Ein Mann im Haus

Der Mann im Haus

Katharina schlurfte langsam die Dorfstraße entlang. Es war ihr egal, dass der Wind ihr Tuch vom Hals gerissen hatte und nun der zartrosafarbene Stoff, leicht und durchscheinend wie der Nebel am Morgen, hoch oben in der Luft tanzte, vom Sonnenlicht durchstrahlt, spielte mit Böen und verschwand in weiter Ferne. Sie kümmerte sich auch nicht um die Kiesel, die sich unangenehm in ihre Sandalen gebohrt hatten, oder um die stechenden Bremsen, die ihr gebräuntes, kräftiges Bein bearbeiteten.

An den Grüßen der Nachbarinnen ging sie wortlos vorbei, hörte weder ihr anerkennendes Nicken noch die Einladung zu frischer Ziegenmilch, als sei ihre Welt mit dem Abschied von Peter untergegangen. Nichts blieb, alles war fort mit ihm, er würde nicht zurückkehren. Vor ihr lag nur eine grau zähflüssige Leere. Wie sollte sie jetzt weiterleben? Was tun?

Der Riss in ihrem Leben hatte sich schon lange angekündigt, aber sich einzugestehen, dass es endgültig vorbei war, fiel Katharina schwer.

Sie löste den Eisenhaken und öffnete das Gartentor. Es quietschte langgezogen, als wolle es mitleiden mit dem Kummer seiner Besitzerin. Ach Peter, warf Katharina einen Gedanken über die Schulter, du hattest es doch versprochen zu ölen… Schon gut. Das machen wir selber. Wenn Timon groß ist, wird ers übernehmen!

Der große, schwarze Hund, Sturm, kam langsam zu ihr, stupste sie mit nasser Nase an die nackte Wade und brummte leise er konnte diesen Geruch von Kummer nicht ausstehen. Lieber mochte er den Geruch von Lachen, das lustige Quietschen, wenn Katharinas Sohn, Timon, durch den Garten tobte, oder den Duft der warm beheizten Ofenstube, der Suppe und getrockneten Minze.

Wo ist er? Ist er nicht gekommen?, schienen die traurigen Augen des Hundes zu fragen, wie er ebenso schwerfällig den Kopf hob und Katharina ansah: Wohin hast du ihn gebracht?

Katharina schüttelte nur den Kopf. Der Hund seufzte erneut und legte sich zu ihren Füßen. Was sollte er auch sonst tun?

Na, habt ihr ausgeredet?, rief es über die Beete aus dem Folientunnel kam ihre Mutter, Gisela, in ihrem roten, geblümten Kleid, gefürchtet bei dem Bullen des Nachbarn, mit einem Eimer voller Gurken in der Hand. Bleibt er diese Nacht? Wo sind denn seine Sachen? Kommt er nach? Na dann mach schon, Kathi, lass uns decken! So einen Gast empfängt man nicht einfach so! Ich hab euer Zimmer hergerichtet, bitte schimpf nicht frische Bettwäsche… Peters Sakkos und Hemden finden schon ihren Platz. Mal sehen, vielleicht bleibt ihr doch noch ein Weilchen, bevors wieder zurück nach Berlin geht. Und Magst, Kathi, geh doch rasch zu den Schröders rüber für eine Flasche Schnaps wir haben nichts zum Anstoßen! Los, Mädchen, steh nicht herum! Beeil dich! Schau den Gurkensegen an! Ich wollte heut noch einlegen, die Gläser stehen schon am Fenster. Und die halbsauren brauchen wir auch noch, bring bitte das Fässchen aus dem Keller, meine Beine tun weh. Aber jetzt hilft ja Peter, ein Mann im Haus ist ne andere Sache… Opa wollte immer, dass nach ihm einer das Haus in guter, starker Hand hält… Und Gisela sprach und sprach, nestelte am Johannisbeer-Strauch, der mit tiefschwarzen, festen Beeren schwer im Gebüsch hing.

