Fräulein Berger, Sie sind schon wieder hier? Warum verfolgen Sie mich, meine liebe, endlos hartnäckige Seele! Dr. Andreas Jürgensen schlängelte sich plötzlich unter den lustigen rot-weiß gestreiften Sonnenhut und fixierte die kleine, schmale Gestalt mit dem einfachen Sommerkleid. Berger, Sie müssen es doch endlich verstehen! Wir sind kein Wohltätigkeitsverein, sondern ein seriöses Institut. Sie haben die Aufnahmeprüfung nicht bestanden, wissen Sie selbst, was erwarten Sie jetzt noch? Mein Gott! Die ganze Anatomie durcheinandergebracht, lauter Unsinn erzählt, und dann auch noch mit Hoffnungen hierher?
Geben Sie mir eine zweitе Chaaance, klagte das Mädchen erneut, zog aus dem kleinen Kleid-Täschchen ein Taschentuch hervor, wischte sich hastig die Nase. Das Tuch war weiß, mit hellblauer Spitze und kleinen Blümchen in den Ecken.
Bewegend, dachte Andreas. Sie spürt genau, dass ich weibliche Tränen nicht ausstehen kann!
Es gibt keine Chance. Sie können es nächstes Jahr versuchen, meine Liebe. Falls Sie möchten, könnte ich Sie als Krankenpflegehelferin ins Krankenhaus bringen? Die Arbeit ist hart, schmutzig, aber Sie würden zumindest von innen sehen, wo Sie später mal arbeiten möchten. Ihr alle! Andreas Jürgensen schweifte mit dem Blick über den vollen Hof voller Studenten, Ihr seht nur den makellosen Kittel, glänzende Instrumente, alles steril, Lichtfluten, und ihr selbst als Halbgötter in Weiß, nickt Patientinnen und Patienten zu, diese schauen ergeben und flehend zurück. So? Wieder tauchte der Doktor unter dem Sonnenhut hervor, stoppte. Wie viele Sommersprossen haben Sie, Berger! Die Sonne scheint wirklich ein Auge auf Sie geworfen zu haben.
Kurz lachte er auf, plötzlich überkam ihn ein Gefühl von Leichtigkeit: Wegen der zarten, goldenen Sommersprossen auf Ingas Haut, wegen der Tatsache, dass die Sonne dieses Mädchen, diese Inga Berger, so hemmungslos küsst, und auch, weil heute der Geburtstag seiner Frau war und sie später raus aufs Land fahren würden: Zum See, wo die Barsche im Wasser sprangen, eine flinke, listige Hecht-Dame lauerte versuch mal die zu erwischen! Die Bienen summten im Bienenstock, und Andreas pflegte, mit ihnen zu reden, als wolle er ihnen Vernunft beibringen
Inga blickte erstaunt auf, blinzelte. Der Professor lachte? Wie absurd! Alles lief schief! Dabei hatte sie so hart geübt, und dann im Kommissionszimmer alles durcheinander gebracht, musste das Prüfungsblatt mit schwitzigen Fingern festhalten, traute sich kaum, die Augen zu heben
Ach, verzeihen Sie. Ich lache nicht über Sie. Sie sind eine wirklich hübsche junge Frau, Inga, sagte Andreas Jürgensen ganz offen. Hach, kommen Sie, essen wir ein Eis! Diese Hitze, kaum auszuhalten, wirklich! Er zupfte am Hemdkragen, das alte Ledertäschchen unter der Achsel, zog mit schweißbenetzter Hand einen zerknüllten Fünf-Euro-Schein aus der Tasche. Hier, holen Sie für uns beide ein Eis. Ich warte auf der Bank dort hinten auf Sie. Der Professor deutete mit der Hand.
Inga kniff die Augen zusammen, zuckte die Schultern.
Was soll ich Ihnen holen? fragte sie leise.
Irgendwas! Und schnell. Sonst bleibt von mir nur eine feuchte Stelle übrig, und die wird Sie bestimmt niemals als Pflegehelferin einstellen, meine Liebe! Los, Inga, beeilen Sie sich!
Mit Vergnügen sah Andreas zu, wie Inga auf ihren dünnen Beinchen losstakste, zu der Eisdiele rannte.
