— Halt die Klappe — brüllte der Mann, während er den Koffer auf den Boden schleuderte. — Ich verlasse dich und dieses Moor, das du Leben nennstAls er die Tür hinter sich zuschlug, hörte er das leise Lachen des Regens, das ihm erzählte, dass Freiheit oft im Chaos geboren wird.

Moor? Marlene drehte sich langsam vom Herd um, wo die Bratkartoffeln für das Abendessen brutzelten.

Das Moor hat deine Mutter zwanzig Jahre ernährt, während sie zu den Ärzten fuhr. Hast du das vergessen?

Was hat das mit meiner Mutter zu tun? Fass sie nicht an!

Und noch dazu, Viktor, während du große Geschäfte in der Hauptstadt drehst, saß ich hier mit deiner gelähmten Mutter. Ich wechselte die Windeln, wenn du willst.

Viktor stand in der Tür ihrer ZweizimmerPlattenbauwohnung, im neuen Anzug, ein Koffer zu seinen Füßen. So attraktiv hatte Marlene ihn lange nicht gesehen schlank, sonnengebräunt, duftete nach teurem Eau de Cologne. Nicht wie früher, wenn er nach einem Schichtende im Werk kam, ganz von Maschinenöl bedeckt.

Sie erinnerte sich, wie sie sich kennengelernt hatten. Im Tanzsaal des Werks, er junger Mechaniker, sie aus der Buchhaltung. Er drehte sie zu Millionen rote Rosen, flüsterte alberne Worte ins Ohr. Und dann die schlichte Hochzeit, rund dreißig Gäste, Kartoffelsalat und Sekt aus der ehemaligen DDR. Die Schwiegermutter weinte vor Glück und umarmte Marlene: Danke, mein Kind, dass du meinen Viktor gezähmt hast.

Gezähmt. Zweiundzwanzig Jahre zusammen. Sie bekamen eine Tochter, Leni. Jetzt studierte sie Medizin, nahm ein Stipendium und arbeitete nebenbei, um ihrer Mutter zu helfen. In den letzten drei Jahren hatte Viktor kein Geld gegeben alles investierte er in Geschäfte. Welches Geschäft, das wusste Marlene nie. Erst ein Autowerkstatt, dann ein Transportunternehmen. Alles ging flöten.

Du verstehst das einfach nicht, sagte Viktor nervös und zündete sich im Flur eine Zigarette an. Serge hat mir einen Job in Berlin angeboten. Er besitzt dort ein Netzwerk von Waschstraßen, will mich zum Leiter machen. Wir mieten erst einmal eine Wohnung.

Allein gehst du? wischte Marlene die Hände an der Schürze ab. Ihre Hände zitterten, doch die Stimme blieb fest.

Nicht allein. Er senkte den Blick. Mit Alena. Sie sie versteht mich. Glaubt an mich.

Alena. Marlene kannte sie seit etwa drei Monaten. Sie sah die Nachrichten in Viktors Handy, wenn er duschte: Kätzchen, Häschen, Ich vermisse dich. Zwanzigacht Jahre war er ihr Kätzchen. Sie war Managerin im Autohaus, wo Viktor ein Auto prüfte. Den Kredit, den Marlene bis heute aus ihrem Lehrergehalt zurückzahlt, hatte sie ebenfalls mitverhandelt.

Und was ist mit Leni? fragte Marlene. Deine Tochter. In einem Jahr macht sie ihr Examen.

Sie wird es verstehen. Ich kann nicht länger so weiterleben. Ich bin fünfundvierzig, Marlene. Ich bin noch jung, ich kann alles ändern.

Marlene ging zum Fenster. Im Innenhof hängte die Nachbarin Zinaida die Wäsche auf. Sie winkte ihr zu, als sie das Fenster sah. Zinaida kannte alles auch Alena und dass Viktor in den letzten sechs Monaten nur noch nachts nach Hause kam. Sie brachte ihr oft Kuchen: Halte durch, Marlene.

Marlene flüsterte: Erinnerst du dich, wie Leni mit fünf Jahren an einer Lungenentzündung lag? Die Ärzte waren ratlos. Du hast die Arbeit liegen lassen, um das Medikament zu besorgen. Ich saß Tag und Nacht an ihrem Bett. Du sagtest: Wir sind Familie, Marlene. Wir schaffen das.