Aber Katharina hörte nicht zu. Sie brauchte weder Schnaps noch Gurkenfass, auch keinen gedeckten Tisch. Sie und Timon würden schon zurechtkommen, auch ohne all das.

Wir schaffen das schon, Mama! Hörst du? Wir schaffen das! Und das Haus bleibt ordentlich, alles andere vergiss endlich! Verstehst du? Genug davon! Mit fest zusammengekniffenen Lippen hob Katharina stolz das Haupt, umrahmt von einem dichten, dunkelblonden Zopf, so akkurat geflochten wie eine Krone. Ein Halm steckte darin, woher auch immer, und ein Marienkäfer hatte sich auf ihre Schulter verirrt, legte sich die Flügel zurecht aber Katharina war nicht nach Zärtlichkeit. Die waren ohnehin leer, und schmerzten am Ende bloß das Herz.

Ach Kind, aber so ganz ohne Mann? fing die Mutter wieder an. Ihm muss man die Führung lassen, sonst haut er ab. Deinen Dickkopf solltest du mal lassen.

Wo ist Timon?, fragte Katharina streng, die Predigt der Mutter glatt überhörend.

Schläft, der Spatz. Hat sein Flugzeug bemalt wir mussten sogar zu Georg gehen, weil die Farben nicht reichten, die Döschen sind aber auch klein, und der Flieger ist mächtig! Gisela lächelte und dachte an ihren Enkel, wie er früh am Morgen, während die Mutter zur Bahn gegangen war Peter abzuholen, mit dem Bastelflugzeug hantierte Sperrholz, klar lackiert, gewaltige Flügel und ein langes Heck. Alles wurde nochmal abgeschmirgelt, auf Sitz und Halt geprüft, der Holzleim aus Opas Werkstatt war griffbereit.

Oma Gisi!, rief Timon auf einmal aufgeregt. Die Farben sind eingetrocknet! Wie soll ich die Flügel und den Stern bemalen? Papa kommt ich MUSS es ihm zeigen!

Er war dem Weinen nah. Gisela aber winkte nur ab: Hör auf mit dem Tamtam. Lass uns zu Georg, dem Maler. Farben hat der genug!

Nee, der schimpft immer mit uns, der hat uns auch aus seinem Garten gejagt, dabei gehört der gar nicht ihm! murrte Timon.

Dann bleib halt ohne Farben!, knurrte Gisela. Aber wenns ums Apfeldiebstahl geht, seid ihr die Ersten. Eure sind wohl zu sauer, was?!

Sind sie gar nicht, Oma!, widersprach Timon, denn Streit, ob bei Kindern oder Erwachsenen, konnte er schlecht ertragen. Ich komm schon mit!

Wenn ich will, sagt er! Na komm, Haus verschließen, sonst spazieren die Hühner noch rein! Ach, ihr macht einem Sorgen! Aber gut, wenn Peter wiederkommt, wirds anders. Ein Mann im Haus, das ist wie ein Sechser im Lotto! Du glaubst es nicht… Warte nur, ob du deinen Vater bald wieder siehst!

Im Atelier von Georg war es stickig, Linöl roch, Skizzen standen an der Wand, im Licht der Veranda der Staffelei zugeneigt, der Künstler kaute fahrig auf einem Pinselende.

Stören wir?, Gisela trat forsch ein. Guten Tag, wie gehts Ihnen?

Ach, Sie… Ja, alles in Ordnung… Der Maler blinzelte, legte aber schnell ein Tuch über die Leinwand, als Gisela nachsehen wollte.

Das zeig ich erst nachher was verschafft mir die Ehre? Oder du, mein Junge? Ein strenger Blick auf Timon, der kleinlaut den Kopf senkte.

