Die Tasche steht seit dem Abend neben dem Bett. Ich habe sie selbst zusammengestellt Windeln, die Kleidung für die Entlassung, winzige Strampelhöschen in weiß-gelber Streifen, die ich bereits im achten Monat gekauft habe. Die Krankenschwester sagt: Um zehn Uhr morgens, und ich nicke, als wäre das völlig normal. Mein Mann antwortet. Mein Mann kommt an. Mein Mann ist immer pünktlich.
Ich stelle das Handy zum Laden hin und lege mich hin. Meine Tochter schläft neben mir in der durchsichtigen Box klein, runzlig, mit dunklem Flaum am Hinterkopf. Ich schaue sie an und denke, dass jetzt alles anders wird. Dass Stefan das verstehen wird. Dass die drei Tage im Krankenhaus drei Tage sind, in denen Männer erwachsen werden.
Um zehn Uhr morgens kommt er nicht.
Ich rufe an er geht nicht ran. Ich schreibe er liest, aber antwortet nicht. Dann schreibt er selbst, um halb elf: Bin bald da. Ich lege das Handy weg. Die Krankenschwester bringt Dokumente zum Unterschreiben. Die Pflegerin hilft, Liesel anzuziehen so nennen wir sie schon vorher, noch vor der Geburt, Liesel.
Um elf kommt er nicht.
Ich rufe noch einmal an. Diesmal geht er ran Stimme schläfrig, schleppend, als wäre er gerade erst aufgestanden.
Steff, wo bist du?
Ich fahre, ich fahre. Staus.
Welche Staus am Sonntag?
Na ja, er schweigt. Ich fahre los.
Ich lege auf. Liesel regt sich im Strampelsack, macht Blasen. Ich schaue aus dem Fenster da ist der graue Februarhof, kahle Bäume, Autos am Bordstein. Gegenüber dem Krankenhaus, über die Straße, ist ein Café. Klein, mit gelben Buchstaben auf dem Glas. Ich habe es drei Tage aus dem Zimmerfenster gesehen, aber nie besonders hingeschaut.
Jetzt schaue ich.
An einem der Tische am Fenster sitzt ein Mann. Blaue Jacke. Dunkle Haare. Er sitzt mit dem Rücken zu mir, aber ich kenne diesen Rücken auswendig wie oft habe ich ihn im Dunkeln angeschaut, wenn er sich zur Wand drehte und schneller einschlief, als ich Gute Nacht sagen konnte.
Ihm gegenüber sitzt eine Frau. Jung. Ein Kinderwagen steht neben ihrem Tisch grau, teuer, mit großen Rädern.
Ich stehe wahrscheinlich drei Minuten am Fenster. Dann nehme ich die Tasche, bitte die Pflegerin, Liesel zu halten, und gehe nach unten zur diensthabenden Krankenschwester.
Ich muss für fünf Minuten raus, sage ich. Die Dokumente sind alle bereit?
Bereit. Aber du solltest besser auf deinen Mann warten, sie schaut über die Brille.
Ich bin nicht lange.
Ich gehe durch den Dienstbotenausgang, den mir Nadine gezeigt hat die Zimmergenossin, die gestern entlassen wurde. Der Februar trifft sofort ins Gesicht, unter die Jacke, in die Ohren. Ich überquere die Straße, stoße die Tür des Cafés auf.
Drinnen riecht es nach Kaffee und Zimt. Leise Musik spielt etwas Jazziges, Unbekanntes. Ich sehe sie sofort.
Stefan sitzt, hält die Tasse mit beiden Händen. Er lacht Kopf leicht nach hinten geneigt, Schultern entspannt. Ich habe ihn nicht so entspannt gesehen, seit vielleicht drei Monaten. Seit der Bauch sichtbar wurde.
Die Frau sagt etwas und lächelt. Sie ist hübsch feine Züge, kurz geschnittene kastanienbraune Haare. Aus dem Kinderwagen nebenan kommt kein Laut das Kind schläft.
Ich gehe zum Tisch und stehe daneben.
Stefan hebt den Kopf und das Lächeln verschwindet so schnell von seinem Gesicht, als hätte jemand den Stecker gezogen.
Anna
Hallo, sage ich. Du wolltest doch kommen.
Er stellt die Tasse ab. Die Frau schaut mich mit höflicher Verwirrung an.
Anna, warte, das ist nicht
Nicht das, was ich denke? ich erhebe die Stimme nicht. Im Café sind mehrere andere Tische, ich spüre, dass man uns anschaut, aber es ist mir egal. Du hast um zehn nicht abgenommen. Hast um halb elf bald da geschrieben. Jetzt ist es fast zwölf. Ich habe am Zimmerfenster gestanden und dich von Angesicht zu Angesicht gesehen, Steff. Fast von Angesicht zu Angesicht.
Anna, er steht auf. Lass uns rausgehen.
Wozu rausgehen? Ich muss bald zurück da ist Liesel.
Die Frau ihm gegenüber richtet sich leicht auf.
Entschuldigung, sagt sie. Bist du seine Frau?
Ja.
Ich heiße Katrin. Katrin Müller. Ich arbeite mit Stefan zusammen.
Ich schaue sie an. Dann auf den Kinderwagen.
Wir haben uns hier zufällig getroffen, fährt Katrin fort. Ich wohne im Nachbarhaus. Bin mit meiner Tochter hierhergekommen. Stefan ist wohl auch reingekommen. Wir haben uns einfach unterhalten.
Wie lange unterhaltet ihr euch schon?
Katrin schweigt kurz.
Ich bin etwa um neun gekommen.
Ich schaue Stefan an.
Etwa um neun, wiederhole ich. Du warst um neun hier. Du wusstest, dass die Entlassung um zehn ist.
Anna
Wusstest du es?
Ja, er wendet den Blick nicht ab, aber etwas in ihm verschiebt sich eine kleine, fast unmerkliche Verwirrung. Ich wollte nur kurz Kaffee holen. Fünf Minuten.
Drei Stunden, Steff. Drei Stunden das sind keine fünf Minuten!
Im Kinderwagen nebenan regt sich das Kind. Katrin beugt sich schnell, richtet die Decke. Ihre Tochter ist wohl etwa drei Monate alt.
Entschuldige, sagt Katrin zu mir. Leise, ohne Aufregung. Ich wusste nichts von der Entlassung. Er hat nichts gesagt.
Schon gut, antworte ich ebenso leise. Du hast nichts damit zu tun.
Ich drehe mich zu Stefan.
Die Dokumente sind bereit. Stell das Auto am Dienstbotenausgang ab, ich sage dem Wachmann Bescheid, er lässt dich durch. Warte dort.
Und gehe hinaus.
—
Zurück über die Straße gehe ich langsamer als hin. Der Februar fühlt sich nicht mehr so scharf an vielleicht weil ich mich im Café ein wenig aufgewärmt habe, vielleicht aus einem anderen Grund. Ich denke daran, dass Liesel noch nichts von Entlassungen weiß. Dass sie drei Tage alt ist, und ihre Hauptaufgabe ist, zu schniefen und zu trinken. Dass sie ihr ganzes Leben vor sich hat, und ich will, dass dieses Leben gut wird.
Die Pflegerin wartet am Posten mit Liesel auf dem Arm.
Na, ist er da?
Er kommt, sage ich. Gleich.
Ich nehme meine Tochter. Sie riecht nach Milch und Talkum, und dieser Geruch ist so echt, so konkret, dass alles andere Café, blaue Jacke, Jazz ein wenig zurücktritt.
Die Krankenschwester gibt den Rest der Dokumente. Ich unterschreibe, wo angegeben. Ziehe mich an, ziehe Liesel an der Strampelsack wird mit drei Knöpfen geschlossen, die Hände zittern etwas, aber ich schaffe es.
Stefan wartet am Dienstbotenausgang. Das Auto steht genau dort, wo ich gesagt habe. Er kommt uns entgegen, greift nach der Tasche ich gebe sie. Dann versucht er, Liesel zu nehmen ich gebe sie nicht.
Anna
Später, sage ich. Zuerst nach Hause.
Er streitet nicht.
—
Im Auto fahren wir schweigend.
