Am zerbrochenen Butterfass

**Tagebucheintrag: Am Ende allein**

Schon als Kind wusste Anneliese, dass sie hübsch war, denn alle um sie herum betonten es.

Unsere Tochter ist so niedlich, sie sticht mit ihrer außergewöhnlichen Schönheit hervor, schwärmte ihre Mutter vor Kollegen und Bekannten.

Und wirklich, jeder sah es und stimmte zu. Nur die Nachbarin war etwas skeptisch:

Kinder sind alle süß, aber wenn sie älter werden, verlieren sie oft ihren Charme. Dann fügte sie schnell hinzu: Nicht alle, aber es kommt vor.

Anneliese wuchs heran und war mit sechzehn eine schlanke, stattliche Schönheit. Überheblich und launisch wusste sie, dass jeder ihre Wünsche erfüllte, besonders die Jungen, die sie mit begehrlichen Blicken verfolgten.

Nach der Schule schaffte sie es nicht auf die Universität, obwohl sie sich höhere Bildung gewünscht hatte. Stattdessen begann sie eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau.

Schatz, sagte ihre Mutter, ich kann dich in unserem Werk im Labor unterbringen. Die Arbeit ist nicht schwer, du musst nichts Schleppen, und du bist ja so zart.

Aber mein Abschluss?

Ach, wer arbeitet schon in seinem gelernten Beruf? Und wozu brauchst du den Handel? So entschied die Mutter, die selbst ihr Leben lang im Werk gearbeitet hatte.

Anneliese wurde Laborantin. Mit der Zeit wurde sie noch schöner, kannte ihren Wert und verliebte sich in Werner, einen Ingenieur aus der Nachbarabteilung. Ihre Liebe war leidenschaftlich und intensiv. Nach kurzer Zeit machte er ihr einen Antrag.

Bevor dir jemand anderes den Kopf verdreht, heirate mich, sagte er lächelnd und hielt ihr Ring und Herz hin. Sag ja?

Ja, antwortete sie glücklich.

Die Hochzeit fand in der Werkskantine statt, wie damals üblich in der DDR. Nicht prunkvoll, aber mit vielen Gästen.

Bald darauf merkte Anneliese, dass sie schwanger war.

Werner, wir bekommen Nachwuchs, verkündete sie.

Toll, ich freu mich so, Anneliese, erwiderte er und umarmte sie zärtlich.

Ihre Tochter Lotte wurde geboren, ebenso niedlich wie ihre Mutter. Alle waren glücklich.

Die Jahre vergingen. Lotte wuchs heran, ging in den Kindergarten, während Anneliese und Werner arbeiteten. Doch nach der Elternzeit veränderte sich Anneliese nicht äußerlich, aber im Charakter. Plötzlich hielt sie sich für eine Königin und demütigte ihren Mann immer mehr. Werner kümmerte sich hauptsächlich um Lotte: Er holte sie vom Kindergarten ab, las ihr abends vor und brachte sie ins Bett.

Anneliese hatte wenig Zeit. Oft kam sie spät von der Arbeit und behauptete, sie habe viel zu tun, obwohl Werner wusste, dass im Labor niemand Überstunden machte. Er wagte nicht, sie zu konfrontieren sie hätte einen Skandal vom Zaun gebrochen. Er wollte Lotte nicht den Streit der Eltern aussetzen.

Werner, deine Frau wurde mit dem Chefingenieur im Restaurant gesehen, flüsterten Kollegen. Doch er senkte nur den Blick.

Wieso hast du eine Schönheit geheiratet?, fragten Freunde. Ein schöner Kuchen wird nicht lange allein gelassen.

Ihm wurde offen gesagt, dass Anneliese bei Männern beliebt war und zwar in gehobenen Kreisen, nicht wie er, ein einfacher Ingenieur. Zu der Zeit hatte sie eine Affäre mit Anton Maier, einem Ministerialbeamten. Er verwöhnte sie mit Schmuck und teuren Geschenken.

