Die Decke
Und? Ihr streitet wirklich überhaupt nie? fragte Gudrun und zog das Sonnendach des Kinderwagens zurecht, während sie Johanna aufmerksam musterte.
Ach, warum nicht? Manchmal passierts schon. Wir sind schließlich Menschen, keine Maschinen. Da gibts auch mal Streit und danach wird geschmollt, erwiderte Johanna, beugte sich über den Kinderwagen, um das leichte Deckchen ihres Sohnes geradezurücken, und ließ sich dann bequemer auf der Bank nieder. Sie schloss die Augen, als die Sonne ihr sanft über die Wange streichelte. Herrlich, endlich ist es warm geworden. Mit dem Dauerregen war der Sommer ja kaum erkennbar.
Doch Gudrun, deren Alltag eher einer ständigen Schlacht glich mal ein Stellungskrieg mit der Schwiegermutter, dann wieder Wortgefechte mit ihrem Ehemann wollte das Gesprächsthema nicht so leicht aufgeben.
Und wie schafft ihr das dann?
Wir haben da so einen kleinen Trick. Den haben wir uns schon zu Beginn überlegt, als wir zusammengezogen sind. Genau genommen stammt die Idee nicht mal von uns, aber das ist doch egal, oder? Wir waren beide nie besonders scharf darauf, Konflikte bis ins Letzte auszudiskutieren. Meist lebt es sich ja friedlich, bis schwupps! irgendwas passiert, vielleicht nur eine Kleinigkeit, aber es scheint plötzlich riesengroß. Dann sitzt man da mit tausend Vorwürfen, von denen die meisten völlig grundlos sind. Ach, die Jungen
Und jetzt seid ihr alt? Gudrun lachte und betrachtete Johanna forschend. Du hast ja kaum eine Falte! Ich dagegen? Unfassbar, dass ich mich ohne Schminke überhaupt noch raustraue ich seh dann aus wie die Hexe Babajaga!
Ach Gudrunchen. Ich schlafe nachts. Naja, zumindest dreimal die Woche, das reicht schon.
Wie das? Und das Baby?
Johannas Miene wurde ernst.
Das übernimmt mein Mann. Steht nachts auf und füttert unseren Kleinen. Er wird nicht gestillt. Ich hätte so gern selbst gestillt aber es ging nicht.
Warum denn?
Johanna öffnete die Augen und blickte nachdenklich in die Ferne.
Was war nicht alles in den vergangenen Jahren passiert Dinge, an die man gern zurückdenkt, und die einen auch heute noch wärmen. Aber der Preis war hoch, oft waren Leid und Kummer ihre täglichen Begleiter. Johanna, einst der verwöhnte Liebling ihrer Eltern, hatte kämpfen müssen, um nicht den Mut zu verlieren.
Zuerst war die Mutter gegangen gerade, als Johanna sie am dringendsten brauchte Dann der Vater Die beiden waren wie ein Herz und eine Seele. Lebten füreinander. Johanna hatte es erlebt: Ihre Mutter, die liebevoll den Kopf schüttelte, wenn ihr Mann nach dem Dienst auf dem Sofa eingeschlafen war. Dann deckte sie ihn vorsichtig mit einer Wolldecke zu, weil er wieder mal nicht bis ins Bett, geschweige denn ins Bad geschafft hatte die langen Stunden im OP hatten ihn erschöpft. Wer hält schon solche Schichten durch?
Dann wieder Mutter, die Vater mit einer Handvoll Walderdbeeren zum Strahlen brachte, und sie gleich aus seinen Händen aß, dabei jedes Mal zärtlich sein Handgelenk küsste.
Oder Vater, wie er die in Mutters Haaren verfangenen Zweiglein der alten Weide entfernte, unter der sie oft gemeinsam zum Angeln saßen. Er hielt den Zweig einen Moment lang fest, sah Mutter in die Augen und sie standen manchmal minutenlang einfach nur so da. Damals wagte Johanna kaum zu atmen, um das goldene Glück, das die beiden zu umhüllen schien, nicht zu vertreiben. Sie sah es so deutlich, dass sie heute noch schwört, es existierte!
