Vor vielen Jahren, in einer Zeit, die heute wie ein ferner Traum erscheint, lud Karl Brigitte zu einem Abendessen in ein elegantes italienisches Restaurant ein. Als das Mädchen das Haus verließ, stellte sich ihr Marianne in den Weg.
Man sagt, nur ein Diamant kann einen Diamanten schleifen warf die Professorin rätselhaft hin.
Verzeihung? Ich verstehe nicht.
Du bist noch jung lächelte die Frau. Glaub mir, Menschen verlieben sich nicht nur einmal im Leben.
Frau Marianne, ich schwöre, dass zwischen mir und Karl nichts geschieht.
Vielleicht noch nicht. Aber das bedeutet nicht, dass es so bleibt. Verschließe dein Herz nicht, Brigitte. Das Leben kann überraschen und manchmal bringt es das größte Glück dann, wenn man es am wenigsten erwartet.
Haben Sie auch einmal?
Nun Heinrich war nicht meine erste Liebe antwortete Marianne ruhig, und in ihren Augen erschien ein Schatten von Erinnerungen. Früher liebte ich jemanden anderen. Ich dachte, ich würde die Trennung nicht überleben, dass ich nicht ohne ihn atmen könnte. Dann kam Heinrich. Alles veränderte sich. Ich war glücklich. Wirklich glücklich. Darum wiederhole ich dir verschließe dich nicht. Die Liebe kann näher sein, als du denkst.
Ich dachte immer, Onkel Heinrich wäre Ihre erste Liebe
Weder er war meine erste, noch ich seine. Aber eines kann ich dir sagen: Die erste Liebe vergisst man nie.
Brigitte seufzte leise, dankte für das Gespräch und ging zu dem wartenden Auto vor dem Haus, in dem Karl saß.
Sofort nach ihrem Weggang erschien Elisabeth auf der Veranda. Sie starrte Marianne mit einem kühlen Lächeln an.
Hast du gerade beschlossen, die neue Mutter von Brigitte zu werden? Berätst du sie in Liebesangelegenheiten, teilst Geschichten, von denen du mir nie erzählt hast.
Ich habe es für Charlotte getan antwortete Marianne ohne einen Hauch von Zögern. Denn nur eines kann Brigitte und Wilhelm endgültig trennen.
Was genau meinst du?
Brigittes Liebe zu jemand anderem antwortete Marianne ruhig, aber bestimmt.
***
Frieda, verzweifelt nach dem Gespräch mit Günther, ging ziellos mitten auf der Straße. Ihr Gesicht war bleich, die Augen leer sie sah aus, als würde sie die Welt um sich herum nicht wahrnehmen.
Sie bemerkte das herannahende Auto nicht.
Quietschen von Reifen. Aufprall.
Schreie waren zu hören, jemand rief einen Krankenwagen.
Frieda lag regungslos auf dem Asphalt. Um sie herum sammelten sich Passanten. Eine der Frauen beugte sich über sie und suchte nach dem Puls.
Mädchen, hörst du mich? Hallo?!
Keine Antwort. Frieda rührte sich nicht einmal um einen Millimeter.
***
Helga näherte sich einer Lichtung im Wald, wo im Halbdunkel zwischen den Bäumen bereits Ludwig wartete. Seine Gestalt verschmolz mit den Schatten, aber sein Blick war kalt und aufdringlich.
Hier hast du zwei Millionen Euro sagte die Frau kühl und reichte ihm eine lederne Tasche, die mit Bargeld gefüllt war.
Der Blick richtete sich auf Bertha. Vom Haus aus war sie Helga gefolgt, hatte sie mit Entschlossenheit verfolgt. Nun versteckt in dichten Büschen, kaum zehn Meter weiter, schaute sie mit Unglauben.
Ludwig und dieses Geld Das ist mein Geld! flüsterte sie, mit Mühe ihre Gefühle beherrschend. Als sie sah, wie Ludwig die Scheine zählte, erschien in ihren Augen Zorn. Was für eine Frechheit sie zog ihr Telefon heraus und begann, alles heimlich zu filmen.
Inzwischen beendete Ludwig das Zählen des Geldes. Er lächelte boshaft.
Das ist alles. Wirst du uns jetzt endlich in Ruhe lassen? fragte Helga mit Anspannung in der Stimme.
In der Stille ertönte das Knacken eines gebrochenen Astes.
Ludwig wandte sich sofort um.
Hast du das gehört? Jemand ist hier. Ich habe dir gesagt, du sollst allein kommen!
Ich bin allein gekommen! antwortete Helga nervös. Niemand war bei mir, ich schwöre.
Ludwig glaubte ihr nicht. Vorsichtig bewegte er sich in Richtung des Geräuschs. Nach einigen Schritten schob er Äste beiseite und erblickte Bertha, die das Telefon hielt.
In seinen Augen erschien ein Funke der Wut. Er zog ein Messer aus der Tasche.
Also haben wir eine Spionin sagte er eisig. Weißt du, wenn man zu neugierig ist, kann man in große Schwierigkeiten geraten.
Bertha wich einen Schritt zurück, mit Mühe die zitternden Hände unter Kontrolle haltend.
Ludwig, lass sie in Ruhe sagte Helga scharf. Sei kein Idiot.
Zeig mir, was du in der Tasche hast warf Ludwig Bertha zu.
Lass mich in Ruhe! protestierte die Frau.
Antworte mir! Warum bist du hierher gekommen?! mischte sich Helga ein.