Sei nicht böse ich bring dir Quarktaschen, ehrlich! Wir brauchen bloß etwas Farbe. Mein Enkel wartet sehnsüchtig auf den Vater, einen Flieger will er bauen Andreas, der Traktorist, hat geholfen jetzt fehlt die Verkleidung! Gibts was?

Georg versuchte hart, dem Charme und der Andeutung Gisis zu widerstehen, aber sie wusste, wie man Männer nimmt ob ein tiefer Seufzer, ein leiser, bewundernder Blick oder, bei Bedarf, ein scharfer Tonfall Gisela beherrschte das.

Sie sollten ins Theater, Frau Gisela, hatte der Literaturlehrer einst gesagt. Sie haben Talent!

Ach was!, hatte Gisela rot werdend abgewinkt, wie es früher schon war. Doch jetzt nickte Georg ergeben und richtete seine Rede an Timon.

Na gut, dann bekommst du Farben. Aber: Wenn du noch mal Äpfel willst, sag Bescheid. Ich mag keine Diebe. In meiner alten Berliner Mietskaserne wurde alles gestohlen, sogar alte Lumpen Mutter hats nicht überlebt, Herzinfarkt. Also: bitte! Und nachher komm vorbei, dann lackieren wir das Flugzeug, okay? Hast du schon mal echte Maschinen gesehen?

Nur von Weitem…, zuckte Timon die Schultern.

Das müssen wir ändern! Mal im Cockpit sitzen? Vielleicht arbeitet auch dein Vater im Flugzeugbau? fragte er Gisela.

Hm, er ist so was wie Chemiker, glaube ich. Gisela zuckte mit den Schultern. Na, dann danke und Quarktaschen schick ich rüber! Lebewohl!

Auf dem Heimweg dachte Gisela: Hoffentlich kommt alles in Ordnung! Hoffentlich holt Peter sie es ist so viel besser, wenn Familien zusammen sind! Oder eben er bleibt bei uns, auch recht. Ein Mann…!

Katharina hatte Peter auf einer Berliner Messe kennengelernt. Nach bestandener Prüfung fuhren sie und ihre Freundinnen zum Messegelände. Laut plappernd, lachend, das Eis schmelzend, wandten sie sich durch die Hallen, als Katharina rückwärts geradewegs in Peter hineinlief. Er, etwas geistesabwesend, ließ sich anrempeln. Sekunde sie starrten sich an.

Verzeihung!, errötete Katharina. Habe ich Ihnen wehgetan?

Mit dem Schuhabsatz auf seinen Fuß getreten! Gleich schimpft er, denkt Katharina, fragt nach ihrem Institut sicher wird sie exmatrikuliert!

Peter hingegen, schick angezogen, mit Krawatte und Tasche, reagierte kaum: Nein, glaube nicht. Aber Sie haben da etwas Eis im Gesicht Er reichte ihr ein Taschentuch.

Sie wischte sich das Gesicht: Danke. Entschuldigung noch mal…

So begann ihre Liebe, zumindest von Katharinas Seite! Peter? Wahrscheinlich auch aber würde er heute gefragt, zuckte er die Schultern: Chemie, mehr nicht. Nur hält Chemie nicht ewig, pflegte er seiner Mutter, Helene, zu sagen.

Nicht ewig, Peter?! Es geht doch um Familie, noch dazu mit Kind!, schnappte Helene beinahe konsterniert.

Ein Jahr später heirateten sie, Katharina war noch im Studium, Peter bereits Chemiker. Gisela kam zur Hochzeit nach Berlin, enttäuscht, dass nicht im Dorf gefeiert wurde; aber Peter beharrte. Das festliche Restaurant, Peters Freunde, seine Eltern Gisela war überwältigt, im Dorf erzählte sie monatelang davon.

Die sind alle so gebildet, so fein und höflich! Keiner spuckt ins Gras!, berichtete Gisela stolz den Nachbarinnen um ihren Tisch, während sie den Samowar aufsetzte. Und wie sie mich empfangen haben wie im Film!

