Papa, hast du etwa eine Katze aufgenommen? wundert sich seine Tochter Liselotte, die am Wochenende aus München anreist.
Peter Müller blickt gereizt aus dem Fenster. Da sitzt wieder dieser rostbraune Kater auf seinem Beet zum dritten Tag hintereinander.
Zuerst hat er die Tomaten zerfressen, gestern in den Gurken geschlafen, und heute hat er sich einfach auf dem jungen Kohl ausgebreitet.
Geh doch zurück zu deinen Besitzern, murmelte der alte Mann, während er gegen das Glas klopfte.
Der Kater hebt den Kopf, schaut mit seinen gelben Augen und bleibt völlig unverrucht sitzen fast dreist.
Peter zieht Gummistiefel an und tritt hinaus aufs Feld. Der Kater läuft nicht weg, er weicht nur ein paar Schritte zurück und nimmt neben dem Zaun Platz. Dünn, abgemürbt, ein abgerissenes Ohr, ein gekräuselter Schwanz.
Na, du Bettler? beugt Peter sich zu den Kohlköpfen, prüft den Schaden. Du hast dich wohl verlaufen, jetzt nimmt dich keiner mehr mit nach Hause?
Der Kater miaut kläglich, leise. Und plötzlich erkennt der Alte: das Tier ist hungrig. Sein abgemagerter Blick brennt.
Wo sind deine Besitzer? fragt er, während er sich hockt.
Der Kater schleicht näher, reibt sich an den Stiefeln, schnurrt, als wolle er sich für das NichtVertreiben bedanken.
Opa, warum lebt denn bei uns im Garten eine Katze? fragt sein Enkel Sebastian, der zu Besuch auf dem Schrebergarten ist.
Das ist die Nachbarskatze. Ich weiß nicht, ob sie sich verirrt hat oder ausgesetzt wurde.
Und wem gehörte sie?
Peter seufzt. Er weiß es. Sie gehörte der Witwe Hannelore Schmidt aus dem angrenzenden Haus. Sie ist vor einem Monat verstorben, die Verwandten kamen nur zur Beerdigung, das Haus wurde geschlossen, die Möbel wurden abtransportiert und an die Katze wurde nicht mehr gedacht.
Sie war bei Oma Anna. Sie ist bereits verstorben.
Und der Kater blieb allein?
Ja, blieb er.
Sebastian schaut mitleidig auf den rostbraunen Streuner:
Opa, sollen wir ihn nicht zu uns holen?
Ganz meiner Linie! wirft Peter zurück. Ich habe noch nie eine Katze gehabt. Ich habe nichts zu essen, und jetzt noch
Doch am Abend, als Sebastian zurück nach Köln fährt, stellt Peter dem Kater eine Schüssel mit Resten von Suppe vor die Haustür und geht. Der Kater schleicht vorsichtig heran, frisst gierig und hastig.
Na gut, brummt Peter, einmal darf es sein
Einmal wird zu täglich. Morgens geht Peter aufs Beet der Kater wartet bereits am Tor, sitzt geduldig, miaut nicht, bettelt nicht, er wartet nur.
Zuerst füttert Peter ihn mit Resten, dann kocht er extra Brei, kauft günstige Dosenfutter. Er sagt sich: Das ist nur vorübergehend, bis der Kater neue Besitzer findet.
Rudi, komm her, ruft er. Rudi, ich rufe dich, wie Hannelore dich genannt hat.
Der Kater reagiert auf jeden Namen, Hauptsache, er wird gerufen.
Allmählich gewöhnt sich Rudi. Tagsüber sonnt er sich im Garten, abends kommt er zur Veranda, schläft in der alten Hundehütte, die übrig blieb.
Nur vorübergehend, wiederholt Peter, ganz vorübergehend.
Wochen vergehen, doch der Kater bleibt. Peter merkt, dass er sich an das rostbraune Gesicht am Tor, das leise Schnurren am Abend, die warme Brust, die manchmal auf seinen Schoß klettert, gewöhnt hat.
Papa, hast du etwa eine Katze aufgenommen? wundert sich Liselotte erneut.
Nein, sie kam selbst. Sie war die Nachbarskatze, die Besitzerin ist tot
Warum fütterst du sie dann? Such dir doch ein neues Zuhause.
Wer braucht schon eine alte Katze? streichelt Peter Rudi hinter dem Ohr. Lass sie leben.
Papa, das sind doch unnötige Ausgaben. Futter, Tierarzt, wenn es nötig ist deine Rente ist doch schon klein.