Was geht hier vor?! Was schmiedet ihr?! brach Bertha aus. Ich filme alles! Ich werde sofort die Polizei rufen!
Wir schmieden nichts! schrie Helga. Er hat mich erpresst! Er hat gedroht, Günther und Lotte zu töten. Deshalb habe ich ihm bezahlt!
Bertha griff in ihre Tasche nach dem Telefon.
Ich rufe jetzt die Polizei an und erzähle ihnen, was hier passiert.
WAG ES NICHT! brüllte Ludwig, das Messer hebend. Sonst töte ich dich!
HILFE! RETTUNG! schrie Bertha und versuchte zu fliehen.
LUDWIG, BESINNE DICH! schrie Helga und lief zu ihm.
Aber der Mann war bereits außer Kontrolle. Er stieß Helga so stark, dass sie zu Boden fiel.
Er richtete seinen wahnsinnigen Blick auf Bertha, die vor Angst zitterte.
Ich fange bei dir an zischte er. Und dann kommt Günther. Er wird dich ganz in Blut sehen. Und ich werde ihn auch töten!
Ludwig hob das Messer, bereit zum Stoß. Bertha schrie, versuchte sich zu schützen. Die Klinge näherte sich gefährlich, aber die Frau ergriff in letzter Sekunde sein Handgelenk. Sie rangen, kämpften um jede Bewegung, jeden Atemzug. Geschrei, schweres Atmen, die Spannung stieg
In einem Moment führte Bertha eine heftige Bewegung aus die Klinge drehte sich in ihren verschlungenen Händen und bohrte sich direkt in Ludwigs Brust.
Der Mann erstarrte. Auf seinem Gesicht erschien Überraschung, dann eine Grimasse des Schmerzes. Aus seinem Mund kam ein Röcheln, als wollte er etwas sagen, aber er schaffte es nicht. Er sank zu Boden wie ein durchschnittener Faden.
Helga war erstarrt. Sie näherte sich, legte mit zitternden Händen zwei Finger an seinen Hals. Stille.
Er ist tot sagte sie leise, bleich wie ein Leinentuch. Tot
Oh Gott OH GOTT! brach Bertha aus. Ich nicht! So nicht! Das war ein Unfall! griff sich an den Kopf, verfiel in Hysterie. Rufen wir einen Krankenwagen! Vielleicht lebt er noch! TU ETWAS!
Sei still! zischte Helga, packte sie an den Schultern und schüttelte sie. Schreie nicht so! Willst du, dass die ganze Welt es hört?! Willst du ins Gefängnis kommen?!
Ins Gefängnis?! schluchzte Bertha. Aber es war doch nicht absichtlich Du hast gesehen, ich habe mich verteidigt! Ich bin keine Mörderin!
Die Wahrheit spielt keine Rolle! Helga bohrte ihren Blick in sie. Die Polizei wird dir nicht glauben! Und wenn das herauskommt die Leute werden sagen, dass die Mutter von Günther eine Mörderin ist!
ICH BIN KEINE MÖRDERIN! protestierte Bertha verzweifelt. Krankenwagen! Polizei! Man muss etwas tun!
Frau Bertha, bitte Helgas Stimme wurde flehend, aber hart. Beruhige dich. Niemand muss davon erfahren. Nichts ist passiert. Verstehst du? NICHTS. IST. PASSIERT.
Aber er er liegt da Bertha zitterte am ganzen Körper.
Ihm können wir nicht mehr helfen. Aber du kannst dir noch selbst helfen. Komm. Er ist fort. Wir leben. Und nur das zählt jetzt.
Helga umarmte sie fest, als wollte sie mit Gewalt die Welt davon abhalten, auseinanderzufallen. Langsam führte sie Bertha durch den dichten Wald, weg vom Tatort. Hinter ihnen, unter den Blättern, lag der regungslose Körper Ludwigs. Seine Hand umklammerte noch krampfhaft das Messer.
Ein Geheimnis, das der Wald gerade verschluckt hatte, würde vielleicht nie das Tageslicht erblicken.
***
Günther, der durch einen dringenden Anruf von Lotte herbeigerufen worden war, stürzte atemlos ins Haus. Auf der Schwelle blieb er plötzlich stehen, als er sie mit einem Koffer an der Tür stehen sah. Ihr Gesicht war bleich, die Augen feucht, aber der Blick entschlossen.
Ich gehe sagte sie leise und drückte einen kurzen, fast tonlosen Kuss auf seine Wange. Ich will weder dir noch deiner Mutter weiter zur Last fallen. Leb wohl, Günther. Sei glücklich.
Lotte, was redest du da? sah er sie ungläubig an. Was hat das mit meiner Mutter zu tun?
Sie weiß von jener Nacht. Von allem, was zwischen uns passiert ist.
Günther wandte den Blick ab, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und massierte seinen Nacken.
Verdammt Wie hat sie es erfahren?
Sie hat den Brief gelesen, den ich an dem Tag hinterlassen habe, als als ich die Tabletten geschluckt habe.
Warte einen Moment seine Brauen zogen sich zusammen. Aber du hast doch gesagt, dass es kein Selbstmord war
Das habe ich gesagt, weil ich dich schonen wollte. Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Aber deine Mutter will mich nicht. Sie hat Angst, dass du mich heiratest. Und sie hat uns Geld angeboten. Mir und meiner Mutter. Im Austausch für mein Gehen.
Günther starrte sie schockiert an.
Was?! Sie hat euch GELD gegeben?
