Nachbarsleut’ – Geschichten aus dem deutschen Mietshaus

Nachbarschaft.
Frau Meier stellte den Eimer ab und wischte sich die Hände an ihrem langen, geblümten Rock ab. Ihre Nerven lagen blank.

“Wo bleibt nur die verdammte Brigitte? Diese gewissenlose, nichtsnutzige und faule Nachbarin! Gestern hab ich ihr gesagt, dass der Giersch aus ihrem Garten in meinen rüberwächst, aber sie kümmert das kein bisschen wächst weiter, als wäre nichts gewesen.”

Im Hof lief Frau Meier umher, warf immer wieder einen Blick über den Zaun, um Brigitte zu erspähen. Die Wut kochte in ihr. Im Stall grunzte das Schwein, drinnen stapelten sich die Hausarbeiten, ihre Gedanken überschlugen sich. Und das alles nur wegen dieser Trantüte erscheint sie einfach nicht! Ihre einzige Beschäftigung ist offenbar, bis mittags zu schlafen!

Endlich sah sie, wie Brigitte auf der Veranda stand. Hoch aufgeschossen wie eine Bohnenstange, im immergleichen schmutzigen Kittel. Frau Meier hatte reichlich Groll angestaut bis zu diesem Moment.

Sie begann sogleich laut und mit Nachdruck ihre vorbereitete Rede damit wirklich jeder es hören konnte.

Wenn du, Brigitte, schon selbst zu faul bist, dann engagier dir wenigstens jemanden fürs Unkraut! Ich habs dir doch gestern gesagt der Giersch breitet sich zu mir rüber aus!

Brigittes Antwort kam ohne Zögern, beiläufig, ohne sie eines Blickes zu würdigen, aber laut genug:

Wenns dich stört, dann reiß es doch selber raus. Das Tor ist offen, sie deutete mit dem Kinn und verschwand, von der Küche war zu hören, wie sie einen Eimer Spülwasser in den Garten kippte.

Frau Meier war sprachlos über diese Frechheit. Ihr schüttelte es regelrecht vor Empörung. Trotzdem musste sie abwarten, bis diese Kreuzotter wieder in den Hof kam. Sie linste auf der anderen Seite des Zauns sah niemanden, aber war sich sicher, dass Frau Herta alles mitanhörte. Die würde gleich durch das ganze Dorf tragen:

“So hat Brigitte die Frau Meier abserviert, aber ordentlich!”

Jetzt galt es, schnell zu retten, was zu retten war, doch die da war im Garten versackt.

Zu streiten und zu schimpfen, das konnten die Frauen in Lindental bestens. Vielleicht hieß der Ort deswegen so Lindental, nach den oft stürmischen Winden. Natürlich gab es auch zurückhaltende Frauen. Die Ines Weber zum Beispiel hatte ihr ganzes Leben lang mit niemandem gestritten. Über sie wurde nie geredet langweilig halt. Was sollte man auch erzählen? Und was ist das schon für eine Frau, wenn sie sich nicht zu behaupten weiß? Sie lässt alles über sich ergehen, schaut auf den Boden. Weder Fisch noch Fleisch.

Über Frauen wie Frau Meier dagegen sprach man mit Respekt eine Frau wie Feuer! Für ihre Leute würde sie sich zerreißen. Und sie war immer mit jemandem im Clinch. Kaum ein Tag ohne einen kleinen Giftpfeil.

Streit entlud sich wie ein Gewitter: im Laden, auf der Straße, beim Kartoffelsetzen, im Gemeindezentrum bei Versammlungen, und besonders, wenn am Freitagmorgen frische Brötchen geliefert wurden.

Weder schwere Arbeit noch Termindruck konnten sie vom Streiten abhalten. Eine Stunde zoffen? Kein Problem. Und meistens ging sie als Siegerin nach Hause. In jeder Küche wurde abends mit Lachen über die täglichen Wortgefechte berichtet, mit allen Einzelheiten nacherzählt, wie im Theater. “Da sagte sie …, und dann die …”

Einmal hätte sich Margarete Meier beinahe auf dem Wochenmarkt mit einer Frau aus Nachbargest gestürzt. Das war vielleicht ein Spektakel! Der halbe Markt stand Spalier, die beiden lieferten sich ein wahres Bühnenstück. Jede probte ihre Schimpfkanonade, als wollte sie zur Diva werden. Flüche wurden zu Drohungen, Familienverhältnisse und Ehemänner in die Diskussion geworfen, und selbst Anspielungen der tiefsten Sorte blieben nicht aus.

Doch selbst, wenn es heftig begann, glitten die Streite gegen Ende meist in eine Art Schaukampf ab. So zu streiten, das muss man können! Dazu brauchts eine flinke Zunge und einen wachen Kopf. Man kann fast sagen es ist eine Begabung.

Am Schluss klang es dann fast gelassen, wenn der Groll verraucht war:

Du bist und bleibst ein Miststück! Wenn du stirbst, wird dich niemand vermissen!

Ich werd vorher noch auf dein Grab spucken, Giftschlange! Das schaff ich ganz sicher noch … und das wurde schon fast ruhig ausgesprochen, als wäre es nichts Besonderes. Schon Schlimmeres gehört.

Auch mit Brigitte Kappelmann stritt Frau Meier schon seit Jahren. Sie hatte dem ganzen Dorf so einiges über Brigitte erzählt. Aber Brigitte ließ alles an sich abprallen und schoss ebenfalls zurück.

Dumm bleibt dumm. “Hört ruhig weiter auf sie!”

Schließlich tauchte Brigitte hinter dem Stall auf, Frau Meier stand schon parat.

Sag mal, wie