„– Warum braucht die Mutter zwei Zimmer? Sie ist bereits 65. Gäste werden kaum zu Besuch kommen, und mit ihren Schwestern – den Tanten – kann sie sogar in der Küche Tee trinken. – Ehrlich gesagt reicht die Einzimmerwohnung der Mutter völlig aus.”

Warum sollte die Mutter zwei Zimmer haben? Sie ist ja schon fünfundsechzig. Gäste wird sie kaum empfangen, und mit ihren Schwestern den Tanten kann sie sogar in der Küche Tee trinken.
Ehrlich gesagt reicht eine Einzimmerwohnung für die Mutter völlig aus.

Lydia Schmitt wusste genau, warum ihr Sohn Michael und ihre Tochter Heike zu Besuch gekommen waren. Das Thema war bereits eine Woche zuvor in den Worten ihres Vaters aufgetaucht, als die ganze Familie zusammenkam, um den Geburtstag von Sophie, Lydias jüngster Enkelin, zu feiern.

Michael und Heike waren gerade erst eingetroffen, als es an der Tür klingelte. Ein Blick nach rechts die Nachbarin kam herein.

Ach, Lydia, ich komme zu spät. Du hast ja Besucher, stammelte die betagte Frau.

Das sind meine Lieben, Hilde, antwortete Lydia. Was gibts?

Meine Nähmaschine hat wieder verklemmt das Garn ist total verheddert, ich kriege die Spule nicht raus. Ich schaue später noch mal vorbei, entschuldige bitte.

Kein Problem, ich schau gleich nach, sagte Lydia.

Sie drehte sich wieder zur Küche und wandte sich an Michael und Heike:

Ich bin gleich fünf Minuten bei der Nachbarin, ihr könnt schon mal in die Küche kommen ich habe den Wasserkocher schon aufgesetzt. Also, schmeißt euch in die Bude.

Lydia löste das NähmaschinenProblem im Handumdrehen und eilte zurück ins Haus. Doch als sie den Flur betrat, hielt sie inne, weil sie etwas hörte, das sie sofort traf.

Heike, ich habe das Ganze schon durchgerechnet, sagte Michael, diese Wohnung lässt sich für mindestens drei Millionen Euro verkaufen, und das Zweizimmer, in das Mama einziehen will, kostet in dieser Gegend etwa eine Million.

Und du willst, dass Mama uns die Differenz gibt? Je eine Million für euch beide? fragte Heike.

Natürlich, warum nicht? Und nicht nur eine Million, sondern eine Million zweihunderttausend. antwortete Michael.

Woher soll sie das denn nehmen? hakte Heike nach.

Ich hab’s ja schon gecheckt! Warum braucht die Mutter zwei Zimmer? Sie ist ja schon fünfundsechzig. Gäste wird sie kaum empfangen, und mit ihren Schwestern den Tanten kann sie sogar in der Küche Tee trinken.

Ganz ehrlich, eine Einzimmerwohnung würde für die Mutter völlig ausreichen. Und ein schön renoviertes Einzimmer gibt’s schon ab sechs­hunderttausend Euro.

Ich habe das Ganze bewusst nicht am Stadtrand, sondern lieber im Zentrum eines modernen Wohnblocks gesucht nah an Supermarkt und Arztpraxis. erklärte Michael.

Ich weiß nicht, vielleicht stimmt Mama ja nicht zu? versuchte Heike zu protestieren.

Warum nicht? Ich bin überhaupt nicht dafür, dass sie umzieht. Aber wenn sie schon in den Ruhestand geht, soll sie uns doch wenigstens was Gutes tun.

Lydia Schmitt hatte in letzter Zeit wirklich darüber nachgedacht, in ihre Heimat zurückzukehren. Als sie mit ihrer Familie nach Bayern gezogen war, war sie bereits fünfundvierzig.

In diesem Alter bekommt man kaum noch Freundinnen. Sie hatte ein paar Bekannte, aber das ist nicht dasselbe, wie Freundschaften von klein auf.

Damals wollte sie nicht umziehen nicht ihren Job aufgeben, die Kinder aus der Schule holen und in eine völlig fremde Stadt ziehen. Doch ihr Mann bekam ein gutes Angebot in einem großen Maschinenbauunternehmen, und sie stimmte zu.

Zwanzig Jahre vergingen: Familie, Arbeit, sporadische Besuche in der Heimat. Vor zwei Jahren verstarb ihr Mann plötzlich.

Sohn und Tochter hatten inzwischen eigene Familien, ihr eigenes Leben, und Lydia fühlte sich wie im Vakuum. Als sie in Rente ging, wurde es richtig einsam, zumal ihre Schwestern sie anriefen.

Lydia wartete nicht auf Heikes Antwort. Sie schlug laut die Tür ein, als wäre sie gerade erst eingetroffen.

Michael und Heike standen bereits in der Küche. Die Tochter hatte gerade Tee in die Tassen gegossen und die Apfelkuchenhälfte, die die Mutter gebacken hatte, angeschnitten.

Mama, bist du sicher, dass du umziehen willst? fragte Heike.

Ja. Jetzt, wo euer Vater nicht mehr da ist, hält mich hier nichts mehr fest. Zwanzig Jahre lang war das hier nie mein Zuhause.

Wie kannst du sagen, dass dich nichts hält? Was ist mit uns? Und den Enkeln? wunderte sich Heike.

Heike, ihr habt euer eigenes Leben, eure eigenen Sorgen. Ich will euch nicht im Weg stehen. Eure Kinder sind groß, sie brauchen keine Haushaltshilfe mehr. Was soll ich mit meinen Renten­jahren machen? Auf einer Parkbank mit anderen Rentnern rumgammeln und mit einem Stock im Park spazieren?

