Leb noch ein bisschen, Opa.

Leb noch ein bisschen, Opa.

Eine große, leere Altbauwohnung mit hohen Decken, hochgezogenen, auf die Fensterbank gelegten Gardinen, nackten Heizkörpern und sichtbaren Rohren roch nach Staub.

Den Schlüssel hatte er von den Nachbarn geholt. Er ging durch die Zimmer, warf einen Blick ins Bad, bestaunte die Größe und die Vernachlässigung, betrat das großzügige Wohnzimmer, öffnete den Balkon und ließ sich in einen breiten Sessel fallen.

Ja! Die Wohnung war prachtvoll. Sogar besser, als er erwartet hatte. Wie viele Zimmer waren das? Nur war alles so verkommen, dass man kaum glauben konnte, hier könnte jemand wohnen.

Er saß einen Moment und trat dann ans Fenster, blickte in den stillen Hof. Er war unsicher. Er wusste, dass in München Parkplätze Mangelware waren und vielleicht hatte er einen fremden Platz besetzt. Doch solange sein Opel allein da stand und reichlich Platz war, bestand kein Grund zur Sorge. Er musste noch seine Tasche vom Auto holen.

Hier in der Wohnung sollte er mehr als einen Monat verbringen urlaubsbedingt. Und nicht allein.

Die Idee, die Wohnung in ein paar Tagen auf Vordermann zu bringen, war verschwunden angesichts der schieren Vernachlässigung. Graue, riesige Rundbogenfenster mit vertrockneten Blumen, schwere Vorhänge mit staubigen Falten an den Volants, eine rostige alte Badewanne, vergilbte Rohre.

Die Decke mit feiner Stuckverzierung, aber überall rissig, der graue Kristallleuchter, an dem ein Lappen hing wohl um ihn vor Staub zu schützen. Das Parkett war stellenweise aufgeplatzt. Der uralte Herd, die Waschmaschine AEG mit Quetschwalzen, ein dicker Kühlschrank Bosch ungeputzt, gelblich vor Dreck. Und Staub, überall Staub, durchsetzt von Sand überall.

Er betrat das triste Arbeitszimmer mit massiver dunkler Schreibtischplatte und Bücherschränken bis unter die Decke. Es war düster, das Mobiliar beinahe schwarz, er zog die samtig-blauen Vorhänge auseinander. Auf dem Tisch ein steinerner Stifthalter, malachitene Federhalter, ein Kalender. Johann blickte auf das Datum 12. Januar 1995.

Hier war die Zeit stehen geblieben

Im Schlafzimmer wars nicht besser. Aus dem Schrank quoll Kleidung, vermutlich war ein Regalbrett eingeknickt, Vorhänge aufgezogen, nackte, verrostete Heizkörper Er öffnete eine Kommodenschublade, fand eine filigrane Schatulle, öffnete sie und wich erschrocken zurück.

Na sowas! entfloh ihm

Die Schatulle war vollgestopft mit Goldschmuck: Ringe, Siegelringe, Armbänder, Kettchen, Ohrringe, Broschen So viel Gold! Breite, schwere Ringe, Ohrringe mit Bernstein und anderen Steinen … Der erste Gedanke steck ein bisschen in die Tasche. Zwei Ringe weniger oder mehr, das fällt doch nicht weiter auf…

Doch dieser Gedanke verschwand so schnell wie er gekommen war. Wenn nicht mal die Nachbarn etwas genommen hatten … Und was, wenn es eine Liste gibt, oder gar eine Kamera? Er schaute sich um. Aber was für eine Kamera, hier schien kaum Strom zu sein.

Er legte die Schatulle zurück, schloss die Schublade, drückte mehrfach auf den Lichtschalter kein Licht. Im Flur fand er den Sicherungskasten der Strom ließ sich einschalten.

Immerhin. Er steckte sein Handy zum Laden ein, holte seine Tasche vom Auto und wenig später schlief er schon tief und fest auf dem knarrenden, hohen Bett im Schlafzimmer der Besitzer. Fast einen Tag war er gefahren.

***

Grüß Gott, ist das Herr Johann Schäfer? Habe ich Sie erreicht? Die Stimme war die einer alten Frau.