Und der Glanz dieser Erinnerungen wärmte Johanna noch immer auch wenn die, von denen das Licht ausging, längst nicht mehr bei ihr waren. Der Vater konnte nicht damit leben, dass seine Liebe als Erste gegangen war. Er rang um sie, aktivierte alle Kontakte im Krankenhaus, warf sein ganzes Können in die Waagschale. Doch der beste Chirurg der Stadt nicht einmal er konnte sie retten. Sie war für ihn wie Luft, ohne die man eben nicht leben kann
Johanna hatte oft gehört, Liebe käme aus dem Herzen. Aber sie wusste, dass das Herz von der Liebe lebt. Nimmt man sie fort, bleibt das Herz stehen. Genau das war ihrem Vater passiert.
Leise seufzte sie, als sie sich daran erinnerte, wie ihre Großmutter ihr nach Vaters Tod beim Kofferpacken half.
Johannchen, die Fotos musst du aber mitnehmen.
Nein!
Wieso?
Erschrocken zuckte die Großmutter zusammen, und Johanna riss sich zusammen.
Sie gehören hierher. Ich weiß nicht, wie ichs erklären soll! Ich erinnere mich an sie ganz anders. Lebendig, echt auf den Fotos sind sie nicht so. Oma, lass die Bilder erstmal hier, ja? Später
Später zog sich lange hin.
Johanna wohnte fortan bei ihrer Oma. Zunächst studierte sie, dann fand sie eine Stelle nichts Großartiges, aber sie bezahlten pünktlich und für Nürnberger Verhältnisse war das Gehalt ordentlich. Sie musste bleiben, denn Oma wurde immer gebrechlicher, und als Johanna das Studium beendete, war die alte Frau bereits bettlägerig.
Johannchen, bring mich ins Heim! Du bist jung! Du solltest das Leben genießen!
Ach, hör doch auf! Ich geb dich nirgendwo hin. Magst du Suppe? Ich hab Frische gekocht!
Wann schaffst du das nur immer alles?
Keine Ahnung, Johanna zuckte die Achseln, blies auf den Löffel und reichte ihn der Oma.
Wie es ihr gelang, wusste sie selbst nicht so recht. Unterstützung kam von Frau Meier, der Nachbarin, die ihre Hilfe völlig uneigennützig anbot und sich strikt weigerte, Geld dafür anzunehmen.
Mir ist das unangenehm! protestierte Johanna oft. Sie tun so viel für uns!
Ach, Kindchen, was redest du! Was tu ich denn schon großartig und uneigennützig bin ich auch nicht! Frau Meier zwinkerte verschmitzt. Ich bin allein, weißt du. Wer bringt mir sonst mal ein Glas Wasser ans Bett, wenns soweit ist? Alles mit Blick in die Zukunft!
Es war auch Frau Meier, die ihr half, als Oma starb.
Ach, du liebe Zeit! Was das Schicksal dir alles zumutet! Erst die Eltern, jetzt die Oma Aber weißt du, Johannchen, so viel Kummer kann keinen Menschen treffen, ohne dass das Schicksal sich erbarmt. Du wirst genauso viel Glück erhalten, wie du Leid erfahren hast das ist das Gesetz des Lebens. Wo etwas verschwindet, kommt anderswo etwas hinzu.
Wenns nach Ihren Worten geht, Frau Meier Aber wo ist das Glück?
Johanna, mit verweinten Augen und dem schwarzen Schal, den ihr eine Nachbarin lieh, saß zusammengesunken in der Küche, die Knie ans Kinn gezogen, und alles kam ihr seltsam farblos vor wie von einem nassen Lappen ausgewaschen. Einziger Lichtblick war das Bild von Oma, das irgendwer auf den Tisch gestellt und mit einem schwarzen Band versehen hatte. Auf dem Foto jung und schön, griff Johanna plötzlich danach, löste das Band und warf es ruckartig zur Seite.