Das ist lange her.

Fünfzehn Jahre, vielleicht. Oder als deine Mutter einen Schlaganfall bekam? Wer hat bei ihr im Krankenhaus gewacht? Wer hat nachts die Position geändert, damit keine Druckstellen entstehen? Ich, Viktor. Und du hast Ausreden gefunden Arbeit, Geschäfte. Was für Geschäfte? Du hast dich bereits damals im Business vergraben.

Viktor drückte den Zigarettenstummel gegen das neue Fensterbrett, das erst letzten Monat eingebaut worden war aus eigenen Ersparnissen.

Du erinnerst dich immer an das Negative. Und das Gute? An den Urlaub, den ich dich an die Ostsee brachte?

Vor zehn Jahren, nach Sylt, für eine Woche.

Nichts reicht dir!

Marlene drehte sich zu ihm. Tränen stiegen ihr in die Augen, aber sie ließ sie nicht fließen.

Weißt du was, Viktor? Pack deine Koffer und geh zu deiner Alena. Noch etwas: Ich habe deine Mutter bis zum Schluss betreut. Zwei Jahre hat sie bei uns gelegen, ich habe ihr aus dem Löffel gefüttert, gewaschen, Medikamente verabreicht. Und wo warst du? Auf der Suche nach Geld? In den letzten fünf Jahren hast du kaum gearbeitet. Du hast immer nur vom Reichtum geträumt.

Ich habe es versucht! Ich habe für die Familie gekämpft!

Für die Familie? Marlene lachte trocken. Leni arbeitet nachts als Krankenschwester, um Bücher zu kaufen, weil ihr Vater zum Unternehmer wurde. Ich habe zwei Stellen an der Schule angenommen und gebe Nachhilfe. Für wen hast du gekämpft?

Viktor schwieg, hielt die Koffergreifer fest.

Und das Lustigste? fuhr Marlene fort. Deine Mutter hat mir kurz vor dem Tod gesagt: Entschuldige ihn, Mädchen. Er war immer schwach. Danke, dass du ihn ertragen hast. Ich verstand das damals nicht, jetzt aber.

Sag das nicht!, schrie Viktor. Ich bin nicht schwach! Ich ersticke hier, in dieser Wohnung, in dieser Stadt, mit dir! Du willst mich in ein Grab schieben mit deiner Rechtschaffenheit!

Meine Rechtschaffenheit? Marlene lachte plötzlich, trocken und bitter. In den letzten Jahren habe ich nur geschwiegen geschwiegen, wenn du betrunken nach Hause kamst, geschwiegen, wenn dein Geld aus dem Geheimfach für dein nächstes Projekt verschwand, geschwiegen, wenn dein Geruch nach fremden Frauen riechte. Ich dachte, du reumütigst dich. Familie, ja.

Sie ging zum Schrank, zog eine Akte hervor. Viktor spannte sich an.

Was ist das?

Scheidungsunterlagen. Vor einem Monat fertig gestellt. Ich wartete nur, bis du entscheidest oder ich. Doch du bist der Erste, der es tut. Unterschreib.

Viktor starrte überrascht auf das Papier.

Du wusstest das?

Ich bin kein Dummkopf, Viktor. Ich gab dir eine Chance. Und mir selbst, falls ich mich irre. Nicht.

Die Wohnung begann er.

Die Wohnung ist meine. Sie war auf meine Mutter überschrieben, das Erbe ging an mich. Du bist eingetragen, hast aber kein Recht. Du könntest vor Gericht gehen, aber du hast in den letzten drei Jahren nie offiziell gearbeitet. Unterhalt für Leni zahlen?

Sie ist volljährig

Studentin im Präsenzstudium. Noch kein Abschluss. §85 des Bürgerlichen Gesetzbuches regelt das.

Viktor ergriff die Feder, unterschrieb hastig, warf die Akte auf den Tisch.

Alles? Zufrieden? Zweiundzwanzig Jahre für die Katze am Schwanz?