Liesel schläft in der Babyschale ich sitze hinten, neben ihr, die Hand auf den Rand gelegt. Stefan fährt. Am Heckscheibe hängt ein Weihnachtsbaum-Lufterfrischer in Form eines Baumes er hängt dort seit Dezember, ich vergesse immer zu sagen, dass man ihn abnehmen soll.
Schläft sie? fragt er.
Ja.
Gut.
Vor dem Fenster ziehen die Februarstraßen vorbei grau, mit körnigem Schnee am Straßenrand. Wenig Fußgänger. Ein Werbefleck an der Hauswand: irgendeine Bank, irgendein Angebot.
Ich schaue Liesel an. Sie hat die Gewohnheit im Schlaf den Mund leicht zu öffnen, als ob sie etwas sagen will und es auf später verschiebt. Ich habe diese Gewohnheit schon lieb gewonnen.
Anna, sagt Stefan.
Später, antworte ich wieder.
Ich will nur sagen
Steff. Später.
Er schweigt. Rotes Signal voraus. Er hält das Auto an. Trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad nicht stark, fast lautlos. Gewohnheit.
Grün. Wir fahren weiter.
Ich denke daran, dass das Krankenhaus hinter uns liegt. Dass vor uns die Wohnung wartet, in der ich vor drei Tagen noch eine ganz andere Person war. Oder dieselbe. Ich weiß es nicht.
Wir parken am Eingang. Stefan nimmt die Tasche. Ich nehme Liesel. Wir gehen in den Aufzug. Fahren in den sechsten Stock. Er öffnet die Tür mit dem Schlüssel fummelt lange am Schloss, wie immer, weil das Schloss längst gewechselt werden muss, aber wir schieben es immer auf.
Willkommen zu Hause, sagt er leise. Unklar zu wem mir oder ihr.
Danke, antworte ich.
—
Zu Hause riecht es genauso wie vor drei Tagen ein wenig nach Kaffee, ein wenig nach Staub, ein wenig nach seinem Rasierwasser. In der Küche stehen zwei Tassen im Spülbecken. Ich zähle sie sofort zwei. Nicht eine.
Ich lege Liesel in ihr Bettchen wir haben es zwei Monate vorbereitet, weiß, mit einem Wolken-Mobile. Liesel dreht ein wenig den Kopf und wird still. Ich gehe in die Küche.
Wer war hier? frage ich.
Stefan steht am Fenster. Dreht sich nicht sofort um.
In welchem Sinne?
Zwei Tassen im Spülbecken. Ich bin am Donnerstag ins Krankenhaus gefahren. Heute ist Sonntag. Wer hat aus der zweiten getrunken?
Meine Mutter war da.
Deine Mutter kam?
Ja.
Wann?
Freitag, glaube ich.
Ich drehe den Wasserhahn auf, nehme den Schwamm. Wasche schweigend beide Tassen. Stelle sie zum Trocknen hin.
Steff, sage ich, ohne mich umzudrehen. Ich will reden. Aber nicht jetzt. Ich muss Liesel füttern und wenigstens eine Stunde schlafen. Danach reden wir.
In Ordnung, seine Stimme ist vorsichtig, wie die eines Menschen, der auf Eis geht und nicht weiß, wo es dünn ist.
Und ich will, dass du ehrlich bist. Nicht jetzt später. Aber ehrlich.
Ich bin ehrlich.
Ich drehe mich endlich um.
Du hast im Café gegenüber dem Krankenhaus seit neun Uhr morgens gesessen. Am Tag der Entlassung deiner Tochter. Du hast den Ton am Handy ausgeschaltet und nicht ein einziges Mal geantwortet, bis ich selbst angerufen habe. Das ist nicht ehrlich, Steff. Sogar gemein!
Er schaut mich an. In seinen Augen ist derselbe Ausdruck, den ich in vier Jahren Ehe gelernt habe zu lesen: keine Schuld Verwirrung. Er fühlt keine Schuld, er fühlt sich ertappt.
Ich erkläre es dir.
Ich höre. Aber nicht jetzt. In zwei Stunden.
Ich gehe zu Liesel.
—
Sie trinkt schnell gierig, geschäftsmäßig, mit voller Ernsthaftigkeit. Ich schaue sie an und denke: hier ist ein Mensch, der nichts erklären muss. Dem man nicht sagen muss sei ehrlich. Dem man einfach gebraucht wird ganz, vollständig, genau jetzt.
Ich lege sie hin und lege mich selbst hin. Ich denke, dass ich nicht einschlafen kann, aber ich schlafe ein, bevor ich zu Ende gedacht habe.
Ich wache nach anderthalb Stunden auf. Liesel schläft. In der Wohnung ist es still.
Stefan sitzt in der Küche Kaffee vor ihm, Handy mit dem Bildschirm nach unten. Als ich hereinkomme, steckt er das Handy in die Tasche. Zu schnell.
Ich schenke mir Wasser ein. Setze mich gegenüber.
Sprich, sage ich.
Er schweigt kurz. Dann beginnt er:
Katrin und ich arbeiten seit zwei Jahren zusammen. Du weißt, wir haben ein Projekt bearbeitet diese Ausschreibung im November. Sie ging in den Mutterschutz, bevor wir fertig waren, es gab viel jedenfalls, wir haben viel geredet.
Ich erinnere mich an diese Ausschreibung, sage ich. Du bist um zehn Uhr abends nach Hause gekommen. Ich war im siebten Monat.
Ja. Er bestreitet es nicht. Wir haben viel gearbeitet.
Und?
Und nichts. Wir haben nur gearbeitet. Er hebt die Augen zu mir. Anna, ich schwöre, zwischen uns ist nichts.
War nichts? Oder ist nichts?
Pause. Klein, fast unmerklich aber ich erwische sie.
Ist nichts, wiederholt er.
Und war?
Er stellt die Tasse auf den Tisch.
Anna
Ja oder nein.
Es ist komplizierter als ja oder nein.
Ich nicke. Sehr langsam.
Verstanden.
Warte. Er streckt die Hand aus, aber ich komme nicht entgegen, und er zieht sie zurück. Es war lange her. Bevor du schwanger wurdest. Einmal. Ich es war ein Fehler. Ich habe es selbst beendet.
Einmal.
Ja.
Und heute bist du zufällig im Café gegenüber dem Krankenhaus genau dann, als ich auf dich gewartet habe.
Ich bin für einen Kaffee reingegangen. Habe sie gesehen. Wir haben uns unterhalten. Anna, ich habe es nicht geplant ich schwöre.
Du hast es nicht geplant, wiederhole ich. Du bist einfach nicht zur Entlassung deiner Tochter gekommen. Nicht absichtlich. Es hat sich einfach so ergeben.
Er schweigt.
Ich stehe auf. Gehe zum Fenster da ist der vertraute Hof, Bäume, Autos. Ich denke, dass ich vor drei Tagen aus einem anderen Fenster denselben Himmel angeschaut habe.
Steff, sage ich, ohne mich umzudrehen. Ich werde keinen Streit anfangen. Ich habe keine Kraft dafür, und ehrlich gesagt auch kein Bedürfnis. Wir haben eine drei Tage alte Tochter. Ich will, dass du eine Sache verstehst.
Welche?
Ich würde einen Fehler verzeihen. Ich würde es wahrscheinlich überstehen, wenn du es selbst erzählt hättest. Aber bevor ich dich zufällig im Fenster gesehen habe. Verstehst du den Unterschied?
Er schweigt.
Du bist nicht zur Entlassung gekommen, weil du zu lange im Café gesessen hast. Du bist nicht gekommen, weil es dir wichtiger war, dort zu sitzen. Und das geht nicht einmal um Katrin. Es geht darum, dass es dir selbst wichtiger war.
Ich drehe mich um.
Ich werde heute keine Entscheidungen treffen. Ich will, dass du das weißt. Heute werde ich Liesel füttern und schlafen. Morgen auch. In einer Woche reden wir noch einmal, und du sagst mir alles ehrlich. Nicht einmal, nicht Fehler ehrlich. Dann werde ich nachdenken.
Anna
Das ist alles, was ich jetzt kann.
Er nickt. Sehr leise.
Gut.
—
Die nächsten Tage sind seltsam dicht wie Watte. Liesel schläft, isst, schaut zur Decke ernst, mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der eine wichtige Frage löst. Stefan geht leise durch die Wohnung, kocht, fährt zweimal Windeln holen, einmal meine Medikamente. Ich jage ihn nicht weg und rufe ihn nicht.
