Ein Junge aus dem Jenseits rettete seine Mutter
Ein kleiner Junge rief mich an und flehte, seine sterbende Mutter zu retten. Sie wurde gerettet doch später stellte sich heraus, dass der Junge, Maximilian, der mich angerufen hatte, bereits vor einem Monat … beerdigt worden war … Ich bin Arzt. In meinen Jahren der Praxis habe ich die seltsamsten Geschichten erlebt. Traurige, freudige, skurrile. Doch eine davon bleibt mir besonders im Gedächtnis die seltsamste von allen.
Die Geschichte spielte sich zu Beginn meiner Karriere ab, in den frühen 1980er Jahren. Ich hatte gerade mein Medizinstudium abgeschlossen und wurde in eine kleine Landklinik in einem Dorf versetzt. Ich erwartete ein baufälliges Gebäude, doch stattdessen stand ich vor einer nagelneuen Einrichtung. Das Team empfing mich herzlich. Ich war überglücklich! Die erste Woche verlief unspektakulär, obwohl die Patienten bis spät in die Nacht kamen. An einem Freitag beschloss ich, früher zur Arbeit zu gehen, um in Ruhe meine Unterlagen zu ordnen. Bis zur Sprechstunde war noch eine Stunde Zeit, und meine Kollegin, die Schwester Helene, war noch nicht da. Doch kaum hatte ich begonnen, klingelte plötzlich das Telefon.
Ich hob ab und hörte eine helle Jungenstimme: *Herr Doktor Schneider! Meiner Mama geht es schlecht! Waldstraße 11. Kommen Sie schnell!* *Was ist mit ihr?*, fragte ich. *Sie stirbt!*, antwortete der Junge, nun leiser. *Wie stirbt sie? Was ist passiert? Rufen Sie einen Krankenwagen!*, rief ich alarmiert. *Niemand ist hier, nur ich. Und meine Schwester ist noch nicht da.* Die Verbindung brach ab.
Ich warf meinen Kittel über und eilte zur angegebenen Adresse. In fünfzehn Minuten war ich da. Die Tür stand einen Spalt offen. *Hat jemand einen Arzt gerufen?*, rief ich. Keine Antwort. Ich drang weiter vor und sah im Zimmer eine regungslose Frau. Sie lag quer über dem Bett, der Kopf hing herab, das blasse Gesicht unter wirrem, dunklem Haar verborgen.
Ihre Hand war eiskalt, doch ein schwacher Puls war spürbar. Auf dem Boden lag eine leere Pillenschachtel. Alles deutete auf eine Überdosis hin. Mit Suizidfällen hatte ich bis dahin noch keine Erfahrung. Jede Sekunde zählte. Auf dem Nachttisch entdeckte ich ein Telefon und rief den Notdienst. Während ich auf den Rettungswagen wartete, leistete ich Erste Hilfe.
Die Sanitäter kamen schnell. Ich erklärte ihnen, die Frau habe ihre Medikamente falsch dosiert, es rechtzeitig bemerkt und mich alarmiert. Eine Notlüge Selbstmordversuche wurden damals streng gehandhabt, psychiatrische Zwangseinweisungen waren die Regel.
Als sie die Frau auf der Trage hinausbrachten, hatten sich schon neugierige Nachbarn versammelt. *Herr Doktor, was ist mit ihr?*, fragte eine alte Frau. *Ist sie tot?* *Sie wird gesund werden.* Die Alte seufzte: *Wahrscheinlich hat ihr Maximilian sie gerufen. Ihr Sohn ist ertrunken. Bald ist es einen Monat her.* *Aber sie hat doch noch zwei Kinder. Ein Junge und ein Mädchen.* Die Frau schüttelte den Kopf: *Nein, der Kleine war ihr einziges Kind.*
Das war neu. Wer hatte mich dann angerufen? Von welcher Schwester hatte der Junge gesprochen? Ich hatte keine Zeit nachzudenken, die Sprechstunde begann in fünf Minuten.
