Missverständnis
– Maria! Was ist denn das schon wieder! Maria! Komm mal her!
Ich, Irina, scheuchte die Nachbarsziege, zog mich aber sogleich zurück. Zora, so hieß das Tier, hatte ein Paar stattliche Hörner. Ein Stoß in die Seite und das Unheil wäre perfekt! Wie oft hatte ich Michael schon gebeten, das Loch im Zaun zu flicken? Aber er findet nie die Zeit! So bleibt mir jeden Abend fast nichts anderes übrig, als mich mit der Nachbarin zu streiten.
Warum abends? Nun ja, Maria arbeitet im Supermarkt, und wenn sie nicht da ist, schmeißt ihre Tochter Frieda den Haushalt. Was will man von einem Kind verlangen?
Frieda, gerade mal sechs Jahre alt, ist ein freundliches und pfiffiges Mädchen. Sie füttert schon die Hühner, kümmert sich um die Ferkel aber mit Zora wird sie nicht fertig. Allerdings, Maria selbst schafft es auch kaum. Diese verflixte Ziege lässt sich zwar melken, stellt danach aber regelmäßig das Dorf auf den Kopf. Mal hat sie die Tür der Veranda bei Maria aus den Angeln gerissen, mal Frieda auf den Baum gejagt, wo sie dann blieb, bis Michael von der Arbeit kam und das Kind herunterholte. Mich lässt Zora erst gar nicht in die Nähe.
Frieda sprang jetzt auf die Veranda, schnappte sich eine Weidenrute, die immer griffbereit an den Stufen lag, und stürmte über den Hof.
– Zora! Ab mit dir! Schäm dich! Was stellst du denn wieder an?
Die Ziege meckerte kurz, schielte mit ihren gelben Augen zum Mädchen hinüber und überlegte, ob es heute Zeit zum Handeln wäre. Frieda war nicht mehr klein. Die krummbeinige, zerschlissene Göre, die einst lautstark über den ganzen Hof schrie, hatte Zora beliebig herumgetrieben. Doch Frieda, die jetzt mit entschlossenem Griff die Rute schwang, hatte keine Angst mehr.
Zora stieß das Stück morsche Zaunlatte zur Seite, die sie ewig gestört hatte, reckte trotzig ihren Stummel-Schwanz und galoppierte Richtung Garten davon. Vielleicht entkommt sie so den drohenden Schlägen!
Ich sah Frieda nach, wie sie über die Beete sprang, und seufzte. Was das Mädchen schon alles ertragen musste… Was ihre Mutter sich wohl dabei gedacht hatte, sie in die Welt zu setzen? Und wozu? Um sie nicht bei ihrem Namen zu rufen, sondern mit dem Spitznamen, den das ganze Dorf benutzt Missverständnis?
Maria Klingemann, Friedas Mutter, war weithin als Dorfschönheit bekannt und das nicht nur hier, sondern auch in den zwei Nachbardörfern, die so nah lagen, dass man auch zu Fuß schnell die Verwandten besuchen konnte. Ein Spaziergang durch einen Buchenhain oder über die Felder brachte eine willkommene Pause von den alltäglichen Sorgen: Gemüsegarten, Tiere, Kinder immer war was zu tun. Es gab solche, die das Leben so nahmen, wie es kam, aber die meisten arbeiteten hart, um sich und den Kindern eine Zukunft zu sichern. Und wehe dem, der behauptete, hier könne man nicht gut leben! Alles wie bei anderen auch!
Marias Mutter dachte genauso. Katharina, eine bodenständige Frau mit kräftigen Händen, hielt ihre Kinder streng. Was sollte sie auch anderes tun, als Mutter von drei Söhnen ohne Mann? Nur Maria, die deutlich nach dem verschwenderischen Vater geboren wurde, verwöhnte sie so sehr, dass selbst die erfahrensten Nachbarinnen der Kopf schüttelten.
Die Brüder der älteste war sechzehn, als Maria geboren wurde hüteten die Schwester wie ein Zerbrechliches Porzellanpüppchen. Maria stolzierte durch das Dorf mit stolz erhobener Stupsnase. Wer es wagte, sie anzugehen, hatte die Brüder am Hals!
