Wen suchen Sie? schnauzte der junge Mann hinter dem Empfang, ohne den Blick von seinem Smartphone zu heben. Sein trendiger Haarschnitt und der Markenpullover verrieten aus der Ferne seine eigene Wichtigkeit und ein völliges Desinteresse an allem drumherum, als wäre er der heimliche Herrscher über alle Schreibtische.
Elisabeth Hartmann richtete ihre schlichte, aber solide Tasche auf der Schulter zurecht. Sie hatte sich bewusst unauffällig gekleidet: eine bescheidene Bluse, ein Rock bis zum Knie, bequeme Schuhe mit flacher Sohle. Der frühere Direktor, der müde, grauhaarige Gerhard, mit dem sie den Firmenverkauf geregelt hatte, hatte nur gelächelt, als er von ihrem Plan erfuhr. Ein trojanisches Pferd, Elisabeth Hartmann, hatte er anerkennend gesagt. Die schnappen den Köder und merken nicht, wie sie in die Falle tappen. Sie werden nie erraten, wer Sie wirklich sind bis es zu spät ist.
Ich bin Ihre neue Kollegin. Ich komme für die Dokumentationsabteilung, sagte sie mit ruhiger, leiser Stimme und vermied jeden herrischen Ton. Der Junge schaute endlich auf. Er musterte sie von den abgetragenen Schuhen bis zu den sorgfältig gekämmten grauen Haaren, und in seinen Augen blitzte unverhohlener Spott auf. Er verbarg ihn nicht einmal. Ach ja. Man hat gesagt, jemand Neues käme. Haben Sie Ihre Zugangskarte bei der Sicherheitsabteilung abgeholt? Ja, hier ist sie. Lässig deutete er zum Drehkreuz, als zeige er einem verirrtem Käfer den Weg. Irgendwo ganz hinten steht Ihr Platz. Sie finden sich schon zurecht.
Elisabeth Hartmann nickte. Zurechtfinden, wiederholte sie innerlich, während sie in das wie ein Bienenstock summende Großraumbüro trat. Schon seit vierzig Jahren fand sie sich in den Irrgärten des Lebens zurecht. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes hatte sie ein fast bankrottes Unternehmen wieder auf Vordermann gebracht. Komplizierte Investitionen hatte sie gemanagt, die ihr Vermögen vervielfachten. Und sie hatte gelernt, wie man mit fünfundsechzig nicht vor Langeweile und Einsamkeit in dem riesigen, leeren Haus durchdreht. Diese florierende, aber innerlich verrottende IT-Firma war für sie die spannendste Aufgabe der letzten Zeit.
Ihr Schreibtisch stand in der abgelegensten Ecke, gleich neben der Tür zum Archiv. Er war alt, mit zerkratzter Platte und quietschendem Stuhl eine kleine Insel aus vergangenen Zeiten inmitten des glänzenden Technologie-Ozeans. Kommen Sie schon zurecht? erklang hinter ihr eine süßlich-süße Stimme. Vor ihr stand Ursula, die Leiterin der Marketingabteilung, in einem elfenbeinfarbenen, perfekt gebügelten Hosenanzug. Teures Parfüm und der Duft des Erfolgs umwehten sie. Ich versuche es, lächelte Elisabeth Hartmann sanft. Sie müssen die Verträge zum Altair-Projekt vom letzten Jahr durchsehen. Die liegen im Archiv. Das dürfte nicht schwer sein. In ihrer Stimme schwang eine herablassende Überlegenheit mit, als erkläre sie einer begriffsstutzigen Person eine ganz einfache Sache. Ursula betrachtete sie wie ein seltsames Fossil aus der Urzeit. Als sie mit strammen Schritten davonging, hörte Elisabeth Hartmann ein leises Kichern hinter sich. Bei der Personalabteilung ist der Wurm drin. Gleich nehmen die noch Dinosaurier auf. Elisabeth Hartmann tat so, als hätte sie nichts gehört. Sie musste sich erst einmal umsehen.
