28.Mai2026 Tagebuch
Heute hat Viktor wieder einmal die Tür nicht geöffnet, als ich ihn rufen musste.
Warum machst du die Tür zu? fragte ich.
Will ich nicht! Und ich werde es auch nicht.
Er schob mir ins Gesicht, dass Besucher vorher ankündigen müssen und nicht in Schränke, Kühlschränke oder Regale klettern dürfen.
Ich erwiderte: Du meinst doch meine Freundin, Liselotte? Sie ist doch zu mir gekommen.
Er ließ mich darauf hinweisen, dass ich sie trotzdem begrüßen könne allerdings nicht in meiner Wohnung.
Liselotte hatte früher gut mit Viktoria, meiner ExFreundin, klarkommen können.
Wenn ich jetzt anfange, alles aufzuzählen, was mein Ex besser kann als du, werden wir beide rot werden, sagte Viktor.
Liselotte stockte nervös, wischte den Küchentisch ab und fuhr fort: Ich bin mir selbst nicht sicher. Wenn ihr beide so gut mit Viktoria ausgekommen seid, warum hast du die dann verlassen?
Viktor wandte sich beleidigt vom Fenster ab.
Du kennst ja die ganze Geschichte
Liselotte schnitt ihm das Wort ab: Erzähl mir das nicht noch einmal, sonst werde ich deine nächste Ex.
Sie war bereit, radikale Schritte zu gehen.
Ich hatte Viktoria vor fast einem Jahr bei einer gemeinsamen Party kennengelernt. Sie war nicht besonders nah an mir, aber ich brachte sie mit zum Treffen. Nach ein paar Monaten verschwand sie aus allen Kontakten.
Einmal erzählte Viktor, betrunken, dass er sie wegen Seitensprung getrennt hatte er weinte sogar.
Liselotte fand das süß: ein Mann, der Gefühle zeigen kann, schätzt die Liebe. Ihr wurde klar, dass sie eher mütterlichen Instinkt als romantisches Interesse verspürte, doch das reichte, um eine Beziehung zu starten.
Am Anfang lief alles gut. Er holte mich nach der Arbeit ab, fuhr mich nach Hause, schickte täglich liebe Nachrichten und fragte, ob ich warm angezogen sei. Ich fühlte mich umsorgt.
Erst beunruhigt mich dann eine Nachricht von Viktoria selbst:
Hey, ich habe gehört, du triffst dich mit Viktor. Das ist ja nicht meine Sache, aber sei vorsichtig mit ihm. Er hat ein hartes, unzertrennliches Duo mit seiner Mutter.
Ich notierte das, hielt es aber für Kleinigkeiten. Liebe überwindet doch Hindernisse. Wenn es mit einer Frau schlecht lief, heißt das nicht, dass es mit einer anderen gleich ist.
Ich antwortete höflich: Wir schaffen das schon selbst. Danke für die Warnung.
Ich wollte das Gespräch nicht weiterführen es hätte peinlich für Viktor werden können.
Doch Viktor dachte nicht an mein Wohlbefinden.
Als seine Mutter, Margarethe Pauli, plötzlich unangekündigt auftauchte, reagierte ich fast gelassen. Vielleicht verstehen wir beide nicht, wie unangenehm das für uns ist. Sicherlich will Margarethe nur ihren Sohn sehen und wissen, mit wem er zusammenlebt.
Ich schickte Viktor, die Mutter abzuholen, zog hastig einen Knoten zusammen, kämmte mein Haar zu einem Zopf und ging halb verschlafen mit dunklen Augenringen zur Besichtigung der potentiellen Schwiegermutter. Dabei inspizierte ich schon die Schubladen im Wohnzimmer.
Ach, alles ein bisschen durcheinander, sagte Margarethe mit einem milderen Lächeln. Und dann habt ihr bestimmt auch Socken ohne Paar. Liselotte, jetzt frühstücken wir, und ich zeige dir, wie man Kleidung richtig faltet, damit nichts knittert oder verloren geht.
