Zwei EhefrauenSie standen am Fenster, blickten auf das verschneite Dorf und lauschten dem fernen Klang der Kirchenglocken, das die Stille zerriss.

28. März 1947
Lieber Eintrag,

Heute ist wieder ein Tag voller schwerer Gedanken, und ich fühle mich gezwungen, sie hier niederzuschreiben, damit sie nicht im Staub vergehen. Ich habe das Gefühl, dass mein Herz zu schwer ist, um es allein zu tragen, und das Schreiben ist das einzige, was mich noch hält.

Gestern kehrte ich mit meiner Frau Liselotte in das kleine Dorf Kleinwalde zurück das ist etwa zehn Kilometer von unserer neuen Heimat in Ilmenau entfernt, wo wir seit einem halben Jahr wohnen. Wir hatten die alte Grabstätte ihrer Mutter besucht; das Feld um das Haus war still, nur das ferne Bellen eines Hundes und das leise Zwitschern der Meisen drangen zu uns. Kleinwalde ist fast ausgemerzt; die Häuser stehen schief zur Straße, die Dächer schlottern im Wind und scheinen dem Fluss, der durch das Tal fließt, den letzten Salut zu geben.

Liselotte setzte sich mit ihrer halbtoten Schwiegermutter, Frau Schur, die inzwischen fast taub ist, auf die alte Bank vor dem Haus. Weißt du, Kind, begann Frau Schur mit rauer Stimme, der Herrgott weiß, was er tut. Es ist noch zu früh, dass du Kinder bekommst.
Liselotte schluchzte, Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie hatte nie oft darüber gesprochen, doch der Wunsch nach einem Kind brannte tief in ihr.

Die Dorfidylle, die ich einst kannte, ist verschwunden. Ich erinnere mich an die Geräusche, die früher das Dorf erfüllten: das Bellen der Hunde, das Kreischen der Spatzen, das Knistern des Feuers im Herd. Heute ist es nur noch Stille und das entfernte Rauschen des Windes. Es fühlt sich an, als würde das Dorf an den Ufern des Flusses zu Boden sinken und sich zum letzten Gruß verneigen.

Liselotte ging nach Hause, zu ihrem Mann, zu mir. Ich spürte ihren Schatten, während wir durch das unbefestigte Feld gingen nachts hatte sie immer Angst vor dem Wald, als wäre er ein ungezähmtes Monster aus ihrer Kindheit. Sie kam aus einer ärmeren Familie: ihr Vater starb im Krieg, ihre Mutter früh, und sie musste als Melkerin im örtlichen Kollektiv arbeiten.

Vor sechs Jahren, im Juni, traf sie mich. Es war ihr siebzehnter Sommer, das erste Jahr, in dem sie auf dem Hof arbeitete. Der Weg zur Kaserne war weit, doch sie lief immer mit Freude dorthin, obwohl ihre Hände am Anfang vom täglichen Melken wund waren.

Eines Morgens überraschte ein heftiger Regen den Weg, den ich mit ihr ging. Das Himmelblau zog sich zusammen und Donner grollte, als ob der Himmel selbst ein Werkzeug zum Zerschneiden der Welt wäre. Liselotte huschte unter einen kleinen Unterstand am Waldrand, setzte sich auf die Holzbank und wischte ihre nassen Zöpfe zusammen, um das Regenwasser auszupressen. Durch den dichten Vorhang des Regens bemerkte sie einen schwarzen, schlanken jungen Mann in kariertem Hemd und hochgekrempelten Hosen, der hastig in den Unterstand lief.

Na, du hast ja ein schönes Geschenk bekommen! Ich bin Niklas, und wer bist du? rief er lachend.
Liselotte erstarrte, das Herz pochte wie ein wildes Trommelschlag, und sie schwieg.

Bist du vom Blitz getroffen oder bist du von Geburt an stumm? neckte er weiter.
Nicht stumm, ich heiße Liselotte. antwortete sie leise.

Kalt? Willst du dich wärmen? fuhr er fort, aber hielt Abstand, während er ihr erzählte, dass er von der MTS (Maschinen- und Traktorenschule) kam. Er blößte ein paar Scherze, dann wurde sein Humor etwas zu drückend. Liselotte fühlte sich unbehaglich, das Hemd klebte an ihrem Körper, und sie rannte, so schnell sie konnte, durch den Regen, den Kopf voller Panik.

Kurz darauf kam Niklas als Aushilfstecher zurück zum Hof. Er begann, ihr ernsthaft nachzujagen, und die Begegnung hinterließ einen bleibenden Abdruck. Die Ehe, die wir später schlossen, war von Anfang an nicht leicht; ich wusste nicht, was mich erwartete, und die Schwiegermutter war streng, krank und ständig über mein Tun wachsam. Trotzdem blieb ich fleißig, stark wie ein Eichenzweig, auch wenn die ständigen Vorwürfe der Schwiegermutter wie Dornen waren: Du kamst ohne Mitgift, bist ein Waisenkind, hast nichts zu geben. Und doch ließ ich mich nicht brechen.

