Der fremde Sohn

13. März

Schon wieder war ich früh auf den Beinen. Morgens, wenn alles noch ruhig ist, singe ich manchmal leise vor mich hin: Mein süßer Kleiner, nimm mich doch mit dir Die Stimme klingt selbst für meine Ohren zu schrill, während ich mich halb über die steinerne Treppe biege und eifrig das Jutesäckchen über die Stufen schrubbe. Nach ein paar Stufen schnaufe ich, richte mich auf, die Brust eng, der Kopf ein wenig schwindlig. So ein gemeinsames Putzen und Singen ist nicht einfach. Das muffige Wasser im Eimer wird bald schon trüb, aber anders gehts nicht, wie jede Woche ist unsere Wohnung mal wieder mit dem Treppenputzdienst dran.

Jede Wohung muss einmal im Monat die Stufen wischen das bestimmt die Hausordnung. Manche Nachbarn ignorieren das geflissentlich, andere ziehen einfach husch, husch einen Lappen einmal über die Steine. Ich hingegen von jeher gewöhnt an Sauberkeit, meine Kindheit im Schwäbischen bei einer peniblen Mutter die lasse ich durch die Treppenhäuser leuchten, als wären es Prunkbauten. Hin und wieder kippe ich sogar einen Schuss Essig ins Wasser, für die richtige Desinfektion. Das ruft in dem engen Treppenhaus bei den anderen Bewohnern meist ein Husten hervor und führt dazu, dass sie schnell die Türen hinter sich schließen.

Ich mach das aber nicht nur für uns, sondern für alle, die nicht können oder wollen und verlange nie einen Cent dafür. Die Nachbarn haben sich längst an meinen Eifer gewöhnt und nehmen es gerne in Anspruch.

Mindestens einmal im Monat klingelt Frau Gisela Fromm, zwei Stockwerke über uns, bei mir. Sie legt eine Hand auf ihren breiten Rücken, grinst entschuldigend und sagt: Ach Frau Dietrich, ich kann heute wirklich nicht. Wissen Sie, ich schufte die Kartoffelkisten, der Kohl…. Gisela arbeitet auf dem Wochenmarkt bei der Gemüsegilde, schleppt, sortiert, zupft. Schwerstarbeit wirklich und gleich danach stolzieren ihre dreckigen Stiefel die frisch gewischte Treppe hinauf. Manchmal sehe ich ihre Tüten, fast platzen die vor Rüben und Möhren, aber ein schlechtes Gewissen scheint sie nicht zu haben. Im Gegenteil, sie fühlt sich regelrecht als Heldin des Hauses.

Spreche ich sie drauf an, winkt sie ab: Ach wissen Sie, der Rücken, Frau Dietrich das vergeht schon wieder. Sie sind ja eh daheim, die ganze Zeit, können ruhig für mich mitputzen. So lächelt sie gönnerhaft und verschwindet.

Und ich gehe dann hinterher, Putzlappen in der Hand, und wische die Spuren von ihren Stiefeln weg, als sei es selbstverständlich.

Ihr Mann, der Herr Fromm, ist so ein unscheinbarer Mann, klein, mit lichter Haarpracht und immer verlegen. Wenn er von der Arbeit kommt, sucht er in den Tüten nach der Bierflasche. Steht ganz unten, habs für dich gekauft…, zischt Gisela ihn an. Und er hört brav, zieht ihr die schweren Schuhe aus, stellt sie ordentlich nebeneinander, wischt sogar nach, wenn sie aus dem Matsch kommen. Das sind sie, die Fromms: Sie eine wuchtige Erscheinung, er schüchtern, aber für sie würde er so scheints alles tun.

Ich glaube, ihr Tauschhandel funktioniert: Sie bekommt ihre Hilfe, er seine Ruhe und irgendwas Warmes zu trinken.

Manchmal halte ich ihn für einen verlorenen Bengel und sehe meine eigene Mutter im Blick, wenn ich auf sie treffe: Respekt, Scham, Unbeholfenheit dabei ist sie doch einfach nur, tja, sauberer als wir?

Mach, was sie will, sonst gibts kein Essen heut!, zischt Gisela, falls Herr Fromm mir einmal zu freundlich begegnet.

Abends bleibe ich gern noch etwas draußen auf der Bank, ein paar Liedchen auf den Lippen, entfliehe so dem leeren Wohnzimmer. Und dann warte ich, dass jemand kommt. Meist ist es Dieter, unser jüngster Nachbar, ein kräftiger Geselle mit ölverschmierten Händen, der im Overall von der Schicht kommt. Guten Abend, Frau Dietrich!, ruft er, nimmt die Kappe ab, und manchmal bietet er mir sogar seine Jacke gegen die Kälte an ach, das ist doch nett!

Schon wieder nur Joghurt und Brötchen? Lass das, Dieter, komm zu mir, ich hab Suppe gekocht, und Kartoffeln, und meinen eigenen Schinken, und Hühnerfrikassee noch dazu!, überschlage ich mich mit Angeboten. Er winkt erst ab, aber lässt sich dann doch immer wieder überreden.

Jeden Abend sitze ich auf der Bank ob Sommer oder Winter, Regen oder Frost und warte. Ich kann nicht anders. Er erinnert mich zu sehr an meinen Sohn.

Dieter wohnt seit Neuestem in einer eigenen Eigentumswohnung direkt über mir, was für ein Glück! Ich hatte nach Jahrzehnten in Kasernen und WGs endlich meine kleine, eigene Zwei-Zimmer-Wohnung bekommen eine Belohnung für ein ganzes Leben voller Arbeit und Opfer. Dieter gefällt mir einfach: Er ist so bodenständig und, trotz seiner schroffen Art, hat er ein gutes Herz. Während Frau Fromm ihn einfach als jungen Mann sieht, ist er für mich wie ein Geschenk. Ich habe keine Enkel, meine Familie ist längst gestorben, mein Sohn Klaus kam nie wieder aus dem Studium zurück, die Uni, das Lesen, dann ein Unfall am See Die Erinnerung treibt mir jetzt noch die Tränen in die Augen. Mein Klaus unser ganzer Stolz.

Ich frage mich oft, ob ich es hätte verhindern können. Hätte ich ihn nicht gehen lassen sollen? Hätte ich ihn festhalten, umarmen, nicht aus dem Haus lassen sollen? Das Herz einer Mutter spürt manchmal nichts und dann ist es zu spät.

Nachdem Klaus starb, ist mein Mann Werner schnell zerfallen. Er hielt es nicht mehr aus; ich konnte auch ihn nicht halten. Jetzt bin ich allein. Bleibe ich länger, als Gott es mir zugedacht hat, frage ich mich oft was hält mich noch hier? Vielleicht das bisschen Fürsorge, das ich Dieter schenken kann. Er ist zwar ganz anders als mein Klaus, der Bücherwurm Dieter lacht viel, ist handwerklich geschickt, immer rührig, repariert alles, was kaputtgeht aber gerade deshalb mag ich ihn.

Zuerst war ich schüchtern und wusste nicht, wie ich ihn überhaupt ansprechen sollte. Irgendwann bat ich ihn um Hilfe beim Fenstergriff schon kam Dieter, Werkzeugkoffer geschultert, immer hilfsbereit. Als er fertig war und ich ihm einen Zwanziger hinhalten wollte, lachte er nur: Ne, Frau Dietrich Geld nehm ich nicht! Aber vielleicht n Stück Kuchen?

Seitdem steht immer ein Teller für ihn bereit, wenn ich weiß, er kommt. Dann stopfe ich Tupperdosen voll, gieße ihm Suppe nach, verteile die Frikadellen und Batzen Schwarzbrot, bis er gegen die Stuhllehne fällt und stöhnt: Wenn ich noch einen Löffel esse, platze ich! Doch ich packe ihm immer etwas ein, damit er auch daheim noch was hat.