Katharina verwöhnte ihr Mädchen über alles, aber sie passte auch gut auf sie auf schließlich war Maria eine wahre Schönheit und niemandem ähnlich.
Lange zerbrach Katharina sich den Kopf, nach wem Maria geraten sei, bis Schwiegermutter den alten Fotoalbum mit Bildern von vor dem Krieg hervorholte.
– Sieh mal, nach meiner Großmutter, der Luise, kommt sie. Wie aus dem Gesicht geschnitten… Wunderschön war sie damals. Nur…
– Na, was? Katharina sah beunruhigt auf.
– Sie war ihr Leben lang nicht eine Stunde glücklich. Mit dem Mann unglücklich, zwei Söhne verloren, und der dritte wollte nichts mehr von ihr wissen. Sie starb alleine. Von ihren Kindern keiner da. Nur meine Mutter, und auch die war ja nur Stieftochter…
– Wie ist es dazu gekommen?
– Sie war zu gutherzig. Hat immer alle bemitleidet. Ihr Mann hat sie geschlagen, aber sie hats hingenommen und sich wieder aufgerichtet, hat trotzdem gesungen. Eine tolle Sängerin, wie mein Vater sagte. Der war kein freundlicher Mensch. Vielleicht, weil er mehr von seinem eigenen Vater hatte. Wer weiß das schon? Kaltherzig war er, das weiß ich. Selbst uns Kinder hat er nicht geliebt. Den Kontakt zu Großmutter verbo-ten, aber Mama schickte uns trotzdem zur Hilfe. Als er das erfuhr, hat er Mama verprügelt und uns auf dem Speicher zwei Tage eingesperrt. Erst als er wieder in die Stadt fuhr, ließ er uns runter.
– Warum war er so gegen seine Mutter?
– Eigentlich grundlos. Nach Vaters Tod musste er sein Studium in der Stadt abbrechen. Als Luise ihren Mann verlor, lag sie wochenlang krank. Niemand dachte, dass sie durchkommt.
– Wegen der Trauer?
– Fast. Ihr Mann hat sie vor seinem Tod verprügelt, weil sie eine Nachbarin und deren Kinder nach dem Brand aufgenommen hatte. Damals brannte das halbe Dorf nieder. Luises Haus stand am Hang, daher blieb es verschont. Sie rettete zwei Kinder aus dem Feuer, holte die Mutter dazu zu sich, bis sie wieder zu sich kamen. Kaum eine Woche später kam ihr Mann zurück früher als gewöhnlich. Rasend vor Wut schrie er, er arbeite nicht, damit sie alles verschenke. Sie schwieg, er prügelte sie. Dann zog er mit den Kumpeln in die Pferdeställe, dort hat ihn ein Wildpferd am Kopf getroffen er starb sofort. Luise fiel ins Koma, wachte erst nach einer Woche auf, sah ihren Sohn und weinte wieder tagelang stark.
– Was hat sie dann getan, dass ihr Sohn so zu ihr war?
– Nichts! Ihr Sohn hat ihr sein nie abgeschlossenes Studium, sein Leben in der Provinz und den Tod des Vaters übelgenommen. Er wusste insgeheim, dass er falsch lag, und wurde nur wütender. Vor ihrem Tod wollte er sich nicht von ihr verabschieden. Meine Mutter aber ließ nicht locker hat ihn grob zur Seite geschoben und die Schwiegermutter bis zuletzt begleitet. Als sie heimkam, sagte sie nur, dass, wenn er sie oder einen von uns noch einmal angreift, sie ihn rauswirft. Das tat sie dann auch. Die Brüder standen auf ihrer Seite. Drei Jahre lebte er als Einzelgänger, bis sich etwas in ihm wandelte. Sie versöhnten sich, verbrachte die letzten Jahre gemeinsam, aber er war ein anderer ruhig, reuig, verbrachte viel Zeit in der alten Dorfkirche. Ob es half? Wer weiß das schon…
Diese Familiengeschichte behielt Katharina für sich. Sie achtete streng auf die Söhne, damit sie nie auch nur in die Nähe von Grausamkeit oder Kälte kamen. Aber bei Maria… hatte sie nicht genügend Augenmerk auf Mitgefühl gelegt. Trotz allem war Maria nicht böse eher härte und Gleichgültigkeit, als hätte sie mehr davon, als das ganze Dorf je brauchen könnte.
