Frikadelle

Ach, weißt du, manchmal möchte man wirklich alles an die Wand werfen! schimpfte Anna und legte die heißen Frikadellen auf einen Teller. Sie griff nach dem Griff der alten gusseisernen Pfanne, die schon ihrer Oma gehört hatte, vergaß natürlich den Topflappen und verbrannte sich prompt die Hand. Vor lauter Ärger brüllte sie wie ein angestochenes Reh über die Ungerechtigkeit in ihrem chaotischen Leben.

Im Kopf tauchten plötzlich Textzeilen ihrer Lieblingsband auf. Irgendwas à la Pfennig im Sparschwein der Erfahrungen und die ewige Frage des Seins. Anna wischte sich die plötzlich hervorquellenden Tränen aus den Augen und fluchte halblaut über Campino. Und man muss es ihm lassen, dieser Kerl hatte schon wieder Recht sie war nun wirklich nicht der Nabel der Welt.

Fast wie als hätte er es geahnt, heulte zuerst der Hund Greko auf und dann stimmte auch Kater Simon mit ein. Der Kater miaute wie immer zurückhaltend und fast sanft irgendwie als wolle er einfach nur mitmachen, während Greko alles gab.

Wenn dieser seltsame Mischlingshund aufheulte, klang es als säße direkt im kleinen Küchenfenster ein ganzer Wolfsrudel und wolle das ganze Treppenhaus aus dem Schlaf reißen.

Jetzt ist aber mal genug, Ihr Spezialisten!, schnauzte Anna und merkte, dass das mit dem Heulen auch nicht gegen die Brandblase half. Sie drehte den Wasserhahn auf, hielt die Hand unter kaltes Wasser und fluchte hauptsächlich über sich selbst.

Natürlich musste sie noch einmal nach der Pfanne greifen, um sie aus der Spüle zu bugsieren. Und schwupps, der nächste Schmerzschrei. Dabei hüpfte Greko jetzt wie ein Flummi durch die Küche. Ein so vielfältiger Morgen! Und schon tauchte Christoph, Annas verschlafener Ehemann, im Türrahmen auf.

Was ist denn hier los, Mensch?!, fragte er die Lage blitzschnell erfassend. Kristoph, ehemaliger Amateurboxer, nur nebenbei, hatte schon immer ein Aufmerksamkeitsgen.

Im Nullkommanichts war das Wasser abgestellt, Anna saß auf dem Küchenstuhl, der Verbandskasten lag bereit und die Pfanne war von Christoph entfernt worden.

Zeig mal her! vorsichtig nahm er Annas Arm und versuchte, nicht die schmerzende Hand zu berühren.

Nee, lass mal!, protestierte Anna und ballte die Faust, um gleich darauf wieder spitz aufzuschreien.

Schluss jetzt!, meinte Christoph im Befehlston, und wie auf Kommando verhielten sich Anna, Greko und Simon.

Simon, der Kater, war der Vernünftigste in der Familie Schmidts. Während Annas Pfannentanz hatte er sich unter dem Tisch verschanzt und leckte jetzt ganz heldenhaft die Hausschuhe seiner Besitzerin, um sie zu trösten. Na ja, irgendwer musste das ja tun, oder?

Greko meinte dagegen, dass Anna ihm gerade den kompletten Frikadellenvorrat überschrieben hätte, so wie er sein Schwänzchen wedelte. Wahrscheinlich hatte er schon vergessen, wie ihn seine eigene Vergangenheit gezeichnet hatte: halbverwahrlost, voller Narben, seit sein früheres Zuhause abgebrannt war. Anna hatte damals Christoph mitten im Schneegestöber auf der Brücke anhalten lassen, nur um diesen verängstigten Wuschel auf Knien überreden zu können, mit nach Hause zu kommen. Sie hatte ihn versorgt und durch so manche Beißattacke hindurchgepflegt bis Simon ihm einmal ordentlich die Meinung gepfoten hatte. Seitdem war die Hackordnung klar: Anna ist Chefin, und sie lässt keiner an sich ran!

Sie hatte ihm auch seinen Namen gegeben. Nach endlosem Familienstreit und Losentscheid mit einer alten Mütze meinte Anna plötzlich: Kennst du Greko, den über die Brücke lief? und so bliebs dann auch.

Die früheren Besitzer wollten Greko übrigens nicht zurück sie standen eines Tages mit neuem Halsband, Hundeleine und einer Entschuldigung vor der Tür. Ein Held sei er gewesen! Hätte alle mit seinem Gejaule vorm Brand gerettet, meinten sie, aber zurücknehmen? Ging nicht. Wir leben zu sechst in einer Acht-Qubikmeter-Bude bei Verwandten, da passt kein Hund mehr.

Simon verstand schon beim ersten Wortwechsel, dass Anna am Rande der Explosion stand. Er sprang sofort auf ihren Schoß, kringelte den Schwanz unter die Nase und lenkte mit seinen Krallen ab so rettete er alle vor einer richtigen Standpauke.