Schwester Helene rang die Hände: *Herr Doktor, wo waren Sie? Ich war schon besorgt!* Ich erzählte ihr von dem seltsamen Anruf. *Ich kenne die Familie.* Helene senkte die Stimme. *Die Frau heißt Lieselotte, sie ist sehr lieb. Sie und ihr Mann haben lange auf ein Kind gewartet. Und als Maximilian endlich kam, vergötterten sie ihn. Warum musste ihnen so etwas widerfahren?*
Dann blickte sie mich nachdenklich an. *Eins verstehe ich nicht. Wie konnte jemand Sie anrufen, wenn unsere Telefonleitung noch gar nicht angeschlossen ist?* *Was?* Ich starrte auf das Telefon. Helene hob den Hör und ich sah, dass kein Kabel daran hing.
Ich war sprachlos. Ein toter Junge hatte mich über ein totes Telefon kontaktiert? Brauchte ich etwa selbst ärztliche Hilfe? Doch ich hatte die Stimme gehört!
Den ganzen Tag grübelte ich, nach der Arbeit besuchte ich Lieselotte im Krankenhaus. Sie war bei Bewusstsein, ihr Mann war bei ihr. *Doktor, vielen Dank!*, sagte er und drückte meine Hand. *Ohne Sie wäre meine Liesel nicht mehr hier.* Die Frau selbst starrte teilnahmslos aus dem Fenster.
*Warum kamen Sie zu uns?*, fragte sie leise. Ich erzählte von dem Anruf. Eine Träne rollte ihre Wange hinab. *Maximilian hat mich gerettet.* Ich nahm ihre Hand. *Ihr Sohn will, dass Sie leben. Sonst hätte er mich nicht geschickt! Kämpfen Sie zu seinen Ehren! Und er sprach von einer Schwester, die noch kommen würde.*
Doch sie schüttelte nur den Kopf. *Die Ärzte sagten, ich werde nie wieder Kinder bekommen.* Lieselotte weinte. Ich verließ das Zimmer, selbst den Tränen nahe.
Ich besuchte sie nicht wieder sie schien mich nicht sehen zu wollen. Doch die Geschichte ließ mich nicht los. Jahre später klopfte es während der Sprechstunde an meine Tür. Vor mir standen Lieselotte und ihr Mann. Sie strahlte und hielt ein etwa fünfjähriges Mädchen an der Hand. *Das ist unsere Tochter, Anneliese.*
Das Kind versteckte sich hinter ihrer Mutter. Lieselotte lächelte. *Ich wollte danken. Ihre Worte trafen mich tief. Nach meiner Entlassung gingen mein Mann und ich ins Kinderheim. Anneliese stand auf der Treppe als hätte sie auf uns gewartet. Da verstand ich, warum Maximilian mich nicht gehen ließ. Und dann… geschah ein Wunder.* Sie strich über ihren runden Bauch.
Es sind viele Jahre vergangen, doch manchmal denke ich noch an den Jungen, der mich auf mysteriöse Weise aus dem Jenseits kontaktierte. Eines Abends, als ich durch das alte Dorf ging, blieb ich vor dem kleinen Friedhof stehen. Der Wind raschelte in den Bäumen, und auf Maximilians Grab lag ein frischer Strauß Gänseblümchen seine Lieblingsblumen. Neben dem Stein stand ein winziges Paar rote Schuhe, ordentlich aufgestellt, als hätte jemand gerade ausgezogen. Ich wagte nicht, länger zu bleiben. Doch in jener Nacht träumte ich von einem Jungen mit dunklen Locken, der lachte und einem kleinen Mädchen die Schaukel anschob. Am nächsten Morgen war das Telefon auf meinem Schreibtisch stumm und doch wusste ich: Manchmal ruft uns das Unmögliche, damit wir glauben können.