Ja. Ich höre Sie

Johann, Johann … Es freut mich so, Sie erreicht zu haben. Ich bin die Elisabeth Wagner, ich arbeite hier als Pflegerin, meine Enkelin hat mir geholfen, Sie zu finden, allein hätte ich das nie geschafft, bestimmt nicht Also, es geht um Ihren Großvater Schäfer Ludwig Karl. Johann, darf ich Sie duzen? Ich bin ja schon alt…

Natürlich

Johann. Du bist doch sein einziger Enkel, der Einzige… Der Großvater, er spricht kaum mehr, ist krank, aber er wartet auf dich. Sehnt sich nach dir… Vielleicht…

Entschuldigung… Wie heißen Sie…?

Elisabeth Wagner.

Elisabeth, danke für Ihre Fürsorge, aber ich kenne ihn ja gar nicht. Sie sprechen sicher vom Vater meines Vaters. Aber meine Eltern ließen sich scheiden, da war ich vier…

Ich weiß, mein Lieber… Dein Vater lebt ja schon lange nicht mehr. Und deine Mutter ist ja auch gerade verstorben, selig sei sie. Sie war noch bei uns.

Was? Meine Mutter? Das kann nicht sein. Sie müssen sich irren…

Nein, nein… Sie ist nur so plötzlich … kam nicht mehr dazu, es dir zu erzählen, vielleicht wollte sie auch nicht. Das weiß ich nicht… Aber deine Mutter war bei uns, Anna hieß sie doch, eine gute, herzliche Frau. Es tut mir so leid um sie…

Entschuldigung, aber … meine Mutter?

Doch, sie war hier. Johann …

Entschuldigung, Sie wünschen, dass ich komme? Aber ich kann nicht. Ich wohne weit weg, habe Arbeit…

Ja, sicher, ich verstehe. Aber … wissen Sie, es ist so: Der Ludwig, Ihr Opa, der hat in München eine große Wohnung. Und nun haben sich da Leute gefunden, die ihn überreden wollen, die Wohnung dem Altersheim zu überschreiben in der Person des Vizedirektors. Uff! Ein unangenehmer Mensch. Ich hab Angst …

Soll er doch. Für mich ist der Opa ein Fremder. Soll er machen, was er will…

Doch die Dame fuhr fort, als habe sie das gar nicht gehört.

Ludwig spricht kaum noch. Laut Gesetz dürfen sie das nicht, aber die finden immer einen Weg. Und er wünscht sich so sehr, dass der Enkel kommt. Er meint, dich braucht er nicht aber ich weiß, er sehnt sich trotzdem. Wenn du gebraucht würdest, wäre die Wohnung für dich … Ich kann ihn verstehen. Doch sonst nehmen sie ihm alles weg, Johann. Heute sind Wohnungen richtig teuer. Er möchte einfach nur noch einmal dort wohnen, ein letztes Mal. Das wünscht er sich! Aber er ist fast gelähmt, kann nicht mehr gehen… So viele Leiden. Da hab ich begonnen, dich zu suchen … Und gefunden , redete sie atemlos.

Gut, ich werde darüber nachdenken. Ist das Ihre Nummer?

Ja, ja, meine…

Ich rufe Sie zurück…

Wie im Film. Plötzlich ein Erbe. Nur Johann glaubte es nicht. Und hatte auch nicht vor, zurückzurufen.

Von seiner Mutter wusste er, dass der Großvater ein schwieriger Mann war. Als der Vater starb, waren die Eltern längst geschieden. Doch damals sagte die Mutter: Der Ludwig hat seinen Sohn zugrunde gerichtet.

Deshalb glaubte Johann auch nicht daran, dass die Mutter den Opa besucht hatte. Höchstens wegen der Wohnung. Vielleicht hatte sie gehofft, dass sie Johann zufällt?

Du solltest nach München, mein Sohn … so sprach seine Mutter so oft von ihrer Sehnsucht.

Ja, gut möglich. Für ihn hätte seine Mutter alles getan. Sie liebte ihn sehr.

Eine Wohnung in München! Ach

Die Mutter hatte gesagt, der Großvater sei eine große Nummer in der Partei gewesen, die Wohnung mitten im Zentrum von München, groß. Als sein Vater sie erstmals zu den Schwiegereltern führte, habe sie sich in den Zimmern verlaufen. Mehr Einzelheiten verriet sie nicht, weil die Ehe scheiterte und sie zurück nach Freiburg zog. Dort wuchs Johann auf. An den Vater erinnerte er sich kaum, und an Großeltern väterlicherseits dachte er überhaupt nicht.

Großvater und Großmutter hatte er, ja! Die Eltern der Mutter.

Ihnen verdankte Johann die kleine Wohnung in Freiburg. Doch da hatte er den Fehler gemacht und sie auch auf seine Frau überschrieben. Zehn Jahre Ehe, dann die Scheidung, die Tochter wuchs bei der Schwiegermutter heran, die Frau kümmerte sich wenig um das Kind.

Die Wohnung wurde vor Gericht aufgeteilt. Am Ende kaufte Johann sich ein kleines Hinterhaus 14 Quadratmeter Zimmer, 5 Quadratmeter Küchenflur. Als er es kaufte, war ihm alles egal hauptsache irgendwo. Doch dann merkte er, dass das Leben hier kaum auszuhalten war und begann zu sparen jeden Cent. Unterhalt, Nebenkosten, Lebensmittel, Benzin…

Und ständig rief die Ex-Frau an und forderte mehr Geld für die Tochter … Der Unterhalt war ihr zu wenig. Mit der Tochter verstand er sich gut, nahm sie gelegentlich in die Bude auf, verwöhnte sie.

Oh Papa, so wirst du nie genug für eine Wohnung sparen. So viel Süßes!

Tja, stimmt, mein Schatz…

Eine Wohnung in München … Die Gedanken kreisten.

Nach ein paar Stunden Nachdenken zwischen Fliesenlegen auf einem Nebenjob griff er dann doch zum Telefon.

Frau Wagner, hier ist Johann. Was will der Opa denn genau? Können Sie es noch mal erklären?

Elisabeth Wagner freute sich nicht zu sehr, sie hatte wohl damit gerechnet. Sie schilderte, dass Ludwig krank sei, aber träume, die letzten Tage daheim in seiner Wohnung zu verbringen oder zumindest sie noch einmal zu sehen. Er wünsche sich, seinen Enkel zu sehen, sage es aber nicht laut. Aber sie wusste es

***

Und so führte das eigennützige Interesse Johann nach München. Nur darum war er gekommen, das machte er sich nichts vor.

Hier in der Wohnung, auf den Fotos an der Wand, sah er erstmals den Großvater und die Großmutter. Der Opa groß, dick, wichtig, schon auf dem Bild unsympathisch. Die Großmutter wirkte freundlich. Er fand sogar Ähnlichkeit mit seiner Tochter Steffi.

Diesen fremden alten Mann sollte er morgen aus dem Seniorenheim holen und hierher bringen in diese verlassene Wohnung.

Johann ging in die Küche und öffnete den Gashahn. Gas strömte, aber es roch unangenehm. Nein, er musste einen Gasinstallateur rufen. Die Wohnung war Jahre zu und wie lange schon? Seit 95? Er hatte Frau Wagner vergessen zu fragen, wie lange der Opa schon nicht mehr hier war.

Es klopfte leise. Die Nachbarin die ältere Dame, von der er den Schlüssel geholt hatte.

Ich dachte, hier funktioniert nichts. Wollen Sie einen Tee?

Sie saßen in der geräumigen, gemütlichen Küche der Nachbarin.

Ich hab den Schlüssel damals nicht direkt vom Opa bekommen, das war meine Schwiegermutter. Erst später sind wir eingezogen. Schwiegermutter und mein Mann sind nicht mehr … Ich wohne hier jetzt mit der Familie meiner Tochter.

Wie lange lebt er denn schon … im Heim?

Ach, ich weiß es nicht genau. Bestimmt fünfzehn Jahre, wenn nicht länger. Wir wohnen hier seit zwölf. Die Schwiegermutter hat anfangs noch gegossen, geputzt. Wir nicht mehr, bitte verzeihen Sie. Der Hausherr kommt ja eh nicht zurück. Bestimmt wird die Wohnung verkauft. Ich bin krank, meine Tochter arbeitet, Kinder … Zu Hause alles schaffen…

Sie kannten also meinen Großvater gar nicht?

