Du kennst die heutigen Kinder wohl überhaupt nicht!
Hallo Hannelore, ich sehe dich im Garten werkeln dachte ich, ich komme mal zum Plausch vorbei, rief Gertrud Peters, während sie gemächlich am Gartentor entlangschlenderte.
Gertrud und Hannelore wohnten am entgegengesetzten Ende des kleinen Dorfes Kleinburg. Gertrud lebte zusammen mit ihrem Opa Viktor am Flussufer, während Hannelore ihr Häuschen näher am Wald hatte.
Früher hatten sie kaum Kontakt; das Dorf war voller Nachbarn, aber die meisten hatten bereits erwachsene Enkel. In diesem Sommer jedoch wollten Gertruds Sohn Niklas und seine Frau Sabine ihre beiden Söhne, Lukas und Felix, für einen ganzen Monat zu Oma und Opa bringen. Sie hatten genug vom Großstadtleben und sehnten sich nach frischer Luft.
Durch die guten Zeiten war das Einkommen von Niklas’ Familie immer besser geworden, und so verreisten sie häufig ins Ausland. Nun jedoch, da das Geld ein wenig knapper war, erinnerte sich Niklas daran, dass seine Eltern noch immer am Fluss lebten. Er dachte sich: Warum nicht die Jungen nicht nur für ein Wochenende, sondern für einen ganzen Monat zu den Großeltern schicken?
Nur, Mama, die beiden vertragen sich nicht so gut, warnte ihr Sohn Niklas, Lukas, der mit dreizehn schon für einen erwachsenen Mann hält, und Felix, der ihm nicht nachgeben will, streiten ständig.
Ach, was schon! Wir schaffen das schon mit unseren Enkeln, lachte Gertrud herzlich. Sie schob die Hand vor den Mund, überlegte aber kurz: Die Kinder waren heute ja anders als früher. Man konnte sie nicht mehr einfach an die Hand nehmen. Was, wenn sie sich doch nicht einspielen?
Viktor, ihr Ehemann, war ein Mann von fester Hand und hatte keine Geduld für Ungehorsam. Streitereien wollte niemand in seinem Haus.
Also beschloss Gertrud, sich mit Hannelore abzusprechen schließlich hatten auch die Hanneloresche Enkel ungefähr das gleiche Alter.
Mach schnell, Gertrud!, rief Hannelore, die gerade den Garten überblickte, Was hast du denn vor?
Unsere Enkel kommen für einen Monat, und du hast doch auch ein paar Knaben im gleichen Alter, oder? Wir sollten sie einander vorstellen wenn sie Freunde werden, ist es für uns und für sie gut, erklärte Gertrud.
Du kennst die heutigen Kinder ja wohl überhaupt nicht!, lachte Hannelore. Macht ihr euch nicht Sorgen, dass wir die Jungen zu lange bei uns behalten? Meine Enkel haben mir ganz schön die Nerven gekostet, und unser Opa wollte sie eigentlich wieder nach Hause schicken. Aber wenn du es willst, dann bring sie her, wir lernen sie ja kennen. Was bleibt uns sonst? Es sind ja unsere Enkel!
Am Wochenende kamen Niklas, Sabine sowie die beiden Jungen Lukas und Felix an. Die beiden waren gewachsen, sichtlich erfreut, ihre Großeltern zu sehen, und Gertrud fühlte sich gleich ein Stück leichter.
Mama, wenn du willst, ruf mich an, ich spreche mit den Jungen, sagte Niklas, während er das Auto parkte, doch Gertrud winkte nur ab: Ach, wir haben das schon lange genug gemacht, mein Junge.
Am Abend ließen sich Lukas und Felix nicht beruhigen. Sie wurden in das Zimmer neben dem von Niklas’ Sohn gestellt das war vorher das Schlafzimmer von Niklas. Doch die Umstellung ließ sie nervös werden, und sie konnten nicht einschlafen. Lautes Getrappel und Gespräch war zu hören, was Viktor sehr missfiel.
Und warum hast du das, Hannelore, zugestimmt? Unser Dorf war doch nicht für solche Besucher gedacht!, brummte er.
Am nächsten Morgen war das Aufstehen ein Problem. Es war bereits fast Mittag, und die beiden schliefen noch.
Oma, lass mich noch ein bisschen schlafen, murmelte der ältere Lukas.
Der jüngere Felix schnarchte so fest, dass er gar nicht hörte, was Gertrud rief.
Wie lange wollt ihr denn noch schlafen?, schimpfte Gertrud. Und plötzlich bemerkte sie etwas auf dem Boden. Dort lagen die Handys der beiden Jungen.
