„7. Juli! Das kann nicht sein! Nur ein Zufall. Aber auch der Name Andreas.“

Der 7.Juli! Das kann nicht sein ein reiner Zufall. Und doch der Name Andreas. Der Vorname, der Familienname, alles anders. Als ob Adoptiveltern den Vornamen und Nachnamen ändern könnten. Und sogar den Vornamen lange starrte ich auf das Porträt des Mannes, als erhoffe ich mir ein Stück Vertrautes zu entdecken.

In der Personalabteilung des Stadtrates hatte die Sekretärin die Unterlagen für die neue Angestellte fertiggestellt und dann angerufen:

Frau Inge, kommen Sie bitte zu mir! Hier ist Ihre neue Kollegin.

Kurz darauf trat die junge Frau in das Büro und richtete sich sofort an die alte Dame, die bereits seit Jahren die Hausmeisterin war:

Sind Sie die neue Reinigungskraft?

Ja.

Ich heiße Inge Hoffmann, Hausmeisterin, und Sie?

Heidemarie, korrigierte die Frau, als sie das stille Fragezeichen in den Augen der Vorgesetzten bemerkte. Heidemarie Schulz.

Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihren Arbeitsplatz, sagte Inge und verließ den Raum, während sie weiter plauderten. Sie werden das ganze dritte Obergeschoss betreuen

Heidemarie war überglücklich, diese Stelle zu bekommen. Strahlend lächelnd blickte sie über ihr neues Reich:

Nur noch zwei Jahre bis zur Rente, und hier kann ich sogar danach weiterarbeiten. Der Lohn liegt bei 2800Euro, plus gelegentliche Prämien. Mit Dietrich kommen wir gut zurecht. Die Kinder sind ausgezogen. Ach, wie heißt unser Bürgermeister nochmal? Es wäre peinlich, das zu vergessen! Bald Mittagspause im Flur hängt ein Bild aller bisherigen Bürgermeister. Wie habe ich das nur übersehen?

Auf dem Rückweg aus der Kantine blieb ihr Blick an einem Schild hängen, das den Namen des Stadtchefs zeigte: Andreas Borowski, geboren 1943.

Ach, der ist also noch jung nicht einmal vierzig, dachte Heidemarie und erinnerte sich plötzlich: Andreas? 1943.

Sie drehte das Schild um, las das Geburtsdatum erneut:

Der 7.Juli! Das kann nicht sein ein reiner Zufall. Und doch der Name Andreas Sie starrte lange das Porträt an, hoffte, ein Stück Vertrautes zu sehen.

Die neue Arbeit ließ fremde Gedanken in den Hintergrund treten.

Zuhause führte sie den ganzen Abend ein Gespräch mit ihrem Mann. Danach zog er sich in sein Zimmer, um Fußball zu schauen, sie in ihr. Ihre Wohnung war ein geräumiges Dreizimmerhaus, weil die Kinder ausgezogen waren. Der Mann schlief gelegentlich noch neben ihr, immer seltener.

Jetzt lag Heidemarie in ihrem Bett und drehte die Erinnerungen an ihre Jugend und an ein Geheimnis, das sie nie ihrem Mann offenbaren konnte.

Sie hatte einen Sohn, den sie Andreas nannte, als sie erst neunzehn war. Ohne Geld, ohne Arbeit, im Wohnheim einer Fachschule kaum ein Ort, an dem ein Kind leben konnte. Nach einem halben Jahr gab sie den Jungen in ein Kinderheim.

Drei Jahre später heiratete sie Dietrich. Was vor der Hochzeit geschehen war, blieben unausgesprochen. Bald folgten zwei Töchter.

Die Ältere studierte an der Fachhochschule in Köln und heiratete dort; ihre Enkelkinder gehen nun zur Schule. Die Jüngere heiratete ebenfalls und lebt inzwischen in München.

Heidemarie selbst hatte nie eine feste Ausbildung erhalten. Zwanzig Jahre lang war sie Hausmeisterin in einer Fabrik, bis diese Insolvenz erklärte und alle Arbeiter entließ. Dann bot ihr die Tochter einer Bekannten eine Stelle als Reinigungskraft im Rathaus an, und sie nahm das Angebot an.