Für mich klang das wie ein Guten Tag ohne wirkliche Begrüßung. Es war mir peinlich, dass eine fremde Person so unvermittelt in meine Intimsphäre eindrang.
Ich erwiderte nicht mit Härte das wäre zu Beginn einer Beziehung unangebracht gewesen, also hielt ich durch.
Ach Kind, du hast ja noch diese Schlafsäcke unter den Augen!, fuhr Margarethe fort, du brauchst Gurkenmasken. Oder besser: Nieren prüfen da habe ich eine Freundin.
Ich lächelte, nickte und tat so, als wäre ich wirklich an den Krankheiten von Fremden interessiert, während ich innerlich nur daran dachte, wieder ins Bett zu gehen es war erst 08:00Uhr, ein freier Tag, den ich bewusst spät ins Bett gegangen war, um extra auszuschlafen.
Margarethe blieb bis zum Abend. Ich bekam ein Tonnengewicht an Kritik und Ratschlägen: wie man Blumen gießt, die Badewanne putzt und Löffel schrubbt. Ich durfte sogar ein wenig üben. Ich fühlte mich ausgedrückt wie ein Zitronensaft. Und Viktor half mir kein einziges Mal, noch deutete er seiner Mutter an, dass wir eine Pause brauchen.
Ist deine Mutter immer so aktiv?, fragte ich vorsichtig vor dem Schlafengehen.
Er zuckte mit den Schultern: Ja, was? Sie will einfach nur Freundschaft schließen.
Früher haben wir mit Viktoria bei ihr gewohnt, es war gemütlich. Jetzt ist ihr langweilig allein.
Ich hoffe, wir werden nicht zu dritt leben, seufzte ich.
Wo liegt das Problem? Bist du gegen meine Mutter?, wurde Viktor plötzlich defensiv. Mit Viktoria kam sie gut klar.
Ich schwieg. Viktoria war acht Jahre jünger, liebte es, sich einzuschleichen. Sie kannte Margareths Freundinnen, ihre Diagnosen, bügelte Bettwäsche perfekt und kochte Kuchen nach SchwiegermutterRezept.
Doch ich wollte dieses Glück nicht akzeptieren. Meine Lebenserfahrung lehrt mich, dass je weniger Außenstehende in die Beziehung zwischen Mann und Frau eingreifen, desto besser. Viktor sah das anders.
Meine Mutter ist sehr kontaktfreudig, sie findet immer einen Draht zu allen.
Das mag sein, aber nicht jeder freut sich darüber, wollte ich sagen, hielt mich jedoch zurück.
Am nächsten Tag kam Margarethe wieder, diesmal um den Kühlschrank zu inspizieren.
HühnerEier? Ich habe Viktor nur Wachteleier zubereitet das ist gesünder für Männer, erklärte sie stolz. Eure Regale sind nicht sauber ihr esst das später doch. Liselotte, du solltest sie abwaschen.
Ich dachte: Ich esse ja nicht direkt von den Regalen.
Dann wasche ich sie, Margarethe Pauli, versprach ich. Wir wollten heute entspannen, es ist ja ein freier Tag.
Viktor schlief weiter, während ich Margareths Besuch ertrug.
Ein freier Tag ist ein Tag zum Kochen und Putzen, erklärte sie bestimmt. Nimm das Schwammtuch, das Lappen. Nächsten Sonntag zeige ich dir, wie man einen Fleischkuchen macht, den Viktor liebt. Da wirst du dir die Finger lecken!
Ich erstarrte, verschränkte die Arme. Noch keinen zweiten Tag nach fremden Anweisungen zu laufen, war mir zu viel.
Margarethe Pauli, können Sie meine Nummer notieren, damit Sie vor Besuch anrufen? Ich habe vielleicht schon Pläne für das nächste Wochenende.
Anrufen? Ich darf nicht mehr zu meinem Sohn kommen? fragte sie gekränkt.
