aus, während Mars im Fond auf das Fenster starrte. Nach drei Klingeltönen nahm eine ältere Frauenstimme ab:
Hallo?
Guten Tag, Sie hatten einen roten Hund, ihn nannten Sie Freund.
Ein langes Schweigen.
Ja, der war bei uns, er ging im September.
Er ist bei mir, das ist mein Hund, er heißt Mars, er ging im April verloren.
Wieder Stille. Dann sagte die Frau:
Er lebte bei uns, wir fütterten ihn, behandelten ihn. Er hatte Wunden.
Danke, sagte Friedrich.
Er ist ein guter Hund.
Ja.
Ein weiteres Schweigen, dann fragte die Stimme:
Wohnen Sie weit? Von der BirkenwegStraße?
Ein anderer Stadtteil.
Ach du meine Güte. Er kam im April von selbst zurück, legte sich einfach an unser Grundstück und ging nicht mehr.
Friedrich sah durch die Windschutzscheibe auf den grauen Hof mit kahlen Pappeln. Das Gespräch endete von selbst. Er legte das Telefon weg. Mars schnarchte leise im Fond, legte den Kopf auf die gefalteten Pfoten.
Zuhause nahm Friedrich das fremde Halsband vom Hund, stellte es auf den Tisch und starrte es langeUnd so blieb Mars fortan ein stiller Zeuge der vergänglichen Wege des Lebens.





