Du hast heute gesagt, du hättest mich geheiratet, weil ich praktisch bin!
Und? zuckte er mit den Schultern. Ist das etwa schlimm?
Wieder dieses alte Morgenmantel? sagte Max, während er mit widerwilligem Blick zu Liselotte hinübersah und die Manschette seines Hemdes zog, als würde er Rüstungen für einen Kampf anlegen.
Sie erstarrte, die Kaffeetasse noch in der Hand. Der dünne Dampf stieg empor, verbrannte ihre Finger, doch sie ließ die Hände nicht los.
Er ist praktisch.
Nun ja, praktisch, schnurrte er und richtete die Krawatte vor dem Spiegel. Genau wie alles an dir.
Liselotte senkte den Blick. Der Kaffee verlor seinen Dampf, die Oberfläche verdunkelte sich und spiegelte die Decke wie ein zersplitterter Spiegel.
Max, du
Was? er zog bereits die Schlüssel hervor, das Metall klirrte am Ring.
Nichts.
Die Tür schlug so heftig zu, dass das Porzellanregal zu zittern begann.
—
Sie hatten sich im Büro kennengelernt. Sie die stille, zurückhaltende Buchhalterin, die ihr Haar zu einem lässigen Knoten zusammenband, er der selbstsichere Manager, dessen Lachen die Flure erfüllte. Max umwarb sie kunstvoll: Rosen mit Tropfen auf den Blüten, KerzenscheinDinners, bei denen er für sie ein mittelfestes Steak bestellte, ohne zu fragen, was sie mag.
Du bist doch nicht die Art, die über Kleinigkeiten jammern würde, oder? fragte er beim dritten Date, während er die Serviette auf ihren Knien glattstreichte.
Nein, lächelte Liselotte, als hörte sie kein Klingeln mehr.
Dann gut. Meine Ex hat ständig Dramen ausgerufen
Sie schenkte dem nichts ein. Und dann Hochzeit, Kinder, Haus. Alles wie aus einem Bilderbuch.
Nur manchmal, wenn sie ein offenes Schulterkleid anzog, flüsterte er:
Das ist nichts für dich. Nicht dein Stil.
Oder wenn sie die Lippen vor dem Spiegel färbte, warf er beiläufig ein:
Warum? Du sitzt doch sowieso zu Hause.
Einmal, als sie neues Parfum mit leichtem Blütenduft kaufte, verzog er das Gesicht:
Riecht, als käme es aus einem Billiggeschäft. Gleichbedeutend mit Tante Liesel aus der Buchhaltung?
Sie ließ das Parfum nie wieder an.
Zum Geburtstag schenkte er ihr einen Staubsauger.
Der alte knarrt schon, erklärte er, während er zusah, wie sie die Schachtel öffnete. Du seufzt immer, wenn du putzt.
Sie dankte, dann starrte sie lange aus dem Fenster, bis die Kinder riefen, den Kuchen zu schneiden.
Sie schwieg, denn er war ein guter Mann: nicht gewalttätig, nicht trinkend, das Geld kam.
War das nicht genug?
—
Hast du mich nie geliebt?
Der gleiche Abend, das gleiche Gespräch. Max wandte den Blick ab, als prüfe er, ob das Fenster verschlossen war.
Nun, du bist die perfekte Ehefrau.
Das ist keine Antwort.
Er seufzte, als müsse er ihr die 2mal2MalTabelle erklären.
Liselotte, warum zerreißt du dir den Kopf? Bei uns ist alles in Ordnung.
In Ordnung?! Ihre Stimme bebte, nicht vor Tränen, sondern vor einer Wut, die endlich auszubrechen begann. Du hast heute gesagt, du hast mich geheiratet, weil ich praktisch bin!
Und? zuckte er erneut mit den Schultern. Ist das schlecht?
Sie sah ihn zum ersten Mal wirklich: der Bräunungsstreifen am Hals vom Tennis mit Kollegen, nicht von ihr; die Falte zwischen den Augenbrauen nicht von Sorge, sondern von Gereiztheit, weil er sich ständig rechtfertigen musste.
Und Katrin?
Max Gesicht verzog sich, als würde jemand an einer unsichtbaren Saite zupfen.
Was hat das mit ihr zu tun?
Du hast sie geliebt.
Ja, gestand er schroff, und in diesem einen Wort steckte mehr Gefühl als in all den Jahren. Ich liebte sie, aber mit ihr konnte man keine normale Familie bauen.
