Hey, du, ich muss dir einfach erzählen, was heute auf dem alten Friedhof am Rande von Köln passiert ist das war echt ein verrückter Tag.
Der kalte Herbstwind heulte durch die KunstblumenstraußWickel, ließ die Trauerbänder zittern wie Seelen, die keinen Frieden finden. Heute war bereits die fünfte Leichenprozession, die die Hauptallee des alten Friedhofs entlang zog. Der fünfte Sarg, hinab in die feuchte, unwirtliche Erde, die fünfte Seele, offiziell vom Schicksal zum Vergessen verurteilt.
Jürgen und Klaus hockten in einer halb zerfallenen Backsteinkabine, versuchten, dem stechenden Wind zu entwachsen. Ihre Augen, an permanente Wachsamkeit gewöhnt, verfolgten das Geschehen träge. Der Trauerakt war für die beiden nur Hintergrundgeräusch, ein weiteres JobItem. Sie richteten sich auf, klopften die abgetragenen Hosen aus, setzten die passenden, trauerhaften Masken auf und schlenderten zur Gruppe weinender Menschen. Jeder wurde mit einem leisen, kaum hörbaren Beileidswort und einem kalten Händedruck bedacht. Keinem war das Paar in den abgewetzten Jacken wichtig Trauer macht gleich alle gesellschaftlichen Schranken klein. In solchen Momenten wirkt jedes noch so kleine Mitgefühl wie ein Tropfen Wärme im eiskalten Ozean des Verlusts. Niemand fragte, wer sie waren, und niemand verbot ihnen, sich zu verabschieden. Für sie war das kollektive Taubwerden vom Kummer ein echter Gewinn.
Gerade die letzte Prozession des Tages zog ihre Aufmerksamkeit besonders an. Überall schrie man nach Geld. Ein teurer Sarg aus poliertem dunklem Holz mit massiven bronzenen Griffen, prachtvolle Kränze aus frischen Blumen, die einen betörenden süßen Duft verströmten, und an den Toren standen keine ramponierten Opels, sondern glänzende Importwagen mit getönten Scheiben. Jürgen war zuerst dran. Er blickte in den Sarg, ein Zucken lief über sein Gesicht, das perfektes Leid vorgab. Er kreuzte feierlich die Arme, murmelte ein einstudiertes Gebet und tat so, als würde er eine Träne wegwischen. Klaus, nach einer kurzen Pause, wiederholte das Ritual noch theatralischer und mit einem hölzernen Seufzer. Ihre Blicke trafen sich kurz, ein Hauch von spöttischem Grinsen zuckte an den Mundwinkeln. Ohne ein Wort zu tauschen, zogen sie zurück in ihre KabineZuflucht. Der heutige Kusch (der Lohn) sollte mehr als anständig werden jetzt blieb nur noch die Nacht abzuwarten.
Wie sie von der plaudernden Grabungsmeisterin, einer gewissen Liselotte Olegowna, erfahren hatten, wurde die Beerdigung durchgeführt. In dem Sarg lag sie in einem luxuriösen SamtSeidenkleid, an den vergilbten Ohrläppchen funkelten massive goldene Ohrringe mit blutroten RubinEdelsteinen. Auf ihrer leblosen Brust sollte ein schwerer goldener Kreuzanhänger liegen so macht man das immer, um den Verstorbenen nach allen Kanonen zu begleiten.
Als das graue Zwielicht den letzten Tagesfarbton verschluckte und der Friedhof in ein StilleMeer aus raschelnden Laubblättern versank, machten sie sich an die Arbeit. Der Himmel verdunkelte sich mit bleigrauen Wolken, und ein nagelnder Regen prasselte herab. Der nasse, schwere Boden klebte an den Schaufeln, jeder Hieb wurde zur Qual. Hände zitterten, der Rücken schrie, doch der Gedanke an die versprochene Belohnung trieb sie weiter. Das Projekt musste zu Ende gebracht werden ein Ausweg war nicht in Sicht.
Ihr Kennenlernen, diese ironische Grimasse des Schicksals, war Jahre zuvor in der Haft entstanden. Zwei einsame Männer, zwei zerbrochene Lebenspläne. Und die Gesellschaft, in die sie nach ihrer Entlassung zurückkehrten, war ebenso gnadenlos wie die Gefängnismauern. Jürgen wuchs im Heim auf, wo man lehrte, nicht zu träumen, sondern zu überleben. Klaus wurde von seiner eigenen Familie verstoßen, sobald sie von seiner Verurteilung erfuhr man behandelte ihn wie einen Aussätzigen. Auf freiem Fuß erwartete sie ein verelendetes Dasein ohne Dach, ohne Job, ohne Chance auf Rehabilitation. Sie landeten dort aus purer Dummheit: Jürgen wegen Diebstahls von ein paar Tausend Euro aus der Werkstattkasse, Klaus wegen einer betrunkenen Schlägerei, bei der sein Gegner das Kinn brach.
