Der endgültige Familienbeschluss kam von der ältesten Tochter Lieselotte. Durch ihren eigensinnigen Charakter und die hohen Ansprüche an potentielle Schwiegersöhne blieb sie bis zum dreißigsten Lebensjahr unverheiratet und entwickelte sich zu einer beißenden Männerfeindin. So etwas wie ein Magengeschwür ein Alptraum in Menschengestalt.
Ein Glücksfall, sagte sie trocken, wie ein eingetütetes Wort. Die jüngere Schwester, Marlene, eine rundliche, stets lachende Frau, nickte zustimmend. Die Mutter schwieg, doch ihr finsteres Gesicht verriet, dass ihr die Schwiegertochter ebenfalls nicht gefiel. Was sollte ihr schon gefallen? Der einzige Sohn, die Stütze der Familie, war zur Bundeswehr gegangen und kehrte mit einer Frau zurück. Und diese angebliche Ehefrau brachte weder Eltern noch Geld mit. Kein einziger Euro. Man wusste nicht, ob sie aus einem Heim kam oder bei Verwandten aufgewachsen war alles blieb im Dunkeln. Klaus, der Sohn, hielt die Zunge locker, witzelte: Keine Sorge, Mutter, wir werden unser Glück selbst schmieden. Und dann sprichwörtlich die Frage: Wen hast du denn da in die Familie geholt? Vielleicht ist sie eine Taschendiebin oder eine Trickbetrügerin. Man weiß ja nie, wie viele solche Typen heutzutage unterwegs sind!
Seit dem Tag, an dem die neue Schwiegertochter, Waltraud Nikitina, das Haus betrat, schlief sie keine einzige Nacht mehr durch. Sie döste halb im Schlaf und wartete darauf, dass die neue Verwandte etwas anstellt etwa in den Schränken herumwühlte. Die Töchter drängten sie: Du solltest doch ein paar wertvolle Dinge für die Verwandtschaft verstecken, damit wir nichts verlieren. Gold, Pelz, all das war plötzlich plötzlich gefährlich man wollte doch nicht eines Morgens aufwachen und feststellen, dass das ganze Hab und Gut verschwunden war.
Und dann war da noch die monatliche Unzufriedenheit des Klaus: Was hast du überhaupt in unser Haus gebracht? Wo war dein Blick denn hin? Kein bisschen Haut, kein bisschen Gesicht!
Aber das Leben musste weitergehen, also wurde Waltraud eingearbeitet.
Das Anwesen war üppig: ein Garten von dreißig Hektar, drei Schweine im Gemüsegarten, Vögel einfach unzählbar. Jeden Tag musste man arbeiten, ohne dass die Arbeit je enden würde. Waltraud beschwerte sich nicht. Sie kümmerte sich um die Schweine, kochte, putzte und versuchte, ihrer Schwiegermutter zu gefallen. Doch wenn das Herz der Mutter nicht mitlief, konnte kein Gold die Lage retten alles würde schiefgehen. Die ungeliebte Schwiegertochter, von Frust geplagt, sagte am ersten Tag scharf:
Nenn mich bitte beim Vornamen und Vatersnamen. So ist es besser. Ich habe schon eigene Töchter, aber du wirst nie zur Mutter meiner Töchter, egal wie sehr du dich bemühst.
Von da an nannte die Mutter Waltraud stets Waltraud Nikitina. Und sie selbst nannte die Schwiegertochter nie beim Namen. Es hieß immer nur: Man muss was tun. Und das war’s. Keine Gefälligkeiten mehr. Dafür ließ sie jede unangenehme Verwandtschaft nicht zu nah kommen. Jede Kleinigkeit wurde streng geregelt. Manchmal musste die Mutter sogar die sprunghaften Töchter zurückhalten nicht aus Mitleid, sondern weil Ordnung im Haus herrschen musste, nicht Streit. Schließlich war das Mädchen fleißig, packte alles an, war kein Faulpelz. Ohne es zu wollen, begann die Mutter, sich langsam zu erwärmen.
Vielleicht hätte sich das Leben mit der Zeit beruhigt, doch Klaus war ein Träumer.
Welcher Mann hält das aus, wenn von morgens bis abends zwei Stimmen ihm hinterherjammern: Wen hast du geheiratet? Und wen hast du geheiratet? Und dann stellte die alte Lieselotte ihm doch noch eine Freundin vor, und das Ganze geriet in die Luft. Die Schwägerinnen jubelten, weil jetzt die lästige Waltraud endlich das Haus säubern würde. Die Mutter schwieg, Waltraud tat so, als sei nichts geschehen, und sah dabei aus, als hätte sie alle Farben verloren nur noch trübe Augen.
Dann, wie ein Donnerschlag, kamen zwei Neuigkeiten: Waltraud erwartete ein Kind, und Klaus wollte sich scheiden lassen.
Das darf nicht sein, sagte die Mutter zu Klaus. Ich habe sie nicht als Ehefrau für dich erwählt. Doch wenn er einmal geheiratet hatte, musste er dranbleiben. Werde Vater, dann wird das schon alles gut. Und das Kind, das er nicht sah, hieß Schurli.
Erst zum ersten Mal nannte die Mutter Waltraud beim Vornamen. Die Schwestern waren verblüfft. Klaus verzog das Gesicht: Ich bin ein Mann, ich entscheide. Die Mutter stemmte die Hände in die Hüften und lachte: Welcher Mann? Du bist noch ein Knirps in der Hose. Wenn du erst ein Kind bekommst, es großziehst, ihm Verstand gibst und es zu einem Menschen machst, dann kannst du erst ein richtiger Mann sein!