Marlene sah ihn an, graues Haar an den Schläfen, Falten um die Augen. Einst war er ihr Geliebter, ihr Vertrauter. Jetzt war er ein Fremder.

Nicht für die Katze, Viktor. Unsere Tochter ist wunderbar klug, freundlich, fleißig. Sie hat mich nie im Stich gelassen, sagte sie mit einem schwachen Lächeln. Und danke für die schönen Momente. Du bist einfach den falschen Weg gegangen, oder hast dich schon immer so verhalten, ich habe es nur nie gesehen.

Viktor hob den Koffer, blieb einen Moment in der Tür stehen.

Du wirst es bereuen. Ich bleibe zurück.

Ich bleibe nicht zurück. Ich habe Leni, einen Job, Freundinnen. Und weißt du was? Ich melde mich endlich zu einem Tanzkurs an. Immer wollte ich Tango lernen. Du hast gelacht, sagtest, Kühen sei das zu schwer. Mal sehen.

Er schlug die Tür hinter sich zu. Marlene stand einen Moment still, dann ging sie zur Küche. Die Bratkartoffeln waren verbrannt. Sie warf die Pfanne in das Spülbecken, öffnete das Fenster, ließ frische Luft herein.

Das Telefon klingelte. Leni.

Mama, wie gehts? Zinaida hat angerufen, sie sagte, Papa mit dem Koffer ist weg.

Alles gut, Liebes. Hast du abends noch Zeit zu essen?

Mama weinst du?

Nein, ich schneide nur Zwiebeln für den Salat.

Ich komme sofort nach meiner Schicht.

Nicht nötig, Leni. Morgen hast du die Prüfung.

Mama, mach dich nicht verrückt. Ich fahr gleich. Und Mama ich liebe dich. Du bist meine Stärkste.

Marlene legte auf, holte aus dem Kühlschrank eine Flasche Wein das Geschenk zum Lehrertag, aufbewahrt für einen besonderen Anlass. Sie schenkte sich ein halbes Glas ein, hob es zum Fenster, wo die Abendsonne die Dächer goldgelb schimmern ließ.

Auf ein neues Leben, flüsterte sie zu sich selbst.

Unten im Hof öffnete die Taxitür. Viktor lud den Koffer, eine junge Blondine winkte ihm zu Alena. Marlene hatte sie ein paar Mal beim Autohändler gesehen, nichts Besonderes.

Zinaida rief von unten:

Marlene! Ich bring dir einen Kuchen! Mit Kohl, wie du ihn magst!

Marlene lächelte zum ersten Mal seit Monaten echt. Auf dem Tisch lagen die Scheidungsunterlagen, daneben ein Schlüsselbund, den Viktor zurückgelassen hatte. Sie nahm die Schlüssel, wog sie in der Hand.

Morgen werden die Schlösser ausgetauscht. Und sie wird zum Tanzkurs gehen. Vielleicht sogar zum Friseur ein neues Kurzhaarstyling steht schon lange an.

Heute aber trinkt sie Wein mit Zinaida, isst den Kuchen und denkt nicht an das, was kommt. Denn das, was vor ihr liegt, ist das eigene Leben ohne Rückblick auf den Verräter.

Das Telefon klingelte erneut. Eine unbekannte Nummer.

Marlene Schneider? Hier spricht das Dekanat der Medizinischen Fakultät. Ihre Tochter wurde für das Namensstipendium nominiert. Herzlichen Glückwunsch! Leni ist unser ganzer Stolz!

Marlene ließ die Tränen frei. Es waren glückliche Tränen.

**Lektion:** Man kann nicht ändern, was andere getan haben, aber man hat die Macht, das eigene Leben neu zu schreiben und daraus Stärke zu schöpfen.

