Er war gerade mal 16 Jahre alt, als er sie mit nach Hause brachte. Das Mädchen, das schon seit Wochen deutlich schwanger war und ein Jahr älter als er. Liesel ging in dieselbe Berufsschule wie er, nur in einem höheren Jahrgang. Ein paar Tage lang beobachtete Lukas, wie die fremde Schülerin sich in eine Ecke drückte und leise weinte. Ihm fiel der sich rundende Bauch auf, die Kleidung, die sie schon zwei Wochen trug, und der leere, hoffnungslose Blick.
Wie sich herausstellte, kannte fast jeder ihre Geschichte. Der Enkel eines bekannten Unternehmers aus Berlin hatte etwas mit ihr angefangen und war dann einfach verschwunden, fuhr in einer dringenden Angelegenheit nach München. Seine Eltern wollten nichts von ihr wissen und sagten das offen. Ihre eigenen Eltern hingegen benahmen sich, als lebten sie noch im Mittelalter. Aus Angst vor der Schande warfen sie sie raus und zogen auf ihr Wochenendgrundstück. Die einen zeigten Mitgefühl mit Liesel, die anderen lachten hinter ihrem Rücken über sie.
Selber schuld, hätte sie mal mit dem Kopf gedacht.
Lukas konnte das nicht länger ertragen. Er überlegte kurz und sprach sie an. Es wird nicht leicht, hör auf zu schluchzen. Ich schlage vor, du ziehst zu mir und wir heiraten sogar. Aber ich sage es gleich, ich kann nicht lügen und werde nicht so tun, als wäre alles perfekt. Ich stehe einfach zu dir und verspreche, dass wir es schaffen.
Liesel wischte sich die Tränen ab und schaute den Jungen an. Was sollte man dazu sagen, ein ganz normaler Kerl ohne besonderen Glanz. Dabei hatte sie sich einen ganz anderen Mann erträumt. In ihrer Lage blieb ihr aber keine Wahl, also ging sie mit ihm.
Die Eltern waren schockiert, die Mutter flehte Lukas an, zur Vernunft zu kommen, doch er blieb fest. Mama, mach kein Theater, es wird schon irgendwie. Ich habe zwei Stipendien, ein normales und ein soziales. Ich jobbe nebenbei, wir kommen klar. Aber du wolltest doch studieren. Na und, wir kommen schon zurecht. Papa arbeitet sein Leben lang in der Fabrik, du im Supermarkt. Auch Leute ohne Studium kommen durchs Leben. Mama, das ist nicht das Ende der Welt.
Liesel zog in Lukas Zimmer. Er überließ ihr sein Bett und schlief selbst auf der unbequemen Schlafcouch. Ein paar Tage lang war sie sehr still. Wie ein Schatten folgte sie ihm Hand in Hand zur Schule und wieder nach Hause, bis sie eines Tages ausbrach. Ich habe genug, warum sehen deine Eltern mich so schief an, ich gefalle ihnen nicht. Und warum verbringst du keine Zeit mit mir, du hockst nur in deinen Büchern oder verschwindest irgendwo.
Lukas war verblüfft. Findest du das nicht normal. Klar, du gefällst ihnen nicht, aber sie haben dich aufgenommen und lassen dich in Ruhe. Deine eigenen wollen dich nicht mal mehr sehen. Und wo sind die Eltern vom Vater deines Kindes. Ich lerne, weil ich nicht nach dem ersten Jahr rausfliegen will und das Stipendium brauche. Verschwinde, weil ich nebenbei arbeite und keine Lust habe, weinerliche Serien mit dir zu gucken.
Liesel fing an zu weinen. Warum redest du so. Wie denn, ich habe gesagt, dass ich nicht lügen kann. Übrigens, wann gehen wir zum Standesamt. Ich kann nicht so hin, kauf mir ein schönes Kleid mit hohem Bund, damit man den Bauch nicht sieht. Wovon redest du, wir bringen eine Schwangerschaftsbescheinigung mit, wozu ein Kleid. Ich muss noch Geld für einen Kinderwagen und ein Bettchen sparen.
