15.Juni2026 Zug nach Hamburg
Ich sitze am Fenster des ICE und sehe die Felder vorbeiziehen. In meinem Kopf halte ich den Blick meiner Mutter fest, die ich die letzten drei Tage zu Hause gepflegt habe. Jeden Morgen habe ich ihr klare Brühe eingegossen, ihr die Tabletten gegeben und erst gestern ist das Fieber endlich gesunken.
Bleib doch noch einen Tag, sagte sie heute Morgen, während sie mir einen Schluck Tee reichte.
Viktor ist allein zu Hause, Mama. Er wird doch sicher hungrig werden, erwiderte ich.
Jetzt, im Abteil, wundere ich mich, dass ich nicht länger geblieben bin. Viktor ruft jeden Abend an, fragt nach meiner Mutter und beklagt den leeren Kühlschrank. Seine Stimme klingt müde, fast erschöpft.
Ich vermisse dich, flüsterte er letzte Nacht, bevor er ins Bett ging.
Ein kleines Lächeln huschte über mein Gesicht. Zweiund dreißig Jahre Ehe, und er vermisst mich immer noch. Ein guter Mann, das dachte ich damals.
Der Zug schwankt leicht. Die Dame gegenüber knabbert an Sonnenblumenkernen und blättert durch einen Krimi. Auf dem Cover umarmt ein hübsches Mädchen einen Mann im Anzug. Ich schenke meinem Spiegelbild im Fenster einen flüchtigen Blick Falten, graue Sprünge im Haar. Wann bin ich nur so alt geworden?
Fährst du zum Mann?” fragte die Sitznachbarin plötzlich.
Ja, ich gehe nach Hause, antwortete ich.
Ich gehe zu meinem Liebhaber, lachte sie laut. Mein Mann denkt, ich sei bei meiner Schwester.
Ich errötete, drehte mich weg. Wie kann man so offen über solche Dinge sprechen?
Mein Handy vibrierte.
Wie gehts dir? Wann kommst du? schrieb Viktor.
Ich sah auf die Uhr noch vier Stunden bis nach Hamburg. Ich wollte ehrlich sein, entschied mich dann aber für ein kleines Geheimnis. Vielleicht überrasche ich ihn, koche das Abendessen und er freut sich.
Morgen früh bin ich da. Ich vermisse dich auch, schrieb ich zurück.
Sofort schickte er ein HerzEmoji.
Draußen flogen Felder, Dörfer, Fachwerkhäuser vorbei. Ich holte aus meiner Tasche einen Thermoskanne mit Tee. Meine Mutter drückte mir ein Stück Brot ein, zwang mich, das Frühstück zu essen. Immer noch wie ein kleines Kind.
Du bist so dünn, meine Kleine. Viktor kümmert sich doch nicht um dein Essen, sagte sie spöttisch.
Mama, ich bin schon 57, erwiderte ich.
Und ich? Du bleibst immer mein Mädchen, sagte sie.
Ich kaute das Brötchen mit Aufschnitt und dachte an meine Mutter. Sie lebt immer noch in der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. Mein Vater starb vor fünf Jahren, und sie weigert sich, in die Stadt zu ziehen.
Ihr habt euer eigenes Leben, sagt sie immer. Störe mich nicht.
Vielleicht sollte ich das nicht. Ich habe immer gern für andere gesorgt zuerst für meine Eltern, dann für Viktor, die Kinder. Ich war Lehrerin, bis unser Sohn Sergej geboren wurde und ich in Elternzeit ging. Dann kam Lena, und irgendwann wurde ich Hausfrau.
Warum brauchst du einen Job? fragte Viktor einst. Ich verdiene gut genug. Du solltest dich um das Haus kümmern.
Und ich tat es. Dreißig Jahre lang. Kochen, Waschen, Aufräumen, Kinder zu den Aktivitäten bringen, Viktor die Hemden bügeln, die Socken flicken.
Unsere Kinder sind ausgezogen. Sergej arbeitet in Köln, hat seine eigene Familie. Lena ist verheiratet, hat ein Enkelkind. Jetzt bin ich wieder allein.
Und was nun?
Der Zug bremste. Ich sammelte meine Sachen und verabschiedete mich von der Mitreisenden. Auf dem Bahnhof war es laut, viele Menschen drängten sich. Der Bus nach zu Hause fuhr etwa eine halbe Stunde.
Ich stellte mir vor, wie Viktor überrascht sein würde. Er dachte, ich komme morgen, aber ich bin heute. Vielleicht kaufe ich noch etwas im Supermarkt gutes Fleisch, junge Kartoffeln, und bereite ein schönes Abendessen zu.
Im Markt lächelte die Kassiererin:
Feiern Sie etwas?
Nur, dass mein Mann wartet.
Die Tüten wurden schwer. Ich schleppte sie bis zum Aufzug, schnappte nach Luft, suchte lange nach den Schlüsseln. Schließlich öffnete ich die Tür zu unserer Wohnung.