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Homy
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— Halt die Klappe — brüllte der Mann, während er den Koffer auf den Boden schleuderte. — Ich verlasse dich und dieses Moor, das du Leben nennstAls er die Tür hinter sich zuschlug, hörte er das leise Lachen des Regens, das ihm erzählte, dass Freiheit oft im Chaos geboren wird.
Der Schwiegervater akzeptiert die Schwiegertochter nicht – Hast du sie aus dem Kindergarten mitgebracht? Reizen dich normale Frauen etwa nicht mehr? Was kann sie überhaupt? Was weiß sie? – Mit Verachtung sah Herr Vasilius auf seine Schwiegertochter. – Zu was ist sie überhaupt fähig? „Dabei wird gerade sie sich um ihn kümmern müssen“, dachte Andreas und sagte deshalb: – Papa, sie wird niemals Mama ersetzen können, aber sie ist meine Frau! Ich bitte dich daher um einen Funken Respekt! – Und, wie schmeckt der Eintopf? – fragte Veronika. – Galina kocht besser! – erwiderte Herr Vasilius. – Deftiger! Aber wir werden den hier auch essen, wegwerfen tun wir nichts! – Meinen Sie das ernst? – empörte sich Veronika. – Es fehlt einfach etwas, – verzog Andreas das Gesicht. – Nichts Weltbewegendes, aber irgendwas fehlt, und ohne das ist es nicht ganz das Gleiche! – Gerade von dir, mein lieber Ehemann, hätte ich das nicht erwartet! – Veronika riss sich das Kopftuch vom Haar. – Wenn euch Galinas Essen so gut schmeckt, dann lasst sie doch für euch kochen! Ich setze keinen Fuß mehr in diese Küche! – Und was soll man dann essen? – lachte der Schwiegervater. – Zum Essen, Herr Vasilius, gehen ich eben in die Kantine! Da deckt mir dann eure Galina auf! Wofür bezahle ich sie denn? – ärgerte sich Veronika. – So! – Herr Vasilius schlug mit der Faust auf den Tisch. – Junge Dame! Du bist hier genauso ein Fremdkörper wie sie! Und denke daran: Ich schmeiße nicht sie raus, sondern dich! – Papa! – rief Andreas entsetzt. – Geht es nicht etwas kultivierter? Das ist immerhin meine Frau! – Und warum benimmt sie sich dann wie …? – schnaubte Herr Vasilius. – Sie soll sich ihre Allüren dahin stecken, wo sie sie hergeholt hat! Sonst schicke ich sie ganz schnell zurück zu ihren Eltern in die Plattenbau-Zweizimmerwohnung mit Blick aufs Siemens-Werk! – Jetzt reden Sie aber ganz anders! – schüttelte Veronika den Kopf. – Als ich Ihnen hinterhergerannt bin wie einer kleinen Kindernanny, waren Sie freundlicher! – Damals hattest du auch keine Starallüren! – grinste Herr Vasilius. – Papa, so redet man nicht über Vika, – mischte sich Nikolaus, der jüngere Sohn, ein. – Sie gibt sich wirklich Mühe! Galina ist doch zehn Jahre älter! Sie hat mehr Erfahrung! Und schon drei Scheidungen hinter sich! Klar weiß Galina, wie man mit einer Suppe die Männerwelt betört! Aber Vika ist anders! – Erzähle mir keinen Unsinn! – wieder ein Faustschlag des Familienoberhaupts auf den Tisch. – In null Komma nichts fliegst du aus dem Haus! Die Einzimmerwohnung, die Mama dir am Stadtrand gelassen hat? Genau dorthin kannst du dann ziehen! Verstanden? – Andreas, warum sagst du nichts? – Nikolaus schob dem Bruder den Ellbogen in die Seite. – Was denn? – meinte Andreas schulterzuckend. – Galinas Suppe schmeckt wirklich besser! – Du denkst nur ans Essen! – wandte sich Nikolaus ab. – Und deine Frau? – Sie soll sich raushalten! – und Andreas griff wieder zur Löffel, um schneller mit der Suppe fertigzuwerden. Zum Hauptgang gab es Braten und den machte Galina. – Danke, Nikolaus! – sagte Veronika. – Wenigstens ein Mann im Haus! Immerhin! Nikolaus errötete bis zur Farbe der Suppe und schaufelte, dem Bruder folgend, los. – Ja, wir sollten aufessen, – nickte Herr Vasilius. – Kalt schmeckt das bestimmt wirklich grauenhaft! Veronika wollte schon sagen: „Ja, erstickt doch daran!