Ein richtiges Kind ist sie, schüttelte er den Kopf. Wo kommt so eine nur her?
Er setzte sich auf die Bank, stellte das Leder-Täschchen ab, fischte sein Taschentuch aus dem Jackett: Im Gegensatz zu Ingas war es riesig, grün-blau karierte Scheußlichkeit. Er tupfte Stirn und Hals ab, verzog das Gesicht. Widerlich! Dieses Gefühl, alt, müde und verschwitzt zu sein, und direkt neben so einem sanften, sommersprossigen Mädchen Widerlich nicht, weil er mit ihr flirten wollte um Himmels Willen, liebt er seine Veronika doch abgöttisch, hatte nie ein Auge für Studentinnen. Nein, einfach traurig, dass das Leben vorbei ist und man nur noch zuschauen kann, wie andere beginnen: jung, mutig, zäh, wie diese Berger, und die alles noch vor sich haben, besser werden könnten als wir Ausgedienten, die längst müde und kahl am Rand stehen
Andreas Jürgensens Blick blieb an Inga kleben, als sie zurückkam.
Warum beobachten Sie mich so? Hier ist Ihr Eis, ich habe Ihnen Vanille genommen reichte sie ihm den kleinen, in Papier gewickelten Block.
Und für Sie? Was haben Sie? fragte der Professor ärgerlich, sah auf ihre leeren Hände. Ich sagte doch, zwei Stück! Na also, jetzt hören Sie schon nicht zu! Wie soll das weitergehen?… Ich verrats Ihnen! Nun blickte er sie so stechend an, dass Inga an ein Hechtweibchen dachte, aus dem See von morgen. Gar nix! Sie kriegen einen Auftrag und machen ihn nicht! Ihnen wird etwas gesagt, und Sie hören nicht! Sie
Doch, doch, ich habs verstanden! Gleeeich! schoss der rot-weiße Sonnenhut zurück zum Eiskiosk, kaufte das zweite Eis, kam wieder angerannt. Hier!
Essen Sie, bestimmte Andreas Jürgensen. Und danach: Auf Wiedersehen. Ich habe noch viel zu tun, muss meine Frau aufs Land fahren, Gepäck ins Auto schaffen. Essen Sie. Wohin gehen Sie jetzt eigentlich?
Inga wischte sich den Mund ab, zuckte mit den Schultern. Das Eis war viel zu süß, zu fett, machte nur noch mehr Durst.
Was meinen Sie: Wissen Sie nicht, wohin? Andreas’ Stimme klang ungehalten. Sie müssen doch irgendwo hin?
Sie fand, mit Bart könnte der Professor glatt als Märchenonkel durchgehen
Doch, ich weiß schon Ich bleib erstmal bei meiner Tante. Ihre Verwandten kommen heute aus Flensburg, also muss ich weg. Die Wohnung ist ja nicht aus Gummi!
Ja, Tante Annegret hatte gesagt: Inga, die Wohnung quillt über. Hasts diesmal nicht geschafft? Dann fahr wieder heim. Thema beendet.
Fahren Sie heim? Woher kommen Sie? fragte der Professor, während er auf seinem Eis kaute.
Keine Rolle. Nehmen Sie mich bitte auf? Nur ein letztes Mal, ich flehe Sie an! flehte Inga. Ich kann alles erzählen, drei Prüfungsfragen, vier, aber ich war so nervös
Ach komm, nein. Das darf nicht sein, meine Liebe, schüttelte Jürgensen warnend den Finger, dass alles im Kopf durcheinandergerät. Was machen Sie später, in der Praxis? Dann verwechseln Sie noch den Blinddarm mit der Milz nie und nimmer!
Wie soll man das verwechseln? Ingas Augen wurden groß. Ist doch völlig verschieden Möchten Sie noch ein Eis? Zwei? trat sie an den Professor heran, er schüttelte sich.
Nein danke, Übertreibungen schaden nur. Auf Wiedersehen, Inga Berger. Bis nächstes Jahr. Mehr kann ich nicht tun.
Er stand auf, verbeugte sich, ging ohne sich umzudrehen zu den Bäumen im Park. Inga blieb mit ihrem kleinen, fast wie Spielzeug wirkenden Koffer beschwert auf der Bank zurück.