Am dritten Tag ruft seine Mutter an.
Ich nehme den Hörer ab, weil ich es gewohnt bin.
Anna, Helgas Stimme ist angespannt, etwas höher als sonst. Wie geht es dir? Wie geht es Liesel?
Gut. Alles gut.
Hör mal, ich wollte fragen. Stefan läuft irgendwie seltsam herum. Was ist passiert?
Sprich mit ihm selbst.
Anna, na
Helga, sage ich ruhig. Ich liebe und respektiere dich. Aber ich kann jetzt nicht darüber reden. Ich füttere das Kind alle drei Stunden und schlafe fast nicht. Wenn ich bereit bin reden wir.
Pause.
Gut, sagt die Schwiegermutter. Entschuldige.
Das ist unerwartet.
Ich bringe euch morgen Suppe, fügt sie hinzu. Geht das?
Geht, sage ich. Danke.
Helga kommt am nächsten Tag genau um Mittag, mit einem Topf Hühnersuppe und einer Tüte mit Gebäck. Ich öffne ihr die Tür, sie kommt herein, zieht die Schuhe aus, hängt den Mantel auf und geht zuerst zu Liesel.
Mein Gott, sagt sie leise. Was für ein hübsches Kind.
Liesel schläft. Helga steht lange über dem Bettchen schweigend, die Hände auf der Brust gefaltet.
Darf ich sie nehmen? fragt sie schließlich.
Warte, lass sie schlafen. Sie ist erst seit einer Stunde eingeschlafen.
Natürlich, natürlich. Die Schwiegermutter tritt vom Bettchen weg, geht in die Küche, beginnt die Suppe auszupacken. Hast du Hunger?
Ein bisschen.
Sie schenkt mir Suppe ein, stellt den Teller hin. Setzt sich selbst gegenüber mit einer Tasse Tee Stefans Tee, mit Bergamotte, den ich nicht mag.
Wir schweigen.
Anna, beginnt sie. Ich will mich nicht in eure Angelegenheiten einmischen.
Gut.
Aber ich will eine Sache sagen.
Ich esse die Suppe und warte.
Er hat mich angerufen. Stefan. Hat gesagt, was er angerichtet hat. Sie hält die Tasse mit beiden Händen, schaut hinein. Ich werde ihn nicht verteidigen. Er ist ein Dummkopf. War immer etwas dumm in solchen Dingen im Kopf passiert etwas, und er hört auf zu denken. Aber er ist kein schlechter Mensch. Das weiß ich genau.
Helga, sage ich. Ich sage nicht, dass er schlecht ist.
Nein?
Nein. Das wäre einfacher.
Sie schaut mich an. Dann nickt sie langsam, als ob sie etwas verstanden hätte.
Du bist ein kluges Mädchen, sagt sie. Du warst immer klüger als er. Ich habe es ihm immer gesagt.
Ich bin nicht sicher, ob das gut ist.
Gut, sagt die Schwiegermutter fest. Das ist gut. Weil einer von beiden klug sein muss.
Liesel piept aus dem Zimmer. Ich stehe auf.
Die Suppe ist gut, sage ich. Danke.
Helga steht auch auf geht mir nach. Steht in der Tür, während ich Liesel nehme.
Jetzt? fragt sie.
Ich gebe ihr die Tochter. Die Schwiegermutter nimmt sicher, ohne Hast, wie Menschen, die schon Babys gehalten haben. Wiegt sie.
Liesel, sagt sie. Lieschen
Liesel starrt sie mit ernstem Studium an.
Sie sieht Stefan ähnlich, sagt Helga. Diese Stirn und Nase. Seine.
Ich sehe es.
Und die Augen deine. Der Ausdruck noch nicht, aber später siehst du es. Genau deine.
Ich schaue beide an. Denke daran, dass dies eine der Sachen ist, die nicht aufgehoben werden. Was auch passiert diese Frau wird Liesels Großmutter sein. Dieses Blut, dieses Gesicht, diese Hände. Für immer.
—
Lächeln. Wahrscheinlich nicht wirklich die Krankenschwester im Krankenhaus sagte, dass echte Lächeln später beginnen, dass es ein Reflex ist. Aber sie liegt bei mir auf dem Arm, schaut mir ins Gesicht und etwas passiert mit den Mundwinkeln. Etwas sehr Kleines und sehr Konkretes.
Stefan steht daneben. Sieht es.
Anna, sagt er flüsternd. Hast du gesehen?
Gesehen.
Ist das ein Lächeln?
Wahrscheinlich noch Reflex.
Trotzdem.
Wir stehen nebeneinander, schauen sie an. In der Wohnung ist es still. Ich denke daran, dass dies das Seltsamste im Leben ist: es passt in diese wenigen Sekunden. Neben einem steht ein Mensch, dem du nicht vertraust und den du liebst. Oder schon nicht liebst. Oder noch liebst. Du weißt es selbst nicht.
Ich muss dir etwas sagen, sagt er. Leise, ohne sich umzudrehen.
Sprich.
Es war nicht nur einmal.
Pause.
Wie oft?
Drei Monate. Etwa. Im Herbst. Als du im sechsten und siebten Monat warst.
Ich stehe da. Liesel gähnt weit, mit zahnlosen Mund und schließt die Augen.
Danach habe ich es selbst beendet, fährt Stefan fort. Das ist wahr. Sie wollte weitermachen, ich habe nein gesagt. Habe gesagt, es ist ein Fehler.
Und am Tag der Entlassung, was war?
An dem Tag hat sie morgens geschrieben. Dass sie reden will. Ich bin gekommen dachte, fünf Minuten. Dachte, erkläre, dass wir alles haben, dass wir ein Kind haben. Aber sie hat angefangen zu weinen, und ich konnte nicht sofort gehen.
Du konntest nicht von ihr weggehen. Aber du konntest nicht zu mir kommen.
Er sagt nichts.
Ich lasse Liesel langsam in das Bettchen sinken. Richte mich auf.
Danke, dass du es gesagt hast.
Anna
Nein. Jetzt nicht. Ich hebe die Hand. Ich werde jetzt nichts entscheiden. Das ist wahr. Aber ich muss nachdenken. Nicht drei Tage länger. Und du musst mir diese Zeit geben.
Wie lange?
Ich weiß nicht. Ich schaue ihn an. Ich muss verstehen, ob ich damit leben kann. Nicht verzeihen genau leben. Das sind verschiedene Dinge.
Ich verstehe.
Ich bin mir nicht sicher, ob du verstehst. Aber gut.
Ich nehme die Decke vom Sessel und decke Liesel zu. Sie schläft bereits gleichmäßig, vertrauensvoll, wie es nur die können, die noch nichts auseinanderhalten müssen.
—
Durch die Woche rufe ich meine Freundin Julia an. Wir sind seit dem Studium befreundet, sie lebt in einer anderen Stadt, aber alle paar Tage schreibt sie etwas im Stil von wie geht es eurer Kleinen.
Julia, sage ich. Ich muss reden.
Ich höre es an deiner Stimme. Sprich.
Ich erzähle. Kurz, ohne Details nur das Wichtigste. Sie hört zu, unterbricht nicht. Dann sagt sie:
Anna, ich frage dich eine Sache. Nur ehrlich.
Na.
Wenn er es selbst erzählt hätte. Vor der Entlassung. Bevor du es gesehen hast. Wie hättest du reagiert?
Ich denke nach.
Weiß nicht. Wahrscheinlich anders.
Da. Julia schweigt kurz. Das ist wichtig, verstehst du? Nicht was er getan hat das ist schrecklich, und ich entschuldige es nicht. Sondern was er gewählt hat. Zu verbergen. Einmal zu lügen. Und dann nur weil er verstanden hat, dass du es sowieso erfährst.
Ja.
Du bist klug. Du wirst selbst klarkommen. Ich will nur, dass du weißt: was auch immer du entscheidest es ist die richtige Entscheidung. Weil es deine ist.
Julia, du sagst das immer.
Weil es immer wahr ist.
Ich lache. Zum ersten Mal diese Woche wirklich.
Julia, kommst du bald?
Sobald du mit Liesel spazieren gehst, komme ich sofort. Ich muss ihr Köpfchen riechen, sonst überlebe ich nicht.