So saß Anna später lange mit Greko und Simon auf dem Boden und kraulte mal den einen, mal den anderen und weinte. Sie wusste, was Verrat heißt sie war selbst schon im Leben rausgekickt worden, von ihrem ersten Mann, dem war das Recht und die Liebe egal. Ein Kerl, der feiern und sich am Freitag ein paar Bier gönnen musste kein Alkoholiker, aber eben so einer. Anna hatte gehofft, ihm den Rücken freizuhalten, gründlich zu versorgen, Mutter werden Tochter, wie er es gewünscht hatte. Aber nach der Geburt bekam er von Kindergeschrei Pickel das sollte stets Anna abfangen

Am Schluss packte Anna die Tochter und ging. Komm bloß nicht zurück!, war der einzige Kommentar. Was für ein Schwachsinn, dachte Anna, wenn einen keiner hören will, braucht man nicht zu diskutieren.

Später, bei ihren Eltern wohnend, nahm sie Simon auf halb verhungert, pitschnass am Rande einer Pfütze. Ihre Mutter, Renate, war entsetzt: Woher hast du dieses Vieh?! Hände schön waschen vielleicht bringt er uns noch was mit! Und pass auf, dass das Kind sich nicht ansteckt!

Mama, entspann dich. Ich bring ihn zur Tierärztin die schuldet mir noch einen Gefallen. Kannst du auf Sophie aufpassen?

Klar, was bleibt mir übrig. Bring ihn bloß schnell weg, der ist ja kaum noch am Leben

Anna hatte recht behalten Simon wurde groß und fett, ein zotteliger Großkotz, der sein Dasein als einziger Hahn im Korb genoss, selbst Sophie bekam ab und zu einen Bartwischer ab, wenn sie Theater machte. So lernte sie schnell, dass man gegen einen Kater mit Argumenten aus Fell und Krallen nicht gewinnt.

Jeder männliche Besucher war für Simon ein persönlicher Feind, er vermied Kontakt und stellte so manches Mal einen Katzengag im Schuh auf. Simon, gibt’s kein schlechtes Gewissen bei dir?, schmunzelte Anna. Männer und ihre Selbstliebe immer nur an sich denken! Simon ignorierte solche Sprüche, schließlich war er ja einzigartig und durfte Anna nicht einfach so an irgendjemanden abgeben.

Sogar einen Schuhschrank kaufte Anna, damit Simon sich nicht mehr austoben konnte das passte ihm natürlich gar nicht. Bist du jetzt eingeschnappt?, lachte Anna. Du kennst ja nicht mal die Besucher! Männer und schon werden Schuhe gemeuchelt! Ich kann doch nicht ewig Single bleiben wegen dir?! Simon schwieg weise, manchmal muss man als Kater eben handeln und nicht diskutieren. Entschuldigen? Kommt nur in Ausnahmefällen vor, und das auch nur, weil Familienverteidigung kein Grund ist, sich zu schämen.

Einmal aber hielt er wirklich inne, als Christoph das erste Mal auftauchte ein bisschen verkrampft, mit einer unberührten Schnapsgläschen in der Hand. Die Familie klatschte, Anna wurde umarmt und Simon beobachtete ganz genau, wie Christoph vor der kleinen Sophie knieteund sie fragte: Willst du meine Tochter sein? Den Namen des Fremden musste er nicht wissen, aber der Geruch gefiel ihm, besonders, als Sophie sofort zu Christoph auf den Arm ging.

So wurde Christoph Teil der Familie, später zogen sie gemeinsam um Anna, Sophie, Christoph und natürlich Simon und, irgendwann, Greko und, als Renate nach der Trennung von Annas Vater zu ihnen zog, eben auch Oma. Die Familie wuchs, Anna war nervöser als je zuvor. Simon spürte das. Er versuchte, sie katzentherapeutisch aufzuheitern, aber so richtig half es nicht. Christoph war inzwischen mit seinem Polizeijob überfordert und kam oft einfach ohne große Worte nach Hause, will seinen Borschtsch und fertig. Dabei war gerade der Borschtsch und die dicken Frikadellen Annas absolute Signature Dishes alle in der Familie liebten sie, auch Simon und Greko. Aber Anna hasste es manchmal nur noch!

Und an Tagen wie heute konnte sie nicht mehr der Frikadellenberg war gebraten, sie brach in Tränen aus und keiner merkte es eigentlich richtig. Alle warens gewohnt, dass Anna der Fels in der Brandung war und alle Pfannen und Probleme irgendwie meisterte.

Anna, was ist los?, fragte Christoph fürsorglich beim Verbinden der Hand. Ihre tränennassen Augen machten ihn plötzlich ganz weich. Ach, ich bin einfach durchgedreht, glaube ich, grummelte sie, hormonübersteuert, oder so.