Aus Das wars, schluchzte die Nase. Wieder zu Hause wird sie ausgelacht. Schließlich hatte eh keiner geglaubt, dass sie Ärztin werden wollte
In Berghof, einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, durchschnitten von der Bundesstraße, die die städtischen Neubauten von den alten liebevoll geschmückten Bauernhäusern trennte, hatte wirklich niemand daran geglaubt. Die zierliche, hüpfende Inga könnte je in eine Universität aufgenommen werden. Und dass sie dann mal weißbekittelt im Krankenhaus Anweisungen geben würde, dabei war die jüngste Schwester selbst schon fast siebzig. Die jungen Leute dort flohen, Handwerkszeug fehlte, im Winter wurden die Fenster mit Strumpfhosen gestopft. Der Chefarzt, Dr. Nicolai Fromm, setzte allein auf warmen Alkoholumschlägen, der Hausbrand schwand täglich, sein Gesicht war rot, schwammig, mit violetten Äderchen, seine Stimmung miserabel. Neue moderne Kollegen lehnte er ab. Inga hatte gehofft, ihm zu trotzen aber versagte Eben Pech.
Der Professor war fort, Inga blieb still mit dem Eisstiel auf der Bank zurück.
Jetzt habe ich sogar Durst dachte sie, griff zum Koffer und ging zur Haltestelle. Die Regionalbahn erwischen, im Ort noch im Hellen ankommen!
Allein unterwegs hatte Inga Angst, wich nachts jedem Busch aus, fürchtete böse Geister, so hatte sie Oma als Kind geprägt. Da half nur unter die Decke kriechen, während Opa im Nebenzimmer schnarchte. Wer bei Opa einbricht, muss verrückt sein! dachte sie dann noch und schlief endlich.
Jetzt war der Opa tot, gestorben in eben jener Klinik, wo Dr. Fromm wieder seine Umschläge empfohlen hatte. Opa war stark geblieben, bis die letzten Minuten, dann war alles still geworden.
Nun ists vollbracht, brummte damals Frau Tamara, die Krankenpflegerin. Opa war fort, der dunkle Weg von der Station nach Hause, die alten Büsche, Ruinen. Inga schleppte ihren Koffer, schniefte leise. Warum hatte Dr. Jürgensen ihr nicht geglaubt? Sie hätte alles gegeben, so gern!
Kommen Sie nächstes Jahr, mein Kind. So ist das eben, hallte die Stimme des Professors nach. Ihr vertraute sie trotzdem, ohne Grund.
Als Inga fast die Ortsstraße erreicht hatte, tauchte plötzlich ein junger Mann auf, griff nach dem Koffer. Inga zuckte zusammen, wollte schreien, erkannte dann aber Erik.
Was machst du hier? Du hast doch nicht geglaubt, dass ich aufgenommen werde, oder? Gib den Koffer zurück!
Beruhig dich, Inga! knurrte er. Ich hab am meisten für dich die Daumen gedrückt! Deine Tante hat angerufen, du kämst zurück, da hab ich dich abgeholt. Bist traurig?
Er blieb stehen, Inga prallte fast gegen ihn, wurde von seinen starken Armen gedrückt, dann schlang auch sie die dünnen Arme um Erik, schmiegte sich an und begann zu weinen, wie ein Kind.
Und dann, ja dann, küsste Erik sie endlich. Drei Jahre hatte er sich geduckt, als sie zur Uni fuhr, beinahe hätte er sie geküsst, aber erst jetzt tat er es. Es war ungeschickt, nass, wie zwei Küken, Inga runzelte die Stirn, doch dann zog sie Erik an sich, und der machte weiter.
Es ist blöd gelaufen Aber ich bin froh, dass du zurück bist, flüsterte er nach der Kuss-Episode. Aber selbst wenn du weiter weg wärst, ich wäre dir nachgereist, ehrlich!
Inga nickte. Alles ist gut. Nur Opa fehlt. Und der Traum
Am nächsten Tag, genervt vom ewigen Gezwitscher vorm Fenster, suchte Andreas Jürgensen wie besessen die Bewerberlisten durch.