Du wirst. Sie riecht gut.
Sie alle riechen gut. Das ist eine evolutionäre Falle.
Julia.
Was?
Danke.
Nicht dafür. Ruf morgen an.
Ich lege auf. Draußen wird es schon dunkel der kurze Februartag endet schnell, stürmisch, als ob es ihm selbst nicht sehr gefällt, zu sein. Ich schenke mir Tee ein, setze mich ans Fenster.
Stefan kommt aus dem Laden bringt Tüten, stellt sie in die Küche. Schaut zu mir herein.
Tee? fragt er. Da habe ich deinen gekauft mit Minze.
Ich habe schon eingeschenkt.
Ach, ja. Er zögert in der Tür. Schläft Liesel?
Ja. Gerade gefüttert.
Gut.
Er geht in die Küche. Ich höre, wie er die Tüten auspackt, wie etwas am Kühlschrankregal klappert. Normale Geräusche eines normalen Lebens. Ich denke, dass genau das das Schwierigste ist: wenn sich nichts von außen verändert hat dieselben Geräusche, derselbe Geruch, dieselbe blaue Jacke an der Garderobe aber innen hat sich etwas verschoben. Und unklar, ob es wieder zurückgeht. Und ob es soll.
—
Ich akzeptiere es allmählich, wie man große Entscheidungen akzeptiert nicht in einem Moment, sondern in kleinen Stücken, jeden Tag ein bisschen. Ich schaue zu, wie Stefan Liesel um drei Uhr nachts nimmt, damit ich schlafen kann. Wie er sie zuerst ungeschickt hält und dann immer sicherer. Wie er mit ihr redet leise, ernst, wie mit einem erwachsenen Menschen, dem man eine wichtige Sache erklären muss.
Einmal wache ich um vier Uhr morgens vom Schweigen auf Liesel piept nicht, und das ist schon seltsam. Ich stehe auf, gehe ins Zimmer.
Stefan sitzt im Sessel beim Bettchen. Liesel liegt in seinen Armen er hält sie vorsichtig, stützt den Ellbogen etwas ungeschickt auf der Armlehne. Beide schlafen. Sie mit leicht geöffnetem Mund, er den Kopf nach hinten gelehnt, mit einem völlig entspannten, fast kindlichen Gesicht.
Ich stehe in der Tür. Dann gehe ich zurück ins Bett.
Ich weiß noch nicht, was ich entscheide. Aber ich denke daran, dass auch das Wahrheit ist nicht weniger als die andere. Dass Menschen komplizierter sind als das, was sie an einem bestimmten Tag tun. Dass Liesel einen Vater kennen wird, der um vier Uhr morgens bei ihr gesessen hat. Und einen Vater, der die Entlassung verpasst hat. Dasselbe Gesicht. Derselbe Mensch.
Was damit zu tun ist das war meine Frage. Nur meine.
Ich schaue zur Decke und denke.
Eines Abends Liesel ist schon drei Wochen alt sitze ich in der Küche. Liesel schläft, in der Wohnung ist es still. Ich blättere in etwas im Handy lese nicht, blättere einfach, wie man Luft liest. Stefan kommt von der Arbeit, zieht sich um, stellt den Wasserkocher auf. Setzt sich gegenüber.
Wir schweigen eine Minute.
Wie war der Tag? frage ich.
Normal. Endlich die Dokumentation abgegeben. Er reibt sich das Gesicht mit den Handflächen. Hast du geschlafen?
Zwei Stunden. Liesel hat schlafen lassen.
Gut. Pause. Ich war heute da.
Wo?
Beim Psychologen. Habe mich letzte Woche angemeldet, heute das erste Mal.
Ich lege das Handy weg.
Und?
Nichts Besonderes bisher, er spricht langsam, als ob er die Worte auf die Waage legt. Ich habe erzählt. Sie hat zugehört. Hat Fragen gestellt. Ich habe verstanden, dass ich auf einige Fragen nicht antworten kann.
Auf welche?
Na, zum Beispiel: Was hast du in dem Moment gefühlt? Er lächelt schwach. Ich habe verstanden, dass ich es nicht weiß. Dass ich überhaupt schlecht verstehe, was ich fühle. War wahrscheinlich immer so.
Ja, sage ich. Wahrscheinlich.
Sie hat gesagt, das heißt Alexithymie. Wenn man Emotionen nicht erkennen kann.
Ich kenne dieses Wort.
Woher?
Gelesen. Ich schaue ihn an. Es ist keine Diagnose. Es ist einfach eine Besonderheit.
Das hat sie auch gesagt. Dass man daran arbeiten kann.
Der Wasserkocher pfeift. Er steht auf, gießt kochendes Wasser ein. Stellt die Tasse vor mich hin mit Minze, meine. Stellt sich eine hin mit Bergamotte.
Ich halte die Tasse mit beiden Händen.
Steff, sage ich. Ich erwarte nicht, dass du dich in drei Wochen änderst.
Ich verstehe.
Und ich erwarte nicht, dass du mir erklärst, warum alles so gekommen ist. Ich habe aufgehört, Erklärungen zu erwarten.
Er schaut mich an.
Ich erwarte etwas anderes, fahre ich fort. Dass du ehrlich bist. Nicht weil man dich erwischt hat sondern selbst. Aus eigenem Willen. Kannst du das?
Weiß nicht, sagt er. Ich werde es versuchen.
Das ist eine ehrliche Antwort.
Wir trinken Tee. Draußen fällt Schnee langsam, fast widerwillig, Februarschnee.
Sie riecht nach Milch, sagt Stefan plötzlich. Liesel. Jedes Mal, wenn ich sie nehme Milch und noch etwas. Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.
Babyseife, wahrscheinlich.
Nein, etwas anderes. Er schaut aus dem Fenster. Ich habe nicht gedacht, dass es so ist. Dass man sie nimmt und einfach alles, nichts mehr.
Ja, sage ich. So.
—
Ich hebe den Kopf.
Wozu?
Ich will es herausfinden, er spricht langsam, als ob er jedes Wort vorher durchdacht hat. Warum ich tue, was ich tue. Warum ich gelogen habe. Warum ich morgens dorthin gefahren bin, statt Er hält inne. Ich will es verstehen. Nicht einmal deinetwegen meinetwegen.
Ich schaue ihn an.
Gut, sage ich.
Das bedeutet nicht, dass du etwas sofort entscheiden musst.
Ich weiß.
Ich will nur, dass du es siehst.
Ich sehe es, Steff.
Er nickt. Steht auf, geht zum Spülbecken wäscht die Tassen, die dort standen. Das war seine alte Gewohnheit, die ich früher nicht bemerkt habe, und jetzt bemerke: wenn ihm unangenehm ist wäscht er etwas.
Ich schaue auf seinen Rücken.
Derselbe Rücken wie im Café gegenüber dem Krankenhaus. Dieselbe blaue Jacke. Und gleichzeitig etwas anderes. Ich weiß nicht genau, was. Vielleicht schaue ich einfach anders.
Steff, sage ich.
Ja?
Wir haben das Gespräch noch nicht beendet. Wir müssen noch lange reden.
Ich weiß.
Und ich verspreche nicht, wie es endet.
Ich verstehe.
Aber ich bin vorerst hier.
Er dreht sich um. Schaut mich lange an, ohne Worte. Dann nickt er. Langsam.
Ich auch.
Im Bettchen im Nebenzimmer regt sich Liesel. Ich stehe auf und gehe zu ihr. Sie liegt mit offenen Augen ernst, konzentriert, schaut zur Decke.
Hallo, sage ich. Was ist los?
Sie dreht den Kopf auf meine Stimme. Und wieder diese Bewegung in den Mundwinkeln. Reflex oder nicht egal.
Ich nehme sie auf die Arme.
In der Wohnung ist es still. Draußen später Februar, fast März. Schnee liegt auf dem Fensterbrett nass, schwer, nicht mehr winterlich. Morgen schmilzt er wahrscheinlich.
Ich stehe mit Liesel am Fenster und denke, dass das Leben nicht das ist, was einmal passiert und endet. Es ist jeden Tag von neuem. Jeden Morgen eine Wahl. Manchmal richtig, manchmal nicht.