“, unterdrückte es aber. Mit Würde stand sie auf und verließ das Esszimmer. – Sie wird immer frecher! – zeigte Herr Vasilius in Richtung Schwiegertochter. – War mal ein anständiges Mädchen! Was Geld nicht alles mit Menschen anstellt! Pass auf, Andreas, am Ende macht sie noch einen richtigen Mann aus dir – Portemonnaie mit zwei Ohren und du tanzt nach ihrer Pfeife! – So weit kommt’s nicht! – Andreas ballte die Faust. – Ich krieg sie schon gebändigt! – Mach dich nicht lächerlich, – winkte Herr Vasilius ab. – So behandelt man keine Frau, – brummelte Nikolaus. – Dich hat keiner gefragt! – warf Andreas seinem Bruder böse hin. – Sieh lieber zu, dass du was erreichst! Mit 25 hast du noch nichts auf die Beine gestellt! Guckst immer nur, wo’s Geld gibt, mal bei mir, mal beim Vater! – Ich hab ein Start-up, – murmelte Nikolaus mit gesenktem Blick. – Demnächst machen wir Gewinn! – In diesem Jahrtausend oder soll ich bis zum nächsten warten? – lachte Herr Vasilius. – Na, nimm’s nicht übel! Solche Gespräche zogen sich stundenlang hin. Seit drei Jahren, nach dem Tod der Hausherrin, hatte sich der Charakter des Familienchefs endgültig verdüstert. Seine größte Freude war es nun, anderen das Leben schwerzumachen. Doch da trat Galina ins Esszimmer, über die man an diesem Tag schon oft gesprochen hatte: – Herr Vasilius, es wird Zeit für die Behandlung! Sie wissen doch: Disziplin! – Ich weiß, Galinchen, – stand Herr Vasilius vom Tisch auf. – Bring mich, mein Schatz, zu einem gesunden und glücklichen Leben! Andreas wurde rot und steif. – Andreas Vasilius, – Galina wandte ihren Blick dem ältesten Sohn zu, – später komme ich zu Ihnen! Wir müssen wegen Ihres eingewachsenen Zehs schauen! Sonst müssen Sie ins Krankenhaus! Andreas’ Gesicht entspannte sich, ein glückseliges Lächeln schlich sich ein. – Natürlich, Galinchen! Nur Nikolaus betrachtete die Szene mit kaum verhohlener Verachtung. – Du bist zu hart zu ihr, – meinte Nikolaus, nachdem der Vater mit Galina gegangen war, – sie ist wirklich nett. Und der Vater erholt sich endlich etwas. – Pass du mal lieber auf dich auf, Moralapostel! – schnaufte Andreas. – Du hast nichts, aber willst anderen den Kopf waschen! Bring du erst mal was auf die Reihe, dann kannst du den Mund aufmachen! Mehr brauchte Nikolaus nicht, um mit einer Ausrede aus dem Esszimmer zu fliehen. Und zehn Minuten später, im hintersten Gästezimmer: – Vika, Liebling! Lass uns abhauen, weg von diesen Leuten! – Wohin sollten wir denn gehen? Wovon sollen wir leben? – Ich sorge schon für uns! – Bring erst mal Geld nach Hause… – Und du bist bereit, das alles zu ertragen? – Habe ich eine Wahl? *** Jede Familie hat eine Kraft, die sie zusammenhält. Wenn diese Kraft wegfällt, beginnt die Familie zu bröckeln. Sie zerfällt Schritt für Schritt, bis nichts mehr übrig ist. Bei uns war das lange Zeit Anna-Maria. Sie war eine tolle Ehefrau, liebevolle Mutter und fantastische Hausherrin. Aber mit 52 war sie völlig ausgelaugt. Wahrscheinlich, weil sie immer die Beste war und sich selbst aufbrauchte. Abends schlief sie ein und wachte morgens nicht mehr auf. Erst ihr Tod zeigte, wie viel von ihr abhing. Weder die Söhne, noch