HundDer treue Hund sprang begeistert durch das raschelnde Laub, während die Abendsonne seine glänzenden Fellsträhnen in ein warmes Gold tauchte.

Tim öffnete die Tür und trat in die Wohnung. Er sagte nicht das gewohnte Mama, ich bin zu Hause! das war Veronika sofort suspekt. Keine quietschenden Stiefel auf dem Flur, kein Rascheln der dicken Winterjacke, kein Herumfummeln oder Stöhnen

Tim, bist du das? Ich habe Hering gekauft, die Kartoffeln braten schon, gleich gibts Abendbrot.
Stille.
Tim?

Veronika schnapte sich flugs ein Küchenhandtuch, wischte die feuchten Hände ab und ging ins Flur. Auf den ersten Blick sah sie, dass etwas nicht stimmte. Ihr Sohn stand schlapp, ganz aus der Puste. Er hob vertrauensvoll den Blick zu ihr, und ihr Herz zog sich zusammen so viel Schmerz lag in seinen Augen.

Sie packte ihn am Kragen und bohrte nach:
Hast du dich geprügelt? Wurde dir jemand auf den Kopf gehauen?
MMama Mama Da

Er verzog das Gesicht, kämpfte gegen Tränen.
Sprich endlich, fürchte dich nicht!
Mama, da ist ein Hund im Müllschacht. Er ist verletzt. Der Schacht ist nicht einfach, sondern wie ein Loch unter dem Haus. Ich wollte ihm helfen, aber er hat gebellt. Der Hund kann nicht aufstehen, Mama, und draußen ist es eiskalt. Der Müll liegt drüber.

Veronika atmete kurz durch wichtig war, dass ihr Sohn unverletzt war.
Wo ist er? Direkt vor unserem Haus?
Nein, in einer anderen Straße, auf dem Weg zur Schule. Können wir hingehen? Er braucht Hilfe!
Hast du irgendwen um Hilfe gebeten?
Ja, aber keiner wollte. Alle wischten die Hände weg. Der Junge senkte den Blick.

Hör zu, Timotheus. Es ist schon spät und dunkel. Zieh deine Jacke aus, vielleicht ist der Hund nur müde und legt sich zum Ausruhen hin.
Nein, er kann nicht aufstehen.
Vielleicht hast du das im Dunkeln nur eingebildet. Lass uns bis zum Morgen warten. Wenn er dann noch da ist, rufen wir die Feuerwehr oder die Polizei. Okay? Jetzt aber schnell die Jacke aus, deine Hände sind schon wie Eis.

Timotheus zog widerwillig die Jacke aus.
Mama, was, wenn er bis zum Morgen erfriert?
Er ist ja ein Hund, Tim, und ich bin mir sicher, er ist ein Streuner, gewohnt an die Kälte, er hat ein Fell. Nichts wird ihm passieren.

Zögernd ging er ins Bad, um sich die Hände unter heißem Wasser zu waschen. Während das Wasser über seine gefrorenen Handflächen lief, konnte er das Bild des verwundeten Hundes nicht loslassen das ängstliche, verzweifelte Leuchten aus der dunklen Öffnung des Müllschachts, das Geräusch von Abfällen, die die Nachbarn hinunterkippten. Der Hund war ein gewöhnlicher Mischling, mit rötlichen Flecken an den Wangen. Wie lange lag er dort schon? Warum konnte er nicht aufstehen? Timotheus stellte sich die Szene immer wieder vor, und ihm wurde schrecklich übel.

Am Abend, nachdem sie die Rucksäcke in den Fluren abgestellt hatten, zogen Tim und sein Freund in die Kälte. Es war ungewöhnlich warm für Dresden, doch ein Frösteln lag noch in der Luft, und der Schnee schmolz kaum. Sie wollten nicht mehr nach Hause und rasten die Hügel hinunter auf Schlitten und zu Fuß, stellten sich als Snowboarder vor. Irgendetwas zog sie dazu, den Weg nicht über den Bürgersteig, sondern entlang einer schmalen, abgetretenen Gasse hinter den Häusern zu nehmen. Und plötzlich sah Tim im Müllschacht ein Paar funkelnder Augen. Zuerst dachte er an eine Katze.

Sie näherten sich, bückten sich ein Hund.
Halte mich an den Beinen, ich versuche ihn zu erreichen!

Tim legte sich an den Rand des Schachts und streckte die Hände hinunter, doch der Hund knurrte.
Lass ihn, gehen wir nach Hause. Er schläft da, sagte sein Freund.

Hündchen, komm her! Tütü, tütü!, rief Tim, doch das Tier blieb regungslos. Komm zu mir, ich helfe dir! Der Hund jaulte nur leise.

Tim schaltete das HandyTaschenlampenlicht ein und leuchtete nach unten. Der Hund hatte mehrere kleine Bissspuren und an einer Hinterpfote eine große Wunde. Wie konnte man ein so leidendes Geschöpf einfach zurücklassen?

Die nächsten dreißig Minuten verbrachte der elfjährige Tim damit, Passanten junge Männer, ältere Herren, Rentner zu bitten, das Tier zu befreien. Fast alle winkten nur ab. Sogar sein Freund ging weg, weil er hungrig war und nach Hause musste.

Warum machst du das? Lass das Tier, geh nach Hause, es kommt schon von allein, hörte Tim immer wieder.