Sie ging zum Entwicklungsbereich und blieb vor einem gläsernen Besprechungsraum stehen, in dem ein paar junge Leute hitzig diskutierten. Gnädigste Frau, suchen Sie etwas?, sprach sie ein großer Kerl an, der hinter seinem Tisch hervortrat. Stefan, der leitende Entwickler. Der kommende Star der Firma zumindest stand das in der Beschreibung, die er offenbar selbst verfasst hatte. Ja, mein Lieber, ich suche das Archiv. Stefan grinste, drehte sich zu seinen Kollegen um, die die Szene interessiert verfolgten, als wäre es ein kostenloses Zirkusprogramm. Oma, Sie sind hier völlig falsch. Das Archiv ist da drüben. Er winkte vage in Richtung ihres Schreibtisches. Wir machen hier ernsthafte Arbeit. Etwas, wovon Sie nicht mal zu träumen wagen. Die anderen kicherten leise. Elisabeth Hartmann spürte eine kalte, ruhige Wut in sich aufsteigen. Sie blickte in die selbstgefälligen Gesichter, auf die teure Uhr an Stefans Handgelenk. All das war mit ihrem Geld bezahlt worden. Danke, antwortete sie mit gleichmäßiger Stimme. Jetzt weiß ich genau, wo ich hinmuss.
Das Archiv war ein winziger, stickiger Raum ohne Fenster. Elisabeth Hartmann machte sich ans Werk. Der Ordner Altair tauchte schnell auf. Methodisch blätterte sie die Papiere durch. Verträge, Anhänge, Leistungsnachweise. Auf dem Papier sah alles tadellos aus. Doch ihr geübtes Auge entdeckte sofort verdächtige Stellen. Bei dem Subunternehmer Cyber-Systeme waren die Beträge auf ganze Tausender gerundet das konnte Schlamperei sein, aber auch Absicht, um die echte Abrechnung zu verschleiern. Die Beschreibungen der erbrachten Leistungen waren schwammig: Beratungsleistungen, analytische Unterstützung, Prozessoptimierung. Klassische Methoden, um Geld abzuzweigen sie kannte sie noch aus den neunziger Jahren.
Nach ein paar Stunden knarrte die Tür. Im Eingang erschien ein junges Mädchen mit erschrockenem Blick. Guten Tag. Ich bin Heike aus der Buchhaltung. Ursula hat gesagt, Sie wären hier Es muss schwierig sein ohne elektronischen Zugang? Ich kann helfen. In Heikes Stimme lag kein Funken Herablassung. Danke, Heike. Das wäre wirklich nett. Ach, das ist doch nichts Großes. Nur dass die anderen nun ja nicht immer kapieren, dass nicht jeder mit einem Tablet in der Hand geboren wurde, stammelte Heike und wurde rot. Während Heike geduldig die Programmoberfläche erklärte, dachte Elisabeth Hartmann, dass selbst im dreckigsten Sumpf noch eine klare Quelle sprudeln kann. Kaum war Heike gegangen, stand Stefan schon in der Tür. Na, ich brauche dringend eine Kopie des Vertrags von Cyber-Systeme. Er redete, als erteile er einem Dienstboten einen Befehl. Guten Tag, antwortete Elisabeth Hartmann ruhig. Ich sehe mir gerade diese Unterlagen an. Einen Moment bitte. Einen Moment? Ich habe keine Zeit. In fünf Minuten habe ich einen Anruf. Warum ist das nicht längst digitalisiert? Was machen die hier überhaupt? Die Arroganz war seine Achillesferse. Er war fest davon überzeugt, dass niemand und schon gar nicht diese alte Dame es wagen oder schaffen würde, seine Arbeit zu kontrollieren. Heute ist mein erster Arbeitstag, sagte sie mit gleichmäßiger Stimme. Und ich versuche, das in Ordnung zu bringen, was andere vor mir liegen gelassen haben. Interessiert mich nicht!, fiel er ihr ins Wort, trat zum Tisch und riss ihr ohne jede Höflichkeit den gesuchten Ordner aus der Hand. Mit euch Alten gibt es immer nur Ärger! Dann stürmte er hinaus und knallte die Tür hinter sich zu. Elisabeth Hartmann sah ihm nicht nach. Sie hatte alles gesehen, was sie sehen musste. Sie holte ihr Handy heraus und wählte die Nummer ihres Privatjuristen. Andreas, guten Tag. Schauen Sie bitte einer Firma nach. Cyber-Systeme heißt sie. Ich habe das Gefühl, da könnte ein sehr interessanter Eigentümerkreis dahinterstecken.
Am nächsten Morgen vibrierte das Handy. Elisabeth Hartmann, Sie hatten recht. Cyber-Systeme ist eine leere Briefkastenfirma. Eingetragen auf den Namen eines gewissen Müller. Der Cousin von Stefan, dem leitenden Entwickler. Klassischer Trick. Danke, Andreas. Genau das wollte ich wissen.
