Verkäuferin packte mich plötzlich am Arm und flüsterte: ‘Lauf schnell weg von hier’

Die Verkäuferin im Laden packte mich plötzlich am Arm und flüsterte: Lauf weg, schnell!

Ich halte es nicht mehr aus! Drei Jahre, Helga, drei Jahre muss ich mir seine betrunkenen Geständige unter meinem Fenster anhören! Antonias Stimme zitterte vor Wut. Der Polizist zuckt nur mit den Schultern. Sagt, er könne nichts tun, bis der Alkoholiker jemanden verletzt.

Antonia, du übertreibst, sagte Helga und rückte ihre Brille zurecht. Hans ist einfach ein unglücklicher Mensch. Seit seine Frau gestorben ist, hat er sich völlig aufgegeben.

Unglücklich? Antonia warf die Hände in die Luft. Und wir sind alle glücklich, oder? Meine Tochter Lisa kämpft sich allein mit zwei Kindern in Dresden durch, du hast ständig Blutdruckprobleme aber wir saufen nicht und schreien mitten in der Nacht unter fremden Fenstern!

Sophie, die den Streit schweigsam verfolgt hatte, seufzte tief. Jedes Treffen der Nachbarinnen in der Laube ihres alten Plattenbaus drehte sich früher oder später um Hans Eskapaden. Auch das heutige Teetrinken bildete keine Ausnahme.

Reden wir über etwas anderes, schlug sie vor und schenkte Tee ein. Das Wetter ist heute herrlich, der erste wirklich warme Frühlingstag.

Stimmt, pflichtete Helga ihr bei. Du bist immer die Stimme der Vernunft, Sophie. Und wie gehts deinem Paul?

Alles wie immer, lächelte Sophie. Gestern rief er aus Berlin an, sagte, sie würden ein wichtiges Projekt abschließen. Er versprach, zu Pfingsten zu kommen.

Das ist schön, nickte Antonia, etwas beruhigt. Sonst bist du immer allein. In deinem Alter solltest du nicht so viel arbeiten. Und dann noch der Staub in der Bibliothek

Hör auf, Antonia, winkte Sophie ab. Ich bin erst zweiundsechzig, das ist nicht so alt. Außerdem liebe ich meine Bibliothek, dort ist mein Leben. Und was die Einsamkeit betrifft Sie blickte nachdenklich in die Ferne. Ich habe mich daran gewöhnt. Seit Stefans Tod sind schon fünfzehn Jahre vergangen.

Das Gespräch verlief ruhiger, die Frauen sprachen über Preise, Gesundheit, Kinder und Enkel. Als die Kanne leer war, warf Sophie einen Blick auf die Uhr.

Oh, ich muss los! Ich wollte noch schnell zum ,Glühwürmchen, bevor es Abend wird. Sie sollen guten Buchweizen bekommen haben, zum alten Preis.

Geh nur, ermutigte Helga. Aber bleib nicht zu lange, in unserer Gegend ist es in der Dämmerung nicht sicher. Der Polizist hat auf der Versammlung gesagt, sie suchten eine Bande.

Mach sie nicht verrückt, mischte sich Antonia ein. Sophie ist vernünftig, sie läuft nicht grundlos im Dunkeln rum.

Nachdem sie sich verabschiedet hatte, ging Sophie nach Hause, um sich umzuziehen. Die Gegend war wirklich nicht die ruhigste am Rand einer kleinen deutschen Stadt, alte Plattenbauten, dunkle Gassen. Aber tagsüber gab es nichts zu befürchten, zumal der Laden nur fünf Minuten entfernt lag.

Sie zog bequemere Schuhe an, griff nach ihrem Einkaufsroller und verließ das Haus. Die Frühlingssonne wärmte angenehm, in den Vorgärten spross das erste Grün. Bald blüht der Flieder, dachte sie und erinnerte sich, wie sie als Kind diesen Duft geliebt hatte.

Das Glühwürmchen war ein kleiner, altmodischer Laden, in dem die Verkäuferinnen jeden Kunden kannten und immer für ein Schwätzchen bereit waren. Sophie kam fast täglich nach der Arbeit hierher, um Brot, Milch oder eben Buchweizen zu kaufen.

Die Glocke über der Tür schepperte, als sie eintrat. Der Laden war fast leer nur ein älterer Herr an der Wursttheke und eine junge Mutter mit Kind in der Süßwarenabteilung.

Guten Tag, Gisela, begrüßte Sophie die Verkäuferin, eine rundliche Frau um die Fünfzig. Habt ihr Buchweizen bekommen? Die Nachbarinnen sagten, es sei eine gute Charge.

Hallo, Sophie, lächelte Gisela. Ja, Buchweizen gibts, frisch ausgepackt. Dritte Reihe, unten.

Sophie nickte und ging zu den Regalen. Tatsächlich standen dort ordentlich verpackte Tüten zu einem akzeptablen Preis. Sie nahm zwei, überlegte dann, was sie sonst noch brauchte.

Plötzlich spürte sie, wie sich die Atmosphäre im Laden veränderte. Gisela, sonst so gesprächig, verstummte mitten im Satz, ihr Gesicht war angespannt, die Augen huschten unruhig hin und her.