Nun war Bürgermeister Andreas Borowski im Jahr 2023 80Jahre alt. Heidemarie beklagte sich nicht über ihr Leben, doch die Erinnerung an den Sohn, den sie einst hatte, ließ sie nicht los. Mehrmals besuchte ihn sogar im Traum. Sie wollte nur sicher sein, dass er ihr leiblicher Sohn war und es ihm gut ging.

Einige Tage später fegte Heidemarie ihr Stockwerk, als plötzlich Stimmen aufkamen. Bürgermeister Andreas Borowski ging gerade ein Gespräch mit einigen Angestellten. Er sah Heidemarie, nickte ihr zu und ging weiter, das Gespräch fortsetzend.

In Heidemaries Erinnerung erschien plötzlich Vital, der junge Mann, in den sie vor vierzig Jahren verliebt war. Damals war er hübsch und lebensfroh, und sie wollte ihn immer ernsthaft und geschäftstüchtig sehen. Jetzt, beim Anblick des Bürgermeisters, erkannte sie, dass sie sich Vital einst so vorgestellt hatte.

Vital war kurz nach ihrer Schwangerschaft weggegangen, weil er in die Ferne zog, um Geld zu verdienen. Sie hatte gehofft, er käme zurück, doch er war einfach geflohen.

Ist Andreas Borowski wirklich mein Sohn? Hätte ich ihn nicht ins Kinderheim gegeben, wäre er vielleicht ein anderer. Doch meine Töchter sind erfolgreich die Ältere verheiratet, mit großer Wohnung und Auto, die Jüngere ebenfalls gut gestellt. Und doch habe ich keinen Sohn mehr.

Sie fragte sich, ob ihr Leben anders verlaufen wäre, hätte sie Dietrich nie geheiratet. Vielleicht wäre Andreas nicht Bürgermeister geworden. Vielleicht war er gar nicht ihr Sohn. Was für ein unglaublicher Zufall?

Was macht das schon? Er hat Eltern, er war nur ein Halbjähriges, das aufgenommen wurde. Diese Eltern haben ihm nie gesagt, dass er nicht ihr leibliches Kind ist. Sein Leben war trotzdem glücklich. Wer hätte gedacht, dass ein einfacher Junge Bürgermeister wird?

Nach dem Mittagessen trat ihre junge Kollegin Olga zu ihr:

Hallo, Tante Heidemarie!

Hallo!

Am Freitag feiern wir den Geburtstag von Liesel, die im fünften Stock arbeitet. Sie wird 45. Kommst du?

Natürlich, lächelte Heidemarie.

Dann 20Euro bitte, und vielleicht ein origineller Salat oder so.

Heidemarie reichte den Geldbeutel und übergab die 20Euro.

Am Freitag versammelten sich die Angestellten nach der Arbeit im siebten Stock. Ein leerer Raum wurde hergerichtet, der Tisch gedeckt. Wie üblich wurden Trinksprüche ausgebracht, jeder nahm einen Schluck Rotwein.

Plötzlich öffnete sich die Tür und Bürgermeister Andreas Borowski trat ein, lächelte und überreichte ein kleines Geschenk:

Liesel, herzlichen Glückwunsch!

Tränen standen Liesel in den Augen. Der Bürgermeister setzte sich zu ihnen, doch nur für kurze Zeit.

Heidemarie stellte sofort einen Teller mit Salat und Wurststücken hin, füllte die Gläser mit Rotwein und hörte den Bürgermeister seinen Trinkspruch aussprechen. Während sie ihn ansah, bebte ihr Inneres er war ihr Sohn, daran zweifelte sie nicht mehr.

Andreas blieb etwa zwanzig Minuten, verabschiedete sich und ging.

Was für ein Mann!, sagte Katja, die längst im Rathaus tätig war und über alle Gerüchte Bescheid wusste. Der ehemalige Bürgermeister sitzt plötzlich mit uns.

Kennt ihr Andreas schon lange?, fragte Heidemarie.

Seit einem Jahr. Erinnerst du dich, dass wir ihn letztes Jahr gewählt haben?

Heidemarie schüttelte den Kopf; ihr Mann hatte immer die Entscheidungen getroffen.