Nein. Nur von Schwiegermutter gehört. Die hatte Respekt vor ihm, fast Angst. Sie waren eben Leute von früher… Er war beim Ministerium, wir waren einfache Leute. Die Wohnung erhielt schon der Vater der Schwiegermutter, war Kapitän zur See. Da gabs auch eine Familiengeschichte, habs vergessen…

Haben Sie zufällig die Nummer des Gasdienstes? Ich müsste das kontrollieren lassen…

Ich suche sie … sie ging ins Zimmer und drehte sich zur Tür , Bringen Sie ihn wirklich hierher? Wie alt ist er denn?

Ich weiß nicht … Hab ihn selbst erst kürzlich entdeckt. Dachte, alle seien längst tot. Ich bringe ihn für einen Monat, vielleicht sechseinhalb Wochen. Solange hab ich Urlaub.

In den Augen der Nachbarin Zweifel:

Alte Leute … die können schwierig werden. Hauptsache er ist noch klar…

***

Der Handwerker kam an dem Tag nicht mehr. Sie meldeten sich, waren im Notdienst. Johann machte einen Spaziergang, besuchte ein Café, kaufte Putzmittel, etwas zum Kochen und Proviant.

Am nächsten Tag wollte er ins Seniorenheim, hatte mit Elisabeth Wagner telefoniert. Die war geschäftig, betonte, er solle nichts kaufen, für den Opa sei alles vorbereitet.

Johann verstand das nicht so recht was meinte sie? Er würde den Opa samt den nötigsten Sachen holen, das wars. Was sollte der Alte schon brauchen? Vielleicht mit dem Essen … das würde sich zeigen…

Früh am nächsten Morgen startete Johann zum Heim vor den Toren Münchens. Ein Altersheim eben. Vielleicht wollte der Opa nicht mal mitkommen, dann bliebe es beim Besuch.

Sein eigennütziges Interesse trieb ihn weiter. Vielleicht reichte ja schon ein Treffen, damit beim Opa alte Gefühle wach wurden. Die Alten, sie sind ja sentimental. Vielleicht schaut er den Enkel an und will ihm die Wohnung vermachen… Auch wenn da diese Geschäftemacher waren, wie Frau Wagner sagte sie würden versuchen den Alten zu übertölpeln. Aber wenn der Enkel auftauchte, keimte Hoffnung…

Johann hoffte sehr, dass sich der Aufwand lohnen würde. Von so einer Wohnung konnte man nur träumen. Mit Gefühlen verband ihn mit dem fremden alten Mann nichts. Nun ja, war alles umsonst, würde er München genießen, in die Pinakothek gehen, sich in Baumärkten und Elektronikläden umsehen und dann heimfahren. Die Unkosten waren hoch… aber … Wunder gibt es keine, also sich nichts vormachen.

Das Heim war recht klein, in einem langgezogenen zweistöckigen Gebäude untergebracht. Die Anlage war gepflegt, ein Wachmann, Schranke, blühende Beete, Bänke. Johann gefiel es.

Noch mehr gefiel ihm, dass man ihn erwartete, quasi an der Tür abholte. Eine magere Frau mit krausem grauen Haar ohne Kopftuch Elisabeth Wagner.

Willkommen, Herr Schäfer. Ich bin ganz aufgeregt. Sie gehen jetzt zum Heimleiter, bitte sagen Sie nichts von mir. Sagen Sie, der Opa hätte Sie selbst angerufen. Er kann nicht mehr richtig reden. Sagen Sie, er bat, ihn abzuholen.

Frau Wagner, hat er das wirklich gewollt? Irgendetwas missfiel Johann.

Aber sicher. Bitte später, sie fuchtelte mit der Hand , gehen Sie jetzt, man erwartet Sie. Geburtsurkunde dabei?