Also: Bauer, Baumgartner, Behrens… Weiter: Berger Aha! fuhr sein knochiger Zeigefinger die Namen entlang.
Suchen Sie jemanden? fragte die Assistentin Nadja, wischte sich mit einem weißen, blumengeschmückten Taschentuch das Brillenglas blank.
Woher haben Sie dieses Tuch? wollte der Professor streng wissen.
Auf dem Markt gekauft. Gabs auch mit gelben Blumen, aber das gefiel mir besser. Wieso? Nadja schob das Tuch schnell zurück in die Tasche.
Nichts! knurrte der Professor. Bentrup, Behrend, Berlin Himmel, wo ist sie?
Wer, Herr Professor? Nadja rieb nervös über ihren Babybauch.
Keine Sorge, Nadja, Sie dürfen sich nicht aufregen! wies er an. Inga Berger. Ich brauche diese Bewerberin. Sie stand nicht auf der Liste!
Nadja zuckte die Schultern, knabberte an einem Apfel sie aß immer, wenn sie nervös war.
Sie ist nicht da! Nicht gekommen! Ich hab meinetwegen sogar meine Veronika völlig nervös gemacht, sie ist nicht gekommen! So sind die Leute. Große Berufung und dann das! Ich hab beim Dekan für sie gebettelt, aber keine Chance! Glauben Sie diesen Studenten nicht, Nadja.
Sie nickte. Sie würde sicher niemandem mehr glauben!
Andreas Jürgensen gesellte sich wenig später mit grimmigem Gesicht zu den Listen der Zugelassenen.
Suchen Sie jemand Bestimmten? spöttelte die grantige Dozentin Frau Faber. Aber nicht jeder hat heute Glück!
Ich suche niemand! riss sich der Professor los und marschierte zur Eisdiele.
Er kaufte sich ein Vanilleeis, setzte sich auf die bekannte Parkbank, kaute nachdenklich.
Na gut, entschied er, dann eben nicht. Ich habe ja Hecht und Barsche im See, und heute wieder Geburtstag bei Veronika!…
Wieso erinnere ich mich gerade an Berger, und nicht an andere? Viele versuchen mich zu beeinflussen, bitten um Nachsicht, aber sie sie bot gar nichts, nur versprochen hatte sie zu lernen. Naiv und seltsam, aber irgendwie rein. Das hat sich eingeprägt. Nun, es ist vorbei.
Veronika saß in feinem Rock auf der Terrasse der Professorenvilla, lachte mit den Frauen den Nachmittag durch, die Männer grillten draußen, redeten über Angeln und Fußball.
Alles lief wie üblich, da, plötzlich sackte Andreas Jürgensen in sich zusammen, blass, zitternd, rang nach Luft.
Alle gerieten in Panik, fühlten den Puls, warfen Diagnosen in den Raum. Ehefrau Veronika saß bald im Auto, Andreas Kopf auf ihrem Schoß, sie zitterte vor Angst.
Was ist mit ihm? Schnell! schrie Veronika, krallte sich an seine Hand.
Wahrscheinlich das Herz, fluchte der Fahrer, Jürgensens Freund Sven, warum gehts nicht weiter!? Er ließ das Fenster runter. Wir müssen sofort ins Krankenhaus!
Zurückfahren ein Tanklaster hat die Straße blockiert, sagte ein alter Mann. Müsst umleiten, zum Dorf. Da gibts zwar nur eine Klinik. Was ist denn? Geburt?
Doch Sven studierte keine Details mehr, wendete das Auto.
Wie kann das sein, Veronika!? Keine Medizin zu Hause. Der Schuster trägt selbst die schlechtesten Schuhe, sozusagen! schimpfte Sven. Ihr hättet Vorbereitungen treffen müssen. Ihr beide!
Sie schwiegen, Veronika tätschelte Andreas Kopf, weinte stumm.
Das Klinikgebäude im nächsten Kaff, dreistöckig, grau, voller feuchter Flecken in Gelb und Grün unter abplatzendem Putz, erreichten sie nach Mitternacht.
Wo ist der Notaufnahme? rief Sven dem Hausmeister zu. Wahrscheinlich Infarkt!
Der Mann zuckte nur, fror sichtlich.