Schlank, groß, ging sie wie ihre Mutter nur fehlte es ihr an jeder Grobheit. Wenn Maria ging, schien sie zu schweben. Ihre tiefen Augen, wie die ihres Vaters, reichten aus, um die Jungs im Umkreis in den Wahnsinn zu treiben.
Maria wä hte lange. So lange, dass man schon tuschelte, wieso sie zögere wo sie doch jeden Jungen haben könnte. Doch sie schwieg. Und dann als sie sich entschied, staunte das Dorf.
Ihr Auserwählter war ein Zugezogener, ein Tierarzt namens Klaus, der mit Frau und zwei Kindern ins Nachbardorf zog. Was Maria an ihm fand? Wer weiß das schon. Nicht attraktiv, sommersprossig, die Beine krumm wie ein Bauer nach dem Melken dazu verheiratet! Was für ein Skandal in Gottes Namen!
Doch Maria ließ sich nicht beirren. Sie hielt den Kopf hoch, auch als ihre Brüder schimpften, aber sie verteidigten sie stets gegen anderen.
Katharina wusste keinen Rat. Reden half nicht. Ihren Schwiegersohn beschämen? Er lachte nur, bog ein Hufeisen mit den Händen und fragte:
– Sonst noch Wünsche?
Katharina bog das Hufeisen zurück und knallte es ihm an die Stirn, verließ die Stallungen und weinte: Was hatte sie für ein Los! Was würden die Leute sagen? Dass sie als Mutter versagt hatte? Und wer hätte ihr zugehört?
Am Abend stürzte Maria zu ihr ins Haus, wütend, und rief schon an der Tür:
– Mein ganzes Leben hast du ruiniert! Ich verzeihe dir nie! Für mich gibt es euch nicht mehr! Komm mir bloß nicht zu nahe!
In das alte Großvaterhaus, längst leerstehend, zog Maria, wie sie war im Sommerkleid und abgewetzten Sandalen. Dass sie schwanger war, erfuhr Katharina erst Monate später, als die ältere Schwiegertochter Gerda zu ihr kam, um auszuhelfen und lange schwieg, bevor sie es herausbrachte:
– Mama, Maria bekommt ein Kind. Im Frühling müsste es da sein…
Katharina sank verstört auf den Schemel. Wie konnte das sein? Was tun?
Ihr Schock hielt nicht lang. Sie band sich den Finger ab, schlüpfte in Hausschlappen und Schürze und ging zur Tür.
Die Nachbarinnen machten stumm Platz, niemand wagte ein Grußwort.
Die alte, abgewetzte Haustür gab zögernd nach, als Katharina eintrat. Ihr Kind litt sie auch.
Maria lag im Bett, zum Fenster gedreht, drehte sich nicht um, als sie die Schritte hörte. Katharina setzte sich zu ihr, schob die Tochter beiseite, nahm sie wortlos in den Arm, küsste ihre zerzausten Haare und flüsterte:
– Was meinst du, was es wird?
Maria schluchzte und antwortete leise:
– Ein Missverständnis… genau wie sein Vater…
Katharina drehte Maria ruckartig zu sich und rief:
– So nicht! Ihr habt es nicht geschafft, ja. Aber gib dem Kind keine Schuld! Hast du es nicht gewollt? Wurdest du gezwungen? Nein! Es war auch schön, nicht wahr? Und jetzt?
– Mama, er hat mich verlassen… Er hat eigene Kinder, sagt er. Und was ist mit meinem?
Maria versank an Mamas Schulter wie früher als Kind.
– Dann ist er es nicht wert! Heul nicht, mein Mädchen! Hauptsache, du und unser Enkel habt ein Zuhause. Ihr lebt nicht am Rand, sondern mittendrin!
Maria schaute durch Tränen zur Mutter auf und lachte zaghaft.
– Wie war er denn eine Eiche, Mama? Eher ein Kümmerling und das auch noch ohne Herz… Was, wenn das Kind nach ihm gerät?
– Niemals! Es wird ganz nach uns! Hab keine Sorge!
Doch Katharinas Zuversicht trog Frieda glich dem Vater wie ein Ei dem anderen. Nur die Augen Marias tiefer, endloss blauer Blick waren in Frieda zu erkennen.