Ja, mein Kind, ja. Solange du sie im Herzen trägst, bleiben sie lebendig. Lass sie schön und jung bleiben! Du ähnelst ihr sehr. Sieh mal, dieselben Augen, dasselbe Lächeln! Und der Charakter du bist ganz wie sie! Ich habe deine Oma länger als fünfzig Jahre gekannt ein besserer Mensch ist mir nie begegnet.
Frau Meier bekreuzigte sich und umarmte Johanna. Und dann kamen Tränen, diesmal leichte, heilsame.
In Omas Wohnung wollte Johanna nicht bleiben. Sie packte ihre Sachen und zog zurück in die elterliche Wohnung. Sie erinnerte sich genau daran, wie sie das erste Mal wieder die Tür öffnete, die leere, aufgeräumte Wohnung betrat die Mieter waren ausgezogen und lauschte. Nichts Keine Spur von denen, die hier einst gelacht, gesungen und geliebt hatten. Leere
Diese Leere vermochte sie nicht zu füllen. Sie fand rasch eine Arbeit; es war nichts Besonderes, aber der Lohn kam pünktlich und für Münchner Verhältnisse war es nicht wenig was wollte man mehr am Anfang? Dennoch sie fürchtete sich davor, heimzugehen. Stille und Einsamkeit machten ihr Angst. Sie ließ den Fernseher laufen, doch half das wenig. Am Abend rauszugehen traute sie sich sowieso nicht, und Freunde hatte sie keine. Mit den Schulkameraden von einst war sie längst nicht mehr in Kontakt.
Nach einigem Nachdenken beschloss Johanna, Frau Meier zu besuchen.
Komm doch zu mir, zieh zu mir, sagte sie.
Ach Kindchen! Was soll ich bei dir, altes Mädchen? Du bist jung, wirst jemanden kennenlernen, dich verlieben, und das Leben haben!
Ach, das ist doch noch ewig hin! Aber ich fühl mich so schlecht Ich habe Angst, allein zu sein. Ich höre immerzu Omas Stimme in den Räumen, koche ihre Lieblingssuppe und Klößchen aber essen kann ichs nicht, weil sie nicht mehr da ist.
Ach, mein liebes Mädchen! Frau Meier wischte Johanna die Tränen ab und schloss sie in die Arme. Nicht weinen! Weißt was? Ich komm mit. Wohn eine Zeit bei dir, bis alles wieder in Ordnung ist. Aber gib mir ein paar Tage zum Packen, ja? Ich bin ja nicht allein, hast du nicht vergessen?
Johanna lächelte durch die Tränen und streichelte Frau Meiers Katze Minna, die sie vielsagend ansah und dann die Augen schloss als stimme sie zu.
So kamen zwei neue Mitbewohnerinnen in Johannas Wohnung. Von nun an musste sie sich abends nicht mehr überwinden, in die dunkle, leere Wohnung zu gehen. Minna schien es instinktiv zu spüren, wenn Johanna heimkam, wartete schon an der Tür, miaute zur Begrüßung kurz, strich ihr um die Beine und lief dann voran zur Küche, um Frau Meier zu melden, dass Johanna zurück war.
So verging fast ein Jahr, bis Johanna Mark traf.
Markus, nannte seine Mutter ihn liebevoll, war ein wunderbarer Mensch. Ein Mathematiker, und das sagte eigentlich alles: eine seltene Mischung aus Zerstreutheit und Genie. Entweder er steckte tief in seinen Formeln, so dass er um sich nichts mitbekam, oder stand schielend da und suchte den Bleistift, der direkt vor seiner Nase lag. Aber Johanna sah er immer und blickte sie so an, wie einst ihr Vater ihre Mutter ansah.
Dieser Blick genügte. Johanna verlor schon da ihr Herz und die Hochzeitsvorbereitungen begannen. Frau Meier, die sie beobachtete, wie sie vor lauter Verliebtheit kaum noch den Boden berührte, wischte sich heimlich eine Träne aus dem Augenwinkel und half bei allem.