Der Höhepunkt kam nach dem Mittagessen. Das ganze Büro wurde zur wöchentlichen Runde zusammengerufen. Ursula strahlte, während sie von den Erfolgen berichtete. Oh, es scheint, ich habe vergessen, den Konversionsbericht auszudrucken. Elisabeth sagte sie ins Mikrofon, ihre Stimme giftig süßlich , seien Sie so gut, holen Sie den Q4-Ordner aus dem Archiv. Aber versuchen Sie diesmal, sich nicht zu verirren. Im Raum ging ein leises Kichern um. Elisabeth Hartmann stand schweigend auf. Der Punkt, an dem man umkehrt, war längst überschritten. Ein paar Minuten später kam sie zurück. Stefan stand mit Ursula zusammen und sie flüsterten sich etwas zu. Und da kommt unsere Retterin!, verkündete Stefan laut. Könnten Sie auch mal ein bisschen schneller sein. Zeit ist Geld. Vor allem unser Geld. Dieses eine Wort unser war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Elisabeth Hartmann richtete sich auf. Die frühere gebeugte Haltung war wie weggeblasen. Ihr Blick wurde hart. Sie haben recht, Stefan. Zeit ist tatsächlich Geld. Vor allem das Geld, das über die Firma Cyber-Systeme gewaschen wurde. Finden Sie nicht auch, dass dieses Projekt für Sie persönlich viel lukrativer war als für die Firma selbst? Stefans Gesicht veränderte sich. Das Grinsen erstarb. Ich ich verstehe nicht, wovon Sie sprechen. Wirklich? Dann erklären Sie den Anwesenden vielleicht, in welcher verwandtschaftlichen Beziehung Sie zu einem gewissen Herrn Müller stehen? Im Raum trat eine eisige Stille ein. Ursula versuchte zu retten, was zu retten war. Entschuldigung, aber mit welchem Recht mischt sich diese unsere Mitarbeiterin in unsere Finanzangelegenheiten ein? Elisabeth Hartmann sah sie nicht an. Sie umrundete langsam den Tisch und blieb am Kopfende stehen. Das Recht ist das direkteste. Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle. Elisabeth Hartmann. Die neue Eigentümerin der Firma. Als wäre eine Bombe explodiert, hätte die Verblüffung nicht größer sein können. Stefan, fuhr sie mit eisiger Stimme fort, Sie sind entlassen. Meine Anwälte werden sich mit Ihnen und Ihrem Cousin in Verbindung setzen. Ich rate Ihnen, die Stadt nicht zu verlassen. Stefan sackte zusammen und ließ sich stumm auf einen Stuhl fallen. Sie, Ursula, sind ebenfalls entlassen. Wegen fachlicher Unzulänglichkeit und Vergiftung des Arbeitsklimas. Ursulas Gesicht lief rot an. Wie können Sie es wagen! Ich wage es, schnappte sie scharf. Sie haben eine Stunde zum Packen. Der Sicherheitsdienst wird Sie begleiten. Das gilt für alle, die das Alter für einen Grund zum Spott halten. Der junge Mann an der Rezeption und ein paar Entwickler aus der Abteilung sie können gehen. Im Raum breitete sich eine bleierne Angst aus. In den nächsten Tagen beginnt eine umfassende Prüfung der Firma. Ihr Blick fand das verschreckte Gesicht von Heike in der fernen Ecke. Heike, kommen Sie bitte her. Heike trat zitternd an den Tisch. In zwei Tagen waren Sie die einzige Mitarbeiterin, die nicht nur Professionalität gezeigt hat, sondern auch echte Menschlichkeit. Ich richte gerade eine neue Abteilung für interne Kontrolle ein, und ich würde mich freuen, wenn Sie dazugehören. Morgen sprechen wir über Ihre neue Rolle und die Einarbeitung. Heike öffnete verblüfft den Mund, brachte aber kein Wort heraus. Das wird schon, sagte Elisabeth Hartmann bestimmt. Und jetzt zurück an die Arbeit. Die Ausnahme bilden die Entlassenen. Der Arbeitstag geht weiter. Sie drehte sich um und verließ den Raum, hinter sich eine Welt zurücklassend, die auf Arroganz und Überheblichkeit gebaut war und nun in sich zusammenfiel. Sie fühlte keinen Triumph. Nur eine kalte, stille Zufriedenheit wie nach einer Arbeit, die endlich erledigt war. Denn bevor man ein Haus auf festem Grund errichtet, muss man erst einmal den Schutt wegräumen. Und sie hatte gerade mit der Großreinigung begonnen.Wen suchen Sie? schnauzte der junge Mann hinter dem Empfang, ohne den Blick von seinem Smartphone zu heben. Sein trendiger Haarschnitt und der Markenpullover verrieten aus der Ferne seine eigene Wichtigkeit und ein völliges Desinteresse an allem drumherum, als wäre er der heimliche Herrscher über alle Schreibtische.
