Roman war ein Mann, dem praktisch alles gehörte. Eine eigene Wohnung im PrenzlauerBerg, ein gut bezahlter Job bei einer Berliner Werbeagentur, ein glänzender BMW, Abendessen im SterneRestaurant, modische Markenklamotten er war komplett abgepackt. Nur eines fehlte: die Liebe. Vor mehr als einem Jahr hatte er sich nach sieben gemeinsamen Jahren von seiner Frau getrennt. In einem schicksalhaften Moment hatte sie ihm gesagt, sie wolle nur für sich leben, keine Kinder, keinen FamilienTrubel. Sie war zu besonders für ein gewöhnliches Eheleben, und er war für sie zu schlicht und unprätentiös. Roman war immer korrekt, glaubte an Ehrlichkeit und Anstand; seine Eltern waren stolze Menschen, doch sie lebten weit entfernt, in München, und man sah sich nur selten.
Als er etwas früher als üblich die Arbeit verließ, fuhr er nach Hause, um zu duschen und anschließend in ein Restaurant zu fahren. Kochen war keine Option. Plötzlich überkam ihn der Gedanke: Was, wenn er seine Prinzipien breche, am Kiosk einen Döner, eine Cola kauft und einen verbotenen Abend genießt? Beim Heranfahren sah er aus der Ferne einen kleinen Jungen, etwa fünf oder sechs Jahre alt, der auf einer Betonkante saß und Tränen über die Wangen laufen ließ. Romanns Herz zog sich zusammen. Er stieg aus dem Auto, kniete sich zu dem Jungen hinunter.
Wer bist du? Was machst du hier? Wo sind deine Eltern?
Ich heiße Lukas Lehmann. Ich habe richtig Hunger, aber ich habe kein Geld. Meine Mutter wurde ins Krankenhaus gebracht und ich bin allein. Ich habe Angst.
Wo ist dein Vater, Lukas?
Weiß nicht, Mama hat gesagt, er sei gegangen, als ich geboren wurde.
Wie lange bist du schon auf der Straße?
Zwei Tage. Ich habe Schlüssel, aber die Tür lässt sich nicht öffnen. Ich schlafe im Treppenhaus, es ist kalt und ich habe keinen Appetit.
Roman nickte, legte dem Jungen ein paar Euro auf die Hand und sagte: Komm, wir holen etwas zu essen und gehen dann zu dir nach Hause. Du zeigst mir, wo du wohnst.
Sie kauften verschiedene Snacks, Roman nahm Lukas an der Hand und fuhr mit ihm zu dessen Wohnung. Die Tür war zu hoch für den kleinen Jungen, er konnte das Schloss nicht erreichen. Im Inneren rannte Lukas sofort zur Küche, schnappte sich ein Stück Brot und begann zu kauen. Roman stellte die Tüten auf den Tisch und sagte:
Mach dich erst mal sauber, zieh dir frische Kleidung an. Ich bereite uns etwas zu.
Lukas nickte, verschwand ins Bad und kehrte bald darauf mit frischer Kleidung zurück. Roman fragte, ob er helfen solle, doch der Junge erwiderte erwachsen: Ich bin ein Junge, ich schaffe das selbst.
Sie setzten sich an den Küchentisch und aßen. Roman beobachtete, wie Lukas das Essen hastig verschlang, kaum kaute. Nach und nach wurde der Junge schläfrig und fiel am Tisch ein. Roman nahm ihn behutsam auf, trug ihn ins Schlafzimmer, legte ihn auf das Bett und deckte ihn zu. Die Wohnung war ein kleines Einzimmer kaum größer als ein Wohnzimmer, doch sie strahlte heimelige Wärme aus. Auf dem Nachttisch standen Fotos: ein junges Mädchen mit Lukas, ein hübsches Gesicht mit klaren Konturen.
Während er durch die Wohnung ging, fragte sich Roman: Was mache ich hier? Warum das alles? Dann sah er den schlafenden Jungen und begriff, dass er nicht mehr gehen konnte. Er streichelte Lukas sanft, nahm die Schlüssel, schlich leise zur Tür, fuhr zurück zu seinem Auto, parkte es vor dem Haus und ging nach oben. In seinem Zimmer schlief Lukas fest. Roman kehrte in die Küche, räumte den Tisch ab, verstaute die Lebensmittel im Kühlschrank und bemerkte im Flur ein Notizbuch am Spiegel. Er braute sich einen Kaffee, schlug das Buch auf und fand dort die Daten von Lukas Mutter: Name, Geburtsdatum, Handynummer. Er wählte die Nummer, doch die Leitung war besetzt. Dann rief er jedes Krankenhaus und jede Auskunft an, um herauszufinden, in welches Klinikum Irina Lehmann die Mutter gebracht worden war. Schließlich erfuhr er, dass sie in einer onkologischen Abteilung der Charité in Berlin lag. Das machte ihm ein schweres Herz. Er ging zu Lukas, richtete die Decke neu und ließ sich selbst auf das Sofa sinken, bis er einschlief.
Als er wieder erwachte, drang die Morgensonne durch das Fenster. Lukas lag nicht mehr im Bett. Eine kleine Stimme rief:
Onkel, bist du wach? Ich habe Frühstück und Tee gemacht.
Roman wischte sich das Gesicht, ging in die Küche. Auf dem Teller lagen schief geschnittene Butterbrote, die für ihn wie die köstlichsten Leckerbissen wirkten.