Und was am wichtigsten ist nicht das, was er damals gewählt hat. Sondern das, was ich jetzt wähle.Die Tasche steht seit dem Abend neben dem Bett. Ich habe sie selbst zusammengestellt Windeln, die Kleidung für die Entlassung, winzige Strampelhöschen in weiß-gelber Streifen, die ich bereits im achten Monat gekauft habe. Die Krankenschwester sagt: Um zehn Uhr morgens, und ich nicke, als wäre das völlig normal. Mein Mann antwortet. Mein Mann kommt an. Mein Mann ist immer pünktlich.
Ich stelle das Handy zum Laden hin und lege mich hin. Meine Tochter schläft neben mir in der durchsichtigen Box klein, runzlig, mit dunklem Flaum am Hinterkopf. Ich schaue sie an und denke, dass jetzt alles anders wird. Dass Stefan das verstehen wird. Dass die drei Tage im Krankenhaus drei Tage sind, in denen Männer erwachsen werden.
Um zehn Uhr morgens kommt er nicht.
Ich rufe an er geht nicht ran. Ich schreibe er liest, aber antwortet nicht. Dann schreibt er selbst, um halb elf: Bin bald da. Ich lege das Handy weg. Die Krankenschwester bringt Dokumente zum Unterschreiben. Die Pflegerin hilft, Liesel anzuziehen so nennen wir sie schon vorher, noch vor der Geburt, Liesel.
Um elf kommt er nicht.
Ich rufe noch einmal an. Diesmal geht er ran Stimme schläfrig, schleppend, als wäre er gerade erst aufgestanden.
Steff, wo bist du?
Ich fahre, ich fahre. Staus.
Welche Staus am Sonntag?
Na ja, er schweigt. Ich fahre los.
Ich lege auf. Liesel regt sich im Strampelsack, macht Blasen. Ich schaue aus dem Fenster da ist der graue Februarhof, kahle Bäume, Autos am Bordstein. Gegenüber dem Krankenhaus, über die Straße, ist ein Café. Klein, mit gelben Buchstaben auf dem Glas. Ich habe es drei Tage aus dem Zimmerfenster gesehen, aber nie besonders hingeschaut.
Jetzt schaue ich.
An einem der Tische am Fenster sitzt ein Mann. Blaue Jacke. Dunkle Haare. Er sitzt mit dem Rücken zu mir, aber ich kenne diesen Rücken auswendig wie oft habe ich ihn im Dunkeln angeschaut, wenn er sich zur Wand drehte und schneller einschlief, als ich Gute Nacht sagen konnte.
Ihm gegenüber sitzt eine Frau. Jung. Ein Kinderwagen steht neben ihrem Tisch grau, teuer, mit großen Rädern.
Ich stehe wahrscheinlich drei Minuten am Fenster. Dann nehme ich die Tasche, bitte die Pflegerin, Liesel zu halten, und gehe nach unten zur diensthabenden Krankenschwester.
Ich muss für fünf Minuten raus, sage ich. Die Dokumente sind alle bereit?
Bereit. Aber du solltest besser auf deinen Mann warten, sie schaut über die Brille.
Ich bin nicht lange.
Ich gehe durch den Dienstbotenausgang, den mir Nadine gezeigt hat die Zimmergenossin, die gestern entlassen wurde. Der Februar trifft sofort ins Gesicht, unter die Jacke, in die Ohren. Ich überquere die Straße, stoße die Tür des Cafés auf.
Drinnen riecht es nach Kaffee und Zimt. Leise Musik spielt etwas Jazziges, Unbekanntes. Ich sehe sie sofort.
Stefan sitzt, hält die Tasse mit beiden Händen. Er lacht Kopf leicht nach hinten geneigt, Schultern entspannt. Ich habe ihn nicht so entspannt gesehen, seit vielleicht drei Monaten. Seit der Bauch sichtbar wurde.
Die Frau sagt etwas und lächelt. Sie ist hübsch feine Züge, kurz geschnittene kastanienbraune Haare. Aus dem Kinderwagen nebenan kommt kein Laut das Kind schläft.
Ich gehe zum Tisch und stehe daneben.
Stefan hebt den Kopf und das Lächeln verschwindet so schnell von seinem Gesicht, als hätte jemand den Stecker gezogen.
Anna
Hallo, sage ich. Du wolltest doch kommen.
Er stellt die Tasse ab. Die Frau schaut mich mit höflicher Verwirrung an.
Anna, warte, das ist nicht
Nicht das, was ich denke? ich erhebe die Stimme nicht. Im Café sind mehrere andere Tische, ich spüre, dass man uns anschaut, aber es ist mir egal. Du hast um zehn nicht abgenommen. Hast um halb elf bald da geschrieben. Jetzt ist es fast zwölf. Ich habe am Zimmerfenster gestanden und dich von Angesicht zu Angesicht gesehen, Steff. Fast von Angesicht zu Angesicht.
Anna, er steht auf. Lass uns rausgehen.
Wozu rausgehen? Ich muss bald zurück da ist Liesel.
Die Frau ihm gegenüber richtet sich leicht auf.
Entschuldigung, sagt sie. Bist du seine Frau?
Ja.
Ich heiße Katrin. Katrin Müller. Ich arbeite mit Stefan zusammen.
Ich schaue sie an. Dann auf den Kinderwagen.
Wir haben uns hier zufällig getroffen, fährt Katrin fort. Ich wohne im Nachbarhaus. Bin mit meiner Tochter hierhergekommen. Stefan ist wohl auch reingekommen. Wir haben uns einfach unterhalten.
Wie lange unterhaltet ihr euch schon?
Katrin schweigt kurz.
Ich bin etwa um neun gekommen.
Ich schaue Stefan an.
Etwa um neun, wiederhole ich. Du warst um neun hier. Du wusstest, dass die Entlassung um zehn ist.
Anna
Wusstest du es?
Ja, er wendet den Blick nicht ab, aber etwas in ihm verschiebt sich eine kleine, fast unmerkliche Verwirrung. Ich wollte nur kurz Kaffee holen. Fünf Minuten.
Drei Stunden, Steff. Drei Stunden das sind keine fünf Minuten!
Im Kinderwagen nebenan regt sich das Kind. Katrin beugt sich schnell, richtet die Decke. Ihre Tochter ist wohl etwa drei Monate alt.
Entschuldige, sagt Katrin zu mir. Leise, ohne Aufregung. Ich wusste nichts von der Entlassung. Er hat nichts gesagt.
Schon gut, antworte ich ebenso leise. Du hast nichts damit zu tun.
Ich drehe mich zu Stefan.
Die Dokumente sind bereit. Stell das Auto am Dienstbotenausgang ab, ich sage dem Wachmann Bescheid, er lässt dich durch. Warte dort.
Und gehe hinaus.
—
Zurück über die Straße gehe ich langsamer als hin. Der Februar fühlt sich nicht mehr so scharf an vielleicht weil ich mich im Café ein wenig aufgewärmt habe, vielleicht aus einem anderen Grund. Ich denke daran, dass Liesel noch nichts von Entlassungen weiß. Dass sie drei Tage alt ist, und ihre Hauptaufgabe ist, zu schniefen und zu trinken. Dass sie ihr ganzes Leben vor sich hat, und ich will, dass dieses Leben gut wird.
Die Pflegerin wartet am Posten mit Liesel auf dem Arm.
Na, ist er da?
Er kommt, sage ich. Gleich.
Ich nehme meine Tochter. Sie riecht nach Milch und Talkum, und dieser Geruch ist so echt, so konkret, dass alles andere Café, blaue Jacke, Jazz ein wenig zurücktritt.
Die Krankenschwester gibt den Rest der Dokumente. Ich unterschreibe, wo angegeben. Ziehe mich an, ziehe Liesel an der Strampelsack wird mit drei Knöpfen geschlossen, die Hände zittern etwas, aber ich schaffe es.
Stefan wartet am Dienstbotenausgang. Das Auto steht genau dort, wo ich gesagt habe. Er kommt uns entgegen, greift nach der Tasche ich gebe sie. Dann versucht er, Liesel zu nehmen ich gebe sie nicht.
Anna
Später, sage ich. Zuerst nach Hause.
Er streitet nicht.
—
Im Auto fahren wir schweigend.