Ist denn Katharina jetzt auch so vornehm?, fragte ihre Freundin mit einem Seitenblick.

Och, die auch Kleid, Perlenkette… Aber die sind alle zugänglich. Nur eben keine groben Worte, und sie tragen andere Sachen. Aber sonst Menschen wie wir! Sogar Peters Mutter war früher auf dem Land, sie kennt noch alles! Es geht nicht anders: Nicht alle können in die Stadt, selbst wenn der Platz da wäre! Ach, sie ist glücklich, und das zählt, schloss Gisela und die Runde nickte.

Bald darauf wurde Katharina schwanger, die Schwangerschaft verlief schwierig; Timon kam schwach und kränklich zur Welt.

Ist das vererbt oder lag es an der Schwangerschaft?, fragte Peter kritisch, genervt von Kindergebrüll, Windeln und der ständigen Abwesenheit der Frau im Bett. Bei uns gabs sowas nicht, fügte er spitz hinzu.

Die Ärztin war entsetzt zum ersten Mal, dass ein Mann nicht fragte, wie helfen, sondern nur Schuld zuweist.

Für Peter war Katharina an allem schuld, vor allem daran, nicht mehr zu studieren, nur Elternzeit.

Warum gehst du nicht auf Fernstudium?, brach er einen Morgen aus. Katharina sah ihn nur müde und gleichgültig an. Schlaf, nur einen Tag, das wäre es Unsere Kollegenfrauen schaffen Beruf, Studium, Kind aber du nicht? Hör endlich auf zu heulen! Ich arbeite und du beruhigst nicht einmal das Kind! Was soll das?!

Die Schwiegereltern unterstützten sie, so gut sie konnten, doch meistens lag alles an Katharina. Arztbesuche, Medikamente, jede Kleinigkeit lastete auf ihr, und das Gefühl, dass sich daran nie etwas änderte, zermürbte sie.

Peter, versuchte sie, ihm alles zu erklären, doch er winkte ab hatte Kopfschmerzen, der Chef verlangte Ergebnisse, die Laborantin Annette flirtete mit ihm Zu viel auf einmal!

Ich geh zu Mama aufs Land. Der Kinderarzt sagt, Timon braucht frische Luft. Und dann stören wir dich nicht mehr! verkündete Katharina. Endlich, eine Lösung.

Und das Studium?, murrte Peter. Nimmst du auch noch das Kind von mir weg? Na ja, du hast entschieden.

Hauptsache, keiner glaubt, er hätte Frau und kränkelndes Kind rausgeworfen das wäre unvorteilhaft, dann redet man schlecht von ihm! Sollen sie denken, Katharina wollte es so. Und sollte sie weg sein, kann er Annette endlich näherkommen. Peter ist eben ein Mann, braucht Aufmerksamkeit, das ist doch nur Chemie.

So kehrte Katharina zurück ins Elternhaus, zu knarrenden Stufen.

Die Geräusche des Hauses das Daaa-Daaa der Stufen, die Tür, die krächzte Bist dus?, der Wind, der in die Esse fuhr… Alles machte den Schmerz erträglicher, milderte den Kummer, dass Timon schwach war, dass Peter kaum noch kam, Geld brachte, aber nie blieb. Immer war irgendein Grund. Die Mutter, das Herz

Peter verstand sich bestens darauf, einfühlsam zu sein nach Hause hetzen, aber in Wirklichkeit Annette treffen. Sie wartete auf ihn, bereit und zugänglich, ganz anders als die Frau vom Dorf…

Doch dank der frischen Landluft, Giselas Fürsorge, allem zusammen wurde Timon kräftiger, redseliger als andere Kinder.

Der wird mal Nachrichtensprecher!, witzelten die Nachbarinnen Timon trug Gedichte vor, sang, tanzte.

Da begann Peter, Interesse zu zeigen. Ein schmuckes Spielzeug und schließlich sein Sohn. Auf Familienfesten konnte man ihn gut präsentieren. Aber seine Familie nach Berlin zu holen, beeilte er sich nicht.