So. Alles fertig
Frau Meier zupfte Johannas Brautschleier zurecht und betrachtete die Fotos, die endlich ihren Platz an der Wohnzimmerwand gefunden hatten.
Wie schade, dass deine Eltern und Oma dich heute nicht sehen können! Aber weißt du was?
Was denn? Johanna reckte den Kopf, um nicht loszuheulen.
Sie sehen dich! Und sie wissen, dass es dir gut geht wirklich!
Frau Meier! Der Make-Up!
Markus Eltern waren Johanna gegenüber eher reserviert. Beschäftigte Leute, ein komplizierter Charakter Glück im Unglück, dass Johanna eine eigene Wohnung hatte, so mussten sie von Anfang an nicht unter einem Dach leben.
Ich werde gehen, Johannchen, sagte Frau Meier eines Abends beim Teetrinken, während Johanna gerade Markus geliebte Maultaschen zubereitete.
Wohin denn? fragte Johanna, ohne das Kneten zu unterbrechen.
Nach Hause. Ihr braucht mich nicht mehr. Ihr seid jetzt zu zweit.
Kommen Sie ja nicht auf so eine Idee!
Kind, als Dritte im Bund das ist nicht richtig, dass ich mit euch unter einem Dach wohne.
Unsinn, Frau Meier! Sie haben mir Mutter und Oma ersetzt! Was würde ich denn ohne Sie machen? Von wegen überflüssig! Außerdem für Mathematik muss man kein Markus sein: Wir sind doch bereits zu dritt. Mit Minna sogar zu viert! Damit wischte sich Johanna die Hände ab, packte Frau Meier an den Handgelenken und sah ihr fest in die Augen. Ich lasse Sie nicht gehen! Ganz sicher nicht! Und nicht, weil ich Ihre Hilfe brauche. Ich glaube, ich kann das alles schon allein. Aber ich möchte, dass mein Kind eine Oma hat eine richtige, eine geliebte, so, wie ich sie hatte
Ach, Mädchen Weißt du eigentlich, was du mir damit schenkst? Eine Familie Das ist
Markus tauchte in der Küche auf, blinzelte durch die Brille und fragte besorgt:
Gibts hier Wasserschaden? So wie ihr flennt, wird’s bald nötig!
Johanna küsste ihn auf die Nasenwurzel, setzte ihm die Brille wieder auf und schob ihn freundlich hinaus.
Geh, mein Guter! Gleich ist alles fertig. Wir müssen noch ein bisschen allein reden, ja?
Johannas ältester Sohn kam pünktlich zur Welt.
Ein echtes Mathematikerkind! lachte Frau Meier, als sie den kleinen Ludwig energisch wickelte. So genau auf den Tag, unglaublich!
Johanna, die gerade rechtzeitig zu Weihnachten entlassen worden war, bereitete den Tisch und freute sich: Alles ist gut, alles ist schön. Markus’ Eltern würden kommen, den Enkel kennenlernen
Doch die Freude war einseitig. Die Eltern von Markus kamen tatsächlich zum Weihnachtsessen und um das neue Familienmitglied zu betrachten. Doch es wurden exakt zehn förmliche Minuten am Tisch, dann nam man Markus beiseite und teilte ihm mit, dass das Kind ihm überhaupt nicht ähnlich sehe. Zum Glück erfuhr Johanna davon nie. Markus, das erste Mal in seinem Leben, bezog deutlich Stellung und kündigte an, sie sollten sich lieber fernhalten, bis sie bessere Gedanken hätten.
So hatte Ludwig nur eine Oma: Maria Meier.
Unter ihrem wachen Blick wurde er groß. Sie verbrachte mit ihm die Tage, während Johanna und Markus arbeiteten; sie kletterte in Gummistiefeln mit ihm in jede Pfütze, bastelte aus Klee Halme und sang lauthals Lieder, auch wenn sie weder Ohr noch Stimme hatte.