Liesel schläft in der Babyschale ich sitze hinten, neben ihr, die Hand auf den Rand gelegt. Stefan fährt. Am Heckscheibe hängt ein Weihnachtsbaum-Lufterfrischer in Form eines Baumes er hängt dort seit Dezember, ich vergesse immer zu sagen, dass man ihn abnehmen soll.
Schläft sie? fragt er.
Ja.
Gut.
Vor dem Fenster ziehen die Februarstraßen vorbei grau, mit körnigem Schnee am Straßenrand. Wenig Fußgänger. Ein Werbefleck an der Hauswand: irgendeine Bank, irgendein Angebot.
Ich schaue Liesel an. Sie hat die Gewohnheit im Schlaf den Mund leicht zu öffnen, als ob sie etwas sagen will und es auf später verschiebt. Ich habe diese Gewohnheit schon lieb gewonnen.
Anna, sagt Stefan.
Später, antworte ich wieder.
Ich will nur sagen
Steff. Später.
Er schweigt. Rotes Signal voraus. Er hält das Auto an. Trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad nicht stark, fast lautlos. Gewohnheit.
Grün. Wir fahren weiter.
Ich denke daran, dass das Krankenhaus hinter uns liegt. Dass vor uns die Wohnung wartet, in der ich vor drei Tagen noch eine ganz andere Person war. Oder dieselbe. Ich weiß es nicht.
Wir parken am Eingang. Stefan nimmt die Tasche. Ich nehme Liesel. Wir gehen in den Aufzug. Fahren in den sechsten Stock. Er öffnet die Tür mit dem Schlüssel fummelt lange am Schloss, wie immer, weil das Schloss längst gewechselt werden muss, aber wir schieben es immer auf.
Willkommen zu Hause, sagt er leise. Unklar zu wem mir oder ihr.
Danke, antworte ich.
—
Zu Hause riecht es genauso wie vor drei Tagen ein wenig nach Kaffee, ein wenig nach Staub, ein wenig nach seinem Rasierwasser. In der Küche stehen zwei Tassen im Spülbecken. Ich zähle sie sofort zwei. Nicht eine.
Ich lege Liesel in ihr Bettchen wir haben es zwei Monate vorbereitet, weiß, mit einem Wolken-Mobile. Liesel dreht ein wenig den Kopf und wird still. Ich gehe in die Küche.
Wer war hier? frage ich.
Stefan steht am Fenster. Dreht sich nicht sofort um.
In welchem Sinne?
Zwei Tassen im Spülbecken. Ich bin am Donnerstag ins Krankenhaus gefahren. Heute ist Sonntag. Wer hat aus der zweiten getrunken?
Meine Mutter war da.
Deine Mutter kam?
Ja.
Wann?
Freitag, glaube ich.
Ich drehe den Wasserhahn auf, nehme den Schwamm. Wasche schweigend beide Tassen. Stelle sie zum Trocknen hin.
Steff, sage ich, ohne mich umzudrehen. Ich will reden. Aber nicht jetzt. Ich muss Liesel füttern und wenigstens eine Stunde schlafen. Danach reden wir.
In Ordnung, seine Stimme ist vorsichtig, wie die eines Menschen, der auf Eis geht und nicht weiß, wo es dünn ist.
Und ich will, dass du ehrlich bist. Nicht jetzt später. Aber ehrlich.
Ich bin ehrlich.
Ich drehe mich endlich um.
Du hast im Café gegenüber dem Krankenhaus seit neun Uhr morgens gesessen. Am Tag der Entlassung deiner Tochter. Du hast den Ton am Handy ausgeschaltet und nicht ein einziges Mal geantwortet, bis ich selbst angerufen habe. Das ist nicht ehrlich, Steff. Sogar gemein!
Er schaut mich an. In seinen Augen ist derselbe Ausdruck, den ich in vier Jahren Ehe gelernt habe zu lesen: keine Schuld Verwirrung. Er fühlt keine Schuld, er fühlt sich ertappt.
Ich erkläre es dir.
Ich höre. Aber nicht jetzt. In zwei Stunden.
Ich gehe zu Liesel.
—
Sie trinkt schnell gierig, geschäftsmäßig, mit voller Ernsthaftigkeit. Ich schaue sie an und denke: hier ist ein Mensch, der nichts erklären muss. Dem man nicht sagen muss sei ehrlich. Dem man einfach gebraucht wird ganz, vollständig, genau jetzt.
Ich lege sie hin und lege mich selbst hin. Ich denke, dass ich nicht einschlafen kann, aber ich schlafe ein, bevor ich zu Ende gedacht habe.
Ich wache nach anderthalb Stunden auf. Liesel schläft. In der Wohnung ist es still.
Stefan sitzt in der Küche Kaffee vor ihm, Handy mit dem Bildschirm nach unten. Als ich hereinkomme, steckt er das Handy in die Tasche. Zu schnell.
Ich schenke mir Wasser ein. Setze mich gegenüber.
Sprich, sage ich.
Er schweigt kurz. Dann beginnt er:
Katrin und ich arbeiten seit zwei Jahren zusammen. Du weißt, wir haben ein Projekt bearbeitet diese Ausschreibung im November. Sie ging in den Mutterschutz, bevor wir fertig waren, es gab viel jedenfalls, wir haben viel geredet.
Ich erinnere mich an diese Ausschreibung, sage ich. Du bist um zehn Uhr abends nach Hause gekommen. Ich war im siebten Monat.
Ja. Er bestreitet es nicht. Wir haben viel gearbeitet.
Und?
Und nichts. Wir haben nur gearbeitet. Er hebt die Augen zu mir. Anna, ich schwöre, zwischen uns ist nichts.
War nichts? Oder ist nichts?
Pause. Klein, fast unmerklich aber ich erwische sie.
Ist nichts, wiederholt er.
Und war?
Er stellt die Tasse auf den Tisch.
Anna
Ja oder nein.
Es ist komplizierter als ja oder nein.
Ich nicke. Sehr langsam.
Verstanden.
Warte. Er streckt die Hand aus, aber ich komme nicht entgegen, und er zieht sie zurück. Es war lange her. Bevor du schwanger wurdest. Einmal. Ich es war ein Fehler. Ich habe es selbst beendet.
Einmal.
Ja.
Und heute bist du zufällig im Café gegenüber dem Krankenhaus genau dann, als ich auf dich gewartet habe.
Ich bin für einen Kaffee reingegangen. Habe sie gesehen. Wir haben uns unterhalten. Anna, ich habe es nicht geplant ich schwöre.
Du hast es nicht geplant, wiederhole ich. Du bist einfach nicht zur Entlassung deiner Tochter gekommen. Nicht absichtlich. Es hat sich einfach so ergeben.
Er schweigt.
Ich stehe auf. Gehe zum Fenster da ist der vertraute Hof, Bäume, Autos. Ich denke, dass ich vor drei Tagen aus einem anderen Fenster denselben Himmel angeschaut habe.
Steff, sage ich, ohne mich umzudrehen. Ich werde keinen Streit anfangen. Ich habe keine Kraft dafür, und ehrlich gesagt auch kein Bedürfnis. Wir haben eine drei Tage alte Tochter. Ich will, dass du eine Sache verstehst.
Welche?
Ich würde einen Fehler verzeihen. Ich würde es wahrscheinlich überstehen, wenn du es selbst erzählt hättest. Aber bevor ich dich zufällig im Fenster gesehen habe. Verstehst du den Unterschied?
Er schweigt.
Du bist nicht zur Entlassung gekommen, weil du zu lange im Café gesessen hast. Du bist nicht gekommen, weil es dir wichtiger war, dort zu sitzen. Und das geht nicht einmal um Katrin. Es geht darum, dass es dir selbst wichtiger war.
Ich drehe mich um.
Ich werde heute keine Entscheidungen treffen. Ich will, dass du das weißt. Heute werde ich Liesel füttern und schlafen. Morgen auch. In einer Woche reden wir noch einmal, und du sagst mir alles ehrlich. Nicht einmal, nicht Fehler ehrlich. Dann werde ich nachdenken.
Anna
Das ist alles, was ich jetzt kann.
Er nickt. Sehr leise.
Gut.
—
Die nächsten Tage sind seltsam dicht wie Watte. Liesel schläft, isst, schaut zur Decke ernst, mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der eine wichtige Frage löst. Stefan geht leise durch die Wohnung, kocht, fährt zweimal Windeln holen, einmal meine Medikamente. Ich jage ihn nicht weg und rufe ihn nicht.