Elisabeth Hartmann richtete ihre schlichte, aber solide Tasche auf der Schulter zurecht. Sie hatte sich bewusst unauffällig gekleidet: eine bescheidene Bluse, ein Rock bis zum Knie, bequeme Schuhe mit flacher Sohle. Der frühere Direktor, der müde, grauhaarige Gerhard, mit dem sie den Firmenverkauf geregelt hatte, hatte nur gelächelt, als er von ihrem Plan erfuhr. Ein trojanisches Pferd, Elisabeth Hartmann, hatte er anerkennend gesagt. Die schnappen den Köder und merken nicht, wie sie in die Falle tappen. Sie werden nie erraten, wer Sie wirklich sind bis es zu spät ist.
Ich bin Ihre neue Kollegin. Ich komme für die Dokumentationsabteilung, sagte sie mit ruhiger, leiser Stimme und vermied jeden herrischen Ton. Der Junge schaute endlich auf. Er musterte sie von den abgetragenen Schuhen bis zu den sorgfältig gekämmten grauen Haaren, und in seinen Augen blitzte unverhohlener Spott auf. Er verbarg ihn nicht einmal. Ach ja. Man hat gesagt, jemand Neues käme. Haben Sie Ihre Zugangskarte bei der Sicherheitsabteilung abgeholt? Ja, hier ist sie. Lässig deutete er zum Drehkreuz, als zeige er einem verirrtem Käfer den Weg. Irgendwo ganz hinten steht Ihr Platz. Sie finden sich schon zurecht.
Elisabeth Hartmann nickte. Zurechtfinden, wiederholte sie innerlich, während sie in das wie ein Bienenstock summende Großraumbüro trat. Schon seit vierzig Jahren fand sie sich in den Irrgärten des Lebens zurecht. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes hatte sie ein fast bankrottes Unternehmen wieder auf Vordermann gebracht. Komplizierte Investitionen hatte sie gemanagt, die ihr Vermögen vervielfachten. Und sie hatte gelernt, wie man mit fünfundsechzig nicht vor Langeweile und Einsamkeit in dem riesigen, leeren Haus durchdreht. Diese florierende, aber innerlich verrottende IT-Firma war für sie die spannendste Aufgabe der letzten Zeit.
Ihr Schreibtisch stand in der abgelegensten Ecke, gleich neben der Tür zum Archiv. Er war alt, mit zerkratzter Platte und quietschendem Stuhl eine kleine Insel aus vergangenen Zeiten inmitten des glänzenden Technologie-Ozeans. Kommen Sie schon zurecht? erklang hinter ihr eine süßlich-süße Stimme. Vor ihr stand Ursula, die Leiterin der Marketingabteilung, in einem elfenbeinfarbenen, perfekt gebügelten Hosenanzug. Teures Parfüm und der Duft des Erfolgs umwehten sie. Ich versuche es, lächelte Elisabeth Hartmann sanft. Sie müssen die Verträge zum Altair-Projekt vom letzten Jahr durchsehen. Die liegen im Archiv. Das dürfte nicht schwer sein. In ihrer Stimme schwang eine herablassende Überlegenheit mit, als erkläre sie einer begriffsstutzigen Person eine ganz einfache Sache. Ursula betrachtete sie wie ein seltsames Fossil aus der Urzeit. Als sie mit strammen Schritten davonging, hörte Elisabeth Hartmann ein leises Kichern hinter sich. Bei der Personalabteilung ist der Wurm drin. Gleich nehmen die noch Dinosaurier auf. Elisabeth Hartmann tat so, als hätte sie nichts gehört. Sie musste sich erst einmal umsehen.
Sie ging zum Entwicklungsbereich und blieb vor einem gläsernen Besprechungsraum stehen, in dem ein paar junge Leute hitzig diskutierten. Gnädigste Frau, suchen Sie etwas?, sprach sie ein großer Kerl an, der hinter seinem Tisch hervortrat. Stefan, der leitende Entwickler. Der kommende Star der Firma zumindest stand das in der Beschreibung, die er offenbar selbst verfasst hatte. Ja, mein Lieber, ich suche das Archiv. Stefan grinste, drehte sich zu seinen Kollegen um, die die Szene interessiert verfolgten, als wäre es ein kostenloses Zirkusprogramm. Oma, Sie sind hier völlig falsch. Das Archiv ist da drüben. Er winkte vage in Richtung ihres Schreibtisches. Wir machen hier ernsthafte Arbeit. Etwas, wovon Sie nicht mal zu träumen wagen. Die anderen kicherten leise. Elisabeth Hartmann spürte eine kalte, ruhige Wut in sich aufsteigen. Sie blickte in die selbstgefälligen Gesichter, auf die teure Uhr an Stefans Handgelenk. All das war mit ihrem Geld bezahlt worden. Danke, antwortete sie mit gleichmäßiger Stimme. Jetzt weiß ich genau, wo ich hinmuss.
Das Archiv war ein winziger, stickiger Raum ohne Fenster. Elisabeth Hartmann machte sich ans Werk. Der Ordner Altair tauchte schnell auf. Methodisch blätterte sie die Papiere durch. Verträge, Anhänge, Leistungsnachweise. Auf dem Papier sah alles tadellos aus. Doch ihr geübtes Auge entdeckte sofort verdächtige Stellen. Bei dem Subunternehmer Cyber-Systeme waren die Beträge auf ganze Tausender gerundet das konnte Schlamperei sein, aber auch Absicht, um die echte Abrechnung zu verschleiern. Die Beschreibungen der erbrachten Leistungen waren schwammig: Beratungsleistungen, analytische Unterstützung, Prozessoptimierung. Klassische Methoden, um Geld abzuzweigen sie kannte sie noch aus den neunziger Jahren.
Nach ein paar Stunden knarrte die Tür. Im Eingang erschien ein junges Mädchen mit erschrockenem Blick. Guten Tag. Ich bin Heike aus der Buchhaltung. Ursula hat gesagt, Sie wären hier Es muss schwierig sein ohne elektronischen Zugang? Ich kann helfen. In Heikes Stimme lag kein Funken Herablassung. Danke, Heike. Das wäre wirklich nett. Ach, das ist doch nichts Großes. Nur dass die anderen nun ja nicht immer kapieren, dass nicht jeder mit einem Tablet in der Hand geboren wurde, stammelte Heike und wurde rot. Während Heike geduldig die Programmoberfläche erklärte, dachte Elisabeth Hartmann, dass selbst im dreckigsten Sumpf noch eine klare Quelle sprudeln kann. Kaum war Heike gegangen, stand Stefan schon in der Tür. Na, ich brauche dringend eine Kopie des Vertrags von Cyber-Systeme. Er redete, als erteile er einem Dienstboten einen Befehl. Guten Tag, antwortete Elisabeth Hartmann ruhig. Ich sehe mir gerade diese Unterlagen an. Einen Moment bitte. Einen Moment? Ich habe keine Zeit. In fünf Minuten habe ich einen Anruf. Warum ist das nicht längst digitalisiert? Was machen die hier überhaupt? Die Arroganz war seine Achillesferse. Er war fest davon überzeugt, dass niemand und schon gar nicht diese alte Dame es wagen oder schaffen würde, seine Arbeit zu kontrollieren. Heute ist mein erster Arbeitstag, sagte sie mit gleichmäßiger Stimme. Und ich versuche, das in Ordnung zu bringen, was andere vor mir liegen gelassen haben. Interessiert mich nicht!, fiel er ihr ins Wort, trat zum Tisch und riss ihr ohne jede Höflichkeit den gesuchten Ordner aus der Hand. Mit euch Alten gibt es immer nur Ärger! Dann stürmte er hinaus und knallte die Tür hinter sich zu. Elisabeth Hartmann sah ihm nicht nach. Sie hatte alles gesehen, was sie sehen musste. Sie holte ihr Handy heraus und wählte die Nummer ihres Privatjuristen. Andreas, guten Tag. Schauen Sie bitte einer Firma nach. Cyber-Systeme heißt sie. Ich habe das Gefühl, da könnte ein sehr interessanter Eigentümerkreis dahinterstecken.
Am nächsten Morgen vibrierte das Handy. Elisabeth Hartmann, Sie hatten recht. Cyber-Systeme ist eine leere Briefkastenfirma. Eingetragen auf den Namen eines gewissen Müller. Der Cousin von Stefan, dem leitenden Entwickler. Klassischer Trick. Danke, Andreas. Genau das wollte ich wissen.