Als Ludwig vier Jahre alt wurde, erfuhr Johanna, dass sie wieder ein Kind erwartete. Freude kehrte ein doch diesmal waren auch trübe Wolken da.
Wozu braucht ihr ein zweites Kind? Das ist doch eine riesige Belastung und Verantwortung. Entschuldige, Johanna, aber es ist momentan wirklich unpassend. Du solltest auch an Markus denken! Er steht kurz vor seinem Abschluss, da kann man doch kein Baby kriegen, noch dazu mit einer kranken, fremden Frau im Haus. Ich verstehe das nicht!
Markus Mutter ließ keinen Zweifel an ihrer Meinung. Johanna schob die Tasse mit dem grünen Tee beiseite, den sie nur bestellt hatte, um dem aufdringlichen Kaffeewunsch ihrer Schwiegermutter zu entgehen. Ihr Blutdruck schwankte in letzter Zeit wie verrückt, die Ärzte sagten zwar, es sei alles in Ordnung, aber sie selbst hatte kein gutes Gefühl. Eigentlich war sie ein robuster Mensch nie wirklich krank gewesen.
Johanna, ich rate dir dringend, dir gut zu überlegen, ob du dieses Kind bekommen willst. Du solltest dich mehr nach UNSEREN Wünschen richten. Markus muss Karriere machen! Und du hältst ihn auf.
Etwas an diesen Worten jagte Johanna durcheinander. Erst, als sie wieder zu Hause war, wurde ihr klar, was es war unseren Wünschen Meinte sie Markus? Hatte er sich ihr gegenüber ähnlich geäußert? Oder war das tatsächlich nur die Schwiegermutter? Einerseits konnte sie das Anliegen verstehen; man erwartet und erhofft viel von den eigenen Kindern.
Aber ist es nicht ungerecht, ihr allein alles aufzubürden? Immerhin war das nicht nur ihr Wunsch gewesen! Sie hatten gemeinsam beschlossen, sich auf das Kind zu freuen Oder?
Als Markus nach Hause kam, stürzte sich Johanna, innerlich bereits aufgewühlt, auf ihn zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit begegnete sie ihm nicht mit einem Lächeln, sondern mit finsteren Augen.
Markus, willst du überhaupt ein zweites Kind?
Markus, schon an der Tür überrascht von ihrem Tonfall, war sichtlich überrumpelt. Die Pause reichte Johanna als Antwort.
Ihre Wut entlud sich Johanna schrie, weinte, brachte Frau Meier völlig aus der Fassung, die nicht wusste, ob sie besser nach Baldrian oder gleich nach Johanna greifen sollte. Nach ihrer Wut blieb die Wohnung in Trümmern zurück. Erschöpft sah Johanna auf das Chaos und fragte ungläubig:
Das alles war ich?
Markus blieb nichts übrig, als zu nicken. Mit solch einer Eruption hätte er bei seiner sonst so ruhigen Johanna nie gerechnet.
Frau Meier erklärte ihm später die Ursache.
Markus, das sind die Nerven. Das ist normal, bei Schwangeren kommt sowas vor. Aber du darfst sie nicht aufregen! Ich weiß zwar nicht genau, was sie mit deiner Mutter besprochen haben, aber die Folgen siehst du ja. Nimm die Decke und geh zu ihr: Redet miteinander wenn ihr das nicht klärt, wird der Riss immer größer, verstehst du?
Markus nickte nur. Er holte aus dem Schrank die alte Decke, unter der sie schon lange nicht mehr geschlafen hatten, und ging zu Johanna.
Das war das Geheimnis, von dem Johanna Gudrun erzählt hatte.
Siehst du, als wir heirateten, wollten wir uns eine neue Decke kaufen. Im Laden griffen wir irgendwie daneben das Ding war zu klein. Nicht Mini, aber so, dass man nur eng aneinandergeschmiegt darunter liegen konnte. Frau Meier hat Tränen gelacht und uns geraten, das positiv zu nutzen.
Und wie?