Jahre vergingen, und unser Wunsch nach Kindern blieb unerfüllt. Die Schwiegermutter beschimpfte mich scharf: Du bist eine kinderlose Hexe, unser Haus wird ohne Enkel leer sein. Ich weinte oft in Niklas Schulter, während seine Mutter laut klagte. Der Vater schüttelte nur den Kopf, wenn ich ihm die Schüssel setzte.

Doch ich gab die Hoffnung nicht auf. Ich ging zu der Dorfärztin, heimlich zum Pfarrer nach Rat, trank Kräutertees, die gegen Kinderlosigkeit versprochen wurden. Das Haus der Niklases war nicht besonders arm, doch die Nachkriegszeit ließ uns immer wieder an die Zähne gehen. Ein Morgen brachte Niklas ein halbes Körbchen nasses Getreide. Ach, Kolja, das reicht nie, rief meine Schwiegermutter. Ich bat Niklas, nicht weiter solche Pflichten zu übernehmen, doch er brachte immer wieder Krümel von der Kollektivarbeit mit nach Hause.

Nacht für Nacht lag ich wach, ohne Licht, die Beine zusammengekauert, im Bett wie ein Gefangener. Eines Tages, als ein eisiger Novemberwind durch die offene Tür pfiff, suchte ich nach meinem Mann. Ich fand seine Jacke, ein dünnes Oberhemd, meine alten Gummistiefel und ein grobes Segeltuch. Der Regen peitschte ins Gesicht, während ich durch das dunkle Dorf stapfte, das die meisten Türen verschlossen hatte. Mein treuer Hund Fritz folgte mir, die Ohren gespitzt, aber ich bemerkte, dass er nicht hinter mir herlief; er war bereits zu Hause und wartete.

Am Rande des Dorfes stand eine alte Scheune. Ich wartete, während das Feld und der Wald, die ich einst fürchtete, im Regen verschwammen. Plötzlich hörte ich ein leichtes weibliches Lachen, das vom Inneren der Scheune kam. Ich erkannte die Stimme von Karla, meiner Nachbarin, die ebenfalls auf dem Hof arbeitete. Karla war einst lebenslustig, sang sogar lauthals bei den Festen:
Ich will in die Stadt, einen reichen Mann, nicht mehr im Kollektiv schuften! ein alter Spruch, den wir alle kannten. Doch in letzter Zeit war ihr Lachen verstummt; die Dorfbewohner flüsterten, sie sei eifersüchtig auf einen verheirateten Mann.

Ich stand lange da, hörte das Lachen und das entfernte Rauschen des Regens, bis Karla schließlich aus der Scheune kam, hastig, die Hände voller nasser Kleidung. Sie rannte nach Hause, stolperte über eine nasse Stelle, fiel fast um, aber ihr Mut war größer als ihr Stolz.

Zurück im Haus, begann ich das schmutzige Geschirr zu waschen, während ich laut mit Fritz sprach: Wir waschen das Dreckige, mein Kleiner. Das war alles, was ich besaß die Liebe zu meiner Frau, die Mühe, das Haus zu erhalten. Und doch schien die Liebe zu schwinden, wie das Licht eines verblassenden Kerzenflamms.

Am nächsten Morgen kamen zwei Polizisten und der Vorsitzende des Kollektivs. Meine Schwiegermutter schrie, griff nach dem Rock des Vorsitzenden, während mein Vater still den Gang entlangging, den Kopf gesenkt. Zwölf Menschen wurden aus dem Dorf abgeführt, ins Amt gebracht. Sie wurden in einen Lastwagen geladen und nach Ilmenau gebracht, um vor Gericht zu erscheinen.

Als ich mich umdrehte, stand Karla etwas entfernt unter den Birken. Der ganze Vorfall erschütterte das ganze Dorf, doch niemand wagte es, darüber laut zu reden; sie schlossen die Türen und flüsterten hinter verschlossenen Türen.

Die nächsten Tage waren von Trauer geprägt. Die Schwiegermutter sank in ihr Koma, der Schwiegervater verstarb still. Ich schlief kaum, das Herz schwer von Sorge. Die Zukunft mit Niklas blieb ungewiss; wir sprachen nie über Scheidung, denn eine verlassene Frau würde in anderen Kollektiven kaum Anklang finden. Doch das Schicksal hatte bereits seinen eigenen Weg gewählt.

Eines Morgens, als ich Milch vom Hof brachte, öffnete ich die Tür und sah Karla am Tisch sitzen, die Hände im Schoß gefaltet, ihr Bauch rund. Vor ihr saßen mein Schwiegervater und meine Schwiegermutter, beide den Kopf gesenkt. Karla sprach leise: Hallo, meine Liebe. Meine Schwiegermutter, die selten freundlich war, sagte plötzlich: Karla, du warst in der Stadt, hast unsere Enkelkinder besucht. Sie reichte mir ein Taschentuch, Tränen flossen.