Hier ist überall Notaufnahme, Freundchen! Infarkt? Meine Mutter ist daran gestorben torkelte er weiter vor sich hin.
Genug! Hol den Arzt! Veronika, beeil dich! rief Sven. Veronika rannte aufs Holzportal, hämmerte gegen die Tür, brüllte.
Endlich wurde geöffnet Dr. Nicolai Fromm, wie üblich verkatert, das Gesicht aufgedunsen, roch nach Alkohol.
Was brüllt ihr hier rum? Nicht so laut, Kopfweh! motzte er. Was ist los? Schnell, nicht drängeln!
Dr. Jürgensen lag in einer leeren, kalten Krankenhausstation. Morgendämmerung schlich in grau-blassen Streifen über die Fensterscheiben, zog die Wände entlang, sickerte auf den mürben Linoleumboden.
Veronika? stöhnte Andreas, drehte erschöpft den Kopf. Was ist nur, wo bin ich? Warum tut alles weh?
Ehefrau saß auf dem harten Hocker, schlief.
Da öffnete sich die Doppeltür, eine Frau mit Kittel und Kopftuch trat leise ein. Der viel zu große Kittel wirkte wie ein schiefer Mantel.
Wollen Sie einen Schluck Wasser? Sie beugte sich vor, hob vorsichtig seinen Kopf. Oh!
Berger?! Sie?! staunte Jürgensen. Die sommersprossige Nase nickte, die Lippen lächelten.
Ja, Dr. Jürgensen. Aber bitte regen Sie sich nicht auf. Dr. Fromm sagt, es war kein Infarkt, sondern etwas anderes. Sie dürfen sich nicht aufregen. Hier, trinken Sie. Wie bleich Sie sind
Sie hielt das Glas an seine Lippen, er schluckte, nickte dankend.
Inga, was machen Sie hier? Ich habe Sie zwei Jahre lang nicht in den Listen gefunden Warum? Berger!
Ich wollte kommen, dieses Jahr bestimmt. Nur, damals Erik holte mich am Bahnhof ab, wir heirateten, unser Sohn Emil kam zur Welt. Ich konnte nicht fort. Und so fing ich als Pflegehelferin hier an, wie Sie es gesagt hatten
Hier, Inga?! Was für eine Klinik soll das sein? stöhnte Andreas. Was kann man hier denn lernen? Ein Grauen!
Eben drum, lächelte Inga. Deshalb werde ich Ärztin. Ich komme zurück, ändere alles!
Oder wirst so wie euer Chefarzt, trinkst dich zugrunde, spottete er.
Früher dachte ich das auch, Inga richtete das Kissen unter seinem Kopf. Ich wollte ihn vertreiben und alles verändern. Dann habe ich gemerkt, er kann nicht mehr, ist erschöpft. Er klagte, forderte, schrieb Briefe nichts passierte. Solche Kliniken gibt es viele, zu viele.
Man müsste sie abreißen, diese Absteigen! Abreißen! fuhr der Professor auf, trommelte aufs Bett. Schimmel, Zugluft, kein Service!
Andreas! Veronika schreckte auf. Nicht so aufregen! Denk ans Herz!
Inga lächelte.
Sie wirken wie ein deutscher Märchenonkel, meinte sie. Fehlt nur noch der große Bart
Was? Berger! Sie
Ich. Ich bin Berger. Sie sind Professor, kein Märchenonkel. Verzeihen Sie mir! Ich hole den Arzt. Veronika
Wagner.
Veronika Wagner, kommen Sie, ich schenke Ihnen Tee ein. Mit Honigkuchen. Mögen Sie Honigkuchen? meinte Inga, als würde sie sie seit Jahren kennen, nahm sie bei der Hand, führte sie hinaus. Keine Sorge. Unser Arzt ist gut, nur sehr, sehr müde
Nico?! Bist dus? sagte der Professor erstaunt zu dem vor ihm stehenden, gebeugten, ungepflegten Mann. Dr. Nicolai Fromm trug schon lange keine Mütze mehr, der Kittel war grau und fleckig wie sein ganzes Leben.
Ich, alter Freund, ja. Erkennst mich doch noch? grinste Fromm schief.