Ja. Aber wir haben abgelehnt. Ich hätte das nie angenommen. Deshalb gehe ich jetzt Für alle wird es so besser sein.
Lotte, du gehst nirgendwo hin griff er den Koffer und schob ihn beiseite. Ich werde das nicht zulassen. Ich werde nicht zulassen, dass du aus meinem Leben verschwindest.
Ich habe keine Wahl, Günther. Verstehst du? Meine Mutter weiß auch schon alles. Sie hat gesagt, ich hätte mir das Leben ruiniert und dass sie lieber sterben würde, als das zu hören. Wenn wir nicht heiraten, wird sie dir keine Ruhe lassen. Und deine Mutter hasst mich. Tante Helga sieht mich an wie etwas Unreines. Niemand will mich hier. Mein Gehen ist der einzige Weg, damit ihr alle Frieden findet.
Günther näherte sich ihr und sah ihr direkt in die Augen.
Lotte ich werde dich nicht verlassen. Wir werden einen Weg finden. Deine Mutter wird ihren Frieden wiederfinden, meine auch. Sie wird sich am Ende daran gewöhnen. Wir schaffen das.
Günther flüsterte sie, und in ihren Augen erschien ein Schatten der Hoffnung. Bedeutet das, dass wir heiraten werden?
Eine schwere Stille senkte sich. Lotte schaute ihn gespannt an, als würde sich ihr ganzes Leben in diesem Moment, in einem Wort, entscheiden.
Günther ergriff ihre Hand. Und in Lottes Kopf wie ein Tagtraum erklangen die Worte, die sie so sehr hören wollte. Worte, von denen sie nachts träumte, die sie im Herzen trug, die ihr Hoffnung gaben:
Nach jener Nacht konnte ich dich nicht vergessen. Ich habe mich in dich verliebt, Lotte. Du bist in meinen Gedanken, in meinem Herzen. Ich sehe dich überall. Ich liebe dich. Heirate mich. Sei meine Frau.
Aber das war nur Vorstellung. Der wahre Günther, der direkt neben ihr stand, sprach keines dieser Worte aus. Seine Stimme, als er endlich sprach, war kalt und leidenschaftslos:
Natürlich werden wir nicht heiraten, Lotte. Das können wir nicht. So etwas wird nie geschehen.
Die Stille, die danach eintrat, schmerzte mehr als die schlimmsten Schreie. Lotte senkte den Kopf, presste die Lippen zusammen und griff dann mit fast ritueller Langsamkeit nach dem Koffer. Ihr Schweigen sagte mehr als jede Träne.
***
Wilhelm stand etwas abseits und sprach am Telefon mit Siegfried. Zur gleichen Zeit lehnte sich Charlotte an das Auto und führte ebenfalls ein Gespräch, ihre Stimme war angespannt, und ihre Augen verfolgten nervös jede Bewegung Wilhelms.
Mutter, sag mir die Wahrheit sagte sie in den Hörer mit Unruhe. Wilhelm spricht die ganze Zeit am Telefon. Es ist Brigitte, nicht wahr? Er kontaktiert sie?
Nein, Liebes. Brigitte war die ganze Zeit bei mir. Ich habe nicht gehört, dass sie mit jemandem gesprochen hat antwortete die Mutter ruhig auf der anderen Seite.
Mutter, wenn du versuchst, mich nur zu beruhigen
Bei Gott, ich sage die Wahrheit! Brigitte ist mit Karl in das neue italienische Restaurant gefahren. Ich habe es ihnen selbst vorgeschlagen.
Auf Charlottes Gesicht erschien ein listiges Lächeln, kaum wahrnehmbar, aber voller Zufriedenheit. Sie legte das Telefon auf und nahm sofort, als wäre nichts gewesen, ihr strahlendstes Lächeln an. Als Wilhelm zum Auto zurückkam, sagte sie fröhlich:
Liebling, plötzlich habe ich Hunger. Ich habe so eine Lust auf Spaghetti! Ich habe gehört, dass in der Nähe unseres Hauses ein neues italienisches Restaurant eröffnet hat. Vielleicht fahren wir dorthin?
Wilhelm schaute sie überrascht an.
Aber du hast doch gesagt, dass du Kohlenhydrate wie das Feuer meidest. Dass sie dir schaden.
Ach Liebling, der Körper braucht manchmal eine Kohlenhydrat-Aufladung, wusstest du das nicht? lachte sie leicht und streichelte ihren Bauch. Außerdem als ich gerade Spaghetti sagte, hat sich das Kind bewegt! Ich denke, es hat auch Lust darauf.
Sie schaute ihm direkt in die Augen, als würde sie eine Herausforderung werfen. Und in ihrem Lächeln lag mehr als nur Appetit es war die Ankündigung eines Spiels, das sie bis zum Ende spielen wollte.
***
Karl und Brigitte kamen in dem eleganten Restaurant an. Sie hatten noch nicht betreten, als sich ein höflicher Kellner näherte und mit einem Lächeln vor Karl verbeugte.
Willkommen wieder, Herr Karl. Ihr Lieblingstisch wartet auf Sie.
Brigitte zog die Augenbrauen hoch, deutlich überrascht.
Also ist das nicht dein erster Besuch hier?
Ich komme oft mit dem Chef antwortete Karl gelassen, aber sein Blick wich irgendwohin zur Seite.
Ich hatte den Eindruck, dass du hier der Chef bist bemerkte sie mit einem leichten Lächeln. Mit solch einer Begrüßung
Vielleicht weil ich immer das Trinkgeld gebe. Der Chef kümmert sich nicht um solche Kleinigkeiten. Deshalb werde ich hier mehr geschätzt.
Sie setzten sich an einen gemütlichen Tisch. Karl warf heimlich einen Blick auf Brigittes Hals. Der an ihrem Dekolleté hängende Anhänger glänzte im Licht der Lampe. Er musste ihn bekommen. In der Tasche seines Jacketts wartete bereits eine identische Kopie. Er musste nur den richtigen Moment für den Austausch finden.
Brigitte, warte Dein Anhänger hat sich verschoben. Er wird gleich fallen.
Er stand auf, näherte sich von hinten und legte sanft die Hände auf ihre Schultern, griff nach dem Verschluss des Anhängers. Er versuchte ruhig zu bleiben, obwohl sein Herz immer schneller schlug.
In genau diesem Moment öffneten sich die Türen des Restaurants und Wilhelm und Charlotte traten ein. Das Mädchen lächelte triumphierend sie hätten nicht in einem besseren Moment erscheinen können. Wilhelm blieb wie erstarrt stehen. Der Anblick Karls, der so nahe bei Brigitte stand und ihren Hals berührte, löste eine Welle von Eifersucht und Zorn in ihm aus.
Der Anhänger rutschte herunter und fiel zu Boden. Karl griff schon danach, aber Wilhelm kam ihm zuvor. Er hob ihn schnell auf und drückte ihn in seiner Hand.
Der Anhänger bleibt bei mir sagte er scharf, ohne den Blick von Karl zu lassen.
Was? Warum? fragte die überraschte Brigitte und erhob sich vom Stuhl.
Wilhelm griff in die Tasche und zog das Foto heraus, das er zuvor aus Karls Haus mitgenommen hatte. Er legte es auf den Tisch, vor Brigitte.
Denn du hattest recht sagte er ruhig, aber seine Stimme zitterte vor Anspannung. Das ist der Anhänger des Mädchens, das Renate getötet hat.
Brigitte beugte sich über die Fotografie. Sie zeigte eine Blondine, deren Gesicht sorgfältig ausgeschnitten worden war. Um den Hals trug sie einen identischen Anhänger wie den, den Brigitte getragen hatte.
Das das ist derselbe! flüsterte Brigitte schockiert. Aber warum hat jemand ihr Gesicht ausgeschnitten?
Ich weiß es nicht antwortete Wilhelm und schaute ihr direkt in die Augen. Aber eines weiß ich: Diese Frau war im Auto, als meine Schwester starb. Und jemand will ihre Identität um jeden Preis verbergen.
Eine Stille senkte sich, die schwer auf ihnen lastete wie eine Gewitterwolke. Karl schwieg, doch sein Gesicht verriet Unruhe. Und Brigitte starrte das Foto an und versuchte zu verstehen, in was sie gerade hineingezogen worden war.
***
Frieda gewann langsam das Bewusstsein in ihrem Krankenhausbett wieder. Im Licht der Neonröhren kniff sie die Augen zusammen. Ein Arzt beugte sich über sie, öffnete sanft ihre Augenlider und leuchtete mit einer Taschenlampe in die Pupillen.
Wie heißt du, Kind? fragte er ruhig, aber mit deutlicher Anspannung in der Stimme.
Frieda schaute sich um. Ihr Blick wanderte durch den Raum, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen.
Ich weiß es nicht antwortete sie verwirrt und atmete immer schneller. Wo bin ich?
Welchen Tag haben wir heute? hakte der Arzt nach.
Frieda runzelte die Stirn, schloss die Augen, als würde sie versuchen, sich an etwas Wichtiges zu erinnern.
Dienstag? Nein, warte vielleicht Sonntag? Sie saß bereits aufrecht. Oh Gott! Ich muss auf den Markt! Meine Schwester ist sicher schon aus der Schule zurück und hat Hunger. Bitte, lasst mich hinaus! Ich muss es vor Einbruch der Dunkelheit schaffen!
Sie sprang auf und versuchte aufzustehen, aber der Arzt und die Krankenschwester hielten sie schnell fest und drückten sie sanft, aber bestimmt zurück ins Bett.
Ruhig, du bist in Sicherheit. Der Arzt bemühte sich, einen sanften Ton anzuschlagen. Sag mir, welches Jahr haben wir?
Jahr? Frieda versuchte zu antworten, aber ihr Gesicht verzerrte sich vor Schmerz und Panik. Neunzehnhundertfünfzig? Nein neunzehnhundertneunundvierzig? Gott, ich erinnere mich nicht! Sie griff sich an den Kopf, Tränen stiegen ihr in die Augen. Ich erinnere mich an nichts! Aber ich weiß, dass ich zurück ins Dorf muss. Ich muss Pilze sammeln. Mutter und Schwester warten auf mich Sie haben Hunger. Lasst mich gehen, ich flehe euch an!
Ihre Stimme brach, und in ihren Augen erschien Verzweiflung. Der Arzt warf der Krankenschwester einen kurzen Blick zu, dann sagte er leise:
Ich werde Professor Müller von der psychiatrischen Abteilung kontaktieren. Wir müssen uns sofort um ihren Zustand kümmern.
Ja, Herr Doktor antwortete die Krankenschwester. Ich gebe ihr ein Beruhigungsmittel.
Nur vorsichtig fügte der Arzt hinzu, während er Frieda besorgt beobachtete. Sie spielt nicht. Sie ist verloren. Und sehr verängstigt.Vor vielen Jahren, in einer Zeit, die heute wie ein ferner Traum erscheint, lud Karl Brigitte zu einem Abendessen in ein elegantes italienisches Restaurant ein. Als das Mädchen das Haus verließ, stellte sich ihr Marianne in den Weg.
Man sagt, nur ein Diamant kann einen Diamanten schleifen warf die Professorin rätselhaft hin.
Verzeihung? Ich verstehe nicht.
Du bist noch jung lächelte die Frau. Glaub mir, Menschen verlieben sich nicht nur einmal im Leben.
Frau Marianne, ich schwöre, dass zwischen mir und Karl nichts geschieht.
Vielleicht noch nicht. Aber das bedeutet nicht, dass es so bleibt. Verschließe dein Herz nicht, Brigitte. Das Leben kann überraschen und manchmal bringt es das größte Glück dann, wenn man es am wenigsten erwartet.
Haben Sie auch einmal?
Nun Heinrich war nicht meine erste Liebe antwortete Marianne ruhig, und in ihren Augen erschien ein Schatten von Erinnerungen. Früher liebte ich jemanden anderen. Ich dachte, ich würde die Trennung nicht überleben, dass ich nicht ohne ihn atmen könnte. Dann kam Heinrich. Alles veränderte sich. Ich war glücklich. Wirklich glücklich. Darum wiederhole ich dir verschließe dich nicht. Die Liebe kann näher sein, als du denkst.
Ich dachte immer, Onkel Heinrich wäre Ihre erste Liebe
Weder er war meine erste, noch ich seine. Aber eines kann ich dir sagen: Die erste Liebe vergisst man nie.
Brigitte seufzte leise, dankte für das Gespräch und ging zu dem wartenden Auto vor dem Haus, in dem Karl saß.
Sofort nach ihrem Weggang erschien Elisabeth auf der Veranda. Sie starrte Marianne mit einem kühlen Lächeln an.
Hast du gerade beschlossen, die neue Mutter von Brigitte zu werden? Berätst du sie in Liebesangelegenheiten, teilst Geschichten, von denen du mir nie erzählt hast.
Ich habe es für Charlotte getan antwortete Marianne ohne einen Hauch von Zögern. Denn nur eines kann Brigitte und Wilhelm endgültig trennen.
Was genau meinst du?
Brigittes Liebe zu jemand anderem antwortete Marianne ruhig, aber bestimmt.
***
Frieda, verzweifelt nach dem Gespräch mit Günther, ging ziellos mitten auf der Straße. Ihr Gesicht war bleich, die Augen leer sie sah aus, als würde sie die Welt um sich herum nicht wahrnehmen.
Sie bemerkte das herannahende Auto nicht.
Quietschen von Reifen. Aufprall.
Schreie waren zu hören, jemand rief einen Krankenwagen.
Frieda lag regungslos auf dem Asphalt. Um sie herum sammelten sich Passanten. Eine der Frauen beugte sich über sie und suchte nach dem Puls.
Mädchen, hörst du mich? Hallo?!
Keine Antwort. Frieda rührte sich nicht einmal um einen Millimeter.
***
Helga näherte sich einer Lichtung im Wald, wo im Halbdunkel zwischen den Bäumen bereits Ludwig wartete. Seine Gestalt verschmolz mit den Schatten, aber sein Blick war kalt und aufdringlich.
Hier hast du zwei Millionen Euro sagte die Frau kühl und reichte ihm eine lederne Tasche, die mit Bargeld gefüllt war.
Der Blick richtete sich auf Bertha. Vom Haus aus war sie Helga gefolgt, hatte sie mit Entschlossenheit verfolgt. Nun versteckt in dichten Büschen, kaum zehn Meter weiter, schaute sie mit Unglauben.
Ludwig und dieses Geld Das ist mein Geld! flüsterte sie, mit Mühe ihre Gefühle beherrschend. Als sie sah, wie Ludwig die Scheine zählte, erschien in ihren Augen Zorn. Was für eine Frechheit sie zog ihr Telefon heraus und begann, alles heimlich zu filmen.
Inzwischen beendete Ludwig das Zählen des Geldes. Er lächelte boshaft.
Das ist alles. Wirst du uns jetzt endlich in Ruhe lassen? fragte Helga mit Anspannung in der Stimme.
In der Stille ertönte das Knacken eines gebrochenen Astes.
Ludwig wandte sich sofort um.
Hast du das gehört? Jemand ist hier. Ich habe dir gesagt, du sollst allein kommen!
Ich bin allein gekommen! antwortete Helga nervös. Niemand war bei mir, ich schwöre.
Ludwig glaubte ihr nicht. Vorsichtig bewegte er sich in Richtung des Geräuschs. Nach einigen Schritten schob er Äste beiseite und erblickte Bertha, die das Telefon hielt.
In seinen Augen erschien ein Funke der Wut. Er zog ein Messer aus der Tasche.
Also haben wir eine Spionin sagte er eisig. Weißt du, wenn man zu neugierig ist, kann man in große Schwierigkeiten geraten.
Bertha wich einen Schritt zurück, mit Mühe die zitternden Hände unter Kontrolle haltend.
Ludwig, lass sie in Ruhe sagte Helga scharf. Sei kein Idiot.
Zeig mir, was du in der Tasche hast warf Ludwig Bertha zu.
Lass mich in Ruhe! protestierte die Frau.
Antworte mir! Warum bist du hierher gekommen?! mischte sich Helga ein.
Was geht hier vor?! Was schmiedet ihr?! brach Bertha aus. Ich filme alles! Ich werde sofort die Polizei rufen!
Wir schmieden nichts! schrie Helga. Er hat mich erpresst! Er hat gedroht, Günther und Lotte zu töten. Deshalb habe ich ihm bezahlt!
Bertha griff in ihre Tasche nach dem Telefon.
Ich rufe jetzt die Polizei an und erzähle ihnen, was hier passiert.
WAG ES NICHT! brüllte Ludwig, das Messer hebend. Sonst töte ich dich!
HILFE! RETTUNG! schrie Bertha und versuchte zu fliehen.
LUDWIG, BESINNE DICH! schrie Helga und lief zu ihm.
Aber der Mann war bereits außer Kontrolle. Er stieß Helga so stark, dass sie zu Boden fiel.
Er richtete seinen wahnsinnigen Blick auf Bertha, die vor Angst zitterte.
Ich fange bei dir an zischte er. Und dann kommt Günther. Er wird dich ganz in Blut sehen. Und ich werde ihn auch töten!
Ludwig hob das Messer, bereit zum Stoß. Bertha schrie, versuchte sich zu schützen. Die Klinge näherte sich gefährlich, aber die Frau ergriff in letzter Sekunde sein Handgelenk. Sie rangen, kämpften um jede Bewegung, jeden Atemzug. Geschrei, schweres Atmen, die Spannung stieg
In einem Moment führte Bertha eine heftige Bewegung aus die Klinge drehte sich in ihren verschlungenen Händen und bohrte sich direkt in Ludwigs Brust.
Der Mann erstarrte. Auf seinem Gesicht erschien Überraschung, dann eine Grimasse des Schmerzes. Aus seinem Mund kam ein Röcheln, als wollte er etwas sagen, aber er schaffte es nicht. Er sank zu Boden wie ein durchschnittener Faden.
Helga war erstarrt. Sie näherte sich, legte mit zitternden Händen zwei Finger an seinen Hals. Stille.
Er ist tot sagte sie leise, bleich wie ein Leinentuch. Tot
Oh Gott OH GOTT! brach Bertha aus. Ich nicht! So nicht! Das war ein Unfall! griff sich an den Kopf, verfiel in Hysterie. Rufen wir einen Krankenwagen! Vielleicht lebt er noch! TU ETWAS!
Sei still! zischte Helga, packte sie an den Schultern und schüttelte sie. Schreie nicht so! Willst du, dass die ganze Welt es hört?! Willst du ins Gefängnis kommen?!
Ins Gefängnis?! schluchzte Bertha. Aber es war doch nicht absichtlich Du hast gesehen, ich habe mich verteidigt! Ich bin keine Mörderin!
Die Wahrheit spielt keine Rolle! Helga bohrte ihren Blick in sie. Die Polizei wird dir nicht glauben! Und wenn das herauskommt die Leute werden sagen, dass die Mutter von Günther eine Mörderin ist!
ICH BIN KEINE MÖRDERIN! protestierte Bertha verzweifelt. Krankenwagen! Polizei! Man muss etwas tun!
Frau Bertha, bitte Helgas Stimme wurde flehend, aber hart. Beruhige dich. Niemand muss davon erfahren. Nichts ist passiert. Verstehst du? NICHTS. IST. PASSIERT.
Aber er er liegt da Bertha zitterte am ganzen Körper.
Ihm können wir nicht mehr helfen. Aber du kannst dir noch selbst helfen. Komm. Er ist fort. Wir leben. Und nur das zählt jetzt.
Helga umarmte sie fest, als wollte sie mit Gewalt die Welt davon abhalten, auseinanderzufallen. Langsam führte sie Bertha durch den dichten Wald, weg vom Tatort. Hinter ihnen, unter den Blättern, lag der regungslose Körper Ludwigs. Seine Hand umklammerte noch krampfhaft das Messer.
Ein Geheimnis, das der Wald gerade verschluckt hatte, würde vielleicht nie das Tageslicht erblicken.
***
Günther, der durch einen dringenden Anruf von Lotte herbeigerufen worden war, stürzte atemlos ins Haus. Auf der Schwelle blieb er plötzlich stehen, als er sie mit einem Koffer an der Tür stehen sah. Ihr Gesicht war bleich, die Augen feucht, aber der Blick entschlossen.
Ich gehe sagte sie leise und drückte einen kurzen, fast tonlosen Kuss auf seine Wange. Ich will weder dir noch deiner Mutter weiter zur Last fallen. Leb wohl, Günther. Sei glücklich.
Lotte, was redest du da? sah er sie ungläubig an. Was hat das mit meiner Mutter zu tun?
Sie weiß von jener Nacht. Von allem, was zwischen uns passiert ist.
Günther wandte den Blick ab, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und massierte seinen Nacken.
Verdammt Wie hat sie es erfahren?
Sie hat den Brief gelesen, den ich an dem Tag hinterlassen habe, als als ich die Tabletten geschluckt habe.
Warte einen Moment seine Brauen zogen sich zusammen. Aber du hast doch gesagt, dass es kein Selbstmord war
Das habe ich gesagt, weil ich dich schonen wollte. Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Aber deine Mutter will mich nicht. Sie hat Angst, dass du mich heiratest. Und sie hat uns Geld angeboten. Mir und meiner Mutter. Im Austausch für mein Gehen.
Günther starrte sie schockiert an.
Was?! Sie hat euch GELD gegeben?
Ja. Aber wir haben abgelehnt. Ich hätte das nie angenommen. Deshalb gehe ich jetzt Für alle wird es so besser sein.
Lotte, du gehst nirgendwo hin griff er den Koffer und schob ihn beiseite. Ich werde das nicht zulassen. Ich werde nicht zulassen, dass du aus meinem Leben verschwindest.
Ich habe keine Wahl, Günther. Verstehst du? Meine Mutter weiß auch schon alles. Sie hat gesagt, ich hätte mir das Leben ruiniert und dass sie lieber sterben würde, als das zu hören. Wenn wir nicht heiraten, wird sie dir keine Ruhe lassen. Und deine Mutter hasst mich. Tante Helga sieht mich an wie etwas Unreines. Niemand will mich hier. Mein Gehen ist der einzige Weg, damit ihr alle Frieden findet.
Günther näherte sich ihr und sah ihr direkt in die Augen.
Lotte ich werde dich nicht verlassen. Wir werden einen Weg finden. Deine Mutter wird ihren Frieden wiederfinden, meine auch. Sie wird sich am Ende daran gewöhnen. Wir schaffen das.
Günther flüsterte sie, und in ihren Augen erschien ein Schatten der Hoffnung. Bedeutet das, dass wir heiraten werden?
Eine schwere Stille senkte sich. Lotte schaute ihn gespannt an, als würde sich ihr ganzes Leben in diesem Moment, in einem Wort, entscheiden.
Günther ergriff ihre Hand. Und in Lottes Kopf wie ein Tagtraum erklangen die Worte, die sie so sehr hören wollte. Worte, von denen sie nachts träumte, die sie im Herzen trug, die ihr Hoffnung gaben:
Nach jener Nacht konnte ich dich nicht vergessen. Ich habe mich in dich verliebt, Lotte. Du bist in meinen Gedanken, in meinem Herzen. Ich sehe dich überall. Ich liebe dich. Heirate mich. Sei meine Frau.
Aber das war nur Vorstellung. Der wahre Günther, der direkt neben ihr stand, sprach keines dieser Worte aus. Seine Stimme, als er endlich sprach, war kalt und leidenschaftslos:
Natürlich werden wir nicht heiraten, Lotte. Das können wir nicht. So etwas wird nie geschehen.
Die Stille, die danach eintrat, schmerzte mehr als die schlimmsten Schreie. Lotte senkte den Kopf, presste die Lippen zusammen und griff dann mit fast ritueller Langsamkeit nach dem Koffer. Ihr Schweigen sagte mehr als jede Träne.
***
Wilhelm stand etwas abseits und sprach am Telefon mit Siegfried. Zur gleichen Zeit lehnte sich Charlotte an das Auto und führte ebenfalls ein Gespräch, ihre Stimme war angespannt, und ihre Augen verfolgten nervös jede Bewegung Wilhelms.
Mutter, sag mir die Wahrheit sagte sie in den Hörer mit Unruhe. Wilhelm spricht die ganze Zeit am Telefon. Es ist Brigitte, nicht wahr? Er kontaktiert sie?
Nein, Liebes. Brigitte war die ganze Zeit bei mir. Ich habe nicht gehört, dass sie mit jemandem gesprochen hat antwortete die Mutter ruhig auf der anderen Seite.
Mutter, wenn du versuchst, mich nur zu beruhigen
Bei Gott, ich sage die Wahrheit! Brigitte ist mit Karl in das neue italienische Restaurant gefahren. Ich habe es ihnen selbst vorgeschlagen.
Auf Charlottes Gesicht erschien ein listiges Lächeln, kaum wahrnehmbar, aber voller Zufriedenheit. Sie legte das Telefon auf und nahm sofort, als wäre nichts gewesen, ihr strahlendstes Lächeln an. Als Wilhelm zum Auto zurückkam, sagte sie fröhlich:
Liebling, plötzlich habe ich Hunger. Ich habe so eine Lust auf Spaghetti! Ich habe gehört, dass in der Nähe unseres Hauses ein neues italienisches Restaurant eröffnet hat. Vielleicht fahren wir dorthin?
Wilhelm schaute sie überrascht an.
Aber du hast doch gesagt, dass du Kohlenhydrate wie das Feuer meidest. Dass sie dir schaden.
Ach Liebling, der Körper braucht manchmal eine Kohlenhydrat-Aufladung, wusstest du das nicht? lachte sie leicht und streichelte ihren Bauch. Außerdem als ich gerade Spaghetti sagte, hat sich das Kind bewegt! Ich denke, es hat auch Lust darauf.
Sie schaute ihm direkt in die Augen, als würde sie eine Herausforderung werfen. Und in ihrem Lächeln lag mehr als nur Appetit es war die Ankündigung eines Spiels, das sie bis zum Ende spielen wollte.
***
Karl und Brigitte kamen in dem eleganten Restaurant an. Sie hatten noch nicht betreten, als sich ein höflicher Kellner näherte und mit einem Lächeln vor Karl verbeugte.
Willkommen wieder, Herr Karl. Ihr Lieblingstisch wartet auf Sie.
Brigitte zog die Augenbrauen hoch, deutlich überrascht.
Also ist das nicht dein erster Besuch hier?
Ich komme oft mit dem Chef antwortete Karl gelassen, aber sein Blick wich irgendwohin zur Seite.
Ich hatte den Eindruck, dass du hier der Chef bist bemerkte sie mit einem leichten Lächeln. Mit solch einer Begrüßung
Vielleicht weil ich immer das Trinkgeld gebe. Der Chef kümmert sich nicht um solche Kleinigkeiten. Deshalb werde ich hier mehr geschätzt.
