– Und wer braucht dich? Zahnlose, fruchtlose, kinderlose KlaraSie wandert durch das verlassene Dorf, während die Schatten der Vergangenheit ihr leises Flüstern in den Ohren wie ein Mahnmal der verlorenen Träume werden.

Für wen bist du überhaupt noch da? brüllt Paul laut, spuckt und geht.
Sie sprintet zum Fenster, schaut ihm nach, während er die Straße hinuntergeht der Mann, mit dem sie fünfzehn Jahre ihres Lebens verbracht hat. Sie dachte, sie seien seelenverwandt. Doch beim Aufbruch wirft er ihr noch ein spöttisches Nur weil es bequem war zu.

Klara wohnt in einer kleinen Wohnung im Herzen Berlins, kocht hervorragend, ist eine wunderbare Hausherrin und würde alles für ihn tun.

Sie überlegt, das Fenster zu öffnen und ihm zu rufen, damit er sie nicht verlässt. Sie wäre sogar bereit, sich zu demütigen, damit er bleibt: dass er bei ihr wohnen soll, auch wenn er nur ein paar Tage pro Woche da ist, während er mit einer anderen Frau zusammen ist

Das wäre besser, als mit fünfundvierzig allein und verlassen zu sein. Sie schiebt das Fenster auf. Ihr Blick fällt zufällig auf das Porträt ihres Vaters in Militäruniform, das stolz ins Objektiv blickt.

Plötzlich schämt sie sich für ihre Schwäche.

Sie sieht noch einmal, wie ihr eleganter Ehemann im Mantel in ein glänzendes Auto steigt, Koffer dabei.

Sie geht zur Küche. Der Flur führt sie vorbei an einem hohen Schrank, ein Erbstück ihrer Großmutter.

Im Spiegel reflektiert eine fette, müde Frau mit grauen Haaren und matten Augen.

Klara weiß, dass sie nicht die Schönste ist. Ihre Gesundheit lässt nach, die Zähne lockern sich, das Geld für neue fehlt ihr Mann braucht ein neues Auto und muss bei der Arbeit immer in teuren, schicken Klamotten erscheinen.

Was für ein Unsinn! schallt Lenas Stimme, ihrer Kollegin. Dein Paul kleidet sich wie ein Schauspieler, und du hast nur einen ausgeleierten Pullover, ein uraltes Kleid, ein paar Blusen, abgetragene Schuhe und Stiefel, die nicht mal meine Oma tragen würde. Dein Menü liest sich wie ein Restaurant: Steak, gedämpfte Frikadellen, Pfannkuchen mit Füllung, Fleisch. Will er nicht gehen? Du kannst nicht so mit deinem Mann umgehen, Freundin!

Klara hört zu, handelt aber auf ihre Weise. Dann sagt ihr Mann, dass er zu einer 27jährigen Frau mit vier Kindern geht.

Sie ist jung, seufzt Klara später.

Ihre Kollegin, zugleich Freundin, recherchiert im Netz, fragt Nachbarn und veröffentlicht:

Keine Spur von ihr! Sie nennt dich unfruchtbar! Du kommst aus gutem Hause, aber das Ende ist ein Loch! Nie einen Tag gearbeitet, Kinder von verschiedenen Vätern, nie schwanger geworden. Auch ihre Mutter ist unmoralisch. Sag nichts über Jugend, das gefällt den Männern nur wegen ihrer Leichtigkeit, aber allein darauf baut man keine Familie. Dein Paul hat dich überrascht. Halte durch!

Klara hält durch. Sie hat von ihren Eltern eine ausgezeichnete, große Wohnung im Zentrum erhalten.

Ihr Vater, als habe er etwas gespürt, hat alles so geregelt, dass Paul nie auf ihr Dachgeschoss zugreifen kann. Klara beschließt, ein Zimmer zu vermieten, um die Finanzen zu entlasten.

In ihrem Viertel werden mehrere Bauprojekte gebaut. Ein Ingenieur mit gepflegtem Bart, charmant und gebildet, kommt vorbei. Er heißt Wilhelm von Schönfeld. Er wirft ihr einen genauen Blick zu und sagt plötzlich:

Ich zahle Ihnen im Voraus! Gehen Sie zum Zahnarzt, machen Sie Ihre Zähne fertig. So eine Dame verdient es, nicht zu leiden!

