Krankhafte Liebe: Eine verstörende Geschichte von Leidenschaft und Schmerz

Krankhafte Liebe

Glaubst du wirklich, dieses freiheitsliebende Vögelchen bleibt lange verheiratet? versuchte Lena mich zur Vernunft zu bringen.

Leben und leben lassen, lächelte ich selig, ohne zu ahnen, dass diese Worte zum Motto meines Lebens werden würden. Zum Motto und zum Fluch.

Ich erinnere mich an diesen Abend, als wäre es gestern gewesen. Ein stickiges Bankett, der Duft teurer Parfüms, leeres Geschwätz über Geld, aufgesetzte Lächeln. Ich stand mit einem Glas in der Hand und dachte, wie sehr mich das alles anödete. Schon wollte ich fliehen, als ich hinter mir ein ansteckendes, weibliches Lachen hörte. Ich drehte mich um, als hätte jemand an meinen Fäden gezogen.

Und da sah ich sie. Kathi. Sie gestikulierte wild, während sie einer Gruppe Männern etwas erzählte. Schlank, in einem einfachen Kleid, doch mit einem Feuer in ihren braunen Augen, das meine sorgfältig geordnete Welt mit einem Knall zerstörte.

Wer ist das?, fragte ich Lena, eine alte Bekannte.

Meine Freundin Katharina, seufzte sie. Ich warne dich, sie ist ein Naturgewand im Rock. Mit ihr ist es wie im Flug atemberaubend, aber du riskierst, abzustürzen.

Ich hörte die Warnung nicht, denn ich war wie hypnotisiert. Für mich, dessen Professor-Eltern selbst beim Frühstück Vorträge hielten, war sie die Verkörperung des Lebens selbst. Es war Liebe auf den ersten Blick oder genauer gesagt, eine Diagnose ohne Heilung.

Wir heirateten nach einem halben Jahr, gegen den Rat meiner Eltern. Sie wird dich brechen, mein Junge, sagte mein Vater und blickte mich über seine Brille hinweg an. Dieses Mädchen ist nicht für die Ehe gemacht.

Sie ist eine schöne, giftige Ranke, fügte meine Mutter hinzu. Sie wird dich erdrosseln, bis sie dir alles genommen hat.

Doch ich sah nur die Sonne und dachte: Genau diesen Sturm hat mein Leben gebraucht, das bisher nach strengem Zeitplan verlief.

Die ersten Ehemonate waren wie Wahnsinn. Kathi weckte mich um drei Uhr nachts mit einem Ruf: Theo, schau, der Mond! Lass uns an den Fluss fahren! Und wir fuhren. Sie plauderte mit Obdachlosen am Hausflur, und fünf Minuten später kannte sie deren ganze Lebensgeschichte. Sie war das Chaos. Und ich ich atmete es ein wie ein Gefangener, der erstmals die Freiheit spürt.

Dann kam der erste Donnerschlag.

Die Krise traf uns unerwartet, der Markt brach ein. Mein Geschäft, das Werk meines Lebens, geriet ins Wanken und stürzte binnen Monaten ein. Ich kämpfte um jeden Rest, doch alles war vergeblich. Eines Abends kam ich zerschlagen nach Hause, mit leeren Augen. Der Boden unter meinen Füßen verschwand.

Kathi stand in der Tür. Nicht mit offenen Armen. Sie verschränkte die Arme und blickte mich kalt an.

Na, Genie? Verloren?, ihre Stimme war scharf und gnadenlos.

Mir stockte der Atem.

Kathi, ich ich versuche es

Du versuchst, ein sinkendes Schiff zu retten, unterbrach sie. Aber ich will nicht ertrinken und kann nicht in Armut leben. Ich brauche festen Boden. Stabilität. Die gibst du mir nicht mehr. Tut mir leid.

Sie packte vor meinen Augen ihre Koffer. Mir blieb die Luft weg, ein Kloß schnürte mir die Kehle zu.

Kathi, warte bitte, meine Stimme brach zu einem Flüstern. Ich werde es wieder hinbekommen! Wir schaffen das

Sie blieb stehen, griff nach ihrem leuchtend roten Pass und steckte ihn in ihre Handtasche. Dann sah sie mich an. Keine Liebe, kein Bedauern. Nur eisige Verachtung.

Theo, hör auf, dich lächerlich zu machen. Das steht dir nicht. Ruf nicht an. Such mich nicht. Tschüss!

Die Tür knallte. Der Schmerz traf mich wie ein Schlag. Ich sank im Flur zu Boden und weinte wie ein Kind. Die Welt verlor ihre Farben. Das Essen schmeckte nach nichts, die Luft war dick und schwer.