In diesem Moment schepperte die Glocke erneut, und zwei Männer betraten den Laden. Der Erste, groß und hager, mit tief ins Gesicht gezogener Mütze, musterte den Raum mit einem schnellen Blick. Der Zweite, kleiner, mit einer starren, unangenehmen Miene, postierte sich an der Tür, als wolle er den Ausgang blockieren.

Sophie maß dem keine Bedeutung bei. Doch dann spürte sie jemanden dicht neben sich. Sie drehte sich um und sah Gisela, deren Gesicht kreidebleich war.

Kann ich Ihnen helfen? fragte die Verkäuferin unnatürlich laut, dann packte sie Sophies Arm und flüsterte: Renn weg, schnell. Durch den Lagerraum, den Hinterausgang. Das sind die Einbrecher von gestern sie haben den Laden in der nächsten Straße ausgeraubt. Zwei Frauen landeten im Krankenhaus.

Sophie erstarrte. Mitten am Tag? In unserem ruhigen ,Glühwürmchen? Aber etwas in Giselas Augen pure Angst ließ sie glauben.

Nein, danke, ich finde es schon, antwortete sie laut, dann leise: Und ihr? Die anderen Kunden?

Ich hab den Alarm gedrückt, hauchte Gisela. Aber bis die Polizei kommt Geh, sie haben dich nicht bemerkt. Die Mutter mit dem Kind die lassen sie vielleicht in Ruhe. Los!

Damis schob sie Sophie Richtung einer unscheinbaren Tür mit der Aufschrift Nur für Personal.

Mit klopfendem Herzen schlüpfte Sophie durch die Tür, während die Männer mit dem älteren Herrn sprachen. Der Lagerraum war eng, voller Kartons. Vielleicht ein Irrtum? Doch ihr Instinkt schrie: Lauf! Schnell!

Als sie sich zur Hintertür durchkämpfte, hörte sie einen lauten Knall, dann einen Schrei. Die Tür war schwer zu öffnen, rostig. Endlich draußen, atmete sie durch.

Was nun? Nach Hause? Aber was, wenn die Männer sie sahen? Die Polizei rufen? Ihr Handy steckte in der Tasche, die sie im Laden liegengelassen hatte!

Die Lösung kam blitzschnell: Zwei Straßen weiter war die Polizeiwache, wo normalerweise Kommissar Weber Dienst hatte.

Sie lief fast, atmete schwer. Was sage ich? Glauben sie mir?

Vor der Wache traf sie Kommissar Weber einen kräftigen, müde wirkenden Mann um die Vierzig.

Herr Weber! Im ,Glühwürmchen Einbruch Gisela hat den Alarm gedrückt, aber

Der Kommissar wurde blass. Wann?

Gerade eben! Gisela half mir raus. Zwei Männer, einer groß mit Mütze, der andere jünger, mit komischem Gesicht.

Weber riss sein Funkgerät hoch: Notruf! Überfall auf ,Glühwürmchen in der Industriestraße! Bewaffnet! Sofortige Verstärkung!

Dann zu Sophie: Warten Sie hier.

Er lief zum Laden.

Sophie saß auf der Bank vor der Wache, zitternd. Was war mit Gisela? Der Mutter? Dem älteren Mann? War der Knall ein Schuss?

Nach einer Ewigkeit kam Weber zurück.

Alles gut, sagte er. Beide festgenommen. Einer im Laden, der andere kurz danach.

Der Knall?

Gaspistole. Zum Glück nur in die Decke. Weber lächelte. Gisela hat cool reagiert. Und Sie auch, Sophie.

Gisela ist sie okay?

Nur aufgeregt. Gibt gerade Aussage. Hier, Ihre Tasche.

Alles war noch da.

Weber nahm ihre Aussage auf, dann brachte er sie nach Hause.

Vor dem Haus trafen sie Antonia.

Sophie! Ich sah die Polizei zum ,Glühwürmchen rasen! Was war los?

Alles gut, beruhigte Weber. Einbrecher gefasst, niemand verletzt. Sophie hat geholfen.

Ach was, wehrte Sophie ab. Gisela ist die Heldin. Ohne sie

Zu Hause trank sie beruhigenden Tee mit Honig. Der Tag fühlte sich unwirklich an.

Abends rief Paul an. Sie erzählte nichts, doch als er Pfingsten erwähnte, sagte sie:

Kommst du? Ich ich möchte nicht so allein sein.

Natürlich, staunte er. Was ist los?

Nichts. Nur das Leben ist unberechenbar, Paul. Heute gehst du Buchweizen kaufen, und morgen morgen kann alles passieren.

Am nächsten Tag betrat sie wieder das Glühwürmchen. Ein neuer Wachmann stand an der Kasse.

Gisela umarmte sie. Danke! Wer weiß, wie es sonst ausgegangen wäre.

Ich danke dir, sagte Sophie gerührt. Du hast uns alle gerettet.

Ach, Unsinn. Gisela winkte ab. Übrigens, dein Buchweizen ist noch nicht bezahlt. Nimmst du ihn?

Ja, lächelte Sophie. Und noch was zum Tee. Mein Sohn kommt zu Pfingsten.

Das Leben normalisierte sich, doch etwas hatte sich verändert. Vielleicht war es neue Zuversicht. Oder die Erkenntnis, dass selbst der ruhigste Tag plötzlich kippen kann. Vielleicht einfach das Wissen, wie kostbar jede Minute ist bis jemand flüstert: Lauf weg, schnell. Und man lernt, auf solche Worte zu hören.

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Homy
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