der Ehemann konnten wirklich etwas leisten. Gleich nach der Trauerfeier fielen alle in eine Schockstarre. Jeder hatte zwar seinen Alltag zu bewältigen und schaffte das irgendwie. Aber das beklemmende Gefühl von Leere nagte an ihnen. – Ich habe die Firma verkauft, das Geld ist auf dem Konto, mehr will ich nicht, – sagte Herr Vasilius. – Papa, warum? – fragte Andreas verblüfft. – Du hast doch alles in diese Firma gesteckt! – Ich habe keine Seele mehr! – antwortete der Vater. – Ich wollte sie euch Söhnen übergeben, aber du hast dein eigenes Geschäft aufgebaut, und dein Bruder… treibt auch sein eigenes Ding! Am Ende braucht keiner meine Firma! – Und was willst du jetzt machen? – hakte Andreas nach. – Nichts mehr! Ich lege mich hin und bleibe liegen! – sagte Herr Vasilius. – Das Geld reicht mir bis ans Lebensende. Was übrig bleibt, teilst du mit Nikolaus! Übrigens, wo steckt dein Bruder wieder? – Woher soll ich das wissen, – zuckte Andreas mit den Schultern. – Der hat doch dieses Start-up! – Ist mir inzwischen egal, – seufzte Herr Vasilius. – Mir ist echt alles egal… Andreas und Nikolaus beobachteten mit Bitterkeit, wie ihr Vater langsam verblasste. – Wir sollten ihm eine Pflegekraft holen, – schlug Nikolaus vor. – Nicht, dass er sich noch was antut! – Und wer bezahlt das? – grinste Andreas. – Er hat doch… – begann Nikolaus verlegen. – Versuch du erstmal, ihn zu überreden! – nickte Andreas. – Er schickt dich und die Pflegekraft zum Teufel! – Ich kann nicht bei ihm bleiben, ich habe mein Start-up! – meinte Nikolaus. – Vielleicht ziehst du zu uns? – Ich überleg’s schon, – antwortete Andreas. – Aber ich wollte heiraten, und dann starb Mama. Vielleicht war’s ein Zeichen, es nicht zu tun… – Was meinst du damit? – verstand Nikolaus nicht. – Naja, Veronika, die mit der ich zusammen bin, sie ist Krankenschwester und eine Haushaltstüchtige. Aber mit ihr ist’s langweilig. Na ja… – Du denkst, sie könnte werden wie Mama? – fragte Nikolaus. – Uns würde erstmal schon irgendjemand reichen, der nach außen ein bisschen Normalität schafft, – sagte Andreas. – Niemand wird Mama ersetzen! Das Gespräch führte zu nichts – aber danach geschah vieles. Andreas zog zurück ins Elternhaus zu Vater und Bruder und brachte seine junge Frau Veronika mit: – Jetzt ist das unser Zuhause, – sagte er zu Veronika. – Jetzt verstehst du vielleicht, warum ich mit dem Heiratsantrag gezögert habe und es keine richtige Hochzeit gab? – Ja, ich verstehe es, – antwortete Veronika leise. – Ich bitte dich, uns zu helfen; hier gab’s nie Personal, nur meine Mutter… – sagte Andreas, und am Ende versagte ihm die Stimme. – Es ist schon gut, – lächelte Veronika. – Ab jetzt muss ich nicht mehr zur Arbeit fahren… – Natürlich! – Andreas nickte heftig. – Du bekommst Zugang zum Konto! Für alles Notwendige! Ihr Einzug wurde unterschiedlich aufgenommen. Nikolaus reagierte freundlich und bot Hilfe an, sobald er zuhause sei. Aber der Schwiegervater: – Hast du sie aus dem Kindergarten geholt? Sind normale Frauen für dich nichts mehr? Was kann sie? Was weiß sie? – Mit Verachtung musterte Herr Vasilius die Schwiegertochter. – Zu was ist sie überhaupt im Stande? „Sie wird sich doch um ihn kümmern müssen,“ dachte Andreas, sagte aber: – Sie wird Mama nicht ersetzen, aber sie ist meine Frau. Also bitte um etwas Respekt! – Ich verspreche gar nichts, – brummelte Herr Vasilius. – Schauen wir mal, was sie taugt! Hätte Veronika geahnt, was sie in den kommenden