Der Heimleiter bat den Arzt, sie sprachen lange über den Gesundheitszustand von Ludwig Schäfer, mahnten: Es würde nicht leicht. Weder körperlich noch psychisch ginge es dem Patienten gut. Johann aber hatte nur eines im Kopf die wollen dem Opa die Wohnung abluchsen.

Nein, nein. Ich hole ihn. Wir schaffen das, tat er bestimmt und sachlich.

Ist Ihre Entscheidung, der Leiter zuckte mit den Schultern, blickte mitleidig, Die Unterlagen sind gleich fertig. In einer Stunde könnten Sie zum Großvater.

Johann nickte, fragte nicht, wo es lang ging. Elisabeth Wagner bekreuzigte sich und bedeutete ihm, im Flur zu warten.

Er studierte Aushänge und Blumen, als plötzlich ein elektrisches Surren ertönte: Ein alter Mann fuhr in rasantem Tempo im Rollstuhl vorbei. Johann erschrak. Es sah aus, als steuere jemand den Rollstuhl per Fernbedienung, völlig losgelöst. Doch der Rollstuhl stoppte an der Wand, drehte sich und fuhr zu Johann.

Der Sprinter des Hauses, dachte Johann. Gibts das hier auch?

Mit der rechten Hand hielt sich der Alte am Joystick. Der Rollstuhl schien viel zu groß für ihn. Er war zur Seite geneigt, trug einen schwarzen Trainingsanzug, an den Füßen selbstgestrickte Wollsocken, graue Schirmmütze. Das Gesicht wie ein Ofenapfel: rau, Rötungen, schmutziger Bartstoppel, rote Nase, der Blick unter buschigen Brauen.

Johann sah sich um. Eine junge Pflegerin kam mit zwei großen Taschen.

Herr Schäfer, warten Sie doch! Sie war ärgerlich, schnallte ihn energisch an, deckte die Knie zu.

Er saß nun gerader, reagierte aber auf sie nicht, blickte Johann an.

Jetzt begriff Johann: Der Greis vor ihm war sein Großvater. Und die Fotos? In der Wohnung sah der Opa aus wie ein korpulenter, würdevoller Herr mittleren Alters so einer hatte Johann erwartet. Aber das … Jetzt starrte er auf die Hände des Alten braun, fleckig, fast leblos, wie aus Holz geschnitzt.

Grüß Gott, nickte Johann.

Der alte Mann blickte ihn weiter an, ohne zu reagieren.

Gleich bringt Frau Wagner den Rest. Windeln haben wir mitgegeben, aber er lehnt sie ab. Was wir nicht probiert haben die Pflegerin redete, als wäre der Opa nicht da, Bitte passen Sie auf, lassen Sie ihn nicht wieder herumrasen. Solange Sie nicht unterschrieben haben, haften wir … Gehen Sie spazieren, Sie müssen ohnehin warten.

Die Pflegerin verschwand. Johann wirkte ratlos. Der Großvater hatte den Kopf geneigt, starrte weiter auf einen Punkt.

Johann griff vorsichtig die Rollstuhllehnen, drehte ihn Richtung Ausgang.

Er wusste nicht, ob sein Opa ihn verstand, ihn hörte, blieb stumm. Nach zweihundert Metern hielt er, stellte den Rollstuhl an eine Bank.

So, Opa. Ich bin da. Frau Wagner hat mich gefunden, Johann sah dem Alten ins Gesicht, aber der starrte auf den Steuerhebel seiner Hand. Johann hatte trotzdem das Gefühl, er höre zu, Opa, willst du wirklich hier raus? Hier ist es doch schön … Willst du?

Keine Reaktion.

Hörst du mich überhaupt? etwas lauter, abermals keine Antwort. Johann ließ den Kopf sinken. Taub, was …?

Der Blick des Großvaters blieb gesenkt, doch zuckte der Mundwinkel wie ein spitzbübisches Grinsen.

Aha … Johann hob die Brauen, plötzlich kam ihm eine Idee. Er trat hinter den Stuhl, außer Sicht, und rief:

Rückwärtsgang!

Der Rollstuhl schoss zurück, beinahe hätte er Johann überfahren, dieser sprang beiseite.

Stopp! der Rollstuhl hielt, Fahr zu den Schaukeln dort, zeigte Johann.