Keiner wollte verurteilte, nicht mehr junge Männer einstellen, aus denen Verzweiflung und Gefängnisgeruch strömte. Also wählten sie den einfachsten und widerlichsten Weg Plünderungen. Sie beruhigten sich mit einer zynischen Mantra: Dem Toten fehlt ja nichts mehr. Sein Glück verrottet im Boden, also wenigstens wir können satt werden. Dieser Gedanke dämpfte die brennende Scham.
Sie schlichen zwischen den Gräbern hindurch wie Schatten, vergewisserten sich, dass das weite Feld der Toten wirklich leer war, und erreichten schließlich einen frischen Hügel. Die Schaufeln glitten, bohrten in die noch weiche Erde. Schließlich stieß das Sargholz auf ein metallisches Objekt und klang dumpf. Sie ließen die Seile los, hoben den schweren Deckel.
Und plötzlich ein Schock. Eine eisige Welle des Schreckens spülte ihre zynischen Gedanken hinweg.
Jürgen siehst du das? Sie sie atmet? keuchte Klaus, seine Stimme flüsterte vor Angst. Im schwachen Licht der Taschenlampe schienen die Spitzen der Strümpfe der alten Dame zu zittern.
Leise!, schnappte Jürgen fast schreiend, unfähig, den Blick von dem bleichen, toten Gesicht abzuwenden.
In diesem Moment erstarrte das Blut in ihren Adern. Eine knochige, kalte Hand mit hervortretenden blauen Venen schnappte plötzlich aus dem Sarg und packte Klaus Handgelenk mit einer Kraft, die kein Toter besitzen sollte. Beide Männer, die das Gefängnis überlebt und weder Gott noch Teufel gefürchtet hatten, schrien im Einklang zurück.
Lass los, Ungeheuer! Verschwinde! stammelte Jürgen, krampfhaft das Kreuzzeichen mit zitternder Hand ziehend.
Halt die Klappe! Siehst du sie ist lebendig! Lebendig, verstehst du?! brüllte Klaus, nicht mehr vor Angst, sondern vor Schock und plötzlicher Klarheit.
Sie nahmen das Gold der vermeintlich Toten nicht weg. Stattdessen mussten sie die Leiche selbst aus der Erde ziehen leicht wie ein Skelett, in Haut gehüllt. Sie fielen auf das nasse Gras, zwischen Schluchzen und hysterischem Lachen. Die alte Dame hustete, ihr Körper zuckte in einem Krampf, und sie öffnete trübe, doch lebendige Augen. Ohne zu reden, hoben die beiden sie auf und stolperten, die knochige Gestalt weg von der Grube zu der alten Wachhütte am Rand des Friedhofs. Zum Glück war dort niemand. Vielleicht auch besser so. Sie legten die Frau auf das harte Bett und bedeckten sie mit ihren schmutzigen Jacken.
Wir brauchen den Krankenwagen, stammelte Jürgen, noch immer ungläubig.
Da sprach die nun erwachte Liselotte, rau, doch mit einer überraschenden Festigkeit:
Nein keine Ärzte. Ein Mann hat mich lebendig begraben. Einen ganz speziellen Mann. Der muss bestraft werden.
Langsam kam sie zu sich, ihr Blick wurde klarer. Dann, leicht erstaunt:
Warum habt ihr mitten in der Nacht ein Grab ausgehoben? In ihrer Stimme lag nicht Ekel, sondern Neugier.
Jürgen und Klaus tauschten einen Blick, Schuld spiegelte sich in ihren Augen. Die Wahrheit war bitter, Lügen waren jetzt sinnlos.
Wir wollten Geld, Frau wir brauchten den Schmuck. Wir waren Plünderer, flüsterte Klaus, senkte den Kopf.
Auf ihrem Gesicht zeigten sich weder Entsetzen noch Urteil, nur ein kalter, kalkulierender Gedanke.
Dann, damit keine Fragen entstehen, geht zurück und vergrabt mein Grab wieder. Entfernt alle Spuren. Ich zahle euch dafür, und das Retten extra dazu.
So kehrten sie zur schwarzen Grube zurück. Das Graben war jetzt noch schwerer, das Gewicht der Schuld drückte auf ihre Schultern. Sie vergruben das Beweisstück, das dunkle Geheimnis. Als sie fertig waren, kehrten sie, durchnässt und schmutzig, zur Hütte zurück, moralisch ausgebrannt.
Wo wohnt ihr eigentlich?, fragte Jürgen, versuchte zu klären, was nun zu tun sei. Sollen wir euch nach Hause fahren?
Liselotte schüttelte bitter den Kopf.
Da wird mich jetzt niemand erwarten. Mein junger Mann, zwanzig Jahre jünger, feiert wahrscheinlich schon seine Freiheit mit seiner Geliebten.
Klaus schnaubte.
Entschuldigung, Frau, was haben Sie sich denn erhofft?
