Du hast gelebt, jetzt lasst uns leben

Ihr habt genug gelebt, jetzt seid ihr dran

Hör zu, Mama, vielen meinen Freunden haben ihre Eltern mit einer Wohnung geholfen, sagte der erwachsene Sohn. Ich heirate bald, also hilf mir doch bitte! Wollt ihr, dass wir wie Obdachlose von Tür zu Tür ziehen? Ihr müsst nicht gleich etwas kaufen, es geht auch einfacher: Wir ziehen in die Einzimmerwohnung, die ihr vermietet. Ihr könntet sie auch auf mich überschreiben Damit alles fair bleibt!

Helga saß in der Küche und sortierte Rechnungen. Ihr Mann, Klaus, war längst auf der Arbeit, doch sie brachte es einfach nicht fertig, Ordnung zu schaffen. Ihre Gedanken wirbelten wie aufgeschreckte Bienen hin und her. Der Familienfrieden war in letzter Zeit gestört ihr jüngster Sohn brachte sie und Klaus regelmäßig zur Weißglut.

Helga träumte davon, endlich für sich zu leben: ein Schlafzimmer nach ihrem Geschmack einzurichten, neue, moderne Möbel fürs Wohnzimmer zu kaufen. Der Sohn würde heiraten und mit seiner Frau ausziehen, die ganze Wohnung wäre dann nur noch für sie und Klaus da. Doch daraus wurde nichts die Scheidung ihrer älteren Tochter Greta von ihrem faulen Ex-Mann hatte sie und Klaus völlig aus der Bahn geworfen. Von Renovierungen mussten sie absehen das größte Zimmer ging an Greta und ihre beiden Kinder, Paul und Lina.

In einem Monat sollte die Hochzeit von Tim mit seiner Braut Sabine stattfinden. Tim hatte seine Verlobte schon vor Monaten in sein Reich eingeschleust, und nun drängelten sich sieben Menschen in einer Dreizimmerwohnung, buchstäblich aufeinander.

Sabine betrat die Küche. Helga sah sie und verzog sofort das Gesicht.

Guten Morgen, Helga, sagte Sabine und strich sich die perfekte Haarpracht zurecht. Frühstückt ihr noch? Oder sitze ich hier allein? Ich will nicht stören.
Sabine sprach ihre zukünftige Schwiegermutter duzt an, einfach beim Vornamen. Den Nachnamen ignorierte sie konsequent. Diese dreiste, anmaßende Zukünftige weckte in Helga keine Begeisterung wenn es nach ihr ginge, würde sie niemals mit so jemandem verwandt sein Doch ihr Sohn hing an Sabines Lippen, und so mussten Helga und Klaus sich fügen.

Guten Tag, Sabine. Ich bin schon fertig, antwortete Helga knapp. Warte fünf Minuten. Ich räume noch kurz auf, dann kannst du frühstücken.
Sabine nahm ein Glas vom Regal und füllte es mit Wasser.

Helga, ich wollte dich etwas fragen. Tim und ich haben besprochen, wo wir nach der Hochzeit wohnen sollen Was denkst du darüber?
Helga legte die Rechnungen beiseite. Da war es also, das Thema, das sie seit Monaten umtrieb.

Wir haben doch schon darüber gesprochen, Sabine. Ihr könnt im freien Zimmer bleiben. Fertig.
Sabine stellte das Glas ab. Ihr Gesicht verzerrte sich sofort zu einem Ausdruck, den Helga längst als herablassende Verachtung kannte.