Die Mutter griff zum Baldrian, gewöhnte sich aber langsam an die Lage und warf immer öfter Blicke auf Babysachen. Es passierte ja nichts Schlimmes, sie sollten leben und heiraten, und sie mit dem Vater würden helfen, wo sie konnten. Nur war dieses Mädchen etwas undankbar, ständig unzufrieden mit Lukas, mit ihnen, mit der engen Wohnung. Vielleicht würde sie sich ändern, wenn das Kind da war.
Doch Liesel hatte nicht vor, sich zu ändern. Als Lukas schmutzig und müde von der Autowäsche kam und eine magere Katze mitbrachte, geriet sie in Rage. Du Dummkopf, wozu brauchen wir diese zerlumpte Katze, schaff sie raus, wirf sie aus der Wohnung. Lukas lächelte nur. Nein, sie ist schwanger, sie bleibt, also fang gar nicht erst an. Halt besser den Mund und wärm mir das Essen auf.
Ach ja, Liesel kreischte fast. Entscheide dich, entweder sie oder ich, dieses Vieh schaut mich auch schief an. Wozu, Lukas blickte sie ungläubig an. Das ist mein Zuhause und ich muss nicht wählen. Das ist meine Katze und wenn es dich stört, kannst du gehen. Sogar Mama hat mir keine solchen Bedingungen gestellt. Vielleicht solltest du aufhören, auf alle herabzusehen.
Liesel machte eine Szene, weinte und beneidete die dünne, vernachlässigte Katze. Woher hatte Lukas bei ihr einen Bauch gesehen. Aber der Bauch kam tatsächlich, die Katze war schwanger. Der Junge war müde, doch wann immer Mitleid ihn überkam, verdrängte er diese Gedanken. Irgendwie würden sie es schaffen. Liesel würde das Kind bekommen und sich beruhigen, und vorher würde die Katze für Ablenkung sorgen. Die flauschigen Kätzchen würden alle aufheitern.
Doch alles kam anders. Der Großvater, ein bekannter Unternehmer in Berlin, kehrte von einer langen Geschäftsreise zurück und erfuhr von allem. Er fand seinen Enkel, redete ihm ins Gewissen und erklärte, dass er ihn von der Kohle abschneiden würde, wenn der Urenkel in einer fremden Familie aufwüchse. Davor hatte der Junge große Angst.
Liesel fuhr noch am selben Tag mit ihm weg, ohne sich von Lukas zu verabschieden. Glücklicherweise hatte sie ihre Papiere dabei, sie wollte nach dem Unterricht zum Arzt. Auf ihre Sachen verzichtete sie, sie würden ihr neue kaufen. Und zu dieser billigen Berufsschule würde sie nie mehr zurückkehren.
Lukas war am Boden zerstört. Wie konnte sie das tun. Sie hatte sich nicht verabschiedet, nicht angerufen, kein Wort gesagt. Er warf all ihre Sachen weg und saß lange allein im Dunkeln, seine Katze im Arm. Die Katze verstand alles. Sie schmiegte sich leise an ihn, spürte, dass sie gebraucht wurde. Sie hatte Mitgefühl, schnurrte und tröstete ihn.
Lukas half selbst bei der Geburt, ließ die aufgeregte Mutter und den verwirrten Vater nicht zu der Katze. Er saß bei ihr, sprach sanft mit ihr und beruhigte sie. Er beobachtete, ob alles gut verlief, und hielt das Telefon bereit, um im Zweifelsfall den Tierarzt zu rufen. Alles ging gut, die Katze brachte vier Junge zur Welt. Lukas wechselte die Unterlage, brachte frisches Wasser und Futter. Er überprüfte noch einmal, ob alles in Ordnung war, und schloss erschöpft die Augen. Er spürte, wie das kleinste Kätzchen sich in seine Hand schmiegte, und dachte, dass Tiere manchmal mehr Dankbarkeit zeigen als Menschen.Er war gerade mal 16 Jahre alt, als er sie mit nach Hause brachte. Das Mädchen, das schon seit Wochen deutlich schwanger war und ein Jahr älter als er. Liesel ging in dieselbe Berufsschule wie er, nur in einem höheren Jahrgang. Ein paar Tage lang beobachtete Lukas, wie die fremde Schülerin sich in eine Ecke drückte und leise weinte. Ihm fiel der sich rundende Bauch auf, die Kleidung, die sie schon zwei Wochen trug, und der leere, hoffnungslose Blick.