Werner wurde immer stiller. Der gesamte Haushalt lastete auf ihm, ganz zu schweigen von Lotte. Anneliese gab nur noch Anweisungen: Lerne mit Lotte! Kauf ein! Räum auf! An Scheidung dachte er nicht er wollte seine Tochter nicht verletzen.

Dann kam die Wende. Der Beamte, mit dem Anneliese sich traf, verlor seinen Posten wie so viele in dieser Zeit. Anton Maier geriet unter Verdacht.

Anneliese, falls jemand nach mir fragt, halte dich zurück, warnte er sie. Ich spüre, wir sehen uns nicht mehr.

Und so war es. Anton Maier verschwand genauer, sie erfuhr von seiner Verhaftung. Sie selbst wurde verhört und sogar vorübergehend festgehalten. Verängstigt beteuerte sie, nichts von seinen Machenschaften zu wissen.

Schließlich ließ man sie mangels Beweisen frei, doch ihr Ruf war ruiniert. Sie fühlte sich, als hätte sie lange in schmutzigem Wasser gebadet. Alles war weg. Ihre Ersparnisse waren aufgebraucht, Werner hatte einen Großteil verkauft, um sie zu unterstützen. Aus dem Werk wurde sie entlassen, Werner trennte sich von ihr, blieb aber aus Rücksicht auf Lotte verheiratet. Sie lebten wie Fremde unter einem Dach.

Einmal wollte er gehen, doch die Angst, Lotte zu verletzen, hielt ihn zurück.

Als Anneliese davon erfuhr, überwand sie ihren Stolz:

Werner, geh nicht. Verzeih mir, es wird nicht wieder passieren.

Er blieb, doch er rührte sie nicht mehr an.

Du warst mit anderen zusammen.

Aber nur für unsere Familie, entgegnete sie.

Doch bald verfiel sie erneut in alte Muster und fand einen jungen Assistenten, Markus. Dank ihrer Kontakte und ihres Geschäftssinns schaffte sie einen Neuanfang. Sie lieh sich Geld, mietete einen Souvenirstand und eröffnete später sogar zwei Läden.

Werner, ich fliege nach Italien zum Einkauf. Hol mich vom Flughafen ab. Oder: Kündige deinen Job und hilf mir.

Nein, ich bin kein Händler.

Aber ich brauche einen Mann an meiner Seite.

Es gibt genug arbeitslose Männer, erwiderte er gleichgültig.

Also nahm sie Markus als Helfer und mehr. Das Geld floss, doch ihre Ehe war nur noch eine Formalität. Werner wusste von Markus und sprach es manchmal an.

Wenn du mir Aufmerksamkeit schenken würdest, bräuchte ich keinen jungen Assistenten. Die Jahre vergingen, und Lotte zog aus, sobald sie volljährig war. Die Wohnung wurde zu groß, zu still. Markus verschwand ebenso, wie er gekommen war mit einem Lächeln und einem Koffer, ohne ein Wort des Abschieds. Anneliese stand eines Morgens vor dem Spiegel, eine neue Falte um den Mund, die Haare grau an den Schläfen, und erkannte sich kaum. Sie sah noch immer aus, wenn auch nicht mehr so, wie früher. Die Blicke der Männer blieben aus. Dann starb Werner an einem stillen Herbsttag, ohne Aufhebens, im Schlaf. Beim Ausmisten fand Lotte das alte Hochzeitsfoto, Anneliese darin strahlend, umringt von Blumen und Hoffnung. Auf der Rückseite stand in verschwommenen Buchstaben: *Für immer, wenn du mich liebst.* Lotte legte das Bild zurück, schloss die Schachtel und ließ die Mutter allein mit ihren Erinnerungen. Anneliese saß am Fenster, eine Tasse kalten Tee vor sich, und wartete auf einen Anruf, der nie kam.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: