Lena verabscheut alle. Besonders ihre Mutter. Sie weiß genau, dass sie, sobald sie groß ist und das Kinderheim in Hamburg verlässt, ihre Mutter finden will.
Doch sie hat nicht vor, ihr die Arme um den Hals zu legen und zu rufen:
Hallo, Mama!
Stattdessen beobachtet sie aus der Ferne und plant Rache. All die Jahre, die sie im Kinderheim verbracht hat, haben ihr das Gefühl gegeben, dass ihre Mutter ihr das Leben in vollen Zügen genießt, während Lena weint.
Lena ist ihr ganzes Leben im Heim gewesen so lange, wie sie sich erinnern kann. Mehrfach wurde sie in andere Heime verlegt, weil sie ständig in Schlägereien verwickelt war. Egal, ob Junge oder Mädchen vor ihr stand, das war ihr egal.
Sie wurde bestraft, in die Isolationszelle gesperrt und durfte keine Süßigkeiten mehr. Trotzdem hasst sie das Pflegepersonal, die anderen Kinder und die ganze Welt.
Mit vierzehn Jahren hört sie auf, zu kämpfen nicht, weil sie plötzlich Zuneigung empfindet, sondern weil die anderen sie aus reiner Angst meiden.
Lena langweilt sich. Sie schleicht in die abgelegene Ecke des Spielhofs und sitzt dort, träumt davon, ihre Mutter zu finden und zu bestrafen.
Eines Tages hört sie eine seltsame Melodie. Sie lauscht, erkennt sie nicht. Musik liebt sie, sie erstarrt jedes Mal, wenn etwas Schönes erklingt. Doch diese Melodie ist zugleich zart, ein wenig traurig und kaum zu begreifen.
Sie steht auf, geht zu einem dichten Fliederbusch und schiebt die Zweige beiseite. Dort liegt ein alter Hausmeister, der gerade spielt. Lena stolpert, fällt in die Büsche, während der Mann das Spielen stoppt und sich zu ihr umdreht.
Möchtest du lernen?, fragt er plötzlich.
Lena ist überrascht. Ich? Kann ich das überhaupt?
Sie tritt näher. Der Hausmeister wirkt um die fünfzig, trägt ein abgewetztes Hausmeisterhemd. Trotz seines Alters arbeitet er noch hier.
Lena kommt täglich zu ihm. Zunächst zeigt er ihr, wie man auf einer Blockflöte spielt Instrumente, die er selbst aus Holz schnitzt. Sie sind zugleich komisch und elegant.
Als erste echte Töne aus ihrer Flöte erklingen, umarmt sie den Hausmeister. Endlich reden sie miteinander.
Er heißt Klaus Werner und wohnt in einem kleinen Haus auf dem Gelände des Heims.
Warum hast du keine Familie, kein Zuhause?, fragt Lena.
Ich hatte alles, Lena ein Haus, Verwandte. Vor zehn Jahren starb meine Frau Katharina. Ohne meinen Sohn Ich heiratete später wieder, doch meine Frau war habgierig. Mein Sohn Sascha verunglückte vor fünf Jahren bei einem Autounfall. Meine Wohnung ging an ihn über, eine schöne Dreizimmerwohnung im Zentrum von Berlin. Meine Schwiegertochter packte meine Koffer und schickte mich in alle vier Himmelsrichtungen.
Warum hast du nicht gekämpft?, fragt Lena.
Wozu, Lena? Hier habe ich niemanden mehr. Alle meine Lieben sind weg. Ich muss einfach überleben, bis meine Zeit kommt. Ich brauche nichts weiter, antwortet Klaus.
Lena empfindet plötzlich mehr Hass gegenüber Klaus Schwiegertochter als gegenüber ihrer eigenen Mutter. Zuerst will sie sie rächen, dann erst die Mutter.
Als Klaus erkennt, wie sehr das Mädchen in ihr inneres Tier verbannt ist, erschrickt er. Wie soll ein armes Kind solche Wut ertragen?
Sie reden oft. Klaus spürt, dass Lena weicher wird. Sie schneidet nicht mehr die Haare von Jungen, ihr Griff wird sanfter. Der Wunsch, ihre Meinung mit Fäusten zu beweisen, schwindet.
Eines Tages fragt er: Lena, in einem Jahr gehst du weg. Hast du schon eine Idee, was du werden willst?
Lena zuckt mit den Schultern. Nein Ich denke nur an Rache an meiner Mutter.
Stell dir vor, du würdest Rache üben. Zuerst müsstest du sie finden. Das Geld ist unklar, aber das lassen wir beiseite. Was dann?
Sie schweigt, geht. Eine Woche später kehrt sie zurück: Ich will bauen.
Ein ganzes Jahr widmen sie der Vorbereitung für die Bautechnik-Fachschule. Lena weiß, dass das Studium zu lang für sie ist, aber vielleicht später.
Am Tag ihrer Abreise sitzt sie lange auf der Holzbank im Innenhof. Am Abend fährt sie nach Köln, um dort zu studieren und zu wohnen. Zum ersten Mal seit Jahren weint sie.
Herr Klaus, ich komme wieder zu Ihnen, versprochen, sagt sie.
Einverstanden. Ich bleibe hier, du musst die Ausbildung abschließen, auf eigenen Beinen stehen, und später können wir uns treffen, erwidert er.
Wie alt sind Sie denn noch?, fragt Lena lachend.
Er schenkt ihr eine Blockflöte zum Abschied.
—
Fünfzehn Jahre vergehen. Lena heiratet spät, findet nie den richtigen Partner. Mit dreißig bekommt sie eine Tochter, Katja, und trennt sich kurz darauf. Ihre einzige Freude ist das kleine Mädchen.
Jetzt kann sich Lena vieles leisten. Als sie endlich genug verdient, meldet sie ihre Mutter, die einst allein und arm war, bei der Polizei. Die Suche schlägt schnell fehl.
Lenas Mutter, eine einsame Frau, erfährt zwei Monate vor der Geburt, dass sie schwer erkrankt ist. Die Ärzte diagnostizieren Krebs, geben ihr ein Jahr Lebenszeit. In der Entbindungsstation entscheidet sie sich schweren Herzens, das Neugeborene sofort zur Seite zu geben. Niemand verurteilt sie.
Lena besucht das Grab ihrer Mutter und sieht ein großes Denkmal mit einem Engel daneben. Sie erinnert sich oft an Klaus, doch das Heim hat einen neuen Leiter, das gesamte Personal wurde ausgetauscht.
In freien Momenten spaziert Lena mit Katja im Stadtpark. Katja lacht, will die Welt retten. Mit sechs Jahren ist sie ein schlaues Mädchen, das Lena immer wieder überredet, alles zu kaufen: Süßigkeiten für die Kinder, Brot für die Enten, Eis für die Hitze. Heute bittet sie:
Mama, kauf mir bitte Würstchen, ein Brötchen und etwas zu trinken.
Lena starrt sie an.
Ich habe Angst, zu fragen, wer das diesmal ist, sagt Katja.
Vielleicht solltest du es besser nicht wissen, erwidert Lena. Wir gehen jetzt nicht irgendwohin.
Mama, das ist ein alter Mann ohne Zuhause, sagt Katja plötzlich.
Wer?, fragt Lena erschrocken.
Katja lächelt, als hätte sie gewarnt.
Mama, beruhig dich. Er ist nur ein alter Mann, hat niemanden.
Der Mann bittet nicht laut, weil es ihm zu peinlich ist. Er kennt unzählige Märchen und Gedichte. Sind dir die Würstchen zu schade?
Lena, nun erwachsene Frau und keine Führungskraft in einer riesigen Baufirma, weiß nicht, was sie sagen soll. Sie kauft stillschweigend alles, was Katja verlangt, und sie gehen zum Park.
Katja setzt sich auf die Bank.
Mama, dort sitzt ein Opa am Teich. Siehst du ihn?
Lena sieht tatsächlich einen schlecht gekleideten alten Mann, umgeben von Kindern. Sie atmet erleichtert auf.
Wichtig ist, dass deine Tochter hier ist, denkt sie.
Abends liegt sie mit einem Buch auf dem Sofa. Katja ist in ihrem Zimmer. Plötzlich hört Lena wieder die vertraute Melodie.
Stille. Dann erneut dieselbe Melodie, die am Anfang zu hören war. Lena stürmt ins Kinderzimmer, ängstlich.
Mama, habe ich dich geweckt?
Katja! Was war das?
Der Opa lehrt mich Flöte spielen. Mir gelingt es, aber der Übergang am Anfang hakt.
Katja seufzt bitter, hält die Flöte in der Hand. Lena sieht sie tränenreich an.
Lass mich dir zeigen. Auch ich lernte das nicht sofort
Lena spielt die ganze Melodie und bricht in Tränen aus. Erinnerungen überfluten sie, sie kann nicht mehr anhalten. Katja erschrickt.
Mama, warum bist du so traurig? Macht dich die Musik traurig? Soll ich nicht mehr zu Hause spielen?
Lena schüttelt den Kopf. Sie geht hinaus, kehrt eine Minute später mit derselben, leicht verblichenen Flöte zurück.
Katja, weißt du, wo der Mann wohnt?
Mama, am Teich, hinter den Büschen, dort gibt es Kisten.
Komm, wir gehen sofort.
Sie finden ihn sofort. Katja ruft:
Opa!
Er schlüpft aus den Büschen.
Was ist los, Kind? Warum bist du nicht zu Hause?
Herr Klaus, guten Tag.
Er zuckt zusammen, als wäre er getroffen. Langsam dreht er den Kopf, blickt lange in ihr Gesicht.
Lena, das kann nicht sein.
Sie umarmt ihn fest.
Alles kann sein. Lass die Mücken in Ruhe, wir gehen nach Hause.
Wohin?
Nach Hause, Herr Klaus. Ohne Sie hätte ich nichts. Mein Zuhause ist immer Ihres.
Auf dem Weg nach Hause trocknet Klaus die Tränen. Sie haben ihn immer begleitet, immer wieder, aus allen Richtungen. Ohne Lena wäre er längst gefallen.
Jetzt hat er Gewissheit: Er wird nicht mehr allein im Dunkeln verrotten, niemand wird ihn vergessen.





