Lukas schaute zu Lina hinüber und empfand bitteren Neid. Lina wurde aus dem Kinderheim geholt. Ihre neuen Eltern waren bereits dabei, die Papiere zu unterschreiben, und bald würde sie eine Familie haben. Lina erzählte strahlend von ihren Erlebnissen mit ihnen vom Zoo, in dem Lukas noch nie gewesen war, vom Puppentheater, wo sie eine echte Hexe gesehen hatte, und von der Marmelade, Aprikosenmarmelade mit Kernen.
Lukas war fünf Jahre alt. So lange er denken konnte, hatte er im Waisenhaus gelebt. Kinder kamen und gingen. Als eines Tages Max verschwand, fragte Lukas die Erzieherin, Frau Bauer:
“Frau Bauer, wo ist Max?”
“Er ist nach Hause gegangen, zu seiner Familie”, antwortete sie.
“Was ist eine Familie?”, hakte Lukas nach.
“Eine Familie ist der Ort, an dem man dich immer liebhat und auf dich wartet”, erwiderte Frau Bauer.
“Und wo ist meine Familie?”, fragte Lukas.
Frau Bauer seufzte nur, sah ihn traurig an und schwieg.
Seitdem fragte Lukas nie wieder danach. Er hatte verstanden: Eine Familie war etwas Wichtiges, etwas, das man unbedingt brauchte.
Als Lina eines Tages verschwand und zwei Tage später in einem schönen Kleid, mit frisch geflochtenen Zöpfen und einer neuen Puppe zurückkam, brach Lukas in Tränen aus. Niemand hatte ihn jemals mitgenommen. Er war überzeugt, dass niemand ihn wollte.
Doch dann trat Frau Bauer ins Zimmer, brachte ihm eine neue Jacke und eine Hose und sagte:
“Lukas, zieh dich um, gleich kommen Besucher für dich.”
“Für mich?”, staunte Lukas. “Wer denn?”
“Sie möchten dich kennenlernen.”
Lukas zog sich an, setzte sich auf die Bank und wartete. Frau Bauer kam zurück, nahm ihn an die Hand und führte ihn ins Besucherzimmer. Dort saßen ein Mann und eine Frau. Der Mann war groß, mit Bart und Schnurrbart. Die Frau war zierlich, schlank und wirkte auf Lukas wunderschön wie eine Rose, dachte er. Sie roch nach Blumen, hatte große Augen und lange Wimpern.
“Hallo”, sagte die Frau. “Ich bin Elke. Und du?”
“Lukas”, antwortete er. “Wer seid ihr?”
“Wir möchten deine Freunde sein”, sagte Elke, “und wir brauchen deine Hilfe.”
“Was für Hilfe?”, fragte Lukas und sah den Mann fragend an.
Der Mann kniete sich neben ihn und sagte:
“Guten Tag, ich bin Thomas. Man hat uns erzählt, dass du wunderbar malen kannst. Wir brauchen ein Bild von einem Roboter würdest du uns helfen?”
“Ja”, antwortete Lukas ernst. “Was für einen Roboter soll ich malen? Ich kann alle möglichen zeichnen.”
Thomas stand auf, ging zur Bank und holte eine Tasche hervor. Darin waren ein Zeichenblock, Buntstifte und ein riesiger Roboter in glänzender Verpackung. Die Sonne fiel durch das Fenster und ließ die Metallteile funkeln. Lukas hielt den Atem an so etwas Großartiges hatte er noch nie gesehen.
“Wow!”, rief Lukas. “Das ist doch Optimus Prime! Wisst ihr, dass er der Anführer der Autobots ist?”
“Gefällt er dir?”, fragte Thomas.
“Sehr!”, antwortete Lukas begeistert.
“Nimm ihn ruhig mit”, sagte Thomas. “Male uns ein Bild davon, und in der Zwischenzeit würden wir gern mit dir plaudern wie Freunde.”
Eine ganze Stunde verbrachte Lukas mit Thomas und Elke. Sie sprachen über alles, was er mochte und was nicht. Lukas erzählte von den Spielsachen im Heim, von seinem Bett und den zu dünnen Schuhen, in denen er im Winter fror. Elke hielt seine Hand, und Thomas strich ihm übers Haar.
Dann kam Frau Bauer herein.
“Lukas, es ist Zeit”, sagte sie. “Gleich gibt es Abendessen.”
Thomas stand auf, schüttelte Lukas’ Hand und sagte:
“Wir kommen in einer Woche wieder. Schaffst du es, den Roboter zu malen?”
“Ja aber kommt ihr wirklich?”, fragte Lukas.
“Natürlich”, antwortete Elke. Sie umarmte ihn so fest, dass es ihn fast drückte, und in ihren Augen glänzten Tränen.
“Warum weinst du?”, fragte Lukas.
“Das sind keine Tränen, Schatz, nur ein Staubkorn.”