Wie hältst du es hier aus, Nico? Das ist doch kein Arbeitsplatz! Du warst so ein Hoffnungsträger Und dann hier Durch mit allem? sprach Andreas leise.
Ganz genau. Aber umgekehrt, Andreas. Fromm setzte sich aufs Bett. Erst kämpfte ich, wollte für alle alles besser machen. Keine Mittel, keine Medikamente, nichts. Am Ende hab ich aufgegeben, ließ alle Jungen gehen, die zerbrechen hier. Nur die Alten und ich sind noch da. Alle Hoffnungen dahin. So ists. Und die Berger hat mir die Ohren wund geredet wegen dir! Sie will Medizin studieren, hat nen kleinen Jungen, aber sie wirds schaffen. Hilf ihr, ja?
Nico Ja, die Berger bring ich durch. Und dich? Man muss kämpfen! Schreiben! Fordern! Andreas wurde rot, stotterte fast.
Muss man, ja. Aber erst ruh dich aus. Dann kämpfen wir weiter. Jetzt entspann dich! Sonst gibts gleich noch einen Anfall
Fromm blieb, bis Andreas schlief, dann schlenderte er zum Fenster, starrte auf den verwilderten Krankenhausgarten. Schön, dass er hier ist. Und Andreas wieder getroffen. Jeder ist am richtigen Platz, wo er dringenst gebraucht wird.
Doktor Fromm, frühstücken! rief Inga. Los jetzt, es ist schon zehn Uhr durch.
Ich komm, Inga, ich komm. Dein Professor schläft, alles gut!
Inga lächelte
Andreas Jürgensen stand übervoll vor Stolz und las zum fünften Mal den vertrauten Namen auf der Liste hinter Glas.
Berger, Inga Katharina. Zugelassen. Bald wird Fromm eine Nachfolgerin haben. Wenn er das nur noch miterlebt. Und Andreas krempelte mit neuem Elan die Klinik in Berghof um.
Ach, Nico, Nico! Immer zu stolz, nie Hilfe angenommen. Aber jetzt wirds Zeit! Andreas Jürgensen grinste und steuerte zur nächsten Eisdiele. Er, Andreas, der reißt noch Bäume aus, wenn er will! Aber sowas vonEr kaufte zwei Eis, setzte sich ganz vorn an den Sonnentisch und wartete. Und als er aufschaute, sah er Inga mit Emil auf der einen Seite des Stadtparks laufen wippend, lachend, Emil mit Marmeladenspuren im Gesicht. Er winkte. Inga lachte, hob den Jungen hoch, und sie ließen sich plump neben ihm nieder, als gehörte die Bank ihnen schon immer.
Für Sie, Frau Berger, Inga Katharina! rief Andreas und reichte ihr das Eis. Vanille. Für künftige Ärztinnen die einzig richtige Sorte.
Emil griff sofort zum Löffel, Jürgensen lachte auf. Inga legte ihren Kopf schief, schaute ihn ruhig an.
Sie haben immer gesagt, dass niemand alles alleine schafft, Herr Professor. Vielleicht brauchen alte Kliniken einfach junge Herzen. Und manchmal braucht ein alter Professor ein bisschen Dorf.
Andreas blickte zwischen den beiden hin und her, und etwas löste sich: Müdigkeit, Bedauern, die Angst vorm Stillstand. Hier war Zukunft, klebrig vom Eis und laut vor Lachen.
Weißt du, Berger begann er nach einer Weile, irgendwann, da bleibt nichts als Geschichten. Aber die besten sind die, die Türen öffnen, statt sie zu schließen.
Und während ein warmer Wind die goldenen Streifen des Nachmittags durch die Kastanien schickte, schwor sich Andreas Jürgensen, noch mindestens zehn Jahre durchzuhalten. Für Inga. Für Fromm. Für all die, die nach ihm kommen würden. Und für dieses kleine, streng Banane fordernde Kind.
Die Sonnenflecken wanderten, Glockenschläge drangen aus dem Dorf. Und so saßen sie, alt und jung, Vergangenheit und Anfang, mitten im Summen eines endlosen Sommers, bis das Eis aufgeschnuppert war und niemand mehr an Abschiede dachte.