zwei Jahren alles ertragen würde, hätte sie den Fuß nie über diese Türschwelle gesetzt. Mit Haushaltsdingen kam sie klar, denn das Haus war technisch modern ausgestattet. Man musste nur Knöpfe drücken. Die größten Schwierigkeiten kamen aber vom Schwiegervater. Absichtlich oder nicht – das war nicht immer klar – doch ständig gab es Beschwerden, sie müsse endlich mal etwas Richtiges lernen! Wie gesagt, sie hielt zwei Jahre durch. Dann konnten auch Andreas’ Bitten sie nicht mehr beruhigen. Sie versammelte die Männer des Hauses und sagte: – Es reicht! Ich hole mir jetzt eine Haushaltshilfe! Und ich habe schon eine gefunden! Sie ist stur und lässt sich von euch nichts sagen – sie ist für mich da! Was sie sagt, gilt dann für uns alle! – Wenn das so eine Niete ist wie du, können wir euch beide gleich rausschmeißen! – meinte Herr Vasilius unzufrieden. Doch Andreas und Nikolaus unterstützten Veronikas Vorhaben. Ihnen war klar, wie schwer Veronika es mit dem Vater hatte. Der Einzug von Galina war kein Feiertag. Mit kühlem Blick musterte sie Haus und Bewohner, murmelte etwas Unverständliches und machte sich an die Arbeit. Doch verborgen blieb den Männern eine zusätzliche Abmachung zwischen Veronika und Galina. Galina sollte mit ihrem Charme Herrn Vasilius bezirzen. Mit 57 war Herr Vasilius noch längst kein alter Greis. Galina war 37 – also wenn Prinzipien mal außen vor blieben, wäre das ein Erfolgsrezept. – Der alte Grantler muss weich werden! Sonst bekommt Galina ihr gutes Gehalt umsonst! Und der Plan ging auf – fast zu gut. Galina kümmerte sich nicht nur um Herrn Vasilius, sondern auch um Andreas, der ihr Altersgenosse war. Bemerkt Veronika das? Natürlich! Wehren konnte sie sich aber nicht. Andreas schränkte ihren Zugang zum Familienkonto ein. Und das Geld wanderte fast komplett in Galinas Tasche. Veronika suchte Trost bei Nikolaus, der schon immer heimlich in sie verliebt war. Sie wären längst gemeinsam abgehauen – nur wovon hätten sie leben sollen? Einfach ins Ungewisse flüchten, ohne Sicherheit, war zu riskant. So fanden sie wenigstens Trost beieinander – im abgelegenen Gästezimmer. *** – Wenn du wüsstest, wie ich sie alle hasse! – sagte Veronika, an Nikolaus’ Brust geklammert. – Es ist schrecklich, aber ich stimme dir vollkommen zu, – antwortete Nikolaus. – Furchtbare Menschen! Ich schäme mich, dass sie meine Familie sind! – Lass uns alles auf den Tisch bringen und gehen! Sollen sie sich doch gegenseitig zerfleischen! – schlug Veronika vor. – Ja, warum nicht! – stimmte Nikolaus zu. – Außerdem, ich hab heute einen großen Auftrag bekommen! Mein Start-up läuft! Wir werden nicht ohne Geld dastehen! Veronika und Nikolaus flohen heimlich wie auf der Flucht. Der eigentliche Sturm tobte im Haus. Als Herr Vasilius – das Herz in der Hand – alles begriff: – Der ältere Sohn schnappt mir die Frau, der jüngere nimmt die Frau vom älteren! Tolle Familie, die wir sind! Und Galina auch noch – wie sie an Nikolaus vorbeigegangen ist, versteh ich auch nicht! Es wurde laut gestritten, Geschirr flog, Möbel krachten, gegenseitige Schuldzuweisungen prasselten auf alle Seiten ein. Es gab keinen, der nicht getroffen wurde. Die Familie, die Anna-Maria einst mit so viel Liebe zusammengehalten hatte, war zerfallen. Denn sie war die Seele – und nur sie wusste, wie man die Männer bändigt. Ohne sie rutschten sie allesamt ans unterste Ende ihrer Bedürfnisse. Hauptsache einfach, Hauptsache bequem. Denken – Fehlanzeige.