Immer wenn wir stritten, verschwand wie durch Zauberhand die große Decke und übrig blieb nur die kleine. Sie hatte sogar extra Bettwäsche in der passenden Farbe besorgt. Die große Decke versteckte sie immer so gut, dass wir sie nie fanden. Da blieb uns nichts anderes, als uns zusammenzurücken. Johanna schmunzelte. So mussten wir uns immer wieder versöhnen. Später haben wir es zur Regel gemacht, nie im Streit auseinanderzugehen und obwohl wir die Decke eigentlich nicht mehr brauchen, holen wir sie bei großem Krach immer noch hervor. Wir sind Menschen, Gudrun, mit Fehlern. Wer nie streitet, dem wär auch nicht zu trauen. Mann und Frau kommen doch aus unterschiedlichen Welten, wie kann es da nie Fragen geben?
Da hast du recht Habt ihr euch damals versöhnt?
Ja, nicht sofort, aber wir haben wieder zueinander gefunden. Und ich habe noch etwas gelernt.
Und das wäre?
Zuerst sollte man immer auf den eigenen Menschen hören, und erst dann auf alle anderen. Wirklich hinhören! Ich habe doch gesehen, wie Markus vor Freude strahlte, als ich von der Schwangerschaft erzählte. Erzählt, dass Ludwig ein Brüderchen bekommt. Aber gehört habe ich am Ende alle anderen, nur nicht ihn.
Johanna atmete tief durch und blickte in den Kinderwagen, wo Daniel süß und friedlich schlief.
Und Daniel? Gudrun streckte sich auf der Bank und blinzelte in die Sonne, die durch das grüne Blätterdach fiel. Nordseeurlaub ist zwar nicht drin, aber wenigstens Sonne tanken. Johanna?
Hm?
Ich wollte fragen, wie die Geburt von Daniel war Gings gut oder haben dich die Nerven eingeholt?
Johanna schwieg eine Weile. Dann sagte sie leise:
Daniel ist nicht das Kind von damals Das erste Kind haben wir verloren.
Gudrun schnappte nach Luft, griff sogleich nach dem Wagengriff, ihre Tochter meldete sich quengelig aus dem Halbschlaf, als spürte sie die Stimmung ihrer Mutter.
Johannas Stimme klang nun seltsam leer. Gudrun wollte sie schon stoppen, doch ließ es bleiben vielleicht musste Johanna sich das von der Seele reden.
Es war schon recht spät. Ich wollte niemanden mehr sehen, lag nur noch da, den Rücken zur Wohnung gekehrt. Frau Meier zwang mich fast, wenigstens ein bisschen zu essen, schleppte mich zur Not in die Badewanne. Mir schien, das Leben ist vorbei. Wie sollte ich weiterleben, wenn das, worauf ich so lange gewartet, was ich gespürt hatte auf einmal weg war? Als hätte ein böser Riese all das Glück aus mir herausgerissen und Schmerz zurückgelassen. Ich hatte das Gefühl, niemand hörte oder verstand mich. Dabei liebten sie mich so sehr Markus ließ alles stehen und liegen und wich nicht mehr von meiner Seite. Seine Mutter kam eigens, um ihm einzureden, zur Arbeit zurückzukehren da hat er sie einfach wieder weggeschickt. Er sagte, es gäbe niemanden Wichtigeres als mich. Er tröstete mich nicht mit großen Worten er nahm einfach unsere Decke, legte sich zu mir und hielt mich so fest, wie er nur konnte Und er war für Ludwig da. Der war ja noch klein, verstand nicht viel, weinte nachts, rief nach mir und ich hatte kaum Kraft, überhaupt aufzustehen.
Und wie hast du das überstanden?
Schwer. Dank Markus und Frau Meier. Damals nannte ich sie zum ersten Mal Mama Meier. In einer Nacht schrie ich im Schlaf so laut, dass die Nachbarin dachte, es brennt. Ich rief nach Mama und da kam sie. Hob mich mit der Decke aus dem Bett, umarmte mich und sang mir das Schlaflied, das ich sonst Ludwig vorsang. Mamas Lied Und plötzlich wurde es leichter. Nicht weg, aber leichter.