Wie sich herausstellte, kannte fast jeder ihre Geschichte. Der Enkel eines bekannten Unternehmers aus Berlin hatte etwas mit ihr angefangen und war dann einfach verschwunden, fuhr in einer dringenden Angelegenheit nach München. Seine Eltern wollten nichts von ihr wissen und sagten das offen. Ihre eigenen Eltern hingegen benahmen sich, als lebten sie noch im Mittelalter. Aus Angst vor der Schande warfen sie sie raus und zogen auf ihr Wochenendgrundstück. Die einen zeigten Mitgefühl mit Liesel, die anderen lachten hinter ihrem Rücken über sie.
Selber schuld, hätte sie mal mit dem Kopf gedacht.
Lukas konnte das nicht länger ertragen. Er überlegte kurz und sprach sie an. Es wird nicht leicht, hör auf zu schluchzen. Ich schlage vor, du ziehst zu mir und wir heiraten sogar. Aber ich sage es gleich, ich kann nicht lügen und werde nicht so tun, als wäre alles perfekt. Ich stehe einfach zu dir und verspreche, dass wir es schaffen.
Liesel wischte sich die Tränen ab und schaute den Jungen an. Was sollte man dazu sagen, ein ganz normaler Kerl ohne besonderen Glanz. Dabei hatte sie sich einen ganz anderen Mann erträumt. In ihrer Lage blieb ihr aber keine Wahl, also ging sie mit ihm.
Die Eltern waren schockiert, die Mutter flehte Lukas an, zur Vernunft zu kommen, doch er blieb fest. Mama, mach kein Theater, es wird schon irgendwie. Ich habe zwei Stipendien, ein normales und ein soziales. Ich jobbe nebenbei, wir kommen klar. Aber du wolltest doch studieren. Na und, wir kommen schon zurecht. Papa arbeitet sein Leben lang in der Fabrik, du im Supermarkt. Auch Leute ohne Studium kommen durchs Leben. Mama, das ist nicht das Ende der Welt.
Liesel zog in Lukas Zimmer. Er überließ ihr sein Bett und schlief selbst auf der unbequemen Schlafcouch. Ein paar Tage lang war sie sehr still. Wie ein Schatten folgte sie ihm Hand in Hand zur Schule und wieder nach Hause, bis sie eines Tages ausbrach. Ich habe genug, warum sehen deine Eltern mich so schief an, ich gefalle ihnen nicht. Und warum verbringst du keine Zeit mit mir, du hockst nur in deinen Büchern oder verschwindest irgendwo.
Lukas war verblüfft. Findest du das nicht normal. Klar, du gefällst ihnen nicht, aber sie haben dich aufgenommen und lassen dich in Ruhe. Deine eigenen wollen dich nicht mal mehr sehen. Und wo sind die Eltern vom Vater deines Kindes. Ich lerne, weil ich nicht nach dem ersten Jahr rausfliegen will und das Stipendium brauche. Verschwinde, weil ich nebenbei arbeite und keine Lust habe, weinerliche Serien mit dir zu gucken.
Liesel fing an zu weinen. Warum redest du so. Wie denn, ich habe gesagt, dass ich nicht lügen kann. Übrigens, wann gehen wir zum Standesamt. Ich kann nicht so hin, kauf mir ein schönes Kleid mit hohem Bund, damit man den Bauch nicht sieht. Wovon redest du, wir bringen eine Schwangerschaftsbescheinigung mit, wozu ein Kleid. Ich muss noch Geld für einen Kinderwagen und ein Bettchen sparen.