Liselotte spürte, wie etwas innerlich knackte, ein leises Klicken, als würde ein Absatz brechen: man kann gehen, aber nicht mehr wie vorher.
Also bin ich nur die fügsame, häusliche Ersatzfrau?
Mach keinen Aufruhr, winkte er ab, als würde er eine Mücke abschlagen. Wir haben Kinder. Ein Haus. Was willst du noch?
—
Sie zögerte.
Vielleicht hatte er recht? Vielleicht sei Liebe ein Luxus, und die Familie das Wesentliche? Liselotte stand am Fenster, sah die ersten Regentropfen über das Glas laufen. Im Spiegel sah sie die Spuren ihrer Finger sie hatte in letzter Zeit oft hier gestanden, als wartete sie darauf, dass die Welt dahinter ihr eine Antwort schenkte.
Und Max Max lebte, als hätte sich nichts geändert.
Eine Woche später, weil sie wieder geduldig war, hörte er plötzlich auf, sich zu verstellen.
Wieder Nudeln? er stocherte mit der Gabel in der Schüssel, als untersuchte er nicht das Essen, sondern Beweise ihrer Unfähigkeit. Wenigstens würdest du die Soße würzen.
Du hast doch gesagt, du magst nichts Scharfes, erwiderte sie, doch ihre Stimme klang fremd, als spräche jemand anderes durch sie hindurch.
Und? schob er den Teller beiseite, als hätte er ihr ein Missgeschick serviert. Katrin hat immer gekocht
Liselotte sprang abrupt auf. Der Stuhl kratzte über den Boden, hinterließ eine Kerbe ein weiteres Zeichen in diesem Haus, ein weiterer unsichtbarer Riss.
Willst du zu Katrin? Geh!
Lass mich doch, lachte er, und das Lachen hallte lauter als ein Schrei. Wohin soll ich gehen? Du weißt doch, mit dir ist es praktisch.
In diesem Moment begriff sie endlich. Er versuchte nicht, sie festzuhalten, nicht weil er an ihrer Liebe zweifelte, sondern weil er sicher war, dass sie sich fügte.
Sie bemerkte es überall: wie er sie nicht mehr korrigierte, wenn sie falsch gekleidet war, sondern einfach vorbeiging; wie er den Blick nicht mehr auf sie richtete, als wäre sie ein Möbelstück, das im Raum steht, aber nie benutzt wird; wie seine ruhigen Tage wochenlang dauerten, ohne Streit, ohne Vorwürfe, einfach nichts.
Und dieses Nichts war lauter als jeder Schrei.
Sie stand in der Küche, drückte den Tischrand, und plötzlich erkannte sie: Er ist nicht wütend. Er wartet nur darauf, dass sie sich ergibt. So wie sie sich mit dem Staubsauger begnügte, statt eines Geschenks. So wie sie die Parfums aufgab. So wie sie kein Kleinod mehr war, das über Kleinigkeiten jammt.
Dann drehte sich etwas in ihr um. Keine Schmerzen, keine Wut Befreiung.
Denn wenn man nicht geliebt wird, aber noch wütend ist, existiert man noch. Und wenn selbst die Wut verstummt dann bist du gar nicht mehr da.
—
Ein Monat später reichte sie die Scheidung ein.
Max glaubte es zunächst nicht. Er trat in die Küche, wo Liselotte die Kinderkleidung in Kisten sortierte, und blieb wie erstarrt in der Tür stehen, als sähe er nicht seine Frau, sondern eine fremde Frau.
Im Ernst? fragte er, und zum ersten Mal seit langem klang Unsicherheit in seiner Stimme.
Liselotte hob den Kopf nicht, faltete weiter die kleinen Strampler.
Ja.
Wegen irgendeinem Unsinn? er trat einen Schritt vor, und ihre Schultern spannten sich.
Das ist kein Unsinn, flüsterte sie. Ich bin kein Möbelstück.
Er lachte plötzlich, nervös, scharf.
Ach, wieder Drama! Du übertreibst immer alles.
Liselotte sah ihn endlich an. Sein Gesicht war schmerzhaft vertraut, doch nun erkannte sie die zusammengepressten Lippen, die leicht zusammengekniffenen Augen er war zerbrochen, nicht weil er sie verlor, sondern weil seine bequeme Welt Risse bekam.
Ich übertreibe nicht, sagte sie. Ich bin müde, immer nur praktisch zu sein.
Max schwieg, griff dann abrupt nach den Schlüsseln vom Tisch.
