Svenja bemerkte, dass Lukas sein bestes Hemd anhatte – dasselbe cremefarbene, das sie im letzten Jahr gemeinsam zu seinem Geburtstag gekauft hatten. Und seine neuen Schuhe.

Heike bemerkte, dass Markus das schönste Hemd anhatte das gleiche cremefarbene, das sie vor einem Jahr zusammen zu seinem Geburtstag gekauft hatten und dazu die neuen Lederschuhe. Sogar die Manschettenknöpfe trug er, obwohl er sonntags zu Hause immer in Hausschuhen lief.

Heike, wir müssen reden, sagte er, mit dem Rücken zum Fenster stehend.

Sie stellte langsam die Kaffeetasse auf den Tisch. Das Herz schlug schneller, jedoch nicht aus Angst, sondern aus reiner Neugier.

Markus hatte sich eindeutig auf dieses Gespräch vorbereitet wie auf ein wichtiges Ereignis. Und dann dämmerte ihr: Er rechnete mit Tränen, Flehden, Wutausbrüchen. Stattdessen breitete sich ein seltsamer Frieden in ihr aus.

Ich glaube, wir sollten uns trennen, fuhr er fort, ohne sich umzudrehen. Wir verstehen das beide.

Verstehen wir?, fragte sie, überrascht von ihrer eigenen Stimme ruhig, beinahe interessiert.

Markus drehte sich endlich um. Auf seinem Gesicht lag Überraschung sie reagierte nicht, wie er es erwartet hatte.

Na ja, wir sind ja erwachsene Menschen. Die Gefühle sind vorbei, warum das Ganze vorspielen?

Heike ließ sich zurück auf den Stuhl sinken.

Zweiundzwanzig Jahre Ehe, ein Sohn, die Pubertät des Jungen und ihre eigenen vierzig. Und jetzt, scheinbar, begann ihr eigentlicher fünfziger Lebensabschnitt.

Und wohin soll ich gehen?, fragte sie schlicht.

Äh, stammelte Markus. Du könntest vorerst bei Karin wohnen. Oder dir etwas Kleineres mieten. Ich helfe anfangs mit dem Geld.

Karin, seine Schwester, hatte ihr zeitlebens gesagt, Heike hätte sich umsonst auf ihn eingelassen.

Wie großzügig, mir mit Geld zu helfen, dachte Heike innerlich.

Und was hast du selbst vor?, fragte sie.

Ich?, Markus wirkte überrascht von der Gegenfrage. Noch nichts Konkretes. Vielleicht verkaufe ich die Wohnung und kaufe etwas Einfacheres.

Die Wohnung?, hakte Heike nach. Die hier?

Ja, genau. Was?

Sie stand auf, ging zum Fenster. Markus wich instinktiv zurück. Unten zogen Schulklassen mit schweren Rucksäcken vorbei das neue Schuljahr hatte begonnen. Das Leben ging weiter.

Markus, wem gehört die Wohnung eigentlich?

Mir, selbstverständlich. Warum?

Dir?, Heikes Stimme klang plötzlich echt überrascht. Bist du dir sicher?

Zum ersten Mal wirkte Markus ratlos.

Natürlich, wir haben sie vor Jahren gekauft, mit dem Geld, das meine Mutter mir vor der Hochzeit geschenkt hat. Erinnerst du dich?

Sie hatte ihr Zimmer in der Gemeindewohnung verkauft und gesagt: Das ist für deine Zukunft. Und so wurde es zu ihrer gemeinsamen Zukunft.

Markus schwieg.

Wir haben die Wohnung auf meinen Namen eingetragen, weil du damals noch nichts gearbeitet hast, sondern deine Berufung gesucht hast. Und ich brauchte für die Bank Einkommensnachweise für den Kredit.

Erinnerst du dich jetzt?

Aber wir Wir hatten doch abgemacht

Dass das unser gemeinsames Eigentum ist. Und so war es, bis du plötzlich alles für dich haben wolltest.

