**DIE NACHTLICHE BESUCHERIN**
Sie eilte hastig dahin, ihre Absätze klackerten über das verlassene Pflaster. Über ihr grinste frech der Mond, selbstgefällig und kahl. Die Stadt verschwamm in nächtlichem Dunst, nur hin und wieder hoben sich die Hausfassaden im kalten, hochmütigen Licht des Mondes. Straßenlaternen eroberten Stück für Stück die Gassen zurück, rissen sie der Dunkelheit entgegen. Fenster blinzelten wie Brillen auf den Gesichtern der Häuser.
Dann tauchte ein Straßenbahn auf, hell erleuchtet wie ein Weihnachtsbaum, rumpelte um die Ecke und verschwand im Nichts der Nacht, als wäre sie ein Geist gewesen.
Das Klacken ihrer Schuhe wurde schneller, hallte von den Wänden wider. Nein, sie hatte die letzte Bahn verpasst. Der Mond oben kicherte spöttisch.
Sie war zu lange bei ihrer Freundin geblieben, hatte stolz auf Begleitung verzichtet, zuversichtlich, die Bahn noch zu erwischen. Jetzt verlangsamte sich ihr Schritt, bis er ganz verstummte. Erschöpft setzte sie sich auf eine Bank und weinte vor Überforderung. Plötzlich quietschten Bremsen, und eine Stimme aus dem Auto rief fast singend: Brauchst ne Mitfahrgelegenheit? Sie krümmte sich zusammen, wollte unsichtbar sein, in der Dunkelheit verschwinden. Abenteuer waren das Letzte, was sie brauchte sie wollte nur nach Hause. Ein Mann beugte sich aus dem Fenster: Keine Angst, ich bring dich fix hin, wohin du willst. Die Tür öffnete sich, und sie verschwand zögernd im Bauch des Wagens. Das lederne Polster nahm sie auf, roch gemütlich und irgendwie vertraut. Auf der Rückbank schlief ein Kind, eingekuschelt an einen riesigen Hund. Sein warmer Atem bewegte ihre Locken im Nacken. Sie erstarrte.
Keine Sorge, Alma ist zahm, tut nix, sagte der Mann schnell. Heinrich, stellte er sich vor. Sie presste ein Gertrud Meier heraus. Da lachte er unvermittelt: Für ne Meier bist du aber noch zu jung. Im Rückspiegel sah sie ihr verstörtes Gesicht, verschmierten Kajal im Licht der Armaturen. Kaum wiederzuerkennen. Kommt drauf an, murmelte sie beleidigt.
Arbeitest wohl in der Schule, schloss ihr Fahrer. Sie schwieg, vielleicht von Gedanken übermannt. Wir waren auch zu spät dran, fügte er hinzu. Irgendwie verflog ihre Angst. Es fühlte sich an, als hätten sie sich schon ewig gekannt. Sie duzten sich plötzlich. Alles wirkte vertraut. Heinrich reichte ihr ein Taschentuch. Sie wischte die Tränenspuren weg und lächelte dankbar. Du bist hübsch, sagte er, und das hellte ihre Stimmung auf. Sie lachten, scherzten, während der Hund leise knurrte, als wollte er sagen: Leiser, ihr weckt das Kind.
Dann bog der Wagen in eine dunkle Gasse. Ihr Herz rutschte in die Hose. Nur kurz zur Apotheke. Hab Medizin für meine Mutter versprochen, erklärte Heinrich.
Es war weit nach Mitternacht, morgen war frei. Niemand erwartete Gertrud zu Hause nur ein Stapel Schulhefte. Also fuhren sie durch die nächtliche Stadt, Bahnen von Licht in die Finsternis schneidend. Irgendwann lud Heinrich sie ein, mitzukommen. Sie nickte, als wäre es das Natürlichste.
Die Wohnung lag im siebten Stock. Behutsam trug er seinen schlafenden Sohn. Im fahlen Licht des Aufzugs musterten sie sich heimlich, dann lachten sie wie Schulkinder. Heinrich war groß, breitschultrig, sonnengebräunt. Sein blondes Haar kontrastierte mit der sommerlichen Haut. Gertrud, selbst auf Absätzen, reichte ihm nur bis zur Schulter.
Die Wohnung war ordentlich, alles an seinem Platz. Er legte den Kleinen ins Bett, Alma daneben. Sie tranken Tee, hörten klassische Musik ihre Geschmäcker passten. Seltsam, wie selbstverständlich sich das anfühlte. Wieder dieses Gefühl: Als wären sie längst eine Familie, der Junge ihr eigener.
Später saßen sie in der Küche, nippten am Wein, den Heinrich anbot. Plötzlich wurde er ernst. Seine Frau hatte sie verlassen… war vor drei Jahren gestorben, bei der Geburt. Sie hatte bestanden, das Kind zu retten, ihren ersehnten Erstgeborenen. Seine Mutter half jetzt mit Niklas, wenn er Überstunden machte.
Er schlug vor, sie solle bleiben. Sie willigte ein, vielleicht vom Wein, vielleicht von einem längst vergessenen Gefühl.
Der Morgen weckte sie im fremden Bett. Ein Flüstern: Mama, versuchte der Kleine, tätschelte ihre Wange. Alma schnaufte daneben. Gertrud drückte ihn fest an sich, murmelte mein Junge. Heinrich schob sich mit dampfendem Frühstück herein. Habt euch ja schon verstanden, grinste er. Heirate mich.
Du kennst mich doch gar nicht, erwiderte sie unsicher.
Ich weiß genug. Das Leben ist lang, um Neues zu entdecken. Niklas und Alma mögen dich. Du wärst eine gute Mutter.
Draußen riss die Dämmerung den Himmel auf. Gertrud lag mit geschlossenen Augen, als hätte sie geträumt: Von einer Stadt, die sie verschlucken wollte, und einem Fremden, der sie rettete.
Dann öffnete sie die Augen. Neben ihr schlief ihr Mann Heinrich, zwischen ihnen schnarchte Niklas. Alma lag schwer auf ihren Füßen. Sie rückte, die Hund schlief weiter. Noch war Zeit bis zum Wecker. Gertrud dachte an den heutigen Unterricht und schlief wieder ein. Während die Sonne die letzten Schatten jagte, zwinkerte der Mond ihr im Traum zu.





