Die stürmische Zeit
Weil sie völlig unterschiedliche Ansichten über die Erziehung ihres Kindes hatten, ließen sich Dina und Jannik scheiden. Jeder machte dem anderen Vorwürfe auf seine Weise.
“Jannik hat nie Verantwortung übernommen, also musste ich von Nils’ erstem Lebenstag an alle Probleme alleine lösen”, erklärte Dina.
“Meine Frau konnte nie loslassen, kontrollierte alles, machte ständig unnötige Dinge und war deshalb unglücklich”, sagte der Ex-Mann.
Nils war vierzehn und lebte bei seiner Mutter. Seinen Vater sah er einmal die Woche also viermal im Monat. Zwei Tage am Wochenende holte Jannik ihn zu sich, und mittwochs nach dem Fußballtraining. Obwohl die Scheidung schon fast elf Jahre her war, hatten beide keine neue Familie gegründet. Jannik wohnte allein in der Wohnung seiner verstorbenen Mutter, die vor sieben Jahren an einer schweren Krankheit gestorben war.
Wenn Nils am Wochenende bei seinem Vater war, besonders im letzten Jahr, kam Dina ein wenig zur Ruhe. Doch von Entspannung konnte keine Rede sein sie machte sich trotzdem Sorgen. Sie hielt ihren Ex-Mann für völlig unverantwortlich.
“Witze reißen, lachen das ist sein Ding. Spaß hatte für ihn immer Priorität. Aber eine ernsthafte, stabile Beziehung mit ihm aufzubauen, das habe ich nie geschafft. Als wir allein waren, war alles perfekt. Doch als Nils kam, änderte sich alles”, erzählte sie ihrer Mutter und ihrer Freundin.
Mit dem kleinen Nils half ihr Jannik kaum. Er kümmerte sich nicht, drückte sich vor Hausarbeit. Dina übernahm schnell die Verantwortung als Mutter doch Jannik gelang es nie, sich als Vater zu fühlen. Es folgten Vorwürfe, kleine Streitereien, die immer größer wurden. Am Ende trennten sie sich.
So sah Dina die Scheidung. Jannik hatte andere Argumente.
“Wegen unseres gegenseitigen Unverständnisses hat es nie funktioniert. Früher dachte ich immer, wie schön es wäre, ein Kind zu haben ihm die Welt zu zeigen, ihm alles beizubringen. Doch Dina machte die Freude der Elternschaft zu einem leidvollen Weg voller Verbote und Regeln. Ständig hatte sie Angst vor Krankheiten, die unserem Sohn angeblich drohten. Am Ende fürchtete ich mich sogar, ihn anzufassen. Und wenn ich etwas für ihn tat, war es in ihren Augen nie gut genug. Irgendwann bot ich meine Hilfe nicht mehr an und zog mich zurück”, gestand Jannik seinen Freunden. Es schmerzte ihn er fühlte sich wie ein gescheiterter Vater.
“Jannik, wir sollten uns scheiden lassen”, sagte Dina eines Tages. Und zu seiner eigenen Überraschung empfand er sogar Erleichterung.
Also trennten sie sich friedlich, ohne Drama, mit der Vereinbarung, dass der Vater seinen Sohn weiterhin sehen durfte.
“Wozu sollte ich mich streiten? Sie hört doch nicht zu. In ihren Augen hat sie immer recht. Wie soll ich ihr das erklären?”, dachte Jannik.
Elf Jahre waren seitdem vergangen. Jannik hatte nicht wieder geheiratet einmal reichte. Dafür lief es beruflich hervorragend. Und so seltsam es für Dina klang: Sein Erfolg hing genau mit seiner lockeren Art zusammen. Er entwickelte Computerspiele und verdiente damit gut.
Dina räumte die Küche nach dem Abendessen auf und ging ins Wohnzimmer.
“Schon wieder hat Nils das Licht im Bad angelassen. Unmöglich, wie unordentlich er ist. Ganz der Vater”, dachte sie verärgert und ging zur Zimmertür ihres Sohnes, an der ein Schild hing: “Betreten verboten!”
Doch das kümmerte sie nicht. Sie öffnete die Tür und sah das übliche Bild: Nils saß vor dem Computerbildschirm und drehte sich nicht einmal um.
“Hör mal, Junge, den Lichtschalter zu betätigen, ist kein Hexenwerk. Du bist kein Kleinkind mehr, ich kann nicht alles für dich tun.”
“Ja, ja”, murmelte Nils.
“Noch eine halbe Stunde, dann sind Hausaufgaben dran. Falls du dich erinnerst morgen ist die Mathearbeit.”