Die Mutter griff zum Baldrian, gewöhnte sich aber langsam an die Lage und warf immer öfter Blicke auf Babysachen. Es passierte ja nichts Schlimmes, sie sollten leben und heiraten, und sie mit dem Vater würden helfen, wo sie konnten. Nur war dieses Mädchen etwas undankbar, ständig unzufrieden mit Lukas, mit ihnen, mit der engen Wohnung. Vielleicht würde sie sich ändern, wenn das Kind da war.
Doch Liesel hatte nicht vor, sich zu ändern. Als Lukas schmutzig und müde von der Autowäsche kam und eine magere Katze mitbrachte, geriet sie in Rage. Du Dummkopf, wozu brauchen wir diese zerlumpte Katze, schaff sie raus, wirf sie aus der Wohnung. Lukas lächelte nur. Nein, sie ist schwanger, sie bleibt, also fang gar nicht erst an. Halt besser den Mund und wärm mir das Essen auf.
Ach ja, Liesel kreischte fast. Entscheide dich, entweder sie oder ich, dieses Vieh schaut mich auch schief an. Wozu, Lukas blickte sie ungläubig an. Das ist mein Zuhause und ich muss nicht wählen. Das ist meine Katze und wenn es dich stört, kannst du gehen. Sogar Mama hat mir keine solchen Bedingungen gestellt. Vielleicht solltest du aufhören, auf alle herabzusehen.
Liesel machte eine Szene, weinte und beneidete die dünne, vernachlässigte Katze. Woher hatte Lukas bei ihr einen Bauch gesehen. Aber der Bauch kam tatsächlich, die Katze war schwanger. Der Junge war müde, doch wann immer Mitleid ihn überkam, verdrängte er diese Gedanken. Irgendwie würden sie es schaffen. Liesel würde das Kind bekommen und sich beruhigen, und vorher würde die Katze für Ablenkung sorgen. Die flauschigen Kätzchen würden alle aufheitern.
Doch alles kam anders. Der Großvater, ein bekannter Unternehmer in Berlin, kehrte von einer langen Geschäftsreise zurück und erfuhr von allem. Er fand seinen Enkel, redete ihm ins Gewissen und erklärte, dass er ihn von der Kohle abschneiden würde, wenn der Urenkel in einer fremden Familie aufwüchse. Davor hatte der Junge große Angst.
Liesel fuhr noch am selben Tag mit ihm weg, ohne sich von Lukas zu verabschieden. Glücklicherweise hatte sie ihre Papiere dabei, sie wollte nach dem Unterricht zum Arzt. Auf ihre Sachen verzichtete sie, sie würden ihr neue kaufen. Und zu dieser billigen Berufsschule würde sie nie mehr zurückkehren.
Lukas war am Boden zerstört. Wie konnte sie das tun. Sie hatte sich nicht verabschiedet, nicht angerufen, kein Wort gesagt. Er warf all ihre Sachen weg und saß lange allein im Dunkeln, seine Katze im Arm. Die Katze verstand alles. Sie schmiegte sich leise an ihn, spürte, dass sie gebraucht wurde. Sie hatte Mitgefühl, schnurrte und tröstete ihn.
Lukas half selbst bei der Geburt, ließ die aufgeregte Mutter und den verwirrten Vater nicht zu der Katze. Er saß bei ihr, sprach sanft mit ihr und beruhigte sie. Er beobachtete, ob alles gut verlief, und hielt das Telefon bereit, um im Zweifelsfall den Tierarzt zu rufen. Alles ging gut, die Katze brachte vier Junge zur Welt. Lukas wechselte die Unterlage, brachte frisches Wasser und Futter. Er überprüfte noch einmal, ob alles in Ordnung war, und schloss erschöpft die Augen. Er spürte, wie das kleinste Kätzchen sich in seine Hand schmiegte, und dachte, dass Tiere manchmal mehr Dankbarkeit zeigen als Menschen.