Wir kommen zurecht, antwortet Peter knapp.
Liselotte schüttelt den Kopf. In den letzten Jahren ist ihr Vater merkwürdig geworden er spricht mit den Pflanzen, jetzt hat er auch noch eine Katze aufgenommen
Vielleicht ziehst du doch in die Stadt zu uns?, schlägt sie wieder vor. Warum sitzt du hier allein?
Nicht allein. Rudi ist ja da.
Papa, im Ernst
Ich meine es ernst. Uns gefällt es hier. Wir haben den Garten und die Katze.
Liselotte seufzt. Mit ihrem Vater zu reden fällt ihr schwer. Er ist stur, verschlossen. Nach Mamas Tod hat er sich völlig verändert.
Im Herbst wird Rudi schwach. Er hört auf zu fressen, liegt in der Hütte, atmet kaum. Peter ist besorgt wie um sein eigenes Leben.
Was ist los, Freund? setzt er sich neben die Hütte. Bist du krank?
Der Kater öffnet die Augen, miaut schwach. Peter überwindet es und bringt ihn zum Tierarzt im nahegelegenen Kreisstadt. Er gibt fast seine gesamte Rente für die Behandlung aus, bereut es aber nicht.
Sie haben eine feine Katze, sagt der junge Tierarzt. Intelligent, freundlich. Nur das Alter und das geschwächte Immunsystem.
Wird er überleben?
Bei guter Pflege kann er noch einige Zeit leben. Man muss nur vorsichtig sein und Medikamente geben.
Zuhause richtet Peter auf der Veranda ein kleines Lazarett für Rudi ein, legt alte Decken aus, stellt Futternäpfe und Wasserschalen hin, gibt täglich Pillen, misst die Temperatur.
Werd wieder gesund, sagt er. Ohne dich wäre es langweilig.
Und das stimmt. In den letzten Monaten ist der Kater mehr als ein Haustier geworden er ist ein Freund, das einzige Lebewesen, das sich über Peters Rückkehr freut, das er braucht.
Opa, ist Rudi wieder gesund? fragt Sebastian, der zu den Winterferien gekommen ist.
Ja, schau, er schläft auf dem Kissen.
Rudi liegt tatsächlich zusammengerollt auf einem warmen Kissen, das Fell glänzt, die Augen klar. Ein gesunder Kater.
Wird er immer hier bleiben?
Wo soll er denn hin? streichelt Peter Rudi. Wir gehören zusammen. Er gibt mir Gesellschaft, ich gebe ihm ein Zuhause.
Opa, warst du nicht einsam mit Rudi?
Peter wird nachdenklich. Seit seiner Frau weg ist das Haus leer, still. Er kocht Suppe für einen, schaut fern, schläft allein im leeren Raum.
Ja, meine Kleine, es war sehr einsam.
Und jetzt?
Jetzt ist es nicht mehr einsam. Rudi kommt, wenn ich vom Garten zurückkomme, schnurrt, während ich das Abendessen koche. Er schläft auf meinem Schoß, wenn ich fernsehe. Es hat sich gut angefühlt.
Sebastian nickt. Auch er liebt Tiere und versteht, wie sie Einsamkeit verschönern können.
Opa, was sagt Mama dazu?
Mama war dagegen. Sie meinte, das sind unnötige Ausgaben, unnötige Mühen.
Und du?
Ich denke, das ist nicht unnötig. Rudi bringt mir Freude. Freude ist nichts Unnützes.
Im Frühling kommt eine unerwartete Besucherin die Nichte der verstorbenen Hannelore, eine junge Frau mit Kind.
Opa, entschuldigen Sie die Störung, sagt sie. Ich bin Sabine, die Nichte von Hannelore. Ich habe gehört, dass Ihr ihre Katze noch hat.
Peters Herz schlägt schneller. Wird er Rudi verlieren?
Ja, die Katze lebt, antwortet er vorsichtig. Und was?
Ich wollte nur nachfragen Wir sind nach der Beerdigung schnell gefahren, haben nicht an die Katze gedacht. Jetzt ist uns das unangenehm, wir würden sie gern zu uns holen.
Verstehe, meint Peter, während sich ein Kloß im Hals bildet.
Sie sind sicher müde von ihr? Zu viel Arbeit
Nein, nicht müde. Sie ist schön.
Sabine blickt in den Hof, wo Rudi in der Sonne neben den Beeten liegt.
Ach, wie sehr er sich verändert hat! Früher war er so dünn und krank, jetzt ein richtiger Schönling!