Später, lass ihn erst wachsen, wiegelte er jedes Mal ab.

Er steckts jetzt weg, er kann alles verkraften! In Berlin gibts Museen, Theater, Parks, und ich vermisse dich…, lockte Katharina, glaubte selbst kaum daran. Vielleicht hatte Peter recht mit der begrenzten Chemie.

Später. Willst du nicht erst das Studium beenden?, erwiderte er streng. Dir fehlen noch drei Jahre.

Ich weiß. Diesen Herbst melde ich mich zurück, Fernstudium, Timon kommt in den Kindergarten, ich arbeite dann auch…

Nein!, fuhr Peter sie an. Kindergarten lauter Krankheiten!

Vielleicht nimmt deine Mutter ihn?

Nein, Herz. Und du bleibst hier, lernst, suchst dir eine Arbeit Gisela aufpassen lassen, wenn du fertig bist, sehen wir weiter.

Sein Plan war durchdacht. Katharina, die Dumme, verstand offenbar nichts. Schließlich bekam er nun eine Wohnung gestellt, für die Familie irgendwann… Annette wohnen lassen, Mutter ist meist eh bei der Schwester in Bad Kissingen…

Tja, Katharina schluckte die Enttäuschung. Vielleicht hat er ja recht. Hier kann sie lernen, Timon ist versorgt…

Oder sollte sie doch beharren? Hinfahren aber sie spürte: Er braucht sie nicht mehr. Nur vielleicht Timon zur Unterhaltung. Sie hatte sich in Peter getäuscht

Als Peter eines Tages eine Dienstreise ankündigte, hatte Katharina kaum Zeit, darüber nachzudenken es gab so viel zu tun: Arbeit, Kind, Garten und Studium.

Während er fort war, bekam sie überraschend Besuch von ihrem Schwiegervater, Andreas.

Sie sah ihn barfuß die Dorfstraße heranlaufen, öffnete erstaunt das Gartentor.

Guten Tag! Wie kommen Sie denn…?, begrüßte sie ihn.

Will den Enkel sehen, hab Geschenke mit…, Andreas schaute verlegen weg.

Gisela empfing ihren Schwiegervater reserviert der Tisch war gedeckt, sie war in Gedanken schon beim nächsten Termin.

Timon, schau, was Opa mitgebracht hat! sagte Andreas und zog Miniaturautos hervor.

Timon schielte nur misstrauisch, wich zurück.

Was, du kennst Opa nicht mehr? Tja…

Vielleicht essen wir?, unterbrach Gisela drei Stamperl, zack, stand der Schnaps auf dem Tisch.

Und für mich?, verlangte Timon.

Wenn du ein Mann bist, gibts Schnaps! Heut nur Kompott!, gluckste Gisela und strich ihm über den Schopf.

Andreas hätte ihn gern gestreichelt, doch der Kleine wich zurück.

Das Gespräch stockte. Katharina fragte sich: Was will er eigentlich?

Und er sagte es nicht. Nach dem Essen saß er im Hof, schaute dem Enkel beim Spielen mit den Autos zu, rauchte, dann verabschiedete er sich.

Bleiben Sie doch über Nacht!, schlug Gisela höflich vor.

Andreas war das Wetter egal. Er war hergekommen, um über Anette zu sprechen, zu warnen aber: Ist nicht meine Sache. Sollen sie das unter sich ausmachen. Timon ist ein Schatz, sieht aus wie Peter als Junge…, dachte er nur.

Später fragte Gisela ihre Tochter: Was wollte er?

Keine Ahnung. Und egal, zuckte Katharina die Schultern. Nächste Woche hab ich Prüfungen in Berlin. Bleibst du bei Timon?

Selbstverständlich.

Wo sollst du denn wohnen dort?, fragte die Mutter.

