Eines Morgens, als die Sonne wie ein müder Bote durch das Vorhangfenster kroch, flüsterte Klaus, der Ehemann, eng an Ulrikes Schulter gekrallt:
Guten Morgen, Leni.
Seine Stimme zerbrach in ein zähes Gähnen, und er schlief weiter, während Ulrike wie eine bleierne Statue dalag, Angst, sich zu rühren, erstickte ihr Herz in eisiger Stille. Was war geschehen? War alles noch gut, oder hatte sich der Traum in ein kaltes Wort verwandelt?
Klaus drehte sich, gähnte und sagte:
Uli, du bist ja eiskalt, das weckt mich aus dem Schlaf. Alles in Ordnung? Der Sommer steht draußen, du frierst doch unter deiner Decke. Ich hol gleich einen Tee.
Er schritt, als gäbe es nichts, in die Küche, pfeifend ein fröhliches Lied, das in die Luft schwebte wie ein Schmetterling.
Ulrike lag noch einen Moment, dann schwang sie sich mühsam vom Bett, ihre Beine fühlten sich an wie Blei, ihr Kopf summte ein weißes Rauschen. Vielleicht, dachte sie, ein Tee würde helfen.
Klaus bat um Pfannkuchen. Ulrike starrte ihn finster an:
Du hast mich heute Morgen Leni genannt.
Was denn, meine Liebe?
Klaus, hör doch nicht so dumm zu tun. Du hast mich Leni genannt.
Du hast dich wohl geträumt, Uli. Leni, Leni das war nur der Schlaf. Warum bist du so kalt und mürrisch? Ach, Frauen Sie erfinden alles selbst.
Sie wanderte durch das Haus, wusch ihr Gesicht, die Beine fühlten sich an wie Blei, das weiße Rauschen blieb. Schließlich stand sie auf, machte Pfannkuchen, zog schnell ihre Jacke an und fuhr zur Arbeit. Vielleicht hatte sie sich wirklich nur getäuscht Leni, Ulrike.
Im Wartezimmer von Klaus Zahnarztpraxis stand eine neue Sekretärin. Ulrike spürte ein Ziehen unter der Zunge, und alte Sorgen wirbelten wieder auf. Die junge, rote Locken tragende Gisela, deren Brust wie ein rundes Rad wirkte, sagte:
Herr Dr. Klaus Yurjewitsch ist heute nicht im Haus, ich kann Sie erst nächste Woche eintragen.
Besser, Sie tragen mich selbst ein, das ist wichtiger, platzte Ulrike plötzlich heraus.
Entschuldigung? Gisela vergrößerte die bereits großen Augen. Frau, wer sind Sie?
Gorémitsch. Ulrike Viktorovna. Ehefrau von Klaus Yurjewitsch. Und weg von hier.
Da ertönte plötzlich Klaus Stimme aus dem Lautsprecher:
Leni, bring mir bitte einen Kaffee.
Ulrike schnaufte.
Mach du das, ich bringe ihn.
Leni? Klaus flüsterte, als er sie mit einem Tablett im Büro sah. Ist etwas passiert?
Hier dein Kaffee. Und ein Pfannkuchen. Die Scheidungspapiere kommen per Post. Guten Appetit.
Ulrike, verdammt, was geschieht hier? Klaus wurde wütend. Seit dem Morgen wie eine Hexe auf dem Besen.
Deine Hexe sitzt im Wartezimmer. Warum hat sie die Haare nicht gekämmt? Ein seriöser Zahnarzt und so eine vulgäre Sekretärin, das passt nicht zusammen, Klaus.
Ulrike, hör auf. Ich halte die Hysterie nicht mehr aus. Ich gehe eine Woche auf die Landpartie, warte, bis du dich beruhigst.
Zu spät, Klaus. Ich dulde keinen Betrug.
Klaus seufzte müde, nahm einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht.
Varvara hat gekündigt. Ich habe Leni nach ihrer Empfehlung eingestellt.
Seit wann?
Vor einem Monat, murmelte er, den Blick abwendend.
Warum hast du mir das nicht gesagt? Du hast immer alles geteilt.
Ich dachte nicht, dass Leni lange bleibt. Sie macht ihren Job gut.
Ich zweifle nicht.
Arbeit!, rief Klaus, das Gesicht rot vor Zorn. Sie macht ihren Job gut! Und noch mehr.
Das war ein Versehen! Ich wollte das nicht!
Ich packe meine Sachen und ziehe um.
Wohin? Klaus begann zu zittern. Ich habe gesagt, ich gehe eine Woche auf die Landpartie, beruhige dich. Ulrike, ich will nicht scheiden!
Aber wir müssen. Ulrike schüttelte den Kopf. Ich kann deinen Namen nicht mehr hören. Leni, deine rote Sekretärin wird mir immer im Kopf bleiben. Zerbrich nicht mein Gehirn, ich habe genug Stress.
