Liebes Tagebuch,
heute ist ein Tag, den ich kaum für möglich gehalten hätte mein 70.Geburtstag. Dreißig Jahre ist meine geliebte Marta bereits von mir gegangen, und seitdem habe ich nie wieder geheiratet. Die Gründe dafür sind unzählig: das Alter, das fehlende Glück, die Einsamkeit nach dem Verlust. Doch ich frage mich jetzt, ob das alles überhaupt einen Sinn hatte. Zu jener Zeit war ich viel zu beschäftigt, um solche Fragen zu stellen.
Meine beiden Söhne, Klaus und Peter, waren in ihrer Jugend wahre Aufreger. Sie stritten ständig, gerieten in Handgemenge und wechselten von Schule zu Schule, bis ich schließlich einen besonders engagierten Physiklehrer an der Gesamtschule in Leipzig fand. Er erkannte das verborgene Talent der beiden und plötzlich verschwanden die Streitereien, die Schlägereien, die Sorgen. Alles änderte sich von einem Tag auf den anderen.
Meine Tochter Lotte hingegen hatte stets Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen. Die Schulpsychologin empfahl bereits, sie zu einem Psychiater zu schicken. Doch dann kam ein neuer Literaturlehrer, Herr Breuer, und gründete einen Schreibkreis für angehende Autoren. Lotte verlor sich in Geschichten, schrieb von morgens bis abends und veröffentlichte ihre Erzählungen zuerst in der Schülerzeitung und später in den Literaturclubs von Hamburg und München. Ihre Worte fanden Anklang, und bald erhielt sie ein Stipendium für ein Literaturstudium in Berlin.
Die beiden Söhne, inspiriert von ihren schulischen Erfolgen, wurden mit Stipendien an die Technische Universität Dresden aufgenommen, wo sie ein Doppelstudium in Physik und Mathematik begannen. Lotte zog nach Heidelberg, um dort ihr Literaturstudium zu vertiefen. Und ich ich blieb zurück, ganz allein, in unserem alten Fachwerkhaus mit dem großen Grundstück am Ufer der Elbe.
Der Alltag war plötzlich still, fast wolfsgeläutartig. Ich widmete mich dem Angeln am Fluss, dem Gärtnern und der Schweinezucht. Das Land war mein Reichtum, und ich verdiente gut genug, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Doch ich musste feststellen, dass ein Ingenieur im Maschinenbau eines Werks in Braunschweig weniger verdiente als ich, der ich doch nur auf dem Feld arbeitete. Das öffnete mir die Tür, meine Kinder noch einmal zu unterstützen ein günstiges Auto zu kaufen, ein wenig Taschengeld zu geben und ihnen anständige Kleidung zu ermöglichen.
Das bedeutete jedoch, dass meine Zeit noch knapper wurde. Das Bewirtschaften des Hofes, das Handeln auf dem Wochenmarkt und das Pflegen der Schweine nahm den Großteil meiner Tage ein, und das gefiel mir. Zehn weitere Jahre vergingen, und nun stand wieder ein runder Geburtstag bevor. Ich hatte beschlossen, ihn allein zu begehen, ohne Einladungen die Söhne arbeiteten an einem streng geheimen Projekt für das Verteidigungsministerium, und Lotte reiste ständig zu SchriftstellerSymposien.
Ich feiere das lieber allein, dachte ich. Ein Glas Schnaps, ein Blick in den Himmel, dann erzähle ich Marta von den Kindern. Und so begann der Morgen: Ich stand früh auf, um die Schweine zu füttern, denn sie brauchten ein besonderes Aufzuchtfutter. Gerade als ich das Tor zum Feld öffnete, bemerkte ich etwas Ungewöhnliches auf der von Sternen erleuchteten Lichtung vor dem Haus: ein langer, in ein Tuch gehüllter Gegenstand.
Was zum Teufel ist das?, flüsterte ich und reichte nach dem Tuch. In diesem Moment ertönte ein grelles Licht mehrere Scheinwerfer richteten sich auf die Lichtung. Aus der Ecke des Hauses traten meine Kinder, ihre Ehepartner und Enkelkinder, gefolgt von Lotte, die an der Hand eines großen Mannes mit dicken Brillengläsern schlenderte. Alle hielten Luftballons, pusten in Tröten und drückten knallende Knöpfe von LuftdruckSpielzeugen. Sie riefen im Chor:
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Papa!
Der seltsame Gegenstand geriet völlig in den Hintergrund. Meine Schwiegertochter schritt zu mir, zog mir ein Kopftuch über die Augen und drehte mich ein paar Mal.