Die Mutter hielt stets ihr Wort. Klaus aber ließ sich nicht lumpen.
Er packte seine Sachen, verließ das Haus, und Schurli blieb zurück. Nach der vorgesehenen Frist brachte sie ein Mädchen zur Welt und nannte es Leni. Die Mutter, als sie das erfuhr, sagte nichts, doch das Lächeln verriet ihr Glück.
Außen blieb im Haus alles beim Alten, nur Klaus verlor den Weg nach Hause. Er war verärgert. Die Mutter trauerte ebenfalls, zeigte es aber nicht. Sie liebte die Enkelin, verwöhnte sie, kaufte Geschenke, Süßes. Schurli jedoch verzieh ihr nie, dass ihr Sohn über sie hinweggegangen war. Sie wies sie jedoch nie öffentlich zurück.
Zehn Jahre vergingen. Die Schwestern heirateten und das große Haus blieb zu dritt: die Mutter, Schurli und Leni. Klaus trat in den Wehrdienst ein, zog mit seiner neuen Frau nach Norddeutschland. Ein pensionierter Offizier, ein älterer, seriöser Mann, zog bei Schurli ein. Er war geschieden, hinterließ ihr eine Wohnung und lebte selbst im Studentenwohnheim. Er bekam Rente, war ein solider Partner. Schurli mochte ihn, doch wohin sollte sie ihn führen? Zur Schwiegermutter?
Sie erklärte ihm alles, bat um Verzeihung und zog sich zurück. Der Mann, kein Dummkopf, ging zur Mutter und sagte: Waltraud Nikitina, ich liebe Schurli, ohne sie kann ich nicht leben.
Die Mutter blieb völlig ungerührt.
Liebst du sie?, fragte sie. Na dann, heiratet euch und lebt zusammen. Sie hielt kurz inne und fuhr fort: Leni darf ich nicht mehr aus der Wohnung tragen lassen. Bleibt hier, das ist mein Platz. Und so lebten sie alle zusammen. Die Nachbarn kicherten und scharrten sich die Zähne, weil die verrückte Nikitina ihren Sohn aus dem Haus getrieben hatte, während Waltraud mit einem Lächeln akzeptierte. Nur der faule Nachbar ließ die Knochen nicht mehr für Waltraud abschaben. Sie aber schenkte den neugierigen Nachbarn keine Beachtung, sprach nicht mit ihnen, erzählte nichts von den Jungen und hielt sich stolz und unbeirrbar zurück. Schurli bekam ein Mädchen, das Katja hieß, und die Mutter war gar nicht mehr zu bremsen vor Freude über ihre beiden Enkelinnen. Und was war Katja für eine Enkelin? Nun, nichts Besonderes.
Doch dann, wie so oft, kam das Unglück plötzlich. Schurli erkrankte schwer. Der Mann brach zusammen, trank gar nicht mehr. Die Mutter schnappte sich heimlich das ganze Geld aus dem Sparbuch und fuhr Schurli nach Berlin. Sie verschrieb ihr jede erdenkliche Medizin, zeigte ihr die besten Ärzte. Nichts half.
Am Morgen ging es Schurli ein wenig besser, und sie bat die Mutter um Hühnersuppe. Die freudige Mutter erlegte sofort ein Huhn, hackte es aus und kochte die Suppe. Als sie die Suppe brachte, konnte Schurli sie nicht essen und weinte das erste Mal in ihrem ganzen Leben. Und die Mutter, die noch nie geweint hatte, weinte mit ihr:
Warum, mein Kind, gehst du von mir fort, obwohl ich dich gerade erst so lieb gewonnen habe? Was machst du?
Dann beruhigte sie sich, wischte die Tränen weg und sagte: Mach dir keine Sorgen um die Kinder, sie werden nicht verloren gehen. Und von da an weinte sie nie wieder, blieb still an Schurlis Seite, hielt ihre Hand und strich sanft, als wollte sie um Verzeihung bitten für alles, was zwischen ihnen geschehen war.
Wieder zehn weitere Jahre vergingen. Leni sollte heiraten, und Lieselotte mit Marlene beide etwas älter, etwas zerzaust kamen zusammen. Keiner von beiden bekam Kinder. Das ganze Familienfest war ein wenig wirr. Klaus tauchte auf, doch mit seiner Frau war er längst getrennt, trank kräftig. Als er Leni sah, die zu einer wahren Schönheit herangewachsen war, freute er sich. Ich habe nie gedacht, dass ich so eine wunderbare Tochter habe. Doch als er hörte, dass Leni ihren Vater als fremden Mann bezeichnete, wurde er wütend und klagte der Mutter an: Du bist schuld! Warum hast du einen fremden Mann ins Haus gelassen? Er soll wegräumen. Ich bin der Vater!
Die Mutter erwiderte:
Nein, mein Sohn. Du bist nicht der Vater. Du hast nie aus den kleinen Hosen, die du als Junge trugst, etwas Großes gemacht. Sie sagte es, wie sie es immer tat. Klaus konnte diese Demütigung nicht ertragen, sammelte seine Sachen und zog wieder in die weite Welt. Leni heiratete, bekam einen Sohn und nannte ihn Alexander, zu Ehren ihres Adoptivvaters. Und die alte Waltraud wurde letztes Jahr neben Schurli begraben.
So liegen sie nun nebeneinander: Schwiegertochter und Schwiegermutter. Und zwischen ihnen wuchs im Frühling eine Birke, aus dem Nichts. Niemand hat sie gepflanzt. Vielleicht ein Abschiedsgruß von Schurli, vielleicht das letzte Bitte der Mutter.