Am dritten Tag ruft seine Mutter an.
Ich nehme den Hörer ab, weil ich es gewohnt bin.
Anna, Helgas Stimme ist angespannt, etwas höher als sonst. Wie geht es dir? Wie geht es Liesel?
Gut. Alles gut.
Hör mal, ich wollte fragen. Stefan läuft irgendwie seltsam herum. Was ist passiert?
Sprich mit ihm selbst.
Anna, na
Helga, sage ich ruhig. Ich liebe und respektiere dich. Aber ich kann jetzt nicht darüber reden. Ich füttere das Kind alle drei Stunden und schlafe fast nicht. Wenn ich bereit bin reden wir.
Pause.
Gut, sagt die Schwiegermutter. Entschuldige.
Das ist unerwartet.
Ich bringe euch morgen Suppe, fügt sie hinzu. Geht das?
Geht, sage ich. Danke.
Helga kommt am nächsten Tag genau um Mittag, mit einem Topf Hühnersuppe und einer Tüte mit Gebäck. Ich öffne ihr die Tür, sie kommt herein, zieht die Schuhe aus, hängt den Mantel auf und geht zuerst zu Liesel.
Mein Gott, sagt sie leise. Was für ein hübsches Kind.
Liesel schläft. Helga steht lange über dem Bettchen schweigend, die Hände auf der Brust gefaltet.
Darf ich sie nehmen? fragt sie schließlich.
Warte, lass sie schlafen. Sie ist erst seit einer Stunde eingeschlafen.
Natürlich, natürlich. Die Schwiegermutter tritt vom Bettchen weg, geht in die Küche, beginnt die Suppe auszupacken. Hast du Hunger?
Ein bisschen.
Sie schenkt mir Suppe ein, stellt den Teller hin. Setzt sich selbst gegenüber mit einer Tasse Tee Stefans Tee, mit Bergamotte, den ich nicht mag.
Wir schweigen.
Anna, beginnt sie. Ich will mich nicht in eure Angelegenheiten einmischen.
Gut.
Aber ich will eine Sache sagen.
Ich esse die Suppe und warte.
Er hat mich angerufen. Stefan. Hat gesagt, was er angerichtet hat. Sie hält die Tasse mit beiden Händen, schaut hinein. Ich werde ihn nicht verteidigen. Er ist ein Dummkopf. War immer etwas dumm in solchen Dingen im Kopf passiert etwas, und er hört auf zu denken. Aber er ist kein schlechter Mensch. Das weiß ich genau.
Helga, sage ich. Ich sage nicht, dass er schlecht ist.
Nein?
Nein. Das wäre einfacher.
Sie schaut mich an. Dann nickt sie langsam, als ob sie etwas verstanden hätte.
Du bist ein kluges Mädchen, sagt sie. Du warst immer klüger als er. Ich habe es ihm immer gesagt.
Ich bin nicht sicher, ob das gut ist.
Gut, sagt die Schwiegermutter fest. Das ist gut. Weil einer von beiden klug sein muss.
Liesel piept aus dem Zimmer. Ich stehe auf.
Die Suppe ist gut, sage ich. Danke.
Helga steht auch auf geht mir nach. Steht in der Tür, während ich Liesel nehme.
Jetzt? fragt sie.
Ich gebe ihr die Tochter. Die Schwiegermutter nimmt sicher, ohne Hast, wie Menschen, die schon Babys gehalten haben. Wiegt sie.
Liesel, sagt sie. Lieschen
Liesel starrt sie mit ernstem Studium an.
Sie sieht Stefan ähnlich, sagt Helga. Diese Stirn und Nase. Seine.
Ich sehe es.
Und die Augen deine. Der Ausdruck noch nicht, aber später siehst du es. Genau deine.
Ich schaue beide an. Denke daran, dass dies eine der Sachen ist, die nicht aufgehoben werden. Was auch passiert diese Frau wird Liesels Großmutter sein. Dieses Blut, dieses Gesicht, diese Hände. Für immer.
—
Lächeln. Wahrscheinlich nicht wirklich die Krankenschwester im Krankenhaus sagte, dass echte Lächeln später beginnen, dass es ein Reflex ist. Aber sie liegt bei mir auf dem Arm, schaut mir ins Gesicht und etwas passiert mit den Mundwinkeln. Etwas sehr Kleines und sehr Konkretes.
Stefan steht daneben. Sieht es.
Anna, sagt er flüsternd. Hast du gesehen?
Gesehen.
Ist das ein Lächeln?
Wahrscheinlich noch Reflex.
Trotzdem.
Wir stehen nebeneinander, schauen sie an. In der Wohnung ist es still. Ich denke daran, dass dies das Seltsamste im Leben ist: es passt in diese wenigen Sekunden. Neben einem steht ein Mensch, dem du nicht vertraust und den du liebst. Oder schon nicht liebst. Oder noch liebst. Du weißt es selbst nicht.
Ich muss dir etwas sagen, sagt er. Leise, ohne sich umzudrehen.
Sprich.
Es war nicht nur einmal.
Pause.
Wie oft?
Drei Monate. Etwa. Im Herbst. Als du im sechsten und siebten Monat warst.
Ich stehe da. Liesel gähnt weit, mit zahnlosen Mund und schließt die Augen.
Danach habe ich es selbst beendet, fährt Stefan fort. Das ist wahr. Sie wollte weitermachen, ich habe nein gesagt. Habe gesagt, es ist ein Fehler.
Und am Tag der Entlassung, was war?
An dem Tag hat sie morgens geschrieben. Dass sie reden will. Ich bin gekommen dachte, fünf Minuten. Dachte, erkläre, dass wir alles haben, dass wir ein Kind haben. Aber sie hat angefangen zu weinen, und ich konnte nicht sofort gehen.
Du konntest nicht von ihr weggehen. Aber du konntest nicht zu mir kommen.
Er sagt nichts.
Ich lasse Liesel langsam in das Bettchen sinken. Richte mich auf.
Danke, dass du es gesagt hast.
Anna
Nein. Jetzt nicht. Ich hebe die Hand. Ich werde jetzt nichts entscheiden. Das ist wahr. Aber ich muss nachdenken. Nicht drei Tage länger. Und du musst mir diese Zeit geben.
Wie lange?
Ich weiß nicht. Ich schaue ihn an. Ich muss verstehen, ob ich damit leben kann. Nicht verzeihen genau leben. Das sind verschiedene Dinge.
Ich verstehe.
Ich bin mir nicht sicher, ob du verstehst. Aber gut.
Ich nehme die Decke vom Sessel und decke Liesel zu. Sie schläft bereits gleichmäßig, vertrauensvoll, wie es nur die können, die noch nichts auseinanderhalten müssen.
—
Durch die Woche rufe ich meine Freundin Julia an. Wir sind seit dem Studium befreundet, sie lebt in einer anderen Stadt, aber alle paar Tage schreibt sie etwas im Stil von wie geht es eurer Kleinen.
Julia, sage ich. Ich muss reden.
Ich höre es an deiner Stimme. Sprich.
Ich erzähle. Kurz, ohne Details nur das Wichtigste. Sie hört zu, unterbricht nicht. Dann sagt sie:
Anna, ich frage dich eine Sache. Nur ehrlich.
Na.
Wenn er es selbst erzählt hätte. Vor der Entlassung. Bevor du es gesehen hast. Wie hättest du reagiert?
Ich denke nach.
Weiß nicht. Wahrscheinlich anders.
Da. Julia schweigt kurz. Das ist wichtig, verstehst du? Nicht was er getan hat das ist schrecklich, und ich entschuldige es nicht. Sondern was er gewählt hat. Zu verbergen. Einmal zu lügen. Und dann nur weil er verstanden hat, dass du es sowieso erfährst.
Ja.
Du bist klug. Du wirst selbst klarkommen. Ich will nur, dass du weißt: was auch immer du entscheidest es ist die richtige Entscheidung. Weil es deine ist.
Julia, du sagst das immer.
Weil es immer wahr ist.
Ich lache. Zum ersten Mal diese Woche wirklich.
Julia, kommst du bald?
Sobald du mit Liesel spazieren gehst, komme ich sofort. Ich muss ihr Köpfchen riechen, sonst überlebe ich nicht.
