StummDoch plötzlich durchbrach das leise Flüstern des Windes die erstickende Stille.

Lass mich bloß in Ruhe! Hände weg! Aaa! Leute, Hilfe! schrie das Mädchen laut.

Heike sprang ihr entgegen, rutschte jedoch im Matsch aus, verdrehte sich das Sprunggelenk und knickte fast um. Während sie sich wieder aufrappelte, hatte das Mädchen bereits die Beine in die Luft geschleudert und war verschwunden. Heike schüttelte ihr dreckiges, beiges Mäntelchen, blickte auf und sah einen betagten Herrn auf der nassen Straße liegen. Er versuchte, sich aufzurichten, doch seine Hände waren blutig er war es, der das Mädchen erschreckt hatte. Es war Herbst, der Himmel grau, der Regen hatte die Straße zu einer Rutschbahn gemacht, und die Dämmerung setzte ein.

Der alte Mann grunzte unverständliche Laute und streckte blutige Hände zu Heike aus. Das ließ ihr das Herz schneller schlagen.

Er ist doch betrunken! Lass ihn lieber!, rief eine Frau, die ebenfalls die Straße entlangging. Sie stellte drohend ihren zusammengeklappten Regenschirm vor den Mann, als wolle sie ihn damit abschirmen. Einen Schritt zurückgehend drehte sie sich zu Heike um.

Was stehst du hier? Hast du zu wenig Probleme? Alk Das hier ist doch nur ein Flaschenhaufen, für alles Mögliche gut genug, Pfui!, brummte sie und hastete weiter zu den hell erleuchteten Wohnhäusern, wo zahlreiche Laternen flammten.

Hinter dem liegen gebliebenen Mann und Heike erstreckte sich ein unbefestigtes Feld, gesäumt von einer Betonmauer mit Stacheldraht oben drauf. Heike wusste, dass dahinter ein Werkgelände lag. Über dem Zaun schwankten im Wind die Äste uralter Pappelbäume. Mit jedem Moment wurde es dunkler.

Mmm mmm stöhnte der Unglückliche.

Geht es Ihnen schlecht? Brauchen Sie einen Krankenwagen? fragte Heike zaghaft, weil sie nicht näher treten wollte. Der Mann wischte den Kopf ab, verneinte und murmelte weiter, während er energisch auf einen kleinen Plastikbeutel zeigte, der im Matsch lag. Er war klein, drahtig und sehr betagt.

Heike fühlte Mitleid. Sie erinnerte sich an ihre Großmutter, die sie immer gelehrt hatte, nicht an fremdem Unglück vorbeizugehen. Kurz vor ihrem Tod hatte die Oma jedoch gewarnt: Heutzutage kann dir das Helfen sogar vor Gericht gebracht werden du bist kein Arzt, du könntest mehr schaden als nützen. Ruf lieber den Rettungsdienst, und mische dich sonst lieber nicht ein. Denn manchmal locken Betrüger ihre Opfer in ein Netz.

Trotzdem ging Heike entschlossen auf den Mann zu, beugte sich zu ihm hinunter. Er stöhnte lauter, streckte die blutigen Hände nach ihr aus, fast weinend. In seiner rechten Hand hielt er große GlasflaschenScherben.

Tränen stiegen Heike in die Augen. Sie holte ein Päckchen Feuchttücher aus ihrer Handtasche, warf die Scherben in einen Mülleimer und wischte behutsam die blutigen Hände des Mannes sauber. Dann half sie ihm, aufzustehen nicht leicht, aber sie schaffte es. In diesem Moment erinnerte sie sich an die Jahre, in denen sie ihre eigene Großmutter pflegte, als diese bettlägerig wurde.

Gott sei dank, meine Hände sind stark, murmelte Heike. Wohin gehen wir? Wo wohnen Sie?

Der Alte murmelte wieder, wankte unsicher auf den Beinen. Heike fragte sich, ob er wirklich nur betrunken sei oder ob er einfach nicht mehr klar redete. Die alte Großmutter hätte das als jemand, dem das Gehirn nicht mehr mitspielt bezeichnet. Trotzdem beschloss Heike, ihm zu helfen. Auf der nassen Straße zu liegen, war ja kein Spaß er würde frieren und krank werden.

Wo wohnen Sie? wiederholte Heike.

Der alte Mann wies mit der Hand in Richtung der beleuchteten Häuser am Ende der Straße. Er stapfte mühsam, krumm und schlurfend, als könne er kaum seine eigenen Füße bewegen.

Dabei fiel Heike auf, dass er einen schmutzigen Beutel bei sich trug, aus dem leise Gläserklirren zu hören war.

Er wollte die Flaschen wohl zurückgeben und ist dabei hingefallen, dachte Heike, während sie ihn vorsichtig stützte. Vielleicht waren die Flaschen schon zerbrochen. Warum also hat er sie bei sich?

Schließlich erreichten sie das nächste Haus. Der alte Mann stöhnte erneut, wackelte mit den Armen, und Heike erkannte, dass dies sein Zuhause war.

Der Türöffner, fluchte Heike leicht verzweifelt. Aber wir kennen den Code nicht Und ist das wirklich das richtige Treppenhaus?

Der Alte hob die Hand und deutete mit den Fingern: erst drei, dann eins, dann wieder drei, dann eins.

Dreieins? Oder dreizehn? rätselte Heike und drückte die Tasten. Ein Piepton, dann eine Stimme:

Ja, hier ist die Wohnung.

Entschuldigung, hier ist begann Heike zu stottern, unsicher, ob sie überhaupt die richtige Tür gewählt hatte.

Ich komme gleich herunter!, rief eine Stimme, und ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür. Der alte Mann murmelte etwas und schüttelte seinen Beutel, wobei die Glasstücke leise klimperten.

