-Du bist nicht mehr meine Tochter.

Du bist nicht mehr meine Tochter. Wer ist er und woher kommt er, das bleibt ein Rätsel. Ich schäme mich für dich. Zieh in das Haus deiner Großmutter und lebe wie eine Erwachsene. Trage die Verantwortung für dein Handeln.

Liselotte, hast dus gehört? Die Firma hat uns Fachleute für den Wiederaufbau geschickt. Lass uns heute Abend in den Club gehen, jubelte Liesel, die sich lässig in einem Sessel vergrub.

Liesel, was soll das? Und was soll ich mit dem Jungen, den ich Klaus nenne? Soll ich ihn mitnehmen? kicherte Liselotte.

Und wenn wir Tante Erna fragen? flüsterte Liesel vorsichtig.

Liselotte schüttelte hilflos den Kopf.

Ach, das geht nicht! Sie kann mir immer noch nicht verzeihen, dass ich ihr einen Sohn geboren habe. Sie wollte doch, dass ich Andreas heirate, doch ich fuhr in die Stadt, um zu studieren. Ich kam nicht zurück, sondern mit einem dicken Bauch. Ein ganzes Jahr lang war sie sauer, erst seit zwei Monaten spricht sie wieder. Also geh mit irgendjemandem aus, vielleicht hast du Glück und findest jemanden.

Liesel seufzte.

Na gut, ich gehe mit Tanjaaus. Morgen erzähle ich dir alles.

Lotte legte ihren kleinen Sohn zur Ruh, zog den Schal enger um die Schultern und trat auf die Veranda. Der Klang einer fernen Diskokugel drang durch das Haus. Eingehüllt in den Schal stellte sie sich vor, wie alle im Saal tanzen und lachen. Liesel schlüpfte vermutlich wieder in ihr leuchtend tigerfarbenes Kleid. Lotte lächelte leise, ihr Inneres fühlte sich an wie eine tigerfarbene Raupe. Sie seufzte, schloss die Augen und ging schlafen.

Schon vor Morgengrauen sprang Liesel wieder ins Haus, und wie ein Fluch kam auch Lottes Mutter überraschend zu Besuch. Lotte legte den Finger ans Mund, doch Liesel ließ sich nicht aufhalten.

Schade, dass du gestern nicht da warst. Da waren ein paar junge Männer, einer hieß Heinz, ein Schwätzer mit Humor. Und heute habe ich ein Date, platzte Liesel heraus.

Lottes Mutter fragte streng:

Ist er verheiratet?

Liesel zuckte mit den Schultern.

Keine Ahnung, ich habe nicht in den Pass geschaut. Und wenn er es ist, dann wenigstens etwas zu erzählen.

Ach, Mädchen, was machst du? Der Andreas ist doch kein Bräutigam. Meine Chance ist schon verpasst, aber du, Liesel, kannst ihm doch den Kopf verdrehen, jubelte Tante Erna begeistert.

Ach, Tante Erna, was redest du da? Wer braucht ihn? Und seine Mutter doch auch. Gott bewahre uns solches Glück! schrie Liesel.

Sie wandte sich wieder an Lotte:

Da war ein junger Mann, man konnte ihm nicht die Augen abwenden. Alle Mädchen waren verzaubert. Er blieb kurz mit seinen Freunden stehen und ging dann allein weiter, lud niemanden zum Tanz ein.

Plötzlich sagte Tante Erna nachdenklich:

Liselotte, du solltest auch in den Club gehen. Ich bleibe mit Klaus. Vielleicht triffst du jemanden ernsthaften, zuverlässigen. Klaus braucht einen Vater. Aber heirat keine bereits Verheirateten. Sie riechen, dass die Frau allein ist. Verstanden?

Lotte nickte, kaum zu glauben, dass das Schicksal ihr ein Lächeln schenkte, und küsste ihre Mutter, während sie murmelte:

Geh jetzt, du Herumtreiber.