Der Prozess war hart, sagte Karla, sie gaben ihm zehn Jahre. Ich hörte das Wort Zehn wie ein Donnerschlag. Die Schwiegermutter klagte, die Stimme bebte: Sie nennen uns Verbrecher, aber wir haben nur gelebt. Karla fuhr fort: Mein Mann, Kolja, wollte mit mir scheiden, aber er kam nie dazu. Jetzt soll ich das Kind großziehen. Sie sah mich an, und ich verstand, dass sie das Enkelkind meines Mannes aufziehen wollte.

Ich saß still, die Hände auf dem Schoß, das alte Leinenröckchen, das ich trug, war schwer von Sorgen. Meine Schwiegermutter brach in Tränen aus, während Karla erklärte, dass das Kind unser Enkel Jörg bei uns bleiben solle. Ich dachte nach, während das Feuer im Ofen knisterte: Vielleicht ist das, was Gott für uns vorgesehen hat.

Die Wochen vergingen, die Tage wurden kürzer und kälter. Meine Schwiegermutter lag die ganze Zeit krank im Bett, Karla und der Schwiegervater fanden sich zusammen, schienen sogar Freunde zu werden. Karla half mir, das Kind zu versorgen, während ich die Kühe melkte und die Felder bearbeitete. Ich sah oft aus dem kleinen Fenster, das den Wald über dem Fluss zeigte, und dachte darüber nach, wie ich nie zurück in mein altes Dorf konnte. Die Erinnerung an meine Mutter war ein ferner Schatten, der mich fragte, was sie jetzt von mir halten würde, wenn sie wüsste, dass ich zwei Frauen unter einem Dach habe.

Im Januar brachte der Schwiegervater das kleine Bündel mit dem Neugeborenen Jörg aus dem Krankenhaus. Ich sah den kleinen Jungen, und ein Teil von mir brach. Ich wollte nicht, dass das Kind meine Schuld trägt, doch ich begann, ihn zu lieben, wie einen eigenen Sohn.

Auf dem Hof begannen sich Veränderungen anzuziehen. Vier neue Doppelhäuser wurden gebaut, neue Milchmanninnen kamen aus anderen Regionen, arbeiteten hart und brachten frische Luft. Ich schloss Freundschaft mit Vera, einer der neuen Arbeiterinnen. Sie fragte mich: Warum lässt du dich mit so vielen Problemen herumärgern? Ich lachte nur und sagte: Ich habe nichts zu verlieren. Sie riet mir, wegzugehen, aber ich blieb, weil das Land und die Menschen hier meine Wurzeln geworden waren.

Am ersten Mai backte ich einen Kuchen aus vier Löffeln Mehl, knetete den Teig, während Karla sich für einen Ausflug zu den Nachbarn bereit machte. Meine Schwiegermutter, die jetzt wenig weinte, hielt Jörg im Arm und sagte, dass sie auf das Kind zähle, weil sie selbst keine Kinder haben könne. Sie flüsterte: Vielleicht ist das unser Segen. Ich sah zu Karla, die mit einem Lächeln davonstolzierte, und dachte: Was soll ich tun?

Das Kind wuchs, krabbelte, lachte und zog mich immer wieder zurück in die Gegenwart. Die Dorfbewohner sahen uns oft beim Spielen, als ob die Vergangenheit nicht mehr wiegen würde. Doch die Last des Lebens drückte weiter. Ich dachte oft über meine Entscheidung nach, das Dorf zu verlassen und nach Ilmenau zu ziehen, um dort als Weberin in die Stadt zu gehen. Ich wollte die Ausbildung zur Laborantin absolvieren, doch das Leben hielt mich hier.

Als ich eines Abends das Dach reparierte, hörte ich das leise Tropfen des Regens, das wie ein beruhigendes Lied klang. Ich spürte, dass die Angst vor dem Wald, die ich als Kind hatte, nun nichts mehr war als ein Schatten. Wer das Herz öffnet, kann das Ungewisse überwinden.

Am Ende dieses langen Tages nehme ich mir einen Moment, um das Gelernte zu fassen. Das Leben hat mir gezeigt, dass Schmerz und Verlust uns nicht brechen, wenn wir den Mut finden, weiterzugehen. Wir müssen die Verantwortung für das übernehmen, was uns anvertraut ist sei es ein Kind, ein Dorf oder ein Herz. Und manchmal verlangt das Schicksal, dass wir alte Pfade verlassen, um unser wahres Ich zu finden.

**Persönliche Lehre:** Auch wenn das Leben uns mit dunklen Wolken überschüttet, birgt jeder Regen eine neue Chance, den Weg zu einem helleren Morgen zu finden.

Johann.

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Erwischt, Junge…