Eine Frau um die dreißig und ein Mann im gleichen Alter traten heraus.

Opa! rief die Frau und umarmte den alten Herrn. Vielen Dank! Danke, dass Sie ihm geholfen haben!

Sie dankte Heike herzlich, während ihr Mann den Opa behutsam in den Flur führte.

Ich komme gleich runter!, sagte die Frau, hielt die Tür offen, damit sie nicht zufällt.

Heike stand verwirrt da, weil sie diesen Innenhof noch nie gesehen hatte. Sie blickte neugierig auf die Reihenhäuser und die kleinen Lebensmittelgeschäfte im Erdgeschoss, die sie immer nur von der Straße aus kannte, wenn sie nach dem Fitnessstudio joggte.

Hier, bitte, sagte die Frau, während sie aus dem Flur kam, und reichte Heike ein Päckchen. Ein paar Äpfel, sehr gute Sorte, süß und aromatisch. Mein Opa hat den Apfelbaum vor Jahren gepflanzt.

Nein, das brauchen Sie nicht!, protestierte Heike, ein wenig rot im Gesicht. Ihr Opa sollte seine Hände doch bitte erst richtig desinfizieren, sonst kommt noch Schmutz rein vielleicht zum Arzt? Und die Äpfel, die nehme ich nicht Ich habe nur geholfen.

Nicht nur ein bisschen geholfen, seufzte die Frau. Ich heiße Klara, das ist mein Mann Jörg und das ist unser Opa, Hermann Schmitt. Er ist ein Veteran aus dem Zweiten Weltkrieg. Haben Sie einen Moment? Ich erzähle Ihnen gern, warum wir Ihnen so dankbar sind.

Heike nickte und lauschte.

Hermann feierte kürzlich seinen 100. Geburtstag, begann Klara stolz. Er war Frontsoldat. Als er in Gefangenschaft war, hat er sich absichtlich die Zunge verletzt, um nicht auszusprechen, was er dachte. Nach seiner Befreiung entzündete sich die Wunde, das Krankenhaus musste fast die ganze Zunge entfernen. Seitdem spricht er kaum noch, klingt fast wie ein stummes Radio.

Heike war sprachlos.

Er trinkt überhaupt keinen Alkohol, fuhr Klara fort. Man könnte denken, er sei betrunken das liegt an seiner undeutlichen Sprache. Einmal fiel er im Winter auf die Straße und lag dort mehrere Stunden, weil niemand ihm helfen wollte. Er bekam eine schwere Unterkühlung und musste lange im Krankenhaus bleiben.

Warum lassen Sie ihn allein? platzte Heike heraus.

Wir lassen ihn nicht allein, lächelte Klara. Er will einfach nur raus. Wir haben versucht, ihn zu überreden, aber er hört nicht. Das ist mein Opa, der Vater meiner Mutter. Wir wohnen mit ihm in derselben Wohnung, seit wir geheiratet haben. Wir passen auf ihn auf, er ist ein netter Kerl. Wir haben eine Tochter, die kleine Lina, die sich neulich beim Laufen auf dem Bürgersteig das Bein an einer Flasche geschnitten hat die Narbe ist noch da. In unserer Nachbarschaft gibt es ein paar Häuser, die bald abgerissen werden, da wohnen allerlei Leute, die gern ein Bierchen auf den Müll werfen. Seit Lina die Verletzung bekam, sammelt Hermann Glasscherben und Flaschen, damit niemand mehr verletzt wird. Jeden Tag, ohne Pause.

Als Klara fertig war, dachte Heike daran, wie gut es war, dass sie dem alten Mann geholfen hatte denn sonst hätte man ihn wohl wieder für betrunken gehalten.

Wir haben schon die ganze Zeit nach ihm gesucht, sagte Klara. Er hat nicht auf unser Handy geantwortet, weil er das Telefon zu Hause vergessen hat. Als Sie an der Gegensprechanlage geklingelt haben, haben wir uns alle gefreut.

Heike hörte zu und erinnerte sich plötzlich an ihren eigenen Opa, den ebenfalls Frontsoldaten, der bis nach Berlin gekämpft hatte. Im hohen Alter bekam er einen Schlaganfall, verlor die rechte Hand und einen Teil seiner Sprache. Trotzdem reparierte er mit der linken Hand das Gartenhäuschen und sogar das Dach einer Scheune, ohne Hilfe dafür bekam er von seiner Frau eine gehörige Rüge, die sie mit zusammengekniffenen Augen kaum verbergen konnte.

Heikes eigene Erinnerung an den Opa war noch frisch: Er sprach manchmal nur noch undeutliche Wörter wie Löffel (statt Regel) oder Dusch (statt Rausch), doch die Flüche kamen bei ihm erstaunlich flüssig. Ihre Großmutter schwenkte stets ein nasses Tuch, wenn er fluchte, und sagte: Sei still, das Kind hört zu, man kann ja nicht mit den Kindern schimpfen.

Heike ging nach Hause, das Paket mit den Äpfeln in der Hand sie hatte sie doch doch genommen, um Klara nicht zu kränken und ihr Herz war warm von den Erinnerungen. Wie schön, wenn Verwandte füreinander da sind und sich Sorgen machen! Und für manche ist der verwahrloste, leicht benommene Greis tatsächlich ein geliebter Opa, der nach Hause wartet und über den man sich sorgt. Am besten ist es, ein bisschen netter und aufmerksamer zu sein.

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Homy
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StummDoch plötzlich durchbrach das leise Flüstern des Windes die erstickende Stille.
Sie stellte seine Koffer hinaus und fühlte sich zum ersten Mal seit 10 Jahren frei