In ihrem schönsten Kleid stand Lotte mit ihren Freundinnen und plauderte fröhlich, wie sehr sie die unbeschwerte Zeit vermisst hatte.

Schaut, er ist wieder da, flüsterten die Mädchen.

Lotte blickte neugierig, ihre Beine zitterten. Sie drehte sich abrupt um und flüsterte Liesel:

Ich glaube, ich gehe nach Hause. Klaus weint bestimmt ohne mich.

Liesel staunte.

Lotte, was soll das? Das ist das erste Mal, dass du von zu Hause zum Tanz gehst und jetzt rennst du zurück? Du hast nie getanzt.

Doch Lotte entschied:

Ich gehe. Und dein Heinz kommt sicher zu dir. Ohne mich wirst dir nicht langweilig sein, und hastete zur Tür.

Am Eingang packte plötzlich jemand ihre Hand.

Wollen wir tanzen, junge Dame?

Lotte versuchte die Hand abzuschieben:

Ich tanze nicht.

Der junge Mann blieb beharrlich.

Gib mir einen Tanz, bitte.

Sie drehte sich schließlich um, ihr Herz pochte. Es war derselbe Mann, dessen zufälliges Auftauchen ihr Leben für immer verändern würde, und er erkannte sie nicht. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, sie lächelte:

Nur ein Mal, ich muss los.

Er wirbelte sie im Tanz.

Ich vermute, Ihr Mann ist besorgt?

Lotte antwortete trocken:

Ich bin nicht verheiratet.

Er zwinkerte, ihr Atem stockte.

Dann habe ich eine Chance? fragte er verschmitzt.

Lotte wich zurück.

Warte nur, träume nicht davon, rief sie und flüchtete aus dem Club.

Unter Tränen ging sie nach Hause. Sie hatte ihn ein Leben lang im Gedächtnis behalten, ein Augenblick der Liebe, den er nicht erwiderte.

Später trafen sie sich im Zug. Lotte war nach einer Prüfung gescheitert und kehrte betrübt nach Hause zurück. Der junge Mann fuhr zu seinen Eltern. Als er sah, dass Lotte traurig war, versuchte er sie zu erheitern.

Ich heiße Johann. Meine Mutter nennt mich Max, mein Neffe heißt Masi. Was gefällt dir?

Lotte lächelte.

Masi klingt besser.

Er reichte ihr die Hand:

Fast hätten wir uns schon vorgestellt. Und wie heißt du, wundervolle Gestalt?

Liselotte.

Johann nickte ernst:

Ein königlicher Name.

Wort für Wort erzählte sie von ihren durchgefallenen Prüfungen und davon, dass ihre Mutter das noch jahrelang kommentieren würde.

Bereite dich im Winter besser vor und versuch es nochmal, riet Johann.

Lotte freute sich:

Wirklich, danke.

Johann sah nachdenklich:

Gern geschehen. Hat dir noch niemand gesagt, wie schön du bist?

Lotte errötete.

Ich bin ganz normal, übertreib nicht. Trotzdem danke.

Johann rückte näher.

Aber das stimmt, sagte er plötzlich und küsste sie. Lottes Kopf drehte sich, das Folgende war zugleich beschämend und süß. Johann stand bald wieder auf.

Ich werde dich finden.

Er fragte jedoch nie nach ihrer Adresse.

Später erfuhr Lotte, dass sie schwanger war, und ihre Mutter schrie:

Du bist nicht mehr meine Tochter! Wer ist er und woher kommt er? Ich schäme mich für dich. Zieh in das Haus deiner Großmutter und lebe wie eine Erwachsene. Trage die Verantwortung für dein Handeln.

Lotte trat während der Schwangerschaft in die Bibliothek, arbeitete bis zur Elternzeit. Im Kreißsaal traf sie Liesel, die Mutter kam nicht. Erst als Klaus fünf Monate alt war, kam Liesel endlich.