Nirgends, ich schaff alle Prüfungen an einem Tag. Warum nicht zu deinem Mann?

Es gibt keine Wohnung mehr. Peter hat alles ausgetauscht, Schlüssel weggenommen. Es ist vorbei, Mama. Katharina blieb fest.

Aber Kathi, wollt ihr euch scheiden lassen? Weil Peter fremdgeht? Kämpf um ihn! Es muss ein Mann im Haus sein! rief Gisela ihr nach, während Katharina bereits zu Timon lief, der im Hof rannte.

Hier ist mein Mann, Mama. Keiner sonst. Es reicht! schloss sie das Thema ab.

Nach den Prüfungen in Berlin alles bestanden, der Professor will sie einstellen.

Ich habe ein Kind, wir leben auf dem Land, sagte sie leise.

Und? Haben doch viele Sohn? Katharina nickte. Das merkt man bei Söhnen spricht man mit Stolz.

Das sagte er: Traurigkeit sei eine Sünde. Vielleicht hat er Recht …

Menschen fluteten über die Straße. Gerade wollte Katharina sich abwenden, da fiel ihr Peter auf und neben ihm, lachend, eine Dienstreise. Katharina warf einen kurzen, brennenden Blick auf, drehte sich um.

Vorsicht, Fräulein!, hörte sie. Sie war jemandem in die Arme gerannt. Gehts Ihnen nicht gut?

Nein, es ging ihr nicht gut. Doch einiges lernt man nur durch Schmerz, hatte der alte Nachtwächter im Dorf immer gesagt.

Schmerz ist der beste Lehrer, Kathi. Mit ihm weißt du gleich, wie das Leben weitergeht.

Nun verstand sie endlich …

Gisela ahnte bereits lange, dass in ihrer Tochter Familie etwas Schlimmes passiert war. Sie packte das Telefon, rief Peters Eltern an, schimpfte und bat, scheiterte grandios.

Katharina rügte sie scharf: Lass das. Ich halte nichts fest, was kaputt ist. Was zerbrochen ist, wird entsorgt. Hör auf zu weinen, Mama. Wirklich…

Doch, Katharina, ohne Mann gehts nicht, brauchst einen an deiner Seite. Was ist passiert?

Peter hat eine andere, sprach Katharina ruhig. Du hast es geahnt.

Was?, rang Gisela um die Fassung. Du hast sie gesehen? Und die Wohnung?

Seine Mutter hats geschrieben. Aber das ist Peters Sache, soll er doch dort leben. Ich brauch keinen. Timon wird unser Mann!

Danach ließ sie Katharina in Ruhe. Doch Gisela blieb hartnäckig und rief in Peters Labor an ein halber Skandal, man drohte ihm mit Rauswurf. So geht das nicht!

Peter kündigte nach einiger Zeit seinen Besuch im Dorf an. Gisela grinste verschmitzt.

Timon fieberte dem Vater entgegen. In seiner Fantasie war er ein Pilot, groß und stark.

Er ist Pilot!, rief Timon.

Nein, Chemiker!, konterte Katharina.

Doch, er ist Pilot! Ich bau ihm ein Flugzeug!

Gisela versprach, nächste Woche käme er.

Am Vortag werkelte Timon fieberhaft an seinem Flieger. Keiner durfte ihn in der Werkstatt stören.

Am nächsten Morgen wollte Katharina zum Bahnhof, die Mutter bestand auf einem schönen Kleid: Du musst dich hübsch machen! Widerwillig gab Katharina nach, zog das Prüfungskleid an.

Als Peter aus dem Zug stieg, seine Mappe schützend vor den Bauch gedrückt, sah er sie finster an.

Was, du hast alle gegen mich aufgehetzt? Ihr Frauen hängt euch fest an einen Mann, weil ihr ohne uns nichts seid! Begreif das: Wir ziehen euch wenigstens etwas Dankbarkeit! Eure Intrigen, euer Gezeter… Viel Spaß noch mit deinem Sohn, ich werd euch schon zeigen, wie man euch behandelt!