Weißt du, Lukas, sagte er, gestern habe ich herausgefunden, wohin deine Mama gebracht wurde. Wir sollten sie besuchen, damit sie nicht allein ist.
Lukas nickte. Sie packten das Notizbuch ein und fuhren zur Charité. Am Empfang erfuhren sie das Zimmer, zogen Überziehschuhe an und eilten hinauf. Die Tür öffnete sich, und Roman sah das erschöpfte Gesicht einer Frau, dunkle Ringe unter den Augen, blaue Flecken. Als sie ihren Sohn erblickte, weiteten sich ihre Augen, Tränen flossen wie ein Schwall.
Mein lieber Junge, ich habe so um dich gefürchtet. Wer ist dieser Mann?
Mama, das ist Roman. Er ist mein Freund, ein sehr netter Mann. Gestern hat er viel Leckeres gekauft, ich habe mich vollgestopft und bin eingeschlafen.
Irina richtete ihren Blick auf Roman.
Wer sind Sie? Danke, dass Sie sich um meinen Sohn kümmern. Ich weiß gar nicht, an wen ich mich sonst wenden soll.
Frau Lehmann, beruhigen Sie sich bitte. Wir haben Lukas zufällig getroffen und sofort Freundschaft geschlossen. Ich werde ihn nicht im Stich lassen, er bleibt bei mir. Heilen Sie sich, und wenn Sie gehen können, wird er zu Ihnen zurückkehren.
Irina schluchzte und flüsterte fast unhörbar:
Ich werde hier nicht mehr rauskommen. Das ist das Ende. Wenn Sie mein Freund sind, bitte ich Sie: In meinem Notizbuch steht die Adresse meines Elternhauses und die Kontaktdaten des Direktors des Heims, in dem ich aufgewachsen bin. Wenn ich weg bin, bringen Sie Lukas dorthin. Der Direktor ist informiert. Das ist die einzige Person, die mir noch etwas bedeutet.
Roman versprach, alles zu tun. Der Arzt im Nebenflur erklärte, dass das Krankheitsbild sehr fortgeschritten sei, im besten Fall noch einen Monat, vielleicht weniger. Irinas Schmerzen waren kaum noch zu lindern.
Doktor, darf ich bitte um etwas bitten? Ich zahle alles, was nötig ist. Könnten Sie ihr eine Einzelzimmer geben und alles tun, um ihre letzten Tage erträglicher zu machen?
Der Arzt nickte, weil ein separates Zimmer verfügbar war.
Ich komme jetzt mit Lukas noch ein paar Besorgungen machen.
Zurück im Krankenhaus fand er Irina bereits in dem hellen Einzelzimmer, ein kleiner Kühlschrank steht daneben. Sie und Lukas brachten Säfte, Obst und eine warme Mahlzeit an das Bett. Trotz der Schmerzen aß Irina ein wenig, um ihren Sohn und den neuen Freund zu erfreuen. Sie sah Roman mit Respekt und stiller Bitte an, dass er ihren Sohn nicht verlasse.
Jeden Tag brachte Roman ihr Blumen, erzählte lustige Anekdoten, und Irina begann wieder zu lächeln. Er erklärte ihr, dass er seine Mutter um Hilfe gebeten hatte, damit Lukas nicht allein zu Hause bleibt. Drei Wochen später bekam Irina ein leichtes Rötechen auf den Wangen, und Romannes Hoffnung keimte auf, dass sie überleben könnte. Er ging zum Arzt, doch dieser sah ihm nur noch in die Augen und sagte schlicht:
Sie wird gehen.
Die Nacht verbrachte Roman schlaflos, wanderte durch die Gänge, trank kalten Kaffee in der Küche. Irinas Stimme hörte er immer wieder keuchen, er setzte ihr Infusionen, bis sie einschlief. Am Morgen fütterte er sie, dann Lukas und ihn ebenfalls. So vergingen fünf weitere Tage, bis Irinas Herz den Schmerz nicht mehr ertragen konnte. Es fühlte sich an, als würde ein Teil von Romannes Seele mit ihr sterben.
Auf dem Friedhof standen ein Mann und ein kleiner Junge nebeneinander. Hinter ihnen standen Romannes Eltern und seine Freunde. Roman hielt Lukas fest an der Hand, als wolle er ihn nie wieder loslassen.
Papa, Mama hat gesagt, du bist mein Vater, du hast mich gefunden. Stimmt das? Bleibst du immer bei mir und gehst nie weg, so wie Mama?
Roman kniete nieder, zog den Jungen an sich und flüsterte:
Ja, mein Junge, ich bin hier und werde immer da sein. Und deine Mama, sie ist nicht wirklich weg. Sie schaut vom Himmel auf dich, bleibt in deinem Herzen.
Lukas umarmte Roman fest, sah das Foto seiner Mutter an und sagte:
Mama, mach dir keine Sorgen. Papa ist bei uns, und ich passe auf dich und Großmutter auf. Komm oft zu mir, und ich erzähle dir, wie wir leben. Ich liebe dich von ganzem Herzen.
Er strich mit seiner kleinen Hand über das Foto, während Tränen über Romannes Wangen liefen. Romannes Leben hatte sich radikal gewandelt. Endlich hatte er einen Sinn, einen Menschen, für den er leben wollte das Versprechen, das er seiner verstorbenen Frau gegeben hatte, ihren Sohn zu beschützen, wie sein eigenes Kind.