Seine Eltern sind wohl wohlhabend, aber nicht seine leiblichen, das wurde vor zwei Jahren aufgedeckt, als er sich auf die Wahl vorbereitete. Er selbst wusste das anscheinend nicht, und er reagierte kaum darauf.

Woher weißt du das?, hakte Heidemarie nach.

Die frühere Vizebürgermeisterin, Olga Pavlovna, sammelte alles über Andreas, weil sie wollte, dass ihr Chef das Amt behält. Die Anhänger des alten Bürgermeisters wurden nicht gewählt.

Weiß er also nicht, wer seine Eltern sind?, fragte Heidemarie weiter.

Anscheinend nicht. Er liebt die Menschen, die ihn großgezogen haben. Unser Bürgermeister ist in all seinen Beziehungen ein richtiger Mann.

Heidemarie blickte auf die Tür, hinter der Andreas Borowski saß, ihr Herz zugleich froh und traurig. Freude darüber, dass es ihrem Sohn gut ging, und Trauer, weil sie ihn nie in die Arme schließen konnte. Sie dachte leise:

Ich lasse dich nicht im Stich, mein Sohn. Ich bin immer bei dir.Sie verließ den Raum, ließ das gedämpfte Lachen und das Klirren der Gläser hinter sich und trat in den kühlen Abend hinaus. Der Regen, der seit Stunden leise an den Fenstern des Rathauses trommelte, hatte sich in ein leichtes Nieselspiel verwandelt, das die Straßen in spiegelnde Bänder verwandelte. Heidemarie zog ihren Mantel enger um sich und ging den schmalen Flur entlang, bis sie die Tür zu ihrem kleinen Apartment erreichte.

Dort setzte sie sich an den alten Holztisch, den sie seit Jahrzehnten nutzte, um Rechnungen zu bezahlen und gelegentlich Briefe zu schreiben. Ihre Hände zitterten leicht, als sie das Blatt Papier aus der Schublade zog und den Stift ergriff. Ohne zu zögern begann sie zu schreiben:

Lieber Andreas, ich habe dich mein ganzes Leben lang im Stillen geliebt, ohne je zu wissen, wie wir uns begegnet sind. Heute habe ich das Bild in deiner Hand gesehen und ein Bild, das mich zurück in die Jugend führt, in die Tage, in denen ich dich das erste Mal hielt. Ich weiß nicht, ob die Worte, die ich hier setze, jemals den Weg zu dir finden, aber ich möchte, dass du weißt: Du bist nicht allein. Du trägst ein Stück von mir in deinen Knochen, und ich trage ein Stück von dir in meinem Herzen.

Sie legte den Brief beiseite, ließ den Stift ruhen und sah aus dem Fenster. Die Stadt leuchtete in den schwachen Lichtern der Laternen, während das Wasser in den Kanälen glitzerte. Ein leiser Klang von Schrittgeschäften drang aus der Ferne, doch in Heidemaries Ohr ertönte ein anderer, vertrauter Ton das leise Zwitschern der Erinnerung, das sie seit Jahrzehnten nie ganz zum Schweigen gebracht hatte.

Plötzlich vibrierte ihr Telefon. Es war eine Nummer, die sie seit Jahren nicht mehr gewählt hatte. Mit knurrender Stimme hörte sie die Stimme ihres Sohnes, der ihr aus einer fernen Stadt dankbar antwortete: Mutter, ich habe deinen Brief gefunden. Ich wusste nie, dass du hier warst. Es tut mir leid, dass ich die Jahre verpasst habe, aber ich bin heute hier, um dich zu treffen.

Heidemarie ließ die Träne, die lange in ihrer Kehle gekeimt hatte, endlich frei fließen. Sie stand auf, ging zur Tür und öffnete sie, als wäre sie bereit, einen langen, stillen Frühling zu empfangen, der endlich zu blühen begann. Die Türschwelle schloss sich hinter ihr, und das leise Rauschen des Regens vermischte sich mit dem Klang ihres eigenen Herzschlags ein Rhythmus, der nun im Einklang mit dem eines Sohnes war, den sie nie wieder verlieren würde.

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Homy
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„7. Juli! Das kann nicht sein! Nur ein Zufall. Aber auch der Name Andreas.“
Eine außergewöhnliche Geschichte