Und? Denkst du, es wird mir schwerfallen? er warf einen Blick auf die Kisten. Du kannst ja nicht einmal richtig kochen.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken ein alter, bekannter Stich. Früher hatten diese Worte sie verunsichert, jetzt klangen sie hohl.
Vielleicht, gab sie zu. Doch manche denken anders.
Sein Gesicht verzog sich.
Ach ja, du hast ja schon jemanden, nicht wahr? er grinste boshaft. Natürlich, wo sollst du sonst hin? Sieh dich an wer braucht dich noch?
Liselotte spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog, ein alter, vertrauter Schmerz. Sie wollte fast den Mund öffnen, um zu sagen: Du hast recht, verzeih mir, wie sie es hundertmal zuvor getan hatte.
Stattdessen sagte sie fest:
Ich brauche mich selbst.
Max blieb wie erstarrt stehen. Er hatte das nicht kommen sehen.
Du bist verrückt, zischte er. Und die Kinder? Denkst du nicht an sie?
Sie schloss die Augen für einen Moment. Die Kinder Sie dachte jede Sekunde an sie.
Sie werden sehen, was es heißt, sich selbst zu achten, antwortete sie.
Halt mich! schwenkte er die Hand. Du bist egoistisch. Wir haben ein Haus, genug Geld und du wirfst das alles wegen solcher Kleinigkeiten weg?
Liselotte sah ihn an und erkannte plötzlich: Für ihn waren das nur Kleinigkeiten.
Für dich ja, sagte sie. Für mich nein.
Er wandte sich ab, trommelte nervös mit den Schlüsseln auf seine Handfläche.
Na gut. Du wirst es bereuen.
Am Tag, an dem sie die letzten Sachen packte, fragte Max plötzlich:
Und glaubst du, du findest jemand Besseren?
Sie blieb vor der Tür stehen, spürte den leichten Wind von außen, der ihr Gesicht streichelte.
Besser? wiederholte sie. Weiß nicht. Aber zumindest jemanden, der mich sieht, nicht nur die Leere.
Er schwieg.
Und sie trat hinaus, wo der Regen nach Freiheit roch.
—
Zwei Jahre später.
Liselotte heiratete einen Mann, der sie jeden Morgen auf die Schulter küsste, selbst wenn sie verärgert brummte, dass es noch zu früh sei. Er flüsterte: Du bist wunderschön, wenn sie im abgetragenen Morgenmantel stand, das Haar zerzaust, Müdigkeit unter den Augen. Einmal, als er denselben Staubsauger im Ausverkauf sah, lachte er und schenkte ihr einen Strauß Pfingstrosen nur weil deren Farbe an ihre Lippen erinnerte.
Sie trug wieder Parfums, färbte die Lippen, wählte Kleider mit offenen Schultern. Und jedes Mal, wenn ihr neuer Mann sie bewundernd ansah, wärmte sich ihr Herz, als würde etwas im Eis schmelzen.
Und Max
Eines Tages begegnete sie ihm zufällig in einem Café. Er saß allein an einer Ecke, trank Kaffee und starrte aufs Handy. Vor ihm lag ein Foto ihrer Kinder, an den Rändern abgenutzt, als hätten häufig ihre Finger darüber gestrichen.
Liselotte wollte weitergehen, doch er hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich.
Und sie sah nichts.
Weder Ärger noch Wehmut, nicht einmal ein Anflug von Ärger. Nur Leere, weit und bodenlos, wie ein Fenster, aus dem seit Langem die Möbel geräumt wurden.
Er nickte. Sie lächelte. Sie gingen getrennte Wege.
Später, zu Hause, im Arm ihres neuen Mannes, dachte Liselotte plötzlich daran, wie sehr sie einst Angst hatte, allein zu bleiben. Jetzt wusste sie: Das Schlimme ist nicht die Einsamkeit.
Das Schlimme ist, allein zu sein, wenn jemand neben einem steht.
Und Max
Max heiratete nie.
Katrin, als er ihr nach einem halben Jahr nach der Scheidung anrief, lachte und sagte, sie habe ein ganz neues Leben.
Die Kinder kamen an den Wochenenden zu ihm, doch in ihren Augen lag immer mehr höfliche Distanz.
Abends goss er sich Whisky ein und sah fern, wo Menschen lautlos vorbeizogen.
Denn Praktische gehen, und die Geliebten bleiben.
Doch um geliebt zu werden, muss man zuerst lernen, sich selbst zu lieben.