Er war ein Schmarotzer. Ich, die alte Narren, habe an die Liebe geglaubt, ihre Stimme bebte, Tränen blieben aus, nur eisige Wut. Er hat mir was ins Teechen gemischt. Dachte, ich halte das nicht aus. Aber ich war stark, hab mein ganzes Leben Sport gemacht, mich gesund ernährt. Er wollte mich loswerden, mein Geld und mein Geschäft an sich reißen. Und das Tode das lässt sich leicht mit tiefem Schlaf verwechseln, wenn man dem Pathologen und den Ärzten genug Geld zahlt, damit sie das schnell erledigen!
Die beiden ExHäftlinge nahmen die alte Dame in ihre winzige, miese Mietwohnung im Randbezirk von Köln mit. Zwei kleine Zimmer, vom Armut und Verzweiflung durchdrungen, wurden für ein paar Tage zum Versteck für die drei, die nun ein schauriges Geheimnis verband.
Währenddessen herrschte im lichtdurchfluteten Büro einer großen Firma ein düsterprofessionelles Klima. Zur Gedenkfeier für Liselotte Olegowna kamen alle Angestellten zusammen. Sie respektierten sie, fürchteten sie, aber respektierten sie. Sie war die eiserne Dame, die aus einem kleinen Betrieb ein Imperium gebaut hatte. Ihr Ehemann, Andreas, ein gutaussehender, stets gepflegter Mann, hatte sich bereits als Erbe etabliert und mit einem passenden, trauernden Gesichtsausdruck die Belegschaft gebeten, ihr Andenken zu ehren. Jeder wusste, dass er ihre rechte Hand war in Wahrheit ein fauler Schmarotzer, der die kluge, aber einsame Frau manipuliert hatte. Alle ahnten, dass nun Veränderungen anstanden. Andreas würde seine Trittbrettfahrer fördern und die treuen, wahren Mitarbeiter von Liselotte entlassen. Das Unternehmen stand am Abgrund.
Andreas, kaum die Trauermaske verbergend, redete bereits über seine Zukunftspläne, als die massive Tür zum Konferenzraum aufbrach.
Und sie trat ein.
Zuerst legte sich eine tote Stille über den Raum. Die Menschen, die dem Eingang den Rücken zugewandt hatten, spürten die Veränderung, drehten sich um. Andreas, als er sie sah, erstarrte mit offenem Mund. Sein Gesicht wurde blass wie ein Blatt Papier, die Hand mit dem Mikrofon zitterte. Es schien, als wäre ein echtes Gespenst, die Verkörperung seiner nächtlichen Alpträume, in das luxuriöse Büro getreten.
Guten Abend, mein Lieber, sagte Liselotte mit einer Stimme, kalt wie Eis, die wie Glas zerschnitt. Ihr Blick war unverrückbar. Du freust dich doch wohl nicht, mich zu sehen. Und wir haben uns doch erst gerade verabschiedet
Masha ich wir, stammelte Andreas, rückwärts taumelnd.
Ich bin zurück, ging sie langsam durch den Saal, die Angestellten teilten sich, gebannt von diesem surrealen Schauspiel. Nicht alle Dinge sind erledigt. Und ich muss eine sehr raffinierte Lüge entwirren. Aber ich habe keine Zeit, das selbst zu tun. Lasst die Profis ran.
Die Tür öffnete sich erneut, und uniformierte Leute traten ein. Die Durchsuchung von Andreas’ Wohnung hatte Beweise zutage gefördert die restlichen Medikamentenfläschchen, Drucksachen mit Bestechungen von Ärzten. Seine fadenscheinigen Entschuldigungen verkümmerten im dröhnenden Schweigen des Saales.
Erst die Komplizen, die Schmarotzer und die Inkompetenten, wurden noch am selben Tag ohne Abfindung gefeuert. An ihre Stelle holte Liselotte Jürgen und Klaus. Männer, die durch die Hölle und den Dreck gegangen waren, erwiesen sich plötzlich als ehrlicher und verlässlicher als die, die teure Anzüge trugen.
Der ehemalige Ehemann wurde zu einer langen Haft verurteilt. Liselotte dachte nicht mehr an ihn. Warum sollte man über jemanden nachdenken, der für immer nicht nur die Freiheit, sondern auch sein menschliches Gesicht, sein Gewissen verloren hat? Jetzt hatte sie andere Sorgen das Unternehmen zu retten und zwei unerwartete, aber treue Helfer, die in ihr nicht nur eine Chefin, sondern die Mutter sahen, die sie einst selbst verloren hatte. Sie fanden einander am Rande eines Grabes und gaben sich die Chance zu überleben nicht nur körperlich, sondern wirklich, menschlich. Und diese Chance war mehr wert als jedes Gold.
Na, das wars klingt verrückt, aber so wars. Ich muss jetzt los, das Wetter wird wieder schlimmer. Bis bald!