Manche finden das ja spannend. Ich nicht. Was bleibt mir dann? Bücher und Fernsehen? Und meine Schwestern, viele Bekannte, das Elternhaus im Dorf, wo die ganze Familie im Sommer zusammenkommt.

Weißt du, ich träume schon davon, wieder in die Heimatstadt zu gehen, die Straße entlangzugehen und plötzlich jeden dort zu kennen.

Gut, Mama, und was ist mit der Wohnung? lenkte Michael das Gespräch zurück zur Praxis.

Was? Die verkaufe ich und kaufe mir etwas Neues, sagte die Mutter.

Möchtest du Hilfe beim Verkauf?, fragte ihr Sohn.

Ich gehe über eine Maklerin. Die Anzeige ist schon online. Ich fange langsam an, meine Sachen zu packen.

Mama, ich biete dir meine Hilfe nicht nur aus Freundlichkeit an. Heute gibt es überall Betrüger. Ohne Geld und ohne Wohnung könntest du leicht in die Bredouille kommen.

Keine Sorge. Liza Kölner, die Frau meines Bruders Jens, wird mir beim Verkauf helfen erinnerst du dich an sie? Sie hat ihre eigene Agentur.

Und Natashas zuverlässiger Makler hat gerade für Pavel eine Wohnung gekauft, ergänzte Lydia.

Und zu welchem Preis willst du die Wohnung verkaufen? fragte Michael.

Liza sagte, drei Millionen Euro sind ein normaler Preis, aber man kann auch ein bisschen draufschlagen. Ich hab’s auf den Immobilienseiten selbst nachgesehen.

Wo gibt es aber günstigere Wohnungen?, meinte Heike.

Ja, ein vergleichbarer ZweiZimmerBau kostet so um die zwei Millionen.

Mama, Heike und ich haben eine Bitte: Könntest du uns nach dem Verkauf zumindest je eine Million geben? fragte Michael.

Eine Million? Dann hätte ich nicht mehr genug für meine neue Wohnung.

Warum nicht? Man könnte ja eine etwas kleinere Wohnung nehmen, zum Beispiel ein Einzimmer. schlug ihr Sohn vor.

Ein Einzimmer ist mir zu eng. Ich brauche zwei Räume: ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer.

Einige Familien wohnen zu dritt in einem Einzimmer, das ist nicht ungewöhnlich. erwiderte Michael.

Ja, die, die sich keine größere Wohnung leisten können. Ich habe das Glück, mir das leisten zu können, und ich verstehe nicht, warum ich darauf verzichten soll. Ich will doch in Komfort leben.

Mama, das wäre doch fair gegenüber Heike und mir. Es ist schließlich unser Familienheim.

Michael, ich hätte nie gedacht, dass wir darüber reden müssen, aber laut dem Testament unseres Vaters habt ihr ja euren Anteil.

Er hat uns nicht betrogen. Das Einzige, was ich bekommen habe, ist die Wohnung. Und jetzt willst du, dass ich das mit euch teile?

Michael hat das nicht ganz richtig formuliert, korrigierte Heike. Er meinte, du könntest uns helfen, wenn noch Geld übrig bleibt.

Er hat eine Hypothek, Ilse und ich wollen ein Schrebergartenhäuschen kaufen. Wenn es nicht eine Million, dann wenigstens fünfhunderttausend, das würde uns schon helfen.

Selbst wenn du eine Wohnung für zwei Millionen kaufst, bleibt dir immer noch ein bisschen Geld. Wir reden hier von einem Puffer.

Ja, das bleibt. Aber ich brauche das Geld für den Umzug, für Renovierung und für die neue Einrichtung Möbel, Geräte und so weiter.

Und das, was übrig bleibt, ist meine SicherheitsReserve, falls ich mal krank werde. Ich will euch nicht zur Last fallen.

Also gibst du uns gar nichts?, fragte Michael.

Michael, ich bin echt überrascht, dass ihr das Thema überhaupt ansprecht. Du bist siebenunddreißig, Heike vierunddreißig. Ihr habt beide Hochschulabschluss und arbeitet.

Du musst ja noch ein paar Jahre die Hypothek bedienen. Aber ihr habt ja genug. Wenn ich nicht umziehen und die Wohnung nicht verkaufen würde, hättet ihr dann einen Plan, mich irgendwo hinein zu schaukeln?

Nein.

Mama, tut uns leid, dass wir das Thema überhaupt aufgeworfen haben, sagte Heike. Wir dachten einfach

Ihr dachtet, Mama, die euch immer geholfen hat, würde jetzt auch wieder aus der Patsche helfen, sagte Lydia.

Und ich würde nicht nein sagen, wenn ihr wirklich in Not wärt. Aber ich glaube, ihr schafft das schon selbst: Michael zahlt die Hypothek, Ilse spart für das Schrebergartenhäuschen, und alles wird gut.

Lydia Schmitt tat, was sie geplant hatte: Sie verkaufte die Wohnung, zog zurück in ihre Heimatstadt Dresden und kaufte dort eine neue, gemütliche Wohnung in der Nähe des alten Elternhauses, wo die ganze Familie im Sommer zusammenkommt.

Verwandte halfen beim Einrichten und beim Renovieren. Und jetzt, wenn sie morgens aufwacht, fühlt sie sich wirklich zu Hause.

Was meint ihr, hat die Mutter richtig gehandelt? Schreibt eure Meinung in die Kommentare und gebt einen Like.

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Homy
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„– Warum braucht die Mutter zwei Zimmer? Sie ist bereits 65. Gäste werden kaum zu Besuch kommen, und mit ihren Schwestern – den Tanten – kann sie sogar in der Küche Tee trinken. – Ehrlich gesagt reicht die Einzimmerwohnung der Mutter völlig aus.”
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