Na das ist ja mal ne Neuigkeit! Hab ich gar nicht gemerkt oder doch?

Genau das!

Anna, kannst dus mal ehrlich sagen was ist los?

Sie murmelte nur, dass sie müde sei, schmiegte sich aber dann an Christophs Schulter und atmete tief durch. So ist das also. Alles klar, dann hast du jetzt Urlaub!

Christoph, bis Sommer ists noch lange! Ich hab so viel zu tun

Ich entbinde dich nicht von der Arbeit, sondern von der Küche! Ab heute koche ich!, sagte Christoph stolz. Anna lachte überrascht: Du?!

Warum nicht? Oder glaubst du, Männer können nicht kochen? Mein Vater konnte das und in der Bundeswehr haben sie mir das Kartoffelschälen beigebracht und das andere kriegen wir auch noch hin! Simon hilft, wenns brennt.

Ich liebe dich, sagte sie leise.

Ich dich auch! Zwei Wochen reichen dir?

Mal sehen, du weißt, bei mir reißt alles an

Darum ja! Kümmere dich um deinen Kram, ich schmeiß mich an den Herd!

Und was sagt meine Mutter?

Deine? Ach, die schimpft bestimmt, dass wir uns gehen lassen. Aber ich lass mich garantiert nicht aus der Küche jagen! Er stellte sich theatralisch mit der Pfanne in Heldenpose hin. Bin doch der Mann im Haus zählt mein Wort gar nicht?

Anna lachte schallend Simon atmete durch, alles war wieder im Lot.

Am nächsten Morgen startete das Getriebe wieder jeder flitzte in alle Richtungen. Die Zeit, gemessen an der alten Uhr mit Kuckuck, mochte Anna besonders die hat ihre Mutter ihr mitgegeben, stand über hundert Jahre im Familienbesitz. Simon allerdings wollte immer noch wissen, wo dieses blöde graue Vögelchen eigentlich hinfliegt jedes Mal, wenn man gerade zur Ruhe kommt, schreit es kuckuck!. Zum Haareraufen.

Bevor Anna wieder zur Arbeit raste, zog sie an der Tannenzapfenkette und zwinkerte Simon zu: Finger weg vom Kuckuck, du Unheilbringer! Simon rollte genervt den Schwanz ein als hätte er das je in Angriff genommen!

Mittags zog dann Stille durch die Wohnung. Simon rollte sich zu Greko und schnurrte sich durch den langen Tag.

Am späten Nachmittag kamen Renate und die Enkel zurück. Die beiden Kinder erzählten aufgeregt von Schule und Kindergarten, überschlagen sich fast, während Renate sich vor Lachen bei Max Pilz-Rolle fast nicht mehr hält. Sonja klatschte gleich mit, während die Erzieher wieder raten, den Jungen in die Theatergruppe zu stecken so ein Talent!

Sonja, mit den Hausaufgaben fertig, scheuchte Renate von der Spüle weg: Lass mich, Oma, schon dich!

Renate rieb die Hände an der Schürze trocken und lächelte: Euer Vater arbeitet noch und Mama hat sich auch nicht gemeldet, diese Arbeitstiere

Die Kinder schliefen tief und fest, als Anna und Christoph endlich zurückkehrten. Renate schloss sachte die Kinderzimmertür und Anna grinste verschmitzt:

Wem gehört die Frikadelle da so einsam auf dem Teller?

Dir!

Ich hab meine schon gegessen. Und außerdem Ich werd immer dicker!

Blödsinn, du bist wunderschön! Also los, iss! Und hast dus geschmeckt, die Nudeln?

Echt lecker!

Und du dachtest, ich kanns nicht!

Habe ich nicht gesagt!

Aber gedacht! Und das reicht schon! Sag mal, Anna, wie wärs, wenn wir im Sommer mal an die Nordsee fahren?

Und die Hausbaustelle?

Die läuft nicht weg! Du brauchst den Urlaub bitter nötig! Das Dach machen wir fertig, der Rest kommt später. Was meinst du?

Dass mein Mann nicht nur Ohren, sondern auch ein riesiges Herz hat, flüsterte Anna und schob Christoph liebevoll weg. Nicht dass die Kinder gleich wach werden!

Ach Quatsch! Die schlafen wie Steine. Anna, ich hab so ein Glück

Simon, der im Flur lauschend alles mitbekam, dachte: Alles wieder ruhig hier, wunderbar. Wenn im Haus Frieden herrscht, ist auch der Kater zufrieden. Und damit konnte er ruhig zur kleinen Sonja aufs Bett klettern fürs wohlverdiente Nickerchen.

Was morgen kommt? Wer weiß, obs Kummer oder Freude bringt? Hauptsache, die Frau, die dieses Zuhause zusammenhält, lächelt dann wird alles gut.

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Homy
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