Eine halbe Stunde später schaute sie wieder rein Nils saß immer noch da. Sie trat näher und befahl ihm streng, das Spiel zu beenden und seine Bücher zu nehmen. Nils rollte mit den Augen und murmelte etwas Unverständliches, griff dann widerwillig zum Geschichtsbuch.
Dina beschloss, für den nächsten Tag Suppe zu kochen, damit Nils sie nur noch aufwärmen musste. Während sie Kartoffeln und Zwiebeln schälte, dachte sie:
“Wie lange dauert diese Phase noch? Vor anderthalb Jahren hat er sich plötzlich verändert ist völlig unkontrollierbar geworden. Teenager halt Aber wenn das so weitergeht, halte ich das nicht aus.”
Am Samstag holte Jannik Nils ab. Kaum betrat er die Wohnung, stürmte der Junge aus seinem Zimmer.
“Juhu, Papa! Endlich!” Jannik freute sich genauso auf ihr Wochenende.
“Vergiss deine Schulbücher nicht”, warf Dina streng ein.
“Ach, Mama, immer diese Bücher!”, beschwerte sich Nils, schnappte sich aber seinen schweren Rucksack und verschwand mit seinem Vater, nachdem er ihr nur noch ein halbherziges Winken zugeworfen hatte.
Jannik hörte noch, wie Dina hinterherrief:
“Jannik, hilf ihm bitte in Mathe es läuft gar nicht gut Die Arbeiten stehen an, das Schuljahr endet bald. Und Geschichte ist auch nicht seine Stärke. Und bitte, nicht nur Pizza essen!” Doch die Tür fiel bereits ins Schloss.
Im Auto warfen sich Vater und Sohn einen verschmitzten Blick zu.
“Und, was machen wir heute?”, fragte Jannik.
“Kino, dann vielleicht Park?”, schlug Nils vor und grinste. “Aber vorher Pizza!” Beide lachten.
Jetzt, wo Nils älter war, hatte Jannik einen Draht zu ihm gefunden. Sie waren längst Freunde geworden. Doch Freundschaft entsteht nicht von selbst man muss sie aufbauen. Gemeinsame Zeit verbringen, Interessen teilen, Verständnis zeigen. Leichte Gespräche ohne Belehrungen, die Jungs in diesem Alter ohnehin nicht hören wollen.
“Wie läufts in der Schule?”
“Alles cool, Papa. Ich krieg das hin. Du kennst mich.”
“Natürlich kriegst du das hin, da zweifle ich nicht Aber wenn was unklar ist, wir schaffen das zusammen.”
“Papa, echt, alles okay. Nur die Geschichtslehrerin hat es auf mich abgesehen Unser Sportlehrer ist der Beste!”
Als die beiden gegangen waren, dachte Dina:
“Natürlich freut er sich über seinen Papa. Aber erst als Nils größer wurde, hat Jannik wieder Kontakt aufgenommen. Klar Spielen kann er. Aber die ganze Erziehung, die Hausaufgaben, das Putzen, Kochen das bleibt an mir hängen. Und er? Spielt den coolen großen Bruder. Deshalb vergöttert Nils ihn.”
“Geiles Wochenende, Junge. Los, ab nach Hause”, sagte Jannik, als er Nils am Sonntagabend vor der Haustür absetzte.
“Papa, das war mega! Danke!”
Nach dem Wochenende stand der Elternsprechtag an. Dina ging mit einem flauen Gefühl. Die Klassenlehrerin legte ihr Nils’ Zeugnis vor: Ein paar Vieren, eine Eins in Sport der Rest Dreien und Fünfen.
“Jetzt kriegst du was zu hören!”, schoss es ihr durch den Kopf. Wütend hörte sie kaum zu, was der Lehrer sagte.
“Nils droht eine Fünf in Geschichte und Mathe. Er ist clever, aber faul und spielt ständig im Unterricht.”
Dina war geschockt. Auf dem Heimweg starrte sie wütend auf den Boden.
“Kein Laptop mehr, bis die Noten besser sind! Aber wann soll er das schaffen? Das Schuljahr ist fast vorbei!”
Zu Hause ging sie wortlos zu Nils, klappte den Laptop zu er hing wie immer im Chat und trug ihn aus dem Zimmer.
“Keine Spiele bis zu den Ferien. Die Fünfen in Geschichte und Mathe müssen weg. Schämst du dich nicht?”
“Ach, Mama. Übertreib nicht, du machst immer so ein Drama”, kam die Antwort genau wie sein Vater es gesagt hätte.