Katharina lächelte plötzlich, lachte fröhlich, wie als Kind.

Bist du verrückt geworden?, keifte Peter.

Du? Hättest mich vielleicht verziehen? Für was? Weil du uns ersetzt hast? Lass uns endlich in Ruhe! Die Chemie ist vorbei. Geh!

Und sie ging. Er blieb allein auf dem Bahnsteig zurück.

Du hast uns nicht geholt?, fragte Gisela abends.

Doch. Er nannte uns Schlangen. Ich hab ihn heim geschickt, für immer.

Abends saß Katharina am Bett des schlafenden Timon. Seine roten Wangen, sein Haar, das aus der Decke lugte er war ihr Mann, ihr Einziger.

Am Morgen, als Timon aufwachte, lag das selbstgebaute, frisch lackierte Flugzeug neben dem Bett.

Ist Papa da? Hat er meinen Flieger gesehen?, rannte Timon ins Wohnzimmer.

Setz dich, trink Kefir. Er kommt nicht, sagte Katharina ruhig.

Nicht? Warum? Du hast ihn weggeschickt? Aber Oma sagt, wir brauchen einen Mann im Haus!, Timon heulte.

Du bist unser Mann, Timon. Bitte verzeih. Aber Papa kommt nie mehr.

Lange saßen sie noch, eng umschlungen, hörten Gisela draußen ein trauriges Lied singen. Dann half Timon der Mutter im Garten.

Am Abend, wie versprochen, buk Gisela Quarktaschen. Timon, bring mit Mama Herrn Georg welche. Er hat dir Farben gegeben!

Timon wollte nicht. Mama kann allein!

Ach komm, du bist stark, wie ein Ritter! Trag das Bündel!, lachte Gisela, überreichte ihm die Quarktaschen, rief nach Katharina.

Kathi! Bring Herrn Georg etwas vorbei!

Sie gingen. Georg saß auf der Veranda, beobachtete, wie Sonnenstrahlen durchs Blätterdach tanzten.

Wer kommt da? Timon, Katharina? Guten Abend!

Oma schickt Quarktaschen. Für die Farben…, Timon kämpfte mit den Tränen.

Georg nahm das Päckchen, spürte Timons Kummer und seine Ohnmacht, aber… Kommt, setzt euch! Trinken wir Tee!

Wir müssen heim…, lehnte Katharina ab, doch Georg bestand drauf. Im Handumdrehen waren Tassen und Tisch gedeckt.

Ich hab eine Bitte: Nicht weit von hier gibts einen Flugplatz. Ich habe dort Kontakte Timon dürfte Flugzeuge anschauen! Darf er, Katharina? Ich meins ernst ich will keine Freunde sein, aber Kindern Freude machen. Was sagt ihr?

Wenig später stand Timon, ängstlich und begeistert zugleich, vor den Flugzeugen auf der Wiese. Georg stellte vor: Das ist Dennis Sokolov, der Pilot. Dennis lachte: Na, schauen wir uns die Maschinen an, Timon!

Timon strahlte, umklammerte Katharinas Hand.

Weiter hinten sagte Georg zu Katharina: Alles geht vorüber. Und dann kommt was Gutes. Glaubst du mir?

Sie nickte.

Jahre später: Mama, was ist los?, polterte Timon verschlafen in die Küche groß und schlaksig.

Das Radio tut nicht. Wann bist du heimgekommen?

Na ja, du hast schon wieder den Stecker gezogen… Timon stöpselte alles ein, das Radio sang: Im Birkenhain stehen Nachtigallen…

Herrlich!, summte Katharina und umarmte ihren Sohn. Frisch gebratene Quarkkäulchen, willst du saure Sahne dazu?