Ich habe ihn behandelt, gut gefüttert.
Vielen Dank! Wir holen ihn gerne ab und übernehmen alle Kosten.
Peter schweigt. Er weiß, dass die Katze rechtlich nicht ihm gehört Hannelores Erben haben das Recht. Aber wie erklärt man, dass Rudi in den letzten Monaten ein Teil seines Lebens geworden ist?
Können wir ihn mal sehen? fragt Sabine.
Sie gehen zu Rudi. Der Kater hebt den Kopf, schaut misstrauisch zu den Fremden, dann geht er zu Peter, reibt sich an dessen Beinen.
Komisch, meint Sabine. Er erkennt mich nicht. Ich war oft bei Tante Anna.
Die Zeit hat geruht, erklärt Peter. Er hat sie wohl vergessen.
Doch er weiß, es geht nicht um Vergessen. Der Kater hat einfach einen neuen Besitzer gewählt den, der ihn fütterte, heilte, liebte.
Vielleicht bleibt er doch bei Ihnen?, schlägt Sabine plötzlich vor. Ich sehe, er hat sich an Sie gewöhnt. Und Sie sind an ihn geknüpft.
Wie bitte?, fragt Peter verwirrt.
Ganz einfach. Wir wohnen in einer Wohnung, unser Kind ist klein, und die alte Katze ist schon an die Freiheit gewöhnt. Warum sie mit dem Umzug belasten?
Aber er ist doch Ihrer.
Er war Ihrer Tante. Jetzt ist er Ihrer. Sie haben ihn zweimal gerettet erst vor dem Hungern, dann vor der Krankheit. Er gehört jetzt zu Ihnen.
Peter kann sein Glück kaum fassen:
Wirklich? Darf ich ihn behalten?
Natürlich! Nur wenn er Pflege, Futter oder Medizin braucht, melden Sie sich. Wir helfen gern.
Nachdem Sabine gegangen ist, sitzt Peter lange auf der Veranda und streichelt Rudi.
Hör zu, Freund, du bleibst bei mir. Für immer.
Der Kater schnurrt, schließt zufrieden die Augen.
Am Abend ruft Liselotte an:
Papa, wie geht es dir? Lebt deine Katze noch?
Ja, sie lebt. Und weißt du, jetzt ist sie offiziell meine. Die Besitzer kamen, haben uns zugestanden, sie zu behalten.
Gut so. Wenn sie sich schon gewöhnt hat
Lisel, ich habe etwas erkannt.
Was denn?
Ein einsamer Mensch und eine einsame Katze retten einander. Ich habe ihn vor dem Verhungern gerettet, er hat mich vor der Einsamkeit gerettet.
Papa, philosophier nicht zu sehr
Ich philosophiere nicht, ich sage die Wahrheit. Jetzt habe ich einen Sinn morgens aufstehen, Futter zubereiten, Medikamente geben. Und die Freude, dass jemand schnurrt, mich begrüßt, wenn ich vom Feld komme.
Liselotte schweigt. Vielleicht versteht sie endlich, warum ihr Vater diese Katze so braucht.
Papa, ziehst du jetzt endlich zu uns in die Stadt?
Nein, nie. Hier habe ich alles Haus, Garten, Rudi. Warum soll ich den städtischen Trubel haben?
Okay, dann bleibst du.
Ich bleibe. Wir bleiben.
Ein weiteres Jahr vergeht. Peter und Rudi führen ihr gemächliches Leben. Morgens Frühstück und Spaziergang im Garten, tagsüber Hausarbeiten, der Kater schläft im Schatten. Abends essen sie zusammen, schauen fern, Rudi liegt auf dem Schoß.
Die Nachbarn gewöhnen sich daran, dass sie immer zusammen zu sehen sind:
Peter Müller, Ihr Kater ist ja ganz zahm geworden!
Er gehört nicht mehr mir allein. Wir gehören zusammen.
Und das stimmt. Sie haben einander gerettet ein alter, alleinstehender Mann und eine alte, niemand mehr begehrte Katze. Sie fanden in einander das, was sie suchten Verständnis, Wärme, einen Lebenssinn.
Was braucht man sonst noch für das Glück?
Rudi schnurrt auf dem Schoß seines Besitzers, und Peter denkt: Wie gut, dass ich damals den hungrigen Streuner nicht vertrieben habe. Wie gut, dass ich Mitleid hatte
Manchmal werden die wichtigsten Entscheidungen im Leben nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen getroffen. Und sie erweisen sich als die richtigen.