Helga, seien wir ehrlich. Die Wohnung ist schön renoviert, gemütlich und hell. Aber es ist eure Wohnung. Du und Klaus habt hier dreißig Jahre verbracht. Und ehrlich gesagt, mit Greta und den zwei Kindern sind es nicht mehr drei, sondern fünf Menschen. Tim und ich wollen nicht unter einem Mikroskop leben.
Wie stellt ihr euch das Leben nach der Hochzeit vor?, fragte Helga und kämpfte gegen das aufsteigende Ärgernis. Ihr habt doch keine eigene Wohnung. Alles, was ihr euch leisten könnt, ist eine Mietwohnung.
Genau darüber reden wir, warf Sabine ein und setzte sich gegenüber. Wir haben auch über eure Einzimmerwohnung nachgedacht. Die, die ihr vermietet.
Ja, und?
Nun Wir könnten da einziehen. Das wäre perfekt. Wir würden natürlich Miete zahlen Oder ihr könntet sie uns schenken. Es ist ja euer Eigentum.
Helga verzog spöttisch den Mund:

Ich habe zwei Kinder, falls du es vergessen hast. Soll ich euch die Wohnung geben und meine Tochter benachteiligen?
Greta kann doch bei euch bleiben, zuckte Sabine mit den Schultern. Ihr habt drei Zimmer. Du und Klaus in einem, Greta mit den Kindern im anderen. Da ist Platz für alle.
Greta kann nicht ewig bei uns wohnen, ballte Helga die Fäuste. Sie ist geschieden. Sie braucht ihr eigenes Leben. Und noch etwas: Ich werde euch die Wohnung nicht geben. Ich will nicht, dass ihr euch darauf verlässt, dass ich eure Probleme löse. Ihr seid jung, ihr arbeitet. Ihr müsst euch selbst eine Wohnung verdienen.
Aber das dauert doch ewig!, rief Sabine. Tim hat zwar eine Gehaltserhöhung bekommen, aber bis wir uns eine Wohnung leisten können, vergehen mindestens fünf bis sieben Jahre! Und wir wollen jetzt leben!
Warum dann diese aufwendige Hochzeit?, fragte Helga mit unüberhörbarer Schärfe. Warum Limousinen, Tauben, ein Fest für hundert Leute, wenn ihr euch nicht mal eine eigene Bleiste leisten könnt? Warum nicht einfach standesamtlich heiraten und das Geld für die Kaution sparen? Wäre das nicht einfacher?
Helga, das siehst du so, sagte Sabine mit gespielter Ruhe. Tim und ich sehen das anders. Es ist unser Tag, wir wollen ihn feiern, wie wir es uns erträumt haben. Ich will ein schönes Kleid, ich will, dass meine Freundinnen sehen, dass wir nicht arm sind. Ich will ihnen zeigen, was ich wert bin! Verstehst du das nicht?
Doch, nickte Helga. Ich verstehe sehr gut, dass du protzen willst. Aber ich denke auch, dass keine eigene Wohnung der direkte Weg zur Scheidung ist. Kluge Leute kaufen zuerst eine Wohnung und heiraten dann.
Sabine warf Helga einen bösen Blick zu und verließ die Küche. Sie hatte keine Antwort mehr.

***

Am Abend kam Tim mit demselben Thema Helga ahnte sofort, dass Sabine ihn vorgeschickt hatte. Diesmal beschwerte er sich über den jüngsten Hochzeitstag seiner Eltern:

Papa und ich haben euren dreißigsten Hochzeitstag im Restaurant gefeiert, weil wir es uns leisten konnten. Zehn Jahre haben wir gespart, den Autokredit abbezahlt das Auto, das wir dir übrigens geschenkt haben, Tim. Und ja, wir haben schön gefeiert, weil wir es uns verdient haben!
Ihr hättet auch zu Hause feiern können! Ein Grillfest im Garten wäre billiger gewesen. Weißt du, wie sehr ich das Geld jetzt brauchen könnte! Wie viel habt ihr ausgegeben? Fünfhundert? Sechshundert Euro?
Helga drehte sich zu ihrem Sohn um.