Du wirst. Sie riecht gut.
Sie alle riechen gut. Das ist eine evolutionäre Falle.
Julia.
Was?
Danke.
Nicht dafür. Ruf morgen an.
Ich lege auf. Draußen wird es schon dunkel der kurze Februartag endet schnell, stürmisch, als ob es ihm selbst nicht sehr gefällt, zu sein. Ich schenke mir Tee ein, setze mich ans Fenster.
Stefan kommt aus dem Laden bringt Tüten, stellt sie in die Küche. Schaut zu mir herein.
Tee? fragt er. Da habe ich deinen gekauft mit Minze.
Ich habe schon eingeschenkt.
Ach, ja. Er zögert in der Tür. Schläft Liesel?
Ja. Gerade gefüttert.
Gut.
Er geht in die Küche. Ich höre, wie er die Tüten auspackt, wie etwas am Kühlschrankregal klappert. Normale Geräusche eines normalen Lebens. Ich denke, dass genau das das Schwierigste ist: wenn sich nichts von außen verändert hat dieselben Geräusche, derselbe Geruch, dieselbe blaue Jacke an der Garderobe aber innen hat sich etwas verschoben. Und unklar, ob es wieder zurückgeht. Und ob es soll.
—
Ich akzeptiere es allmählich, wie man große Entscheidungen akzeptiert nicht in einem Moment, sondern in kleinen Stücken, jeden Tag ein bisschen. Ich schaue zu, wie Stefan Liesel um drei Uhr nachts nimmt, damit ich schlafen kann. Wie er sie zuerst ungeschickt hält und dann immer sicherer. Wie er mit ihr redet leise, ernst, wie mit einem erwachsenen Menschen, dem man eine wichtige Sache erklären muss.
Einmal wache ich um vier Uhr morgens vom Schweigen auf Liesel piept nicht, und das ist schon seltsam. Ich stehe auf, gehe ins Zimmer.
Stefan sitzt im Sessel beim Bettchen. Liesel liegt in seinen Armen er hält sie vorsichtig, stützt den Ellbogen etwas ungeschickt auf der Armlehne. Beide schlafen. Sie mit leicht geöffnetem Mund, er den Kopf nach hinten gelehnt, mit einem völlig entspannten, fast kindlichen Gesicht.
Ich stehe in der Tür. Dann gehe ich zurück ins Bett.
Ich weiß noch nicht, was ich entscheide. Aber ich denke daran, dass auch das Wahrheit ist nicht weniger als die andere. Dass Menschen komplizierter sind als das, was sie an einem bestimmten Tag tun. Dass Liesel einen Vater kennen wird, der um vier Uhr morgens bei ihr gesessen hat. Und einen Vater, der die Entlassung verpasst hat. Dasselbe Gesicht. Derselbe Mensch.
Was damit zu tun ist das war meine Frage. Nur meine.
Ich schaue zur Decke und denke.
Eines Abends Liesel ist schon drei Wochen alt sitze ich in der Küche. Liesel schläft, in der Wohnung ist es still. Ich blättere in etwas im Handy lese nicht, blättere einfach, wie man Luft liest. Stefan kommt von der Arbeit, zieht sich um, stellt den Wasserkocher auf. Setzt sich gegenüber.
Wir schweigen eine Minute.
Wie war der Tag? frage ich.
Normal. Endlich die Dokumentation abgegeben. Er reibt sich das Gesicht mit den Handflächen. Hast du geschlafen?
Zwei Stunden. Liesel hat schlafen lassen.
Gut. Pause. Ich war heute da.
Wo?
Beim Psychologen. Habe mich letzte Woche angemeldet, heute das erste Mal.
Ich lege das Handy weg.
Und?
Nichts Besonderes bisher, er spricht langsam, als ob er die Worte auf die Waage legt. Ich habe erzählt. Sie hat zugehört. Hat Fragen gestellt. Ich habe verstanden, dass ich auf einige Fragen nicht antworten kann.
Auf welche?
Na, zum Beispiel: Was hast du in dem Moment gefühlt? Er lächelt schwach. Ich habe verstanden, dass ich es nicht weiß. Dass ich überhaupt schlecht verstehe, was ich fühle. War wahrscheinlich immer so.
Ja, sage ich. Wahrscheinlich.
Sie hat gesagt, das heißt Alexithymie. Wenn man Emotionen nicht erkennen kann.
Ich kenne dieses Wort.
Woher?
Gelesen. Ich schaue ihn an. Es ist keine Diagnose. Es ist einfach eine Besonderheit.
Das hat sie auch gesagt. Dass man daran arbeiten kann.
Der Wasserkocher pfeift. Er steht auf, gießt kochendes Wasser ein. Stellt die Tasse vor mich hin mit Minze, meine. Stellt sich eine hin mit Bergamotte.
Ich halte die Tasse mit beiden Händen.
Steff, sage ich. Ich erwarte nicht, dass du dich in drei Wochen änderst.
Ich verstehe.
Und ich erwarte nicht, dass du mir erklärst, warum alles so gekommen ist. Ich habe aufgehört, Erklärungen zu erwarten.
Er schaut mich an.
Ich erwarte etwas anderes, fahre ich fort. Dass du ehrlich bist. Nicht weil man dich erwischt hat sondern selbst. Aus eigenem Willen. Kannst du das?
Weiß nicht, sagt er. Ich werde es versuchen.
Das ist eine ehrliche Antwort.
Wir trinken Tee. Draußen fällt Schnee langsam, fast widerwillig, Februarschnee.
Sie riecht nach Milch, sagt Stefan plötzlich. Liesel. Jedes Mal, wenn ich sie nehme Milch und noch etwas. Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.
Babyseife, wahrscheinlich.
Nein, etwas anderes. Er schaut aus dem Fenster. Ich habe nicht gedacht, dass es so ist. Dass man sie nimmt und einfach alles, nichts mehr.
Ja, sage ich. So.
—
Ich hebe den Kopf.
Wozu?
Ich will es herausfinden, er spricht langsam, als ob er jedes Wort vorher durchdacht hat. Warum ich tue, was ich tue. Warum ich gelogen habe. Warum ich morgens dorthin gefahren bin, statt Er hält inne. Ich will es verstehen. Nicht einmal deinetwegen meinetwegen.
Ich schaue ihn an.
Gut, sage ich.
Das bedeutet nicht, dass du etwas sofort entscheiden musst.
Ich weiß.
Ich will nur, dass du es siehst.
Ich sehe es, Steff.
Er nickt. Steht auf, geht zum Spülbecken wäscht die Tassen, die dort standen. Das war seine alte Gewohnheit, die ich früher nicht bemerkt habe, und jetzt bemerke: wenn ihm unangenehm ist wäscht er etwas.
Ich schaue auf seinen Rücken.
Derselbe Rücken wie im Café gegenüber dem Krankenhaus. Dieselbe blaue Jacke. Und gleichzeitig etwas anderes. Ich weiß nicht genau, was. Vielleicht schaue ich einfach anders.
Steff, sage ich.
Ja?
Wir haben das Gespräch noch nicht beendet. Wir müssen noch lange reden.
Ich weiß.
Und ich verspreche nicht, wie es endet.
Ich verstehe.
Aber ich bin vorerst hier.
Er dreht sich um. Schaut mich lange an, ohne Worte. Dann nickt er. Langsam.
Ich auch.
Im Bettchen im Nebenzimmer regt sich Liesel. Ich stehe auf und gehe zu ihr. Sie liegt mit offenen Augen ernst, konzentriert, schaut zur Decke.
Hallo, sage ich. Was ist los?
Sie dreht den Kopf auf meine Stimme. Und wieder diese Bewegung in den Mundwinkeln. Reflex oder nicht egal.
Ich nehme sie auf die Arme.
In der Wohnung ist es still. Draußen später Februar, fast März. Schnee liegt auf dem Fensterbrett nass, schwer, nicht mehr winterlich. Morgen schmilzt er wahrscheinlich.
Ich stehe mit Liesel am Fenster und denke, dass das Leben nicht das ist, was einmal passiert und endet. Es ist jeden Tag von neuem. Jeden Morgen eine Wahl. Manchmal richtig, manchmal nicht.
Und was am wichtigsten ist nicht das, was er damals gewählt hat. Sondern das, was ich jetzt wähle.