Kathi kam nach einem halben Jahr zurück.

Ich öffnete die Tür und da stand sie. Abgemagert, gebräunt, nach fremden Parfüms duftend. Mir versagten die Knie. Sie betrat die Wohnung, warf ihre Schuhe ab und sagte:

Na, dieser Börsenmakler war ein unerträglicher Langweiler. Sogar im Auto hörte er nur Klassik.

Sie sagte es, als käme sie vom Einkaufen, nicht aus dem Bett eines anderen.

Und statt ihre Sachen die Treppe hinunterzuwerfen, statt zu schreien, fühlte ich eine wahnsinnige, überwältigende Freude. Sie war zurück! Sie hatte mich gewählt!

Es tut mir leid verzeih mir, Kathi ich war schwach ich habe dich im Stich gelassen verzeih, dass ich nicht der war, den du brauchtest.

Sie erstarrte. Ich sah in ihren Augen nicht Reue, sondern Genugtuung. Sie hatte recht behalten. Immer hatte sie recht. Und ich nicht.

Es gab weitere Abgänge.

Zuerst der Guru, der sie in die Berge zur Erleuchtung mitnahm. Ich verließ zwei Wochen lang nicht das Haus. Lag auf dem Teppich im Wohnzimmer, wo wir einst getanzt hatten, und starrte ins Leere. Ich malte mir aus, wie sie mit ihm lachte, wie sie ihn mit demselben verzückten Blick ansah wie einst mich. Bei diesen Gedanken wurde mir übel.

Dann kam der richtige Mann muskulös, mit frechem Grinsen. Ich sah sie zufällig im Park. Er legte den Arm um ihre Taille, flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie warf den Kopf zurück und lachte genau so, wie sie einst mein Herz durchbohrt hatte. Mir wurde schwarz vor Augen.

Und jedes Mal kam sie zurück. Und jedes Mal war ich da, um die Tür zu öffnen. Lena, die uns einst zusammengebracht hatte, packte mich nach einer solchen Rückkehr an den Schultern und schrie fast:

Theo, wach auf! Kathi benutzt dich nur! Sie hat geprahlt, dass du dich wieder entschuldigt hast! WOFÜR? Um Himmels willen, wofür?

Dafür dass ich nicht interessant genug bin. Dass ich ihre Aufmerksamkeit nicht halten kann. Sie langweilt sich mit mir. Es ist meine Schuld, Lena. Immer meine.

Ich war kein Mann. Ich war ein Fußabtreter. Ein Wartezimmer für die geliebte Kathi. Und das Schlimmste war: Ich akzeptierte diese Rolle. Denn der Gedanke an ein Leben ohne sie war schlimmer als jeder Schmerz, den sie mir zufügte.

Eines Nachts, nach ihrer Rückkehr vom Hengst, brach ich zusammen. Ich betrat das Schlafzimmer. Sie schlief, hatte sich über meine Hälfte des Bettes ausgebreitet, friedlich und atemberaubend schön. Ich setzte mich auf die Kante und fragte mit belegter Stimme:

Sag mir, warum? Warum kommst du immer zu mir zurück?

Sie erwachte langsam, streckte sich, und ihr Gesicht erhellte sich mit jenem ersten, alles überwältigenden Lächeln.

Weil du mein Zuhause bist, Theo, flüsterte sie schlaftrunken. Mein sicherer Hafen. Du wartest immer.

In diesen Worten lag keine Liebe. Nur Bequemlichkeit. Und das verletzte mehr als all ihre Untreue. Doch als sie ihre Arme um meinen Hals schlang und ihre Wange an meine Brust presste, löste sich aller Schmerz, aller Stolz, aller Wille in dieser Berührung auf.

Ich schämte mich in diesen Momenten, doch ich konnte sie nicht gehen lassen, obwohl ich wusste: Die Tür würde wieder zuschlagen. Und ich würde wieder warten. Denn diese seltenen, der Schicksal gestohlenen Augenblicke, in denen Kathi da war, gaben mir Luft. Ohne sie blieb nur eine endlose, lautlose, graue Leere.

Kathi verließ mich erneut an dem Tag, als ich fast das letzte Stück meiner selbst verlor.

Diesmal mit einem Galeristen, einer feinsinnigen Künstlerseele, wie sie verächtlich sagte, während sie auf meine Business-Krawatten im Schrank blickte. Ich blieb allein in unserer sterilen Wohnung zurück.

Dann klingelte das Telefon. Mein Vater hatte einen Schlaganfall.

Während ich durch die Stadt raste, gingen mir seine Worte durch den Kopf, all die Warnungen, die ich so heftig ignoriert hatte. Sie wird dich brechen, mein Junge. Ich dachte immer, er meinte meine Karriere, mein Geld. Doch er meinte mich. Meine Seele.