Keine unserer Rassen, erklärte sie.

Aber sie kam öfter und brachte Spielzeug für den Enkel mit.

Warum so früh?, fragte die Mutter. Nichts Interessantes hier. Wie gehts Klaus?

Die Mutter lächelte.

Dein Kind schläft. Wenn du jetzt da bist, bleib drinnen.

Lotte schloss die Tür, versuchte zu schlafen, aber erst am Morgen fand sie Ruhe. Verschlafen stillte sie ihr Kind. Klaus weigerte sich, Brei zu essen.

Wenn du keinen Brei isst, wirst du nicht so stark wie dein Vater.

Stark und schön, das bin ich? rief eine Stimme von der Tür.

Wer? Woher? Lotte ließ einen Löffel gleiten.

Johann, lächelte er. Ich sagte, ich finde dich. Ich wusste nicht, dass unser Sohn in der Zwischenzeit geboren wurde. Ich habe vergessen zu fragen, wo du wohnst. Das Schicksal hat uns zusammengeführt.

Klaus lachte laut.

Morgens erwischte die Mutter Lotte glücklich mit einem fremden Mann, der ihr lächelnd den kleinen Sohn auf den Schultern hielt.

Ist das er?, fragte die Mutter.

Ja, Lotte strahlte.

Die Mutter reichte Johann die Hand:

Ich bin Liebke, die Mutter. Du wirst unser Mann und Vater streng beobachten.

Johann schüttelte fest die Hand und nickte.

Verstanden.Liebke ließ die Tür einen Spalt offen, damit das Abendlicht den Flur in warmes Gold tauchte, und setzte sich neben das Paar. Sie sah, wie Johann das kleine Gesicht von Klaus in die Hand nahm, das erschrockene Leuchten in den Augen des Jungen erfasste und leise flüsterte: Du bist jetzt sicher. In diesem Moment spürte Lotte, wie all die Jahre des Zweifels und der Schuld, die sich wie ein schwerer Mantel über ihr Herz gelegt hatten, plötzlich von einer sanften Brise verweht wurden.

Ein leises Klirren einer Tasse aus der Küche drang herüber; die Großmutter, die das Haus seit Monaten kaum betreten hatte, kam mit einem Tablett voll dampfender Kräutertee und frischer Brötchen. Sie stellte das Tablett auf den Küchentisch und sah Lotte mit einem Blick an, der mehr sagte als tausend Worte: Du hast dich selbst gefunden, Mädchen.

Johann legte vorsichtig die Hand auf Lottes Rücken, als wolle er ihr sagen, dass er jede Last mit ihr teilen würde. Wir bauen unser eigenes Kapitel, sagte er, und die Stimme trug das Versprechen von Morgen, das jetzt bereits greifbar war.

Draußen begann das Dorf zu erwachen, die Kirchenglocken sangen leise, als wollten sie das neue Leben feiern. Lotte schloss die Augen, atmete tief ein und ließ das Lächeln, das sich breit in ihr Gesicht schob, nicht mehr los. Sie wusste, dass die Schatten der Vergangenheit nie ganz verschwinden würden, doch sie hatten ihr einen Pfad eröffnet, auf dem sie mit Liebe, Verantwortung und Mut weitergehen konnte.

Als das Licht des Tages durch das Fenster fiel, blickte sie zu Johann, zu Klaus und zu ihrer Mutter die nun nicht mehr nur eine strenge Richterin, sondern ein Teil des Ganzen war. In diesem Augenblick war die Zukunft kein Rätsel mehr, sondern ein offenes Buch, das sie bereit war, Seite für Seite zu schreiben.

Und so stand Lotte, Hand in Hand mit dem Mann, den das Schicksal ihr geschenkt hatte, vor dem neuen Morgen, bereit, das Leben zu umarmen, das sie selbst gestaltet hatte.

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Homy
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