Doch der Großvater zögerte und drehte dann den Rollstuhl nach eigenem Willen und raste so schnell wie möglich den Weg entlang. Johann sprang über Blumenbeete, packte von hinten die Lehnen.

Stopp! Holla, bist ja ein Wilder keuchte Johann. Mit dem Mann würde ihm nicht langweilig werden.

Er schob den Rollstuhl im Kreis und dachte nach. Jetzt wurde ihm erst klar, welche Last er auf sich nehmen wollte, erst jetzt fiel ihm das Arztwort wieder ein. Was wusste er schon über Pflege von kranken, halb verrückten Alten? Gar nichts Nun dürfte er gleich für alles unterschreiben.

Vielleicht sollte er zum Direktor zurück, erklären, es sei ein Irrtum, habe sich übernommen, wisse nicht, wie krank der Opa wirklich sei, und lieber nach Hause fahren? Das wollte er jetzt am liebsten.

Aber die Wohnung? Die würde er verlieren … Er musste es wenigstens versuchen. Elisabeth Wagner meinte, der Opa wolle in der Wohnung leben. Wenigstens einen Monat könnte er das ertragen, für so eine Bleibe. Es könnte aber auch schon zu spät sein. Gibts ein Testament? Wo sind die Unterlagen? Bei wem

Eine Pflegerin löste ihn ab, blieb beim Opa.

Nehmen Sie alle Dokumente mit? Sie holen ihn doch nur vorübergehend…

Ja, alle.

Er quittierte jedes Dokument einzeln. Personalausweis bitte unterschreiben, Versicherungskarte unterschreiben, Rentenbuch, Grundbuch, Hausbesitzbescheinigung, noch eins, noch eins …

Was ist das?

Die Unterlagen von Ludwig Schäfer. Das ist Garage, das Haus, die Wohnung. Hier ein ganzer Ordner, alles muss bei Rückgabe vollständig sein, alles muss rechtlich sauber sein. Bedenken Sie: Vor fünf Jahren wurde die Geschäftsfähigkeit aberkannt, verstehen Sie. Er darf keine Rechtsgeschäfte machen. Der Sozialdienst kommt vorbei und prüft alles, wir sind verpflichtet…

Ein Testament war nicht dabei. Es waren vier Taschen, der Rollstuhl ging nur schwer ins Auto, den Opa hievten sie auf den Beifahrersitz. Der Körper war fast leblos, aber der Pfleger half Johann.

Johann, gib ihm die Windeln nicht, da wird er zornig, riet Elisabeth Wagner, Haferbrei hasst er, Essen nur püriert, Fleisch nur in kleinen Mengen. Steht alles in der Diät vom Dr. Schröder. Zur Toilette kletterte er hier allein, zu Hause wer weiß. Ach! Hilfst du ihm, wird er böse. Spritzen mag er nicht, aber zur Not … Nachts musste ich Zwangspritzung machen, er fuchtelte, ich wich aus … Er ist ruppig, aber das ist seine Art. Ruf mich an, egal wann… Mir ist er sehr ans Herz gewachsen …

Gibts irgendwas, worauf er nicht wütend wird? Johann spürte Ungeduld.

Ich habe Mitleid. Er ist im Grunde ein guter Mann, hat nur hier alle genervt, keiner fand einen Zugang… Schade, ob wir richtig handeln, ich weiß es nicht. Melde dich jederzeit…

Das Tor schloss sich, die weinende Frau Wagner blieb zurück. Johann atmete durch.

Immer wieder dachte er an den einen Punkt: Was meinte der Direktor mit Entmündigung? Juristisches war ihm fremd. Er musste sich beraten lassen. Die Wohnung das war jetzt die Hauptsache.

Und dieser Alte… ganz krank und alt. Wozu das alles noch?

Johann warf einen Blick rüber. Der Opa lehnte am Fenster, schaute in den Wald. Die Straße zog sich als graues Band hin.

Nun ja. Vielleicht geht alles irgendwie ohne Bevormundung leichter Wir schaffen das! dachte Johann und gab Gas.

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Homy
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Leb noch ein bisschen, Opa.
Julias Rache