Nein, danke, Mama. Apropos: Regal mach ich bald, brauch Schrauben, schreib mir das. Dann: Dennis hat gestern angerufen. Sag mal ehrlich, hast du was mit dem?

Ach Quatsch! Wir treffen uns nur, aber…

Ich seh doch, wie du aufblühst. Ist er dein Traummann?, neckte Timon.

Mein Traummann bist du, lachte Katharina und wischte sich Quark von der Wange.

Ohne Wenn und Aber. Er wars übrigens, der mir als Kind die Flugzeuge gezeigt hat! Mama, ich muss los, Treff mit Svea… Und weg war er.

Weißt du, Timon: Alles Gute im Leben ist selten einfach. Man weiß es erst zu schätzen, wenn man es endlich hat!, rief Katharina ihm nach, ihrem Mann im Haus.

Das Regal baut dann doch Dennis. Timon hat Prüfungsstress und mit Svea Baske einen vollen Terminkalender bald, ahnte Katharina, würde sie ihren Sohn mit einer anderen teilen. So ist es eben, Töchter ziehen aus…

Peter? Der lebt mit Annette Annegret zusammen, sie erwartet sein Kind. Die Scheidung war schnell erledigt. Ihre Mutter, Kira, steuerte von nun an Haushalt und Geldfluss, brachte zwei neue Pelzmäntel hervor, teure Schuhe, Kleider aus der Schneiderwerkstatt.

Hauptsache, ein Mann mit Geld im Haus!, sagte sie. Alles weitere regeln wir.

Genau, Mama!, lachte Tonia und zog für Peter die Küchentür zu. Später essen. Nerve nicht, Peter! Fertig…Katharina sah aus dem Fenster. Die Apfelbäume blühten wieder, wie jedes Jahr, als ob nichts anderes je gewesen wäre. Sie lehnte sich zurück, die Teetasse in der Hand, und spürte eine leise Freude nicht laut, nicht sprühend wie früher, sondern warm, wie das Licht am Abend, das weich über den Feldern lag.

Im Hintergrund klapperte Gisela Geschirr. Lachen drang herüber: Timon hatte Svea im Arm, beide kicherten, als Sturm, der schwarze Hund, ihnen um die Beine sprang. Es war ein anderes Leben, ein neues Kapitel nicht so, wie sie es geträumt hatte, aber vielleicht besser so.

Ihre Blicke begegneten sich draußen: Dennis hob grüßend die Hand, kam zum Zaun, hielt einen Schraubenzieher hoch. Die Welt war voller kleiner Gesten, voller offener Türen; es gab kein Zurück mehr, aber auch keinen Grund dazu.

Katharina atmete tief durch. Vielleicht war dies das große Geheimnis des Lebens: Nicht darauf zu warten, dass einer kommt und alles heil macht. Sondern den Mut zu haben, alles selbst zu heilen, mit Kopf, Herz und Händen. Es reichte, ein einziger Mensch für jemanden zu sein die Mutter, eine Freundin, der Fels.

Sie trat hinaus, holte Quarktaschen aus der Küche und rief: Dennis, magst du einen Tee? Die Sonne scheint, es wird Zeit, das neue Regal gemeinsam festzuschrauben ehe die Wolken kommen!

Im Garten hüpfte Timon über die Stufen, Svea lachte, Gisela winkte mit der Schürze. Stück für Stück, Tag um Tag, fanden sie alle ihren Platz und das Haus blieb voller Leben, voller Stimmen und Geschichten.

Die Chemie war fort. Doch ein neues, stilles Element hatte sich eingeschlichen: Zuversicht. Katharina lächelte, riss ein Stückchen Hefegebäck ab, und wusste plötzlich sie gehörte hierher.

Und das Haus, so alt und vernarbt, stand fest in starker Hand gerade weil es kein Mann war, der alles hielt, sondern Liebe, die blieb, und eine Frau, die wusste: Manchmal ist das Leben genau so gut, wie wir es selber machen.

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Homy
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