Ich stürmte ins Krankenzimmer. Meine Mutter, sonst so gefasst, saß am Bett und weinte still, wie alte Frauen weinen, mit einem sorgfältig gefalteten Taschentuch.

Mein Vater lag bleich da, das Gesicht verzogen, und starrte an die Decke. Er war ein Schatten jenes strengen, mächtigen Mannes, der mich einst das Leben gelehrt hatte. Der Schock traf mich tief. Als ich seine hilflose Hand sah, klickte etwas in mir. Es war fast körperlich spürbar. Mit eisklarer Gewissheit sah ich in ihm mich selbst ebenso gebrochen, gelähmt. Nur hatte die Krankheit ihn getroffen, und mich die Liebe.

Ich setzte mich zu meiner Mutter, nahm ihre zitternde Hand und legte meinen Kopf an ihre Schulter:

Verzeiht mir. Ich habe nicht auf euch gehört.

Wir haben immer gehofft, du wachst auf, flüsterte sie.

In dieser Nacht, zurück in der leeren Wohnung, tat ich das Erste, was mir einfiel. Ich packte ihre Sachen zusammen. Wollte sie wegwerfen, doch dann ließ ich es. Stattdessen klebte ich einen großen Zettel an die Tür: Wartezimmer geschlossen.

Das Schwerste war, Kathi nicht zu antworten, als sie zwei Wochen später schrieb: Vermisse unseren Kaffee. Er trinkt hier nur teuren Staub. Meine Hand griff schon nach dem Handy, um Komm zurück zu tippen. Doch dann sah ich das Gesicht meines Vaters vor mir. Und zum ersten Mal schwieg ich.

Sie verstand es nicht. Nachrichten und Anrufe folgten. Erst verwundert, dann wütend, dann höhnisch: Theo, was ist, hältst du Diät? Verschmachtest du ohne mich? Ich schwieg. Das Schweigen wurde meine Festung.

Eines Tages kam sie einfach. Warf ihre Tasche in den Flur und rief:

Theo, hol meinen Koffer aus dem Auto!

Du verstehst nicht, sagte ich leise, aber jedes Wort klar betonend. Hier ist dein Zuhause nicht mehr.

Sie starrte mich an, und in ihren Augen blitzte zum ersten Mal Angst. Sie hatte die Kontrolle verloren.

Was ist mit dir? Bist du krank?

Ja, Kathi. Ich war sehr krank. Doch jetzt gesunde ich. Und das tut weh. Du warst meine Krankheit.

Es war unerträglich schwer. Wie ein Entzug. Doch mich hielten die stillen Abende mit meinem Vater, der langsam genas. Die stille Unterstützung meiner Mutter. Und mein eigener Wille, den ich erstmals darauf richtete, mich selbst zu retten statt auf das Warten.

Die ersten Monate der Freiheit waren wie eine Genesung. Körper und Seele schmerzten, entwöhnten sich vom Gift. Ich ertappte mich dabei, wie ich das Handy checkte, auf Schritte im Treppenhaus lauschte. Doch mit jedem Tag geschah es seltener.

Ein halbes Jahr später schickte Kathi eine Postkarte von einer tropischen Insel: Niemand hat mich je so erwartet wie du.

Daraufhin brachte ich ihre Sachen ins Lager. Kein Akt des Zorns, sondern Hygiene. Platz schaffen für mein eigenes Leben.

Eines Tages rief Lena an und lud mich zu einer kleinen Ausstellungseröffnung ein.

Keine Sorge, dein Sturm wird nicht da sein, scherzte sie.

Doch ich hatte keine Angst mehr. Ich betrachtete die Bilder, trank Wein und spürte den interessierten Blick einer Frau keine strahlende Schönheit wie Kathi, sondern mit ruhigen, aufmerksamen Augen. Wir sprachen über Kunst, über Bücher. Und ich musste mich nicht verstellen, um das Gespräch am Laufen zu halten.

Als ich meine neue Bekannte verabschiedete, stellte ich überrascht fest: Ich fühlte keine Angst. Keine Furcht, etwas Falsches zu sagen oder zu verletzen. Es war ruhig in mir. Man kann also man selbst sein. Nichts erzwingen, nicht ständig an morgen denken.

Was auch kommt es wird mein Leben sein. Meine Wahl. Mein Weg ohne ewiges Warten im leeren Wartezimmer.

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Homy
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Krankhafte Liebe: Eine verstörende Geschichte von Leidenschaft und Schmerz
– Na, schicken Sie mich wieder ins Kinderheim?