Das Baden hinter der Flussbiegung war Kindern strengst verboten. Doch ab und zu passierte es, dass jemand doch planschte und dann heulte das ganze Dorf auf.
Wie es kam, dass Katharina zu jener Stelle gelangte, erfuhr man erst einen Monat nach ihrem Tod. Man hatte gesehen, wie sie, von der Molkerei kommend, den Weg plötzlich verließ, kopfüber den Hang herunterstürzte. Die Frauen, die hinter ihr gingen, schrieen auf und rannten los. Der kleine Sebastian Schlüter, den Katharina im letzten Moment noch am Haarschopf packte und ans Ufer warf, flüchtete panisch zu der alten Nachbarin im Nachbardorf. Dort blieb er bis abends, dann kehrte er heim, legte sich nach väterlicher Strafe ins Bett und konnte die Angst in Katharinas Augen nicht vergessen.
Seiner Mutter gestand Sebastian erst Wochen später, was geschehen war als ihn die Schuldgefühle so plagen, dass er sogar nachts davon träumte.
Seine Mutter hörte zu, wurde still, band ihr schwarzes Kopftuch, nahm ihn an die Hand und führte ihn zu Maria.
– Deine Mutter hat mein Kind gerettet. Ihnen gebührt ewiger Dank. Gott hab Katharina selig…
Maria, vom Leid gezeichnet, schaukelte Frieda auf ihrem Schoß, die seit Großmutters Tod nicht mehr aufgehört hatte zu weinen.
Sebastian trat zögernd näher an Maria heran, berührte Friedas kleine Faust:
– Muss sie denn so schreien? Schon ganz blau im Gesicht…
Frieda verstummte zum ersten Mal seit Tagen, öffnete den Griff und hielt Sebastians Finger fest.
– Stark… Sebastian verzog das Gesicht, sah Maria an. Es tut mir leid…
Seitdem war Sebastian Friedas Babysitter. Er besuchte Maria an jedem Ferientag morgens, nachmittags nach der Schule. Frieda empfing ihn geschäftsmäßig:
– Hände waschen! Ich habe Hunger!
Unter Sebastians Fittichen lernte Frieda ihre ersten Streiche, und Maria griff öfter zur Rute:
– Missverständnis, was soll ich nur mit dir machen!
Nach Friedas Geburt gab es ein wenig Dorfgeflüster, doch bald verstummte alles, die Trauer um Katharina war größer.
Maria versöhnte sich mit ihren Brüdern am Tag von Katharinas Beisetzung. Seitdem lebte sie besonnener, denn sie spürte noch mehr zu verlieren wäre auch für sie das Ende.
Frieda wurde praktisch, fleißig und wollte auf keinen Fall ihrem Spitznamen gerecht werden. Maria sah in ihrer Tochter immer wieder Vaters Züge und das schmerzte.
Vater Klaus, längst fortgezogen, hatte sich nach einigen Auseinandersetzungen endgültig aus dem Staub gemacht. Die Frau hatte ihre Koffer gepackt und war samt Kindern zur Mutter gezogen, dem Wüstling einen Klaps dagelassen aber immerhin die Rückkehr nicht ausgeschlossen. Klaus versuchte, beim alten Leben wieder Fuß zu fassen, aber um Frieda kümmerte er sich nie.
Mit sechzehn war Frieda zur jungen Frau herangewachsen und verkündete, dass sie unbedingt Medizin studieren werde.
– Missverständnis, wohin willste? In die Stadt? Allein? Wen brauchst du da du gehörst doch hierher!
Aber Frieda ließ sich nicht beirren. Die Onkel riefen einen Familienrat ein und unterstützten sie eindeutig. Maria blieb nichts übrig, als sich zu fügen.
Sebastian, der Frieda immer und überall beistand, zögerte:
– Willst du das wirklich, Frieda? Überlegs dir vielleicht noch?
– Was gibts da zu überlegen? rief Frieda aus. Ich will Menschen helfen! Verstehst du das? Deine Mutter, deren Füße sich nach dem Schlaganfall nicht mehr bewegen. Opa Peter, der langsam seine Enkel vergisst. Tante Anni, die zur Tochter will und nicht zur Last sein möchte. Veronika, die ihr drittes Kind erwartet und es kaum noch schafft. Wer hilft denn diesen Leuten? Fast fünfzig Kilometer ins nächste Krankenhaus und Notarzt kommt eh nie! Die Landpraxis hat längst geschlossen, weil niemand arbeiten will. Also nein, Sebastian, halt mich nicht auf! Ich hab meine Entscheidung getroffen!