Viktor, ich bin da! rief ich.
Stille. Er schlief wohl noch. Es war fast zehn Uhr abends.
Ich stellte die Taschen ab, zog meine Jacke aus. Das Licht brannte noch. Seltsam Viktor schlief nie bei Licht an.
Ich ging zum Kleiderschrank, um meine Jacke aufzuhängen, und sah Schuhe am Eingang. Damenschuhe, schwarze Pumps, glänzend.
Viktor? flüsterte ich.
Mein Herz pochte schneller. Vielleicht war das Lenas Schuhe? Meine Tochter könnte gekommen sein, hat doch Schlüssel. Warum hat sie mich nicht vorher informiert?
Ein leises Lachen drang aus der Küche. Eine weibliche Stimme.
Viktor, du bist so komisch, sagte die Stimme.
Liselotte kommt erst morgen, wir können ja noch warten, antwortete er.
Ich lehnte mich an die Wand, die Beine wurden wackelig. Was ging hier vor? Wer war diese Frau?
Was, wenn sie zurückkommt? fragte die Fremde.
Sie kommt nicht zurück. Sie sagt immer, was sie sagt. Wenn sie gestern Morgen sagte, dass sie morgen kommt, dann kommt sie morgen.
Sie lachten. Ich schlug die Augen zu, das Atmen fiel mir schwer.
Ich schlich die Küche hinunter, die Tür stand einen Spalt offen. Ein Blick hinein:
Viktor saß im Hausanzug, das Haar zerzaust, ein Lächeln auf den Lippen. Gegenüber eine junge Frau, etwa dreißig, blond, in einem weichen Bademantel fast meiner Größe.
Auf dem Tisch standen zwei Tassen Kaffee, ein Stück Torte, Süßigkeiten. Viktor hielt die Hand der Frau.
Lena, du bist unglaublich, flüsterte er.
Ich starrte fassungslos.
Lena? Wer ist Lena? fragte ich mit zitternder Stimme.
Das ist das ist meine Nachbarin, aus Wohnung52, murmelte Viktor.
Nachbarin? In meinem Bademantel? Ich sah die Frau verwirrt an.
Ich gehe besser, sagte Lena und stand auf. Viktor, ruf mich später an.
Warte!, schrie ich. Erklär mir, was hier los ist!
Lena blieb stehen, ihr Gesicht zeigte Schuld, aber nicht komplette Reue.
Wir haben nur geplaudert, sagte sie leise. Mein Wasserhahn war kaputt, Viktor hat mir geholfen. Dann haben wir Kaffee getrunken.
Kaffee um neun abends? Ich warf ihr die Stimme zu.
Es war nicht um neun. Es war früher.
Viktor trat näher, nahm meine Hände.
Liselotte, ich schwöre, es war nichts. Nur ein Helfer, eine einsame Frau.
Ich sah ihm in die Augen. Panik, Angst und Lüge ein seltsames Gemisch. Nach all den Jahren hatte ich gelernt, sein Gesicht zu lesen.
Lass mich los, flüsterte ich.
Liselotte
Er ließ los. Seine Hände zitterten.
Lena rannte zur Tür, zog den Bademantel aus und warf ihn auf einen Stuhl. Unter dem Mantel kamen Jeans und ein Pulli zum Vorschein.
Entschuldige, murmelte sie und verließ hastig die Küche.
Die Tür knallte zu. Ich setzte mich auf den Stuhl, deckte mein Gesicht mit meinen Händen. Keine Tränen, nur eine leere, schwarze Lücke dort, wo einst mein Herz schlug.
Liselotte, lass uns reden, sagte Viktor, setzte sich neben mich.
Erklär es.
Lena hat mich nur um Hilfe gebeten. Der Wasserhahn tropfte, ich habe ihn repariert, dann hat sie mir einen Kaffee angeboten.
Um drei Uhr nachts?
Nicht um drei, um acht.
Und jetzt ist es ein Uhr nachts!, schrie ich.
Viktor schwieg, sein Gesicht war rot und schweißig.
Ich bin nicht dumm, sagte ich leise. Zweiund dreißig Jahre Ehe und ich erkenne Lügen.
Nichts ist passiert, murmelte er. Wir haben nur geredet.
Nur geredet? Über das Leben? Was ist mit mir? Bin ich nur ein Haus, das gereinigt wird?
Das habe ich nicht so gemeint
Ich schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. Dreißig Jahre habe ich zu Hause gesessen! Für dich! Für die Kinder! Ich habe meine Karriere aufgegeben! Und du sagst, mit mir sei es langweilig!
Viktor versuchte zu beruhigen, doch ich war wie ein Tier im Käfig.
Eine Nachbarin nur eine?
Nur eine.
Wie viele waren vor ihr?
Keine.
Er senkte den Kopf.
War das wegen der Arbeit?
Ja, das war Arbeit.