Du wagst es, mir das zu sagen?, ihre Stimme überschlug sich. Du, der nicht mal für einen vernünftigen Anzug gespart hat? Dein Hochzeitsanzug kam von uns! Siebzig Prozent eurer Hochzeitskosten haben Papa und ich übernommen, wir mussten einen Kredit aufnehmen, um eure Wünsche zu erfüllen. Und jetzt machst du mir Vorwürfe?
Schrei mich nicht an, fauchte Tim. Niemand wirft dir etwas vor. Ich verlange nur, was mir zusteht. Wohin soll ich meine Frau bringen? Hierher? In eine schäbige Mietbude? Mama, ich frage dich!
Und ich frage, warum ihre Eltern euch keine Wohnung bieten können! Du verlangst, dass ich euch die einzige finanzielle Sicherheit gebe, die ich für uns zurückgelegt habe! Diese Wohnung soll uns im Alter absichern. Wir vermieten sie weiter!
Warum denn? Ihr habt genug gelebt, jetzt seid ihr dran, Mama!
Du vergisst, dass du eine Schwester hast, Tim. Greta hat Kinder, sie braucht jetzt mehr Hilfe als ihr, jung und gesund!

Schritte unterbrachen das Gespräch Sabine stürmte ins Wohnzimmer.

Greta kann auf ihren Ex-Mann zählen, fuhr sie dazwischen, oder auf die Wohnung, die ihr ihr lasst. Gebt uns die Einzimmerwohnung, wir verlangen nicht die Dreizimmerwohnung. Stimmts, Timmi?
Der Streit eskalierte. Jeder glaubte, im Recht zu sein. Tim und seine Verlobte hatten längst alle Anstandsregeln vergessen sie baten nicht mehr, sie forderten offen eine Wohnung, mit der sie nichts zu tun hatten.

***

Eine Woche vor der Hochzeit war es unerwartet ruhig Tim und Sabine waren bei Freunden auf dem Land, Greta und ihre Kinder besuchten eine Cousine in einer anderen Stadt. Helga und Klaus saßen am Samstagabend vor dem Fernseher, als es an der Tür klingelte. Die beiden wechselten einen Blick sie erwarteten niemanden.

Klaus öffnete. Im selben Moment drang das schrille Stimme von Sabines Mutter, Karin, ins Wohnzimmer.

Klaus, hallo. Ist Helga da? Lass mich rein!
Helga erstarrte. Sie hatte Karin nur dreimal getroffen, doch das reichte, um zu wissen, was für eine Frau das war. Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm.

Helga eilte in den Flur. Gerade noch rechtzeitig Karin hatte schon die Schuhe ausgezogen.

Was führt dich her?, fragte Helga ohne Gruß. Karin musterte sie von oben bis unten, das Parfüm bis in den letzten Winkel der Diele verbreitend. Ich will mit dir reden. Unter Frauen. Mein Sohn hat mir alles erzählt.
Helga blinzelte. Welcher Sohn? Du hast keinen.
Tim!, zischte Karin. Er ist wie ein Sohn für mich. Sabine liebt ihn, und du machst ihr das Leben schwer. Das geht nicht. Nicht mit mir.
Helga spürte, wie Wärme in ihren Schläfen pochte. Dann hör mal gut zu: Ich mache niemandem das Leben schwer. Ich schütze, was meins ist. Diese Wohnung sichert Klaus und mich im Alter ab. Nicht Sabine, nicht Tim, nicht du. Und wenn ihr das nicht versteht, dann ist das euer Problem, nicht meins.
Karin trat einen Schritt zurück, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen. Dann drehte sie sich wortlos um, zog ihre Schuhe an und knallte die Tür so heftig zu, dass das Bild im Flur wackelte.
Helga blieb stehen, atmete tief durch, ging zurück ins Wohnzimmer und sagte zu Klaus: Die Einzimmerwohnung behalten wir. Punkt.
Klaus nickte, nahm ihre Hand und sagte nichts. Es war das erste Mal seit Monaten, dass die Stille im Haus sich wie Frieden anfühlte.

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Homy
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Du hast gelebt, jetzt lasst uns leben
Hast du sie bis zum Äußersten getrieben?