Sebastian, der ahnte, dass Frieda wohl nicht mehr zurückkommen würde, nahms schwer und verabschiedete sich nicht einmal. Er lief ans Ufer zurück, dorthin, wo Katharina ihn einst aus dem Wasser zog, und blieb lange sitzen, ärgerte sich darüber, dass er Frieda nie sagen konnte, was er eigentlich für sie empfand.
Diesen Spruch der Mutter, Missverständnis, hörte Frieda oft während des Studiums. Schon mal fiel sie durch eine Prüfung obwohl sie mehr wusste als die ganze Lerngruppe. Nach einer schlaflosen Nachtschicht in der Uniklinik blickte sie mit ihren blauen Augen hilflos ins Nichts, wenn der Professor sie etwas fragte.
Mal kam sie in letzter Minute ins Seminar und sorgte für Gelächter bei Kommilitonen und Profs, die dann gleich eine Vorlesung darüber hielten, dass falsch herum angezogene Kleider auf eine feine Seele schließen lassen, aber auch auf seelische Flexibilität.
Das alles hinderte Frieda nicht am Lernen. Nach dem Examen packte sie die Koffer, verabschiedete sich von Freundinnen, die bei ihren Plänen nur mit dem Kopf schüttelten, und fuhr heim.
Maria, am alten Küchentisch beim Kartoffelschälen, wandte sich zur knarrenden Tür, schnitt sich, wie früher Katharina, in den Finger und weinte:
– Frieda…
Frieda seufzte, schüttelte den Kopf, warf die Tasche zu Boden, griff zum Jodfläschchen im Schrank und fragte:
– Gibts eingelegte Gurken? Ich brauch Bratkartoffeln mit deinen knackigen Gurken! Und hör auf zu heulen, Mama! Ich bin doch zurück!
Den Heiratsantrag machte Frieda später selbst.
– Also, Herr Schlüter, wollen Sie mich endlich heiraten oder nicht? Wann ist Hochzeit?
Und fünf Jahre später legt Maria das jüngste Enkelkind auf der Veranda schlafen, herrscht den älteren zur Ruhe an, winkt mir verschwörerisch und flüstert:
– Komm, wir trinken einen Tee! Ich hab gestern Erdbeermarmelade gekocht so lecker, dass ich fürchte, die Vorräte überleben den Winter nicht. Frieda kam gestern nach der Schicht heim und hat fast ein halbes Kilo allein gegessen.
– Bekommt sie wieder Nachwuchs?
– Wie kommst du drauf?
– Naja, bei so einem Heißhunger… Und die Kinder werden immer hübscher ganz die Großmutter.
– Hauptsache, sie sind glücklich! Wie ihre Mutter… Vielleicht schaffen wir es diesmal, dass Licht und Liebe die Familie bestimmen?
– Was heißt vielleicht, Maria? Weißt du, manchmal denke ich, in deinem Alter solltest du wissen, dass ihr längst alles zum Guten gewendet habt spätestens, seit es Frieda gibt! In ihr steckt so viel Licht, dass es für alle drei Dörfer reicht! Niemand nennt sie Missverständnis, alle sagen Frau Frieda Klingemann, sogar die Alten. Und wie sie geachtet wird! Du solltest stolz sein, Maria! Schau nicht zurück. Da gibts nichts mehr für dich oder für Frieda. Erinner dich ans Gute das Schlechte brauchen weder du noch sie. Oder die Kinder, die zum Glück keine Ahnung davon haben, wie schwer es sein kann im Leben. Wenn man nur das Gute kennt, wie soll man da das Schlechte in sich tragen? So! Gieß mir noch was ein! Die Marmelade ist wirklich ein Gedicht. Morgen schick ich meine Rasselbande aufs Erdbeerfeld kannst du mir dann den großen Eimer leihen? Heuer ist die Ernte kaum zu fassen!
Maria nickte, griff nach der Kanne, lauschte und lächelte.
– Luise ist wach.




