Du hast wegen dieser Liebesgeschichte die Uni verlassen! Wir haben dich zum Studieren geschickt, nicht zum Heiraten! Uns fehlte noch ein Bauernmädchen, das wir aufnehmen könnten, schimpfte Vater Müller. Die überschwängliche Jugendliebe seines Sohnes sollte durch eine Trennung erstickt werden. Auf seinen Wunsch hin ging Viktor zum Wehrdienst.
Liselotte räumte das Haus auf. Sie zog neue Tapeten ein, ersetzte die Vorhänge an den Fenstern und brachte Ordnung in die Schlafsofas im Dachgeschoss. Liselotte liebte Aufgeräumtheit dann war auch ihr Gemüt ruhig.
Im hintersten Eckchen entdeckte sie eine Kiste voller Briefe von Viktor. Wie lange hatte sie diese nicht geöffnet! Die Hausarbeit geriet in Vergessenheit. Liselotte las den ersten Brief, dann den zweiten, den dritten
Viktor und Liselotte hatten sich an der Technischen Universität Berlin kennengelernt. Viktor kam aus der Stadt, Liselotte war vom Land.
Sie zog den jungen Mann mit ihrem leuchtenden Äußeren an: lange dunkle Haare, faszinierende Augen, schlanke Figur.
Viktor und Liselotte begannen sich zu treffen. Für die schüchterne Liselotte war der laute Viktor ein richtiger Wirbelsturm. Tag für Tag ersann er neue Tricks, um das hübsche Mädel für sich zu gewinnen. Er ließ Blumen vor ihre Wohnheimzimmertür fallen, ließ nachts ein Licht im Fenster flackern, um ihr Gute Nacht zu sagen. Das Zimmer lag im ersten Stock.
Feiernde Studentenpartys, Spaziergänge und Küsse das erste Studienjahr verging wie im Flug. Die beiden waren stets zusammen.
Doch dann ließ Viktor das Studium schleifen. Von Anfang an war er nicht besonders begeistert vom harten Stoff, und dann kam die Liebe! Er wurde von der Universität exmatrikuliert. Das störte ihn nicht.
Ich finde einen Job, mache später ein Fernstudium. Dann kann ich dich heiraten, mein Glück, erklärte er Liselotte.
Er bekam eine Anstellung in einer Fabrik und teilte den Eltern mit, dass er heiraten wolle. Liselottes Eltern kannten die Sache nur vage. Sie hatte ein paarmal bei ihnen vorstellig geworden.
Viktors Eltern hatten eigentlich vor, ihren Sohn mit der Tochter ihrer Freunde zu verheiraten. Doch weder Viktor noch die Freundes-Tochter, Klara, wollten diese Pläne erfüllen.
Viktor dachte, er könnte seine Eltern überzeugen, indem er ihnen von seiner Liebe zu Liselotte erzählte. Sie werden verstehen, dass ich ohne sie nicht leben kann!, war sein Mantra.
Stattdessen stießen sie auf taube Ohren. Die Reaktion der Familie war heftig.
Du hast wegen dieser Liebesgeschichte die Uni verlassen! Wir haben dich zum Lernen geschickt, nicht zum Heiraten! Uns fehlte noch ein Bauernmädchen, das wir aufnehmen könnten, tobte Vater Müller erneut.
Die überschwängliche Jugendliebe sollte durch Trennung erstickt werden. Auf Bitten des Vaters ging Viktor zum Wehrdienst.
Liselotte trauerte ohne ihren Geliebten. Das Einzige, was ihr Kraft gab, waren die Briefe, die Viktor schrieb zärtlich und leidenschaftlich!
Doch plötzlich brach der Briefwechsel ab. Einen Monat, zwei, ein halbes Jahr kein einziger Satz. Liselotte fand keinen Trost.
So etwas passiert. In der Ferne kühlt die Leidenschaft ab. Das war wohl kein echtes Liebes, sondern nur ein Schwarm, tröstete Liselottes Mitstudent Sascha.
Sascha war Viktor und Liselottes gemeinsamer Freund. Liselotte wusste nicht, dass Sascha seinem Freund geschrieben hatte, wie sehr er Liselotte liebte und dass er nun mit ihr zusammen sein wollte. Er bat Viktor, Liselotte nicht mehr zu schreiben, weil sie bald heiraten wollten.
Liselotte ließ sich darauf ein, stürzte sich in das Studium, traf Freunde. Sascha blieb stets an ihrer Seite. Er war schon lange in sie verliebt, und das Abschiednehmen von Viktor schenkte ihm die Chance, ihr näher zu kommen.
Die Fürsorge und Liebe, die Sascha ihr entgegenbrachte, war aufrichtig.
Möge wenigstens Sascha glücklich sein, dachte Liselotte und nahm seine Heiratsanfrage an.
Viktors Briefe wollte Liselotte wegwerfen, doch die Hand blieb still. Sie steckte sie in die Kiste und verstaute sie.
Liselotte begann ein neues Leben.
Viktors Eltern eilten herbei und verkündeten, Liselotte sei mit Sascha verheiratet.
Und die Zeit flog.
Ein Jahrzehnt, dann ein weiteres. Liselotte und Viktor lebten in derselben Stadt, aber in parallelen Leben, die sich nie kreuzten.
Von Liselotte hörte man Gerüchte, Viktor hätte geheiratet. Nicht mit Klara, sondern mit einer ganz anderen Frau. Sie bekamen einen Sohn.
Doch Liselottes ruhiges, geruhsames Leben machte sie nicht glücklich. Mit Sascha bekamen sie zwei Töchter. Kinder, Familie und Arbeit wurden ihr einziger Sinn. Zeit für seelische Erschütterungen blieb nicht.
Jeder zog seine Last, ohne Freude, und vergaß, dass das Leben bunt und glücklich sein kann.
35Jahre vergingen.
Liselottes Familie löste sich auf. Trotz aller Bemühungen funktionierten die Beziehungen ohne Liebe nicht. Ihr Mann fühlte, sie habe ihn nie wirklich lieben können. Er fand eine Geliebte. Die Töchter wurden erwachsen, lebten eigene Leben, und nichts mehr verband sie.
Nach der Scheidung gestand ihr Mann Liselotte, wie er die Trennung von Viktor inszeniert hatte.
Auch Viktors Familie zerbrach, und er blieb allein.
Liselotte las den letzten Brief. Sie weinte und lächelte gleichzeitig. Dann kam ihr der Drang, endlich herauszufinden, wo Viktor jetzt war, wie sein Leben verlief. Einfach ihn zu sehen und ein Gespräch zu führen.
Sie schrieb sofort einen Brief an seine alte Adresse, in der Hoffnung, dass noch jemand dort lebt oder Verwandte ihn erreichen können. Liselotte war entschlossen. Sie schrieb und schlug vor, sich in dem Café gegenüber ihres Hauses zu treffen. Ohne langes Zögern steckte sie den Brief in den nächsten Briefkasten.
Am nächsten Tag schimpfte sie mit sich selbst: Warum bin ich nur so dumm?
Viktor, der nach Hause zurückkehrte, blickte in den Briefkasten. Ein Brief? Solch ein Relikt ist heutzutage selten. Er sah den Namen auf dem Kuvert und traute seinen Augen nicht. Er öffnete ihn, und die Zeit schien zurückzuspulen.
Zur vereinbarten Stunde trat er ins Café. Das Herz klopfte. Der Raum war leer, bis auf einen Tisch, an dem eine Frau saß.
Liselotte, flüsterte Viktor fast.
Ja, drehte sie sich um, und ihre Blicke trafen sich.
Ihr Blick, den er all die Jahre in Erinnerung behalten hatte, war derselbe. Es war sie, seine Liselotte. Dann redeten sie, weinten, lachten.
Aus dem Café gingen Mann und Frau Hand in Hand, entschlossen, nie wieder getrennt zu werden.
**P.S.** Seit ihrem Wiedersehen sind fast fünf Jahre vergangen. Liselotte und Viktor leben nun wie eins, und jeder Tag wird von ihnen als glücklich empfunden.
Wahre Liebe verschwindet nicht einfach; das wissen sie heute aus tiefstem Herzen.