Habt ihr bis spät in die Nacht gezockt? So etwas kann ich nicht dulden, ich nehme euch die Handys weg!, verkündete sie entschlossen.
Lukas sprang sofort auf.
Gib das zurück, das ist nicht dein! Mama hat erlaubt!
Ich ruf sie gleich an und frage, ob sie das wirklich erlaubt hat!, sagte Gertrud und schnappte sich das Telefon. Lukas ließ das Gerät los, ballte die Fäuste und schob die Tür hinter sich: Na, dann ruf doch an!
Zwei Stunden später wollte Viktor schon das Haus verlassen was war das für ein Aufstand am ersten Tag? Die beiden Jungen protestierten, aber ihr Unmut zeigte sich schnell:
Wir wollen keine Brei mehr, wir haben lieber Nuggets oder warme Butterbrote.
Ach ja? Wenn ihr keinen Brei mögt, dann geht doch hungrig, knurrte Viktor plötzlich. Habt ihr eure Betten schon gemacht? Und woher kommen denn die leeren Chipstüten und die Bonbonpapierchen in eurem Zimmer? Ihr habt ja nicht einmal zum Brei gearbeitet, also räumt euren Kram auf!
Wir dürfen nicht hungrig herumlaufen!, fauchte Felix den Opa an. Ihr seid gemein!
Viktor war kurz davor, die Fassung zu verlieren, doch Gertrud griff ein. Kommen wir zusammen, ich zeige euch, wie ein Bett zu machen ist. Und erst nach dem Brei gibt es ein süßes Gebäck, einverstanden?
Du verwöhnst sie, brummte Viktor, die Jungs haben doch schon große Köpfe, aber keinen Anstand!
Nach und nach wurden Lukas und Felix mit Hannelores Enkeln befreundet. Und was haben die vier überhaupt angestellt!
Wenn sie im Garten von Gertrud spielten, sammelte Viktor im Stillen überall Äste und Stöcke ein woher das alles kam, blieb ein Rätsel. Blumen wurden zertrampelt, Schuhe flogen von hier nach dort, das Gras klebte an den Füßen und überall lag Krümel. Auf den Stühlen wackelten die Beine, und die Eingangstür schwankte fast vom Rahmen.
Was für Kinder sind das denn!, schimpfte Viktor. Wenn das so weitergeht, solltet ihr nie wieder zu uns kommen! Aber hey, Lukas, hilfst du mir, das Fahrrad von Felix zu reparieren? Und Oma, du und Felix könntet das Mittagessen zubereiten wir müssen ja schließlich auch etwas zu essen verdienen!
Und du sollst das auch, Opa, für das Geld arbeiten?, staunte Lukas.
Na klar doch, ich sitz ja nicht den ganzen Tag rum. Nichts im Leben gibt es umsonst, alles muss erarbeitet werden. Und plötzlich habt ihr am ersten Tag schon Hosen und Hemden zerrissen! Was bleibt euch, wenn ihr nicht arbeitet?
Opa, beschwere dich nicht zu sehr, erinner dich selbst an deine Jugend!, erwiderte Gertrud, die ihm einen klugen Blick zuwarf. Du bist kein Engel, das weiß ich doch!
Die Enkel zogen schließlich glücklich wieder nach Hause und beschwerten sich bei ihren Eltern:
Opa hat uns so sehr gequält, uns die Handys weggenommen und uns arbeiten lassen!
Eine Woche später rief Niklas erstaunt an.
Mama, Papa, ihr glaubt nicht, was passiert ist! Felix hat gelernt, Kartoffeln zu schälen und zu staubsaugen, und Lukas ist plötzlich super freundlich. Sie machen jetzt sogar ihr Bett und können sogar etwas kochen!
Wieso sollen wir dann noch die Diener für die Enkel sein?, protestierte Gertrud, Sie sind ja glücklich zurückgefahren, ich weiß nicht, ob sie noch einmal kommen.
Doch ein Jahr später baten Felix und Lukas wieder um einen Sommeraufenthalt bei Oma und Opa. Dieses Mal wollten sie nicht einmal in den Urlaub fahren ihre Freunde im Dorf warteten ohnehin.
Und es war wirklich schön, das selbstgemachte Brei, die frischen Brötchen und alles, was Gertrud kochte, zu genießen. Denn wer arbeitet, hat Grund, stolz zu sein, und kann sogar ein bisschen angeben mit seinen Fähigkeiten das ist doch ein wunderbares Gefühl!