Ich sah ihn an. Und was war ihre Arbeit heute?
Er senkte die Stimme.
Liselotte, ich liebe dich.
Liebe? Wie ein teures Schmuckstück? Wie altes Mobiliar?
Bitte sag das nicht.
Wie soll ich sagen? Wie?
Tränen fielen endlich. Ich habe mein ganzes Leben dir gewidmet! Und du rennst zu einer fremden Frau?
Ich laufe nicht weg! Lena kam zu mir.
Selbst? Du hast sie selbst eingeladen? Im Bademantel?
Viktor schwieg.
Antworte!, schrie ich.
Wir wir waren einvernehmlich
Einvernehmlich!, ich schnappte nach Luft. Also hast du es gewollt! Das hast du geplant!
Ein halbes Jahr, stammelte er.
Ein halbes Jahr!, ich setzte mich auf den Boden. Sechs Monate hast du mich belogen! Küsse, Versprechen, und du bist zu ihr gerannt!
Ich bin nicht gerannt! Wir sahen uns selten!
Selten? Dann doch gesehen!
Ich stand auf, ging zur Tür.
Wohin gehst du?
Wohin auch immer! Nicht hier!
Ich rannte durch das Treppenhaus, ließ den Aufzug stehen. Ich wollte nicht, dass er mich einholt.
Draußen war es kalt. Wohin sollte ich? Zu Liselotte? Zu meiner Mutter? Der nächste Zug war weg.
Ich erinnerte mich an Gisela, meine alte Nachbarin aus dem Stadtteil. Ich rief an.
Gisela? Was ist los? gähnte sie verschlafen.
Gisela, kann ich zu dir kommen? Ich brauche Hilfe.
Komm sofort, ich bin zu Hause.
Im Bus dachte ich nach. Zweiund dreißig Jahre. Was blieb noch? Nichts außer Leere und Schmerz.
Gisela empfing mich im ungepflegten Bademantel, setzte mich auf das Sofa und kochte Tee.
Ich erzählte ihr alles. Sie nickte, schüttelte den Kopf.
Verdammt, sagte sie kurz. Alle Männer sind Halunken.
Gisela, was soll ich tun?
Scheiß drauf, lass die Scheidung zu.
Aber wir sind so lange zusammen
Genau deswegen sollte er merken, dass du mehr verdienst, als ein Dienstmädchen zu sein.
Die Nacht verging ich auf Giselas Sofa und dachte nach. Wie wir uns kennengelernt hatten, geheiratet, Kinder bekommen hatten. Wie Viktor immer öfter bei der Arbeit verschwand und ich zu Hause alles erledigte. Vor zwei Jahren wurde es kälter, er wirkte distanzierter. Ich dachte, das sei nur ein MittelalterKrise.
Jetzt war er verliebt.
Morgens rief meine Tochter Nina an.
Mama, was ist passiert? Dein Mann hat nach dir gesucht.
Sag ihm, dass ich bei Gisela bin und dass ich darüber nachdenke.
Viktor klingelte den ganzen Tag. Ich nahm nicht ab. Am Abend kam er zu Gisela.
Hans, ich habe mit Lena Schluss gemacht. Nie wieder.
Endlich, sagte Gisela.
Ich sah ihn müde, zerzaustes Hemd. Vielleicht ehrlich jetzt.
Hans, ich bin fünfundsiebzig. Vielleicht will ich noch etwas für mich tun.
Für dich?
Ja. Ich will arbeiten, die Welt sehen, herausfinden, was ich will.
Wir sind doch Familie.
Familie bedeutet Respekt. Nicht dass einer alles für den anderen tut.
Ich werde das respektieren! Ehrlich!
Weißt du, Hans, wir sollten für eine Weile getrennt leben, um über unser Leben nachzudenken.
Ist das eine Trennung?
Nur eine Pause. Wenn du merkst, dass du mich wirklich brauchst, komm zurück. Wenn nicht dann ist es das Lebensende.
Viktor nickte, dann ging er. Gisela umarmte mich.
Gut gemacht, sagte sie. Es war schwer.
Angst, natürlich, antwortete ich.
Aber ehrlich ist besser.
Ich setzte mich ans Fenster. Der Regen trommelte gegen das Glas. Ein neuer Abschnitt beginnt, mit siebenundfünfzig. Seltsam, aber vielleicht gar nicht so schlecht.
Morgen werde ich nach einem Job suchen, dann meine Mutter besuchen und mit ihr reden das habe ich lange nicht getan. Was die Zukunft bringt, wird zeigen. Vielleicht ändert sich Viktor, vielleicht auch nicht. Wichtig ist, dass ich wieder für mich lebe, nicht nur für andere.
Der Regen prasselt weiter. Zum ersten Mal seit Stunden lächle ich wirklich.
Ich lege das Tagebuch beiseite, atme die kühle Regenluft ein und gehe entschlossen in mein neues, selbstbestimmtes Leben.