Heike setzte sich wieder, nahm die nun kalte Tasse und nahm einen Schluck.

Weißt du, Markus, ich merke gerade, dass du recht hast. Wir sollten wirklich getrennte Wege gehen.

Wirklich?, seine Stimme wurde schneller, ein Funken Sorgen blitzte auf.

Ja. Und wenn du ein neues Leben willst, dann lass es ehrlich zu. Ich bleibe in der Wohnung sie ist meine. Du suchst dir eine neue Bleibe, allein, mit deinem Geld.

Heike, wir können doch menschlich verhandeln

Ist das nicht menschlich?, lächelte sie. Du willst Freiheit bekommst du. In voller Höhe.

Markus setzte sich ihr gegenüber. Das einstige elegante Hemd wirkte plötzlich sinnlos.

Ich habe im Moment kein Geld für eine neue Wohnung

Und ich habe keine Lust mehr, dich zu versorgen. Du hast selbst gesagt, wir sind erwachsene Menschen.

Ich dachte, wir finden das friedlich

Friedlich lösen wir das. Niemand schreit, keiner wirft Vorwürfe. Jeder bekommt, was er will. Du wolltest, dass ich gehe, und nun gehst du. Ist das nicht fair?

Heike stand auf, ging zur Spüle. Auf ihrem Handy blinkte eine Nachricht über die Lieferung von Lebensmitteln die Bestellung von gestern für heute.

Ich brauche Zeit zum Nachdenken, murmelte Markus.

Natürlich, erwiderte sie, stellte die Tasse ab. Aber zögere nicht zu lange. Meine Freundinnen kommen heute Abend. Ich will nicht, dass sie Zeugen einer Familienszene werden.

Markus zog sich ins Schlafzimmer zurück. Man hörte ihn leise, aber aufgeregt telefonieren. Heike holte das Gemüse aus dem Kühlschrank und begann es zu schneiden. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast meditativ. Halbstündig kehrte Markus zurück.

Heike, vielleicht haben wir zu schnell gehandelt? Lass uns nochmal alles besprechen.

Worüber?, sie blickte nicht von dem Schneidebrett auf. Du hast entschieden, ich habe zugestimmt. Alles ist klar.

Aber die Wohnung Wir haben zusammen reingebaut, renoviert, Möbel gekauft

Renovierung?, Heike sah ihn endlich an. Die, die mein Vater aus reiner Handarbeit gemacht hat? Gratis? Und die Möbel, die ich aus meinem Gehalt gekauft habe, während du noch deine Berufung gesucht hast?

Ich habe immer gearbeitet!

Ja, aber das Gehalt ging meist in meine Tasche, während ich die Familie hielt. Erinnerst du dich an das Sprichwort: Ein Mann braucht sein eigenes Geld für das eigene Selbstwertgefühl?

Markus verstummte.

Und ich erinnere mich, wie du sagtest, du seist nicht bereit für Kinder. Dann, als Felix geboren wurde, hattest du Angst vor der Vaterschaft, doch jetzt prahlst du, ein fürsorglicher Vater zu sein.

Was hat das damit zu tun?

Dass ich verstehe: Du hast beschlossen zu gehen nicht gestern, nicht letzte Woche, sondern erst jetzt.

Heike legte das Messer beiseite, drehte sich zu ihm.

Sag mal, gefällt Sabrina die Wohnung? Oder plant ihr etwas Neues zu kaufen?

Markus erstarrte.

Welche Sabrina?

Die, mit der du seit einem halben Jahr korrespondierst. Die, die seit acht Jahren in deiner Firma arbeitet, noch kinderlos, aber sehr ambitioniert. Erinnerst du dich?

Du hast mich beobachtet?

Warum? Du hast alles selbst erzählt. Erinnerst du dich an den Abend vor drei Wochen? Du kamst glücklich nach Hause, sprachst über deine Kollegin clever, vielversprechend. Und am nächsten Tag kauftest du ein neues Hemd.