Klara errötet. Sie ist nicht besonders hübsch, aber ein Zahnarztbesuch wäre nötig. Wilhelm gibt ihr mehr Geld und verspricht, es später zurückzunehmen. Kurz darauf erscheint sein Bruder, ein Mann in einem kanariengelben Sakko, violetten Hosen und mit einer auffälligen Frisur. Er heißt Klaus und arbeitet als Stylist.

Klaus besucht den Bruder, nimmt Klara unter seine Obhut und, während sie den Bewohnern Kuchen serviert, schlägt ihr ein neues Image vor.

Sie nimmt das Angebot an. Ihr Haar wird blond, das Makeup betont ihre schönen Züge, die Zähne werden korrigiert. Sie geht jetzt zu Fuß zur Arbeit, verliert überflüssige Kilos und joggt morgens im Park.

Eine liebe Frau mit zartem Lächeln und Grübchen in den Wangen, wie ein Schmetterling, der aus einer unscheinbaren Puppe schlüpft.

Plötzlich klingelt das Telefon. Der Nachbar öffnet die Tür und ruft:

Klara, da ist jemand für dich!

Auf der Schwelle steht ihr ExMann. Sie erkennt ihn kaum; Paul ist ein Jahr älter, blass, abgemagert und verwirrt. Seine einstige Ausstrahlung ist verschwunden. Neben ihm stehen Koffer.

Was willst du? fragt Klara.

Sie erinnert sich, wie sie am Anfang vergeblich versucht hatte, ihn anzurufen, wie er sie blockierte und sie auf die schwarze Liste setzte. Jetzt steht er da.

Wie hast du dich nur verändert! jubelt Paul.

Die Komplimente treffen Klara nicht. Sie erinnert sich an schlaflose Nächte, an die Sehnsucht, das Leben abzuschließen, an endlose Tränen und Panik.

Klara, ich habe so viel gelitten. Das Geld hat mich verzehrt. Die Kinder schienen anfangs normal, dann wurden sie ungezogen, rufen ständig, wollen nicht erzogen werden, verbringen den Tag am Handy, kochen keine Mahlzeiten, haben nur Fertiggerichte. Meine Hemden sind alle verschlissen, ich habe seitdem nichts mehr gekauft, alles ging an sie. Ich fühle mich wie im Irrenhaus. Ich liebe dich, Klara! Lass uns von vorn beginnen.

Doch in ihren Ohren hallen Pauls letzte Worte nach:

Für wen bist du überhaupt noch da? Zahnlos, unfruchtbar, ohne Nachkommenschaft, Klara.

Klara wirft einen letzten Blick auf ihren Ex. Gerade öffnen sich die Tür, und Wilhelm von Schönfeld tritt besorgt ein:

Klara, brauchen Sie Hilfe? Was ist das Problem?

Paul springt auf und schreit:

Und wer sind Sie überhaupt?

Ich bin Wilhelm, ihr Mann. Gehen Sie hier raus! sagt Klara und schlägt die Tür vor Pauls staunendem Mund zu.

Sie entschuldigt sich beim Nachbarn, nennt ihn Herrn Müller und wirft ihm einen Seufzer zu.

Es wird Zeit für Erklärungen, sagt Wilhelm. Ich liebe dich, Klara! Wie konnte ich eine so beeindruckende Frau verlassen? Heirate mich wirklich.

Er kniet nieder, Klara steht auf. Zwei Monate später überhäuft er sie mit Rosen, sie kaufen ein Landhaus am Bodensee.

Manchmal beobachtet aus der Ferne ihr ehemaliger Mann, flucht über das Schicksal, dass er sich von einer guten Frau zu einer Nichtigkeit hingegeben hat.

Klara und Wilhelm gehen Hand in Hand die Berliner Straße entlang, glücklich und verliebt, und sie wartet auf ihr gemeinsames Kind.

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Homy
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– Und wer braucht dich? Zahnlose, fruchtlose, kinderlose KlaraSie wandert durch das verlassene Dorf, während die Schatten der Vergangenheit ihr leises Flüstern in den Ohren wie ein Mahnmal der verlorenen Träume werden.
Der Koffer aus dem Dachboden