Dina konnte sich nicht bremsen. Sie schimpfte und schimpfte, bis die Tür zuknallte Nils war abgehauen. Sie griff sofort zum Telefon.
“Jannik, Nils ist weggelaufen! Wahrscheinlich zu dir! Er hat schon mal gesagt, er will bei dir wohnen!”, schluchzte sie ins Telefon.
“Beruhige dich, wir kriegen das hin.”
“Papa, ich habs mir überlegt ich will bei dir leben”, sagte Nils, als Jannik ihm die Tür öffnete.
“Das will ich auch, Junge. Aber deine Mutter wird nicht zustimmen zumindest jetzt nicht.”
“Papa, bitte schick mich nicht zurück. Ich verbessere alle Noten, versprochen.”
“Okay, bleib hier. Ich rede mit deiner Mutter.”
Zu seiner Überraschung wehrte sich Dina kaum. Jannik hatte mit mehr Widerstand gerechnet. Sie wirkte still und niedergeschlagen. Letztlich stimmte sie zu.
Die nächsten Tage verliefen perfekt. Eines Morgens weckte Jannik seinen Sohn:
“Nils, aufstehen! Sieben Uhr Frühstück, dann Schule.” Doch als er später nochmal nachschaute, schlief Nils tief und fest.
Er rüttelte ihn wach, sie aßen schnell, Jannik packte zwei belegte Brote ein, und dann gings los.
“Heute abend um zehn ins Bett deal?” Nils nickte.
Eine Woche lang lebten sie harmonisch redeten, bestellten Pizza. Doch dann schwänzte Nils die Schule.
“Papa, kein Stress, die Lehrerin ist krank”, beruhigte er ihn. Das wiederholte sich mehrmals.
Die Klassenlehrerin rief Dina an:
“Nils fehlt unentschuldigt. Die Fünfen hat er nicht ausgeglichen jetzt steht er in Geschichte und Mathe auf Fünf.”
Dina war außer sich. Das also war Janniks Erziehung! Sie rief ihn sofort an.
“Ein würdiger Sohn seines Vaters!”, schrie sie ins Telefon. “Ich hole ihn heute noch ab. Ich komme jetzt.”
In Janniks Wohnung stieß sie hervor:
“Du also wir unser Sohn Ich war gerade in der Schule” Sie brachte kein vernünftiges Wort heraus. Nils begriff, dass gleich Ärger drohte, und haute ab.
“Dein Sohn geht nicht zur Schule, hat zwei Fünfen Nachprüfung Ende Juli!”
Während Jannik Dina beruhigte, kämpfte er selbst mit Enttäuschung. Er hatte Nils vertraut und der
Kurze Zeit später rief Dinas Mutter an.
“Nils ist bei mir. Er sagt, er kann nicht mehr bei euch leben. Lass ihn erstmal hier.”
“Nils ist bei meiner Mutter”, sagte Dina erleichtert.
“Wein nicht”, tröstete Jannik sie. “Wir brauchen eine gemeinsame Strategie. Deine Mutter hält ihn nicht lange aus wenn er wieder abhaut Ich war als Kind genauso. Er weiß genau, dass Oma nachgibt. Verbote bringen nichts. Wir müssen an einem Strang ziehen. Wann hast du Urlaub?”
Mit Rucksäcken und Zelten und natürlich den Schulbüchern fuhren sie zu dritt in den Urlaub. Sie übten täglich: Dina mit Geschichte, Jannik mit Mathe. Es wurde ein wunderbarer Trip.
Vor der Schule saßen Dina und Jannik im Auto und warteten angespannt. Nils schrieb an diesem Tag beide Prüfungen.
“Geschafft! Geschafft!”, rief Dina plötzlich, als Nils strahlend aus dem Schulgebäude stürmte und ein Blatt schwenkte.
“Bestanden! Freiheit!”
“Super gemacht!”, riefen beide Eltern gleichzeitig. “Und jetzt gibts das beste Eis der Stadt!”, verkündete Jannik und trat aufs Gas.
Im Café beobachtete Dina die beiden, wie sie alberten und lachten. Sie spürte keinen Groll mehr gegen Jannik. Ohne ihn hätten sie es nicht geschafft. Ihr war leicht ums Herz. Jannik fing ihren Blick auf.
“Siehst du? Alles gut. Keine Angst jetzt halten wir zusammen. Gemeinsam packen wir das.”
Dina wusste: Die Vergangenheit kehrte nicht zurück. Aber sie hatten endlich Verständnis füreinander.