Frau Bauer führte Lukas zum Essen. Er aß schnell und rannte dann in sein Zimmer, wo die Tasche mit dem Roboter lag. Vorsichtig packte er ihn aus. Er staunte, wie sich Arme und Beine bewegten und der Kopf sich drehen ließ. Dann nahm er den Block und begann zu zeichnen.
Plötzlich stürmten die älteren Jungen herein.
“Hey!”, rief der größte, Stefan. “Gib mir das!”
Er riss den Roboter an sich und warf ihn hoch.
“Lass das!”, schrie Lukas. “Der gehört mir nicht!”
“Natürlich nicht!”, lachte Stefan. “Hier gehört alles allen.”
Lukas versuchte, den Roboter zurückzuholen. Stefan zerrte an dem Spielzeug, bis es krachte und Lukas nur noch ein Bein in der Hand hielt. Tränen stiegen ihm auf. Wütend stürzte er sich auf Stefan, doch der schlug ihm das kaputte Spielzeug ins Gesicht. Blut lief aus Lukas’ Nase. Frau Bauer wusch ihn ab und stopfte Watte in seine Nase.
“Lukas, schämst du dich nicht?”, sagte sie. “Spielsachen sind hier für alle da. Jetzt ist der Roboter kaputt.”
“Er war nicht meiner!”, schluchzte Lukas. “Sie haben ihn mir nur geliehen, damit ich ihn male.”
Frau Bauer lächelte leicht. “Dann male ihn halt so.”
Lukas probierte es. Beim dritten Versuch stellte er den Roboter gegen die Wand, klebte das Bein an und zeichnete. Bis zum Schlafengehen hatte er ein Bild fertig. Am nächsten Tag malte er zwei weitere. Bald war der ganze Block voll.
Eine Woche verging. Lukas fragte Frau Bauer:
“Wann kommen Elke und Thomas?”
Sie sah ihn traurig an.
“Lukas, die Woche ist schon vorbei. Sie kommen wohl nicht.”
Lukas weinte. Bestimmt, weil er den Roboter kaputtgemacht hatte. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen.
Doch am nächsten Tag kam Frau Bauer lächelnd herein.
“Zieh dich an, Lukas. Jemand ist da.”
Lukas öffnete die Tür und da standen Thomas und Elke.
“Hallo”, sagte sie. “Wir holen dich ab.”
“Wohin?”, fragte Lukas.
“Du hast doch vom Zoo erzählt. Willst du mitkommen?”
Lukas weinte.
“Was ist los?”, fragte Thomas besorgt.
Lukas rannte ins Zimmer, holte den Block und den kaputten Roboter.
“Hier”, sagte er und schluchzte. “Stefan und ich es tut mir leid.”
Thomas lachte. “Lukas, der Roboter war doch für dich!”
Dann gab Lukas ihm den Block.
“Hier. Ich habe gemalt.”
“Perfekt!”, sagte Thomas. “Genau das wollten wir. Du bist wirklich ein toller Künstler. Und mach dir nichts aus dem Roboter den repariere ich.”
“Und jetzt ab in den Zoo!”, rief Elke und half Lukas in den Mantel.
Im Zoo war alles wunderbar. Die Affen waren am lustigsten sie turnten herum und aßen Bananen, dass Lukas lachen musste.
Später fragte Elke:
“Lukas, möchtest du mit uns nach Hause kommen?”
“Ja”, sagte er leise.
In der Wohnung blieb Lukas schüchtern an der Tür stehen.
“Komm nur”, sagte Thomas.
Elke führte ihn ins Kinderzimmer. Die Wände waren mit Sternen beklebt, das Bett sah aus wie ein Auto, und im Schrank lagen Spielsachen.
“Wer wohnt hier?”, fragte Lukas.
Thomas und Elke setzten sich zu ihm und nahmen seine Hände.
“Lukas, wir möchten, dass du bei uns bleibst”, sagte Thomas. “Das ist dein Zimmer. Alles hier gehört dir. Wenn du willst, darfst du für immer bleiben.”
“Für immer?”, flüsterte Lukas. “Das heißt ihr wollt mich adoptieren?”
“Ja”, sagte Elke. “Wir nehmen dich in unsere Familie.”
“Aber warum? Ich bin doch fremd. Und ich habe den Roboter kaputtgemacht.”
“Lukas, du bist nicht fremd”, sagte Elke sanft. “Du bist unser Sohn.”
Lukas nickte und weinte. Er mochte Thomas und Elke. Er mochte sein neues Zimmer. Er wollte nie wieder ins Heim zurück.
“Einverstanden?”, fragte Thomas.
“Ja. Ich werde artig sein.”
Thomas und Elke lachten, hoben ihn hoch und drückten ihn fest.
Und Lukas war glücklich. Endlich hatte er eine Familie. Eine richtige. Seine eigene.