Das alte Haus, das von ihren Eltern geerbt war, stand einsam im Wald, roch nach feuchtem Holz. Ulrike wollte weinen, während Erinnerungen wie Schatten durch die Räume schwebten. Ihre Freundin Heike, die neben ihr stand, schimpfte:
Du kannst hier nicht wohnen, Ulrike, geh zurück in die Stadtwohnung. Verkaufe das Haus, nimm einen Kredit, dann
Lass das, ich schaffe das nicht. Ulrike öffnete jedes Fenster, ließ die kalte Luft hinein.
Heike dachte laut nach:
Das Haus ist solide, fünfzehn Minuten mit dem Auto von Köln ins Dorf. Die Infrastruktur ist wahrscheinlich schon aus. Ich war fünf Jahre nie hier.
Aber das ist so viel Arbeit! Und ich muss sofort einziehen. Heike zuckte die Schultern.
Vielleicht kannst du im Keller wohnen? Ulrike blickte verwirrt.
Heike erzählte, dass ihre Nichte Saskia im Sommer zu ihrer Mutter gezogen sei, und bot das Kinderzimmer bis zum Herbst an. Ulrike schob die Tür und roch plötzlich nach frischem Gras, nach Kindheit, nach einem fernen Bauernhof.
Der Rasen ist hier gewachsen, wir müssen mähen, meinte Heike. Du schaffst das nicht allein.
Ich bestelle eine Baufirma, die den Garten aufgräbt. Ich habe Ersparnisse. Fünf Jahre habe ich von Klaus Privatklinik gelebt, er sah mein Gehalt als Taschengeld.
Heike seufzte: Ein guter Mann, dein Klaus.
Ich dachte das auch, aber es drückt mir das Herz.
Sie sprachen über Leni, über ihre Zähne, über das Leben in den Vierzigern. Ulrike dachte an Polina, ihre Tochter, die bald studieren würde, und an die Scheidung, die sie bald ansprechen musste.
Plötzlich tauchte auf dem Feld ein Mann mit rotem, lockigem Haar und breiten Schultern auf. Er hieß Gerd, ein Nachbar, der sein Schwein Hektor suchte.
Ich suche Hektor, Ihren Schwein.
Ulrike, noch im Morgenmantel, trat auf die Veranda.
Welcher Hektor?, fragte sie verwirrt.
Gerd rief: Hektor! Komm her, du kleiner Tor! Das Schwein kam aus dem hohen Gras hervor, schwarz wie Tinte, klein und völlig fremd.
Ist das ein reinrassiges Schwein?
Ich kenne mich nicht aus, ich habe keine Schweine.
Warum haben Sie das Schwein?
Er hat sich in meinem Schuppen eingenistet, ich habe die ganze Gegend gefragt, keiner hat ein Schwein vermisst.
Ulrike, die bereits von einem bevorstehenden Scheidungsprozess geträumt hatte, sah das Tier an und sagte:
Lassen Sie das Schwein hier, ich habe genug Ärger.
Gerd nickte, wanderte zurück zum Zaun, und murmelte: Die Natur, frische Luft, die Stadt nicht weit.
Am nächsten Morgen weckte ein lauter Hundeschrei Ulrike aus einem Traum, in dem Schweine, Nachbarn und Hunde miteinander verschmolzen. Sie trat hinaus, sah ein winziges Welpenchen, das zitternd am Zaun hockte.
Der Nachbar, ebenfalls im Schlafanzug, öffnete die Tür. Neben ihm schnüffelte Hektor.
Ist das Ihr Welpe? fragte Ulrike.
Woher wissen Sie das?
Sie haben keinen Zaun, die Schweine kommen zu Ihnen, vielleicht die Hunde auch.
Ich wollte einen Hund aus dem Tierheim holen.
Ulrike schlug vor: Nennen wir ihn Arno.
Der Nachbar lachte: Arno klingt gut, aber ich heiße Arno. Nennen wir ihn doch Charly.
Ulrike nickte, während das Schwein grunzte und der Welpe laut jaulte.
Sie stand da, zwischen Schwein, Welpe und eigenen Erinnerungen, und fühlte, wie das Haus ohne Wasser, mit einer Außentoilette, ein Spiegel ihrer zerrütteten Seele war.
Plötzlich hörte sie Klaus Stimme aus der Ferne:
Party im Schlafanzug?
Ulrike drehte sich um und sah Klaus, den Nachbarn Arno und Gerd, alle zusammen.
Das ist Arno, flüsterte sie, und das ist Klaus, mein (ehemaliger) Mann.
Arno fragte: Welches Datum hat Ihre Scheidung?
Morgen, flüsterte Ulrike, und dann heiraten wir.
Ein Jahr später, nach vielen Träumen und Verrücktheiten, stand Ulrike erneut in der Küche, diesmal mit einem neuen Mann an ihrer Seite, und gemeinsam fütterten sie einen schnurrenden Kater, der wie ein stiller Zeuge über das vergangene Chaos wachte.