Und dann?
Dann hat sie mich zu Ärzten geschleppt, mir zugesprochen alles ist möglich. Daniel das ist einzig und allein ihr Verdienst. Fünf Jahre Ungewissheit, nur sie hat daran geglaubt.
Am Ende der Allee tauchten zwei Gestalten auf, eine große und eine kleine, und Johanna lächelte.
Da kommt mein Schutzengel! Sie war Ludwig vom Training abholen. Der Verein ist gut, aber sehr weit weg, deshalb will ich ihn nicht allein fahren lassen. Mama Meier will sich das nicht nehmen lassen, sie sagt, sie braucht Adrenalin. Sie hat dort sogar eine Eltern-Fangruppe gegründet, lassen sich Schlachtrufe einfallen, haben Fanschals bestellt. Sie reisen zu jedem Spiel, feuern die Kids dermaßen an, dass sie fast immer gewinnen. Die Jungs sagen, mit so einem Lärm kann man gar nicht verlieren.
Ein wirrer Blondschopf in hellblauem Trikot stürmte zum Kinderwagen, beugte sich zu Daniel und flüsterte:
Mama, darf ich ihn heimfahren?
Aber nur, wenn du vorsichtig bist! Johanna stand auf und lächelte Gudrun an. Danke!
Wofür denn?
Dafür, dass du mir geholfen hast, noch einmal alles zu erinnern. Und dass ich noch klarer sehe, wie sehr ich die liebe, die bei mir sind. Bis morgen?
Klar. Bis dann!
Johanna umarmte die kleine, rundliche Frau, die auf sie zukam, diese strich ihr übers Haar und nickte Gudrun freundlich zu.
Einen schönen Tag noch!
Ihnen auch!
Gudrun blickte ihnen nach und dachte, Tolstoi hatte recht mit seiner Anna Karenina. Man muss vielleicht wirklich im richtigen Moment eine Decke holen. Vielleicht hilft es ja. Und dazu noch Kirschen kaufen und den Lieblingskuchen des Mannes backen.
Auch das hat immer zum Verständnis beigetragen, dachte Gudrun und lächelte.©Sie blieb noch eine Weile sitzen und betrachtete die spielenden Lichtpunkte auf dem Kies. Der Wind strich leise durch die Blätter, und aus der Ferne erklang das ungestüme Lachen eines Kindes, begleitet vom begeisterten Ruf einer älteren Dame unüberhörbar Frau Meier auf ihrem Posten als Mannschaftskapitän der Herzen.
Gudrun lehnte sich zurück und spürte, wie sich etwas in ihr weitete. Vielleicht war das Glück kein rauschender Strom, sondern eher ein leiser, beständiger Tropfen ein kleiner Sonnenfleck auf der Bank, der vertraute Geruch nach Gebäck, das beruhigende Gewicht einer alten Decke auf müden Schultern. Man musste es einfach erkennen, das war das Geheimnis.
Als sie den Kinderwagen ihrer Tochter anstupste, griff die kleine Hand nach Gudruns Finger, warm und vertrauensvoll. Ganz still versprach sie sich selbst, heute Abend würde es keinen Streit geben, höchstens eine neckische Auseinandersetzung vielleicht sogar um die größere Decke im Schrank. Und wenn ihr Mann wieder grummelte, würde sie die Kirschen holen, seinen Lieblingskuchen backen und ein Stück versöhnliche Wärme in die kleine Welt ihrer Familie bringen.
Gudrun stand auf, streckte sich ins Sonnenlicht und spürte mit einem Mal, wie leicht und hell alles war. Niemand war allein im Leben, solange irgendwo eine Hand nach der anderen griff. Solange jemand die Decke zurechtrückte.
Sie lachte leise und machte sich auf den Heimweg bereit, ihr Stück vom Glück zu verteidigen. Und ganz sicher, es war groß genug für alle, die sie liebte.