Natürlich dürfen Sie das. Nur lebt er jetzt mit einer Frau zusammen. Es wäre schön, wenn wir alle Rücksicht nehmen.
Mit Viktoria hatten wir nie solche Probleme, bemerkte sie.
Meine ExMutter kam nie frühmorgens vorbei, erwiderte ich. Sie brachte Kirschkuchen mit. Soll ich das Rezept holen?
Margarethe wurde rot, ein Funken Zorn blinkte in ihren Augen.
Liselotte, überlege gut. In unserer Familie wechselt die Nachteule nicht die Tageszeit.
Sie ging, doch das Gefühl der Beklemmung blieb. Ich wusste nicht, wie ich weiter verfahren sollte. Viktor hörte kaum zu, seine Mutter kam zu uns wie zu ihrem eigenen Zuhause. Und ständig schwebte der Schatten von Viktoria über uns.
Viktorias Kohlrouladen waren besser ihre Mutter hat das beigebracht, fiel Viktor beim Abendessen beiläufig.
Dann lass sie mich auch lehren, dann kochst du für mich.
Ich vermutete, dass Margarethe ihren Sohn manipulieren wollte, doch das wollte ich nicht thematisieren. Ich wollte das Thema aus meinem Leben verbannen.
Der nächste Monat verlief ruhig, ohne Besuche, doch dann wieder das Klingeln. Dieses Mal entschied ich mich endgültig, nicht zu öffnen.
Fünf Minuten später kam Viktor in den Flur, müde, verärgert, fast wütend.
Warum öffnest du die Tür nicht?
Will nicht! Und ich werde es nicht.
Gäste müssen ihren Besuch ankündigen und nicht in Schränken, Kühlschränken und Regalen herumschnüffeln.
Du meinst, du gehst nicht? Das ist meine Mutter! Sie ist doch zu mir gekommen!
Dann empfang sie woanders! Aber nicht in meiner Wohnung.
Der Aufschrei war laut genug, dass die Nachbarn es hörten. Viktor beschuldigte mich, seine Mutter abzulehnen und damit auch ihn. Margarethe schrie ebenfalls, verlangte Einlass und rief ständig an.
Schließlich setzte ich ein Ultimatum:
Genug! Entweder du schickst deine Mutter nach Hause und erklärst ihr, was ein Gast ist, oder wir trennen uns!
Viktor wählte das zweite.
Ich war nicht besonders traurig. Wir hatten kaum Zeit, uns zu verabschieden vielleicht war es besser so. Mit so einem Mann, der ständig von seiner Ex spricht und eine aufdringliche Mutter hat, wollte ich nicht leben.
Ein paar Monate später erreichte mich die Nachricht, dass Viktor nun eine neue Freundin habe. Diese erzählte mir eine gemeinsame Bekannte aus der früheren Party.
Sie ist zu ihm und seiner Mutter gezogen, will aber bald weg, fragt, ob du sie kennen lernen willst, lächelte die Bekannte.
Wofür?, fragte ich.
Deine Mutter, die Schwiegermutter, heißt dich als ideale Frau hübsch, charakterstark, gute Köchin.
Reden wir hier über die Mutter von Viktor und mich?
Vielleicht werden die, die nicht mehr mit Viktor leben, jetzt glücklicher.
Seitdem höre ich auf das, was andere sagen, aber ich behalte meinen eigenen Kopf und glaube nicht alles blind. Ich bin vorsichtiger bei Männern, die ständig ihre ExFreundinnen erwähnen und zu sehr an die Mutter gebunden sind.
Ein Leben mit solchen Machos wird nie funktionieren, weil die Mutter immer an erster Stelle steht. Vielleicht ist das in Maßen okay, aber nicht, wenn es die Beziehung erstickt.
**Lehre:** Wer sein eigenes Wohlergehen nicht über die Einmischung anderer stellt, verliert sich selbst. Ich will künftig klare Grenzen ziehen und meine eigenen Entscheidungen respektieren.