Heike griff nach einem Handtuch, trocknete ihre Hände.

Und du hast jetzt morgens vor der Arbeit duschen, das Parfüm gewechselt, dich im Fitnessstudio eingetragen das erste Mal seit zehn Jahren.

Heike

Und du nimmst das Handy sogar mit in die Badewanne. Früher ließest du es irgendwo liegen. Und du lächelst ständig ins Display.

Markus Smartwatch zeigte eine eingehende Nachricht. Er sah kurz hin, verdeckte das Handgelenk.

Schreibt Sabrina?, fragte Heike neugierig.

Markus setzte sich zurück.

Ich hatte nicht geplant

Nicht geplant was? Verliebt zu werden oder erwischt zu werden?

Es war ein Zufall. Wir haben nur bei der Arbeit geredet, und dann

Und dann hast du entschieden, dass ich besser ausziehe. Praktisch. Die Wohnung bleibt dir, dein Ruf bleibt sauber.

Die Ehefrau geht, also ist sie schuld. Mit Sabrina könnte er neu anfangen.

Heike setzte sich ihm gegenüber.

Weißt du, was seltsam ist? Ich bin überhaupt nicht wütend. Im Gegenteil, dankbar. Du hast mir gezeigt, dass ich viel stärker bin, als ich dachte.

Was hast du vor?

Leben. Hier, in meiner eigenen Wohnung. Vielleicht endlich das tun, wovon ich immer geträumt habe, aber nie den Mut hatte. Jetzt habe ich Zeit für mich.

Und Felix?

Felix ist einundzwanzig, erwachsen. Er wird schon klar kommen, wer von uns beiden wie handelt.

Markus stand auf, ging durch die Küche.

Heike, können wir nicht irgendwie eine Einigung finden? Ich bin bereit, dir eine Abfindung zu zahlen

Wofür?, fragte sie wirklich überrascht.

Na ja für die Wohnung, für die gemeinsamen Jahre.

Markus, willst du meine Wohnung kaufen, um deine Freundin dort einzuziehen?

Nicht so grob

Wie? Du bietest mir Geld, damit ich freiwillig obdachlos werde?

Heike lachte, ehrlich, ohne Bitterkeit.

Früher hätte ich das aus Mitleid akzeptiert. Armer Kerl, er hat nur Liebe gesucht. Und ich wäre zur Schwester gegangen und hätte mich bei dir entschuldigt, weil ich dich nicht halten konnte.

Sie ging zum Fenster.

Jetzt sehe ich: Du hast mich immer für eine naive Narren gehalten, die alles erträgt. Und weißt du was? Du hast dich geirrt.

Du gehst also nicht?

Doch, du gehst. Heute. Nimm nur das, was du brauchst.

Und wenn ich mich wehre?

Heike drehte sich zu ihm, ihr Blick war fest und ruhig, als hätte sie endlich ihre wahre Kraft gefunden.

Dann erfährt Sabrina morgen, dass ihr Liebhaber nicht frei, sondern verheiratet ist. Und sie wird auch erfahren, wie du das Wohnproblem lösen wolltest. Glaubst du, das gefällt ihr?

Markus schwieg.

Du hast noch eine Stunde, ergänzte Heike. Meine Freundinnen kommen um fünf. Ich will nicht, dass sie Zeugen einer Familienshow werden.

Sie griff zum Sprühgerät und begann, die Pflanzen am Fenster zu besprühen.

Im Haus herrschte eine tiefe Stille nur das Zischen des Wassers und das Knarren des alten Dielenbodens unter Markus Schritten, während er seine Sachen zusammenpackte.

Heike lächelte ihrer Lieblingsveilchen zu. Das wahre Leben begann gerade erst.

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Homy
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Svenja bemerkte, dass Lukas sein bestes Hemd anhatte – dasselbe cremefarbene, das sie im letzten Jahr gemeinsam zu seinem Geburtstag gekauft hatten. Und seine neuen Schuhe.
Ein Fremder in meinem Zuhause