Sie setzten sich an einen gemütlichen Tisch. Karl warf heimlich einen Blick auf Brigittes Hals. Der an ihrem Dekolleté hängende Anhänger glänzte im Licht der Lampe. Er musste ihn bekommen. In der Tasche seines Jacketts wartete bereits eine identische Kopie. Er musste nur den richtigen Moment für den Austausch finden.
Brigitte, warte Dein Anhänger hat sich verschoben. Er wird gleich fallen.
Er stand auf, näherte sich von hinten und legte sanft die Hände auf ihre Schultern, griff nach dem Verschluss des Anhängers. Er versuchte ruhig zu bleiben, obwohl sein Herz immer schneller schlug.
In genau diesem Moment öffneten sich die Türen des Restaurants und Wilhelm und Charlotte traten ein. Das Mädchen lächelte triumphierend sie hätten nicht in einem besseren Moment erscheinen können. Wilhelm blieb wie erstarrt stehen. Der Anblick Karls, der so nahe bei Brigitte stand und ihren Hals berührte, löste eine Welle von Eifersucht und Zorn in ihm aus.
Der Anhänger rutschte herunter und fiel zu Boden. Karl griff schon danach, aber Wilhelm kam ihm zuvor. Er hob ihn schnell auf und drückte ihn in seiner Hand.
Der Anhänger bleibt bei mir sagte er scharf, ohne den Blick von Karl zu lassen.
Was? Warum? fragte die überraschte Brigitte und erhob sich vom Stuhl.
Wilhelm griff in die Tasche und zog das Foto heraus, das er zuvor aus Karls Haus mitgenommen hatte. Er legte es auf den Tisch, vor Brigitte.
Denn du hattest recht sagte er ruhig, aber seine Stimme zitterte vor Anspannung. Das ist der Anhänger des Mädchens, das Renate getötet hat.
Brigitte beugte sich über die Fotografie. Sie zeigte eine Blondine, deren Gesicht sorgfältig ausgeschnitten worden war. Um den Hals trug sie einen identischen Anhänger wie den, den Brigitte getragen hatte.
Das das ist derselbe! flüsterte Brigitte schockiert. Aber warum hat jemand ihr Gesicht ausgeschnitten?
Ich weiß es nicht antwortete Wilhelm und schaute ihr direkt in die Augen. Aber eines weiß ich: Diese Frau war im Auto, als meine Schwester starb. Und jemand will ihre Identität um jeden Preis verbergen.
Eine Stille senkte sich, die schwer auf ihnen lastete wie eine Gewitterwolke. Karl schwieg, doch sein Gesicht verriet Unruhe. Und Brigitte starrte das Foto an und versuchte zu verstehen, in was sie gerade hineingezogen worden war.
***
Frieda gewann langsam das Bewusstsein in ihrem Krankenhausbett wieder. Im Licht der Neonröhren kniff sie die Augen zusammen. Ein Arzt beugte sich über sie, öffnete sanft ihre Augenlider und leuchtete mit einer Taschenlampe in die Pupillen.
Wie heißt du, Kind? fragte er ruhig, aber mit deutlicher Anspannung in der Stimme.
Frieda schaute sich um. Ihr Blick wanderte durch den Raum, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen.
Ich weiß es nicht antwortete sie verwirrt und atmete immer schneller. Wo bin ich?
Welchen Tag haben wir heute? hakte der Arzt nach.
Frieda runzelte die Stirn, schloss die Augen, als würde sie versuchen, sich an etwas Wichtiges zu erinnern.
Dienstag? Nein, warte vielleicht Sonntag? Sie saß bereits aufrecht. Oh Gott! Ich muss auf den Markt! Meine Schwester ist sicher schon aus der Schule zurück und hat Hunger. Bitte, lasst mich hinaus! Ich muss es vor Einbruch der Dunkelheit schaffen!
Sie sprang auf und versuchte aufzustehen, aber der Arzt und die Krankenschwester hielten sie schnell fest und drückten sie sanft, aber bestimmt zurück ins Bett.
Ruhig, du bist in Sicherheit. Der Arzt bemühte sich, einen sanften Ton anzuschlagen. Sag mir, welches Jahr haben wir?
Jahr? Frieda versuchte zu antworten, aber ihr Gesicht verzerrte sich vor Schmerz und Panik. Neunzehnhundertfünfzig? Nein neunzehnhundertneunundvierzig? Gott, ich erinnere mich nicht! Sie griff sich an den Kopf, Tränen stiegen ihr in die Augen. Ich erinnere mich an nichts! Aber ich weiß, dass ich zurück ins Dorf muss. Ich muss Pilze sammeln. Mutter und Schwester warten auf mich Sie haben Hunger. Lasst mich gehen, ich flehe euch an!
Ihre Stimme brach, und in ihren Augen erschien Verzweiflung. Der Arzt warf der Krankenschwester einen kurzen Blick zu, dann sagte er leise:
Ich werde Professor Müller von der psychiatrischen Abteilung kontaktieren. Wir müssen uns sofort um ihren Zustand kümmern.
Ja, Herr Doktor antwortete die Krankenschwester. Ich gebe ihr ein Beruhigungsmittel.
Nur vorsichtig fügte der Arzt hinzu, während er Frieda besorgt beobachtete. Sie spielt nicht. Sie ist verloren. Und sehr verängstigt.