Der Höhepunkt kam nach dem Mittagessen. Das ganze Büro wurde zur wöchentlichen Runde zusammengerufen. Ursula strahlte, während sie von den Erfolgen berichtete. Oh, es scheint, ich habe vergessen, den Konversionsbericht auszudrucken. Elisabeth sagte sie ins Mikrofon, ihre Stimme giftig süßlich , seien Sie so gut, holen Sie den Q4-Ordner aus dem Archiv. Aber versuchen Sie diesmal, sich nicht zu verirren. Im Raum ging ein leises Kichern um. Elisabeth Hartmann stand schweigend auf. Der Punkt, an dem man umkehrt, war längst überschritten. Ein paar Minuten später kam sie zurück. Stefan stand mit Ursula zusammen und sie flüsterten sich etwas zu. Und da kommt unsere Retterin!, verkündete Stefan laut. Könnten Sie auch mal ein bisschen schneller sein. Zeit ist Geld. Vor allem unser Geld. Dieses eine Wort unser war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Elisabeth Hartmann richtete sich auf. Die frühere gebeugte Haltung war wie weggeblasen. Ihr Blick wurde hart. Sie haben recht, Stefan. Zeit ist tatsächlich Geld. Vor allem das Geld, das über die Firma Cyber-Systeme gewaschen wurde. Finden Sie nicht auch, dass dieses Projekt für Sie persönlich viel lukrativer war als für die Firma selbst? Stefans Gesicht veränderte sich. Das Grinsen erstarb. Ich ich verstehe nicht, wovon Sie sprechen. Wirklich? Dann erklären Sie den Anwesenden vielleicht, in welcher verwandtschaftlichen Beziehung Sie zu einem gewissen Herrn Müller stehen? Im Raum trat eine eisige Stille ein. Ursula versuchte zu retten, was zu retten war. Entschuldigung, aber mit welchem Recht mischt sich diese unsere Mitarbeiterin in unsere Finanzangelegenheiten ein? Elisabeth Hartmann sah sie nicht an. Sie umrundete langsam den Tisch und blieb am Kopfende stehen. Das Recht ist das direkteste. Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle. Elisabeth Hartmann. Die neue Eigentümerin der Firma. Als wäre eine Bombe explodiert, hätte die Verblüffung nicht größer sein können. Stefan, fuhr sie mit eisiger Stimme fort, Sie sind entlassen. Meine Anwälte werden sich mit Ihnen und Ihrem Cousin in Verbindung setzen. Ich rate Ihnen, die Stadt nicht zu verlassen. Stefan sackte zusammen und ließ sich stumm auf einen Stuhl fallen. Sie, Ursula, sind ebenfalls entlassen. Wegen fachlicher Unzulänglichkeit und Vergiftung des Arbeitsklimas. Ursulas Gesicht lief rot an. Wie können Sie es wagen! Ich wage es, schnappte sie scharf. Sie haben eine Stunde zum Packen. Der Sicherheitsdienst wird Sie begleiten. Das gilt für alle, die das Alter für einen Grund zum Spott halten. Der junge Mann an der Rezeption und ein paar Entwickler aus der Abteilung sie können gehen. Im Raum breitete sich eine bleierne Angst aus. In den nächsten Tagen beginnt eine umfassende Prüfung der Firma. Ihr Blick fand das verschreckte Gesicht von Heike in der fernen Ecke. Heike, kommen Sie bitte her. Heike trat zitternd an den Tisch. In zwei Tagen waren Sie die einzige Mitarbeiterin, die nicht nur Professionalität gezeigt hat, sondern auch echte Menschlichkeit. Ich richte gerade eine neue Abteilung für interne Kontrolle ein, und ich würde mich freuen, wenn Sie dazugehören. Morgen sprechen wir über Ihre neue Rolle und die Einarbeitung. Heike öffnete verblüfft den Mund, brachte aber kein Wort heraus. Das wird schon, sagte Elisabeth Hartmann bestimmt. Und jetzt zurück an die Arbeit. Die Ausnahme bilden die Entlassenen. Der Arbeitstag geht weiter. Sie drehte sich um und verließ den Raum, hinter sich eine Welt zurücklassend, die auf Arroganz und Überheblichkeit gebaut war und nun in sich zusammenfiel. Sie fühlte keinen Triumph. Nur eine kalte, stille Zufriedenheit wie nach einer Arbeit, die endlich erledigt war. Denn bevor man ein Haus auf festem Grund errichtet, muss man erst einmal den Schutt wegräumen. Und sie hatte gerade mit der Großreinigung begonnen.