Unsere anderen Nachbarn tuscheln natürlich Gisela vor allem, sie sagt gerne Die Dietrich ist nicht ganz richtig!, wenn sie Dieter im Hausflur trifft. Dieter schüttelt dann stets den Kopf und winkt ab, aber ich weiß, ich bin Thema im Haus. Angeblich wolle ich ihn festhalten, gar einsperren Pass auf, Dieter, nachher schließt sie dich noch ein!, lacht Gisela.

Einmal stand ich mit dem Rücken zur Tür, wollte grad etwas aus dem Flur holen, hörte den Schlüssel im Schloss. Dieter fragte leise: Warum schließen Sie ab, Frau Dietrich? Ich drehte mich um ach Gott, ich hatte wirklich aus Gewohnheit abgesperrt, damit der Wind die Tür nicht aufdrückt. Ich fing fast an zu weinen, so schrecklich langsam werde ich nun schon. Er tröstete mich, natürlich. Und trotzdem blieb da so ein Stachel: Ich bin eben allein.

Dieter tröstet mich wie ein guter Sohn, ruft mich nach dem Frühstück an, bringt mal Milch vorbei. Beim letzten Mal war da auch ein Mädchen dabei, Lena. Freundlich, mit grellem Lippenstift, Kurzrock, die Fingernägel lackiert. Sie gefällt mir nicht ich wollte doch immer eine schlichte, fleißige Schwiegertochter für meinen Sohn. Diese scheint lieber zu feiern!

Sie half dann aber doch mit, putzte spontan die Flurfliesen fertig, während ich noch nach Atem rang. Ich fand einen alten, geblümten Kittel und Ersatzschuhe für sie, gemeinsam lachten wir, Mädchen und ich. Vielleicht hatte ich mich getäuscht? Wie schön sie doch in meinem Kittel aussah!

Als Gisela dann aber in den Hausflur kam und Lena sah, prustete sie empört: Wer sind Sie! Wo ist denn die Dietrich? Dieter stellte sich schützend vor Lena und erklärte: Das ist Lena Krüger, meine Verlobte und das ist Frau Dietrich, die uns allen den Rücken frei hält und verdient Respekt. Gisela fuhr zusammen, antwortete nicht. Dieter, der sonst so still ist, war plötzlich der Stärkere.

Zwei Monate später war Hochzeit. Die Gäste kamen aus allen Ecken Deutschlands Berlin, München, Leipzig. Meine Freude, aber auch mein Wehmut waren groß. Die Braut hat sich gemacht, sie ist freundlich und herzlich geworden, kocht sogar ausgezeichnet, und Dieter ist glücklich. Sogar einen kleinen Jungen, Johann, haben sie bald bekommen und mich baten sie, ab und zu aufzupassen. Ich bin also doch irgendwie Oma geworden obwohl es nicht mein eigener Enkel ist.

Manchmal denke ich: Vielleicht stimmt es doch, was die Leute immer sagen manchmal wird ein fremder Mensch doch zum eigenen, zur Familie, wenn man es zulässt.

Gisela allerdings bleibt wie sie ist. Ihr Mann ist unterdessen ganz verlottert, treibt sich nachts betrunken im Haus herum, schleicht an Türen entlang, und sie schimpft wie eh und je. Wenn ich beide zusammen sehe, frage ich mich, was aus Liebe werden kann, wenn sie verbittert.

Abends, wenn Dieter mit Lena und Johann an meinem Fenster vorbeigeht und winkt, freue ich mich. Der Kleine plappert schon, nennt mich Oma Dietrich. Ich glaube, das genügt fürs Herz.

So vergeht Tag um Tag. Ich habe keine eigenen Enkel, doch es gibt jemanden, der mich Oma nennt und das fühlt sich fast wie Glück an.

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Homy
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