Am nächsten Morgen sprang Tim viel früher als sonst auf, um die Tür zu öffnen. Veronika, die im Kindergarten arbeitet, musste bereits um sieben Uhr zur Arbeit.

Schau nach, ob er noch da ist. Ich bin sicher, er ist weg, und du machst dir nur Sorgen, meinte sie.

Tim seufzte, sammelte sich und eilte zur Haustür. Im Treppenhaus fiel ihm sofort die Ecke unter der Treppe ein vor einem Jahr hatte er dort ein Kistchen mit vier Kätzchen gefunden, sie mit seiner Mutter behandelt, gefüttert und schließlich in ein Tierheim gebracht. Zuhause gab es zwei Katzen und einen Hund, und nur die allererste Katze hatte seine Mutter aus der Hand genommen; die anderen hatten sie auf der Straße aufgenommen. Im Sommer hatte er eine tote Taube gefunden und unter einem Parkbaum beerdigt. Wenn er sah, dass eine alte Dame schwer mit ihren Einkaufstüten kämpfte, sprang er sofort zur Hilfe; wenn ein Rentner die belebte Straße nicht rechtzeitig überquerte, war Tim sofort zur Stelle. Er fragte sogar heruntergefallene Männer, ob sie verletzt oder nur betrunken seien man weiß ja nie.

An diesem Morgen rannte Tim wie ein Wirbel zum Müllschacht. Er hoffte aus tiefstem Herzen, dass der Hund inzwischen selbst herausgeklettert war. Doch das Tier lag noch immer dort, zitternd vor Kälte.

Mama, ich schicke dir gleich ein Video, schau! Wir müssen etwas tun, wir können ihn nicht einfach zurücklassen, schnappte er nach Luft.

Veronika dachte sofort an die Feuerwehr. Sie versprach ihm, sofort anzurufen, und sagte, er solle zur Schule gehen, weil er dort sowieso nichts ausrichten könne. Die Feuerwehr wies jedoch darauf hin, dass sie sich nicht um solche Fälle kümmere; stattdessen sollten sie den städtischen Entsorgungsbetrieb kontaktieren. Auch dort bekam Tim keine Hilfe.

Zur Mittagspause rief Veronika ihre Freundin Nastja an.
Tim hat einen Hund gefunden, der

Nastja schlug vor, im Tierheim anzurufen. Dort fanden sie schnell die Kontaktdaten des Tierheims Hoffnungshaus. Freiwillige machten sich sofort auf den Weg. Tim verließ seine letzte Stunde, um dem Hund zumindest ein tröstendes Wort zu geben.

Er ist hier! Er ist hier!, jubelte Tim, als die Helfer ankamen.

Eine junge Frau sprang mit einer Decke in den Schacht, andere hielten sie an den Beinen. Der Hund jaulte, konnte nicht mehr bellen. Das Anheben war mühsam das Tier war an den eisigen Metallrahmen gefroren, weil es in der Kälte uriniert hatte.

Ach du meine Güte, du armer Kerl, streichelte eine Helferin ihn, wie dünn du bist, nur noch Knochen!

Sie wickelten ihn in die Decke und legten ihn auf den Boden, damit er atmen konnte. Tim hüpfte unruhig hin und her.

Was machen wir jetzt mit ihm?, fragte er.
Wir bringen ihn ins Tierklinikum, dort wird man die Wunden versorgen, erklärte einer der Helfer.

Der Hund, den Tim später Jack nannte, heilte nach einigen Wochen langsam. Veronika war besorgt, ob sie noch ein weiteres Tier dauerhaft beherbergen könnten, weil sie und Tim allein lebten.

Die lokale Zeitung berichtete über Tims Einsatz, Journalist*innen interviewten ihn, doch Tim sah sich nicht als Held.

Ich denke, das ist einfach menschliches Verhalten, wenn man ein Gewissen hat, sagte er im Interview. Nichts heroisches an meiner Tat. Die Menschen sind heute so gleichgültig, dass ein kleiner Funke Freundlichkeit fast schon ein Wunder ist. Ich habe nur das Alltägliche getan, und das wurde plötzlich als etwas Großes dargestellt.

Der Journalist fragte weiter:
Was würdest du an der Welt ändern?
Dass die Menschen netter werden.

Was willst du werden, wenn du groß bist?
Tierarzt, ich will mit Hunden arbeiten. Und ich will freiwillig helfen, auch wenn ich noch klein bin und oft abgelehnt werde. Ich will alten Menschen helfen, weil ihr Alleinsein mich traurig macht.

Wie geht es Jack jetzt?
Gut. Wir haben ihn behalten, er ist unser Hund. Jack! Komm her, Junge! Zeig uns, was du gelernt hast.

Der flauschige Hund sprang sofort zu Tim.
Sitz! Platz! Kriech, mein Kleiner, kriech!

Tim, der Junge mit dem verletzten Herzen, weiß: Ein verletztes Herz kennt nie Ruhe. Solange es Leid gibt, wird es Menschen wie ihm geben, die die Hand ausstrecken. Und solange es solche Herzen gibt, wird das Gute noch ein Stück weiterkommen.

Auf dem Foto: Timotheus Körner aus Dresden und sein Hund Jack.

Anna Meyer.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

HundDer treue Hund sprang begeistert durch das raschelnde Laub, während die Abendsonne seine glänzenden Fellsträhnen in ein warmes Gold tauchte.
Die unsichtbare Freundin