Was habt ihr da noch ausgedacht?, fragte ich verwirrt.
Ein Geschenk, sagte Klaus, während Peter lachend hinzufügte: Nichts Teures, nur ein kleiner Hinweis.
Sie führten mich zu dem verpackten Gegenstand und zogen das Tuch ab. Ein dröhnender Klang aus Lautsprechern füllte die Luft, Trommeln wummerten. Unter dem Tuch kam ein glänzender MercedesBenz 300SL zutage ein Klassiker, den ich sein ganzes Leben lang bewundert hatte. Ich stand wie gelähmt da, das Herz pochte, und fast fiel ich auf die Knie. Meine Kinder hielten mich fest, setzten mich auf einen Stuhl und füllten mich mit Wasser, um mich zu beruhigen.
Du wolltest immer so ein Auto, sagte Lotte, während sie meine Hand hielt.
Aber das ist doch ein Vermögen!, protestierte ich.
Geld ist kein Hindernis, erwiderte Peter lächelnd. Es ist ein Zeichen der Anerkennung.
Sie öffneten die Tür, doch dahinter lag nur eine Kartonbox.
Was ist das?, fragte ich neugierig.
Mach drauf ein», drängte Lotte.
Ich zog die Box auf und darin sah ich zwei kleine, treue Augen. Ein winziges, flauschiges Wesen lugte hervor ein kleiner Kater, den wir einst Minka genannt hatten, ein Geschenk unserer verstorbenen Marta.
Ein echter Täubchen! Genau wie der, den wir mit Marta hatten, sagte Lotte, und die Kinder nickten eifrig.
Ich setzte mich nicht ins Auto, sondern ging in mein Zimmer im zweiten Stock. Dort ließ ich Minka vorsichtig auf meine Brust fallen, während ich ein altes Foto von Marta an die Wand hielt und Tränen über meine Wangen liefen.
Siehst du, Marta, sieh nur, was wir geschafft haben, flüsterte ich das Bild an, während ich weinte.
Doch meine Kinder ließen mich nicht lange allein. Der Tisch im Erdgeschoss war bereits gedeckt, Gläser klirrten, und wir standen alle zusammen, um anzustoßen. Lotte beugte sich leise an mich und flüsterte: Ich bin im vierten Monat schwanger, und mein Verlobter kommt bald zu dir, um zu bleiben. Sie erzählte mir, dass sie nach der Hochzeit bald in die kleine Stadt BadBodenteich ziehen würde, denn ihr neues Buch ließ sich überall schreiben, und ihr Verlobter, ein Architekt aus Köln, musste nach NewYork reisen, um seine Eltern zu besuchen, bevor er in unserer Dorfkirche heiraten würde.
Bist du einverstanden, Papa?, fragte sie.
Das ist fast wie ein Traum, antwortete ich und küsste sie auf die Stirn.
Der Abend verging in Gesprächen, Gelächter und Erinnerungen. Später ging ich zum Friedhof, setzte mich an Martas Grab und sprach lange mit ihr, als wäre sie noch hier. Das Leben bekam plötzlich wieder Sinn, besonders mit diesem Auto, das mich an meine Jugend erinnerte. Ich dachte daran, neue Kleidung zu kaufen, das Fahrzeug zu pflegen und vielleicht einmal nach Berlin zu fahren, um das Werk zu besichtigen.
Auf dem Bett schlief Minka friedlich, schnurrte und streckte sich.
Minka, rief ich, Minka. Er schnurrte und rollte sich zusammen. Ich strich ihm über den Bauch, bis ich einschlief.
Der nächste Morgen begann früh, die Schweine brauchten Futter, das Gemüse wartete im Beet, und das Angeln am Fluss konnte nicht warten. Lotte und ihr Verlobter schliefen im unteren Zimmer, während die Söhne und ihre Familien bereits wieder unterwegs waren. Die Stille kehrte zurück, und Minka folgte mir überall hin, schlug in den Futternapf der Schweine und verhedderte sich in den Netzen auf dem Boot.
Ich lachte und sagte zu ihm: Als wärs wieder Jugendzeit. Und Minka miaute, kratzte sich leicht an meiner Hand.
Du kleiner Lausbub!, rief ich lachend.
Dieses Tagebuch soll kein Märchen sein, sondern ein leiser Hinweis an alle, die noch die Möglichkeit haben, ihre Eltern zu besuchen. Wartet nicht auf das Morgen. Fahrt jetzt los, nutzt die Zeit, solange sie euch bleibt.
In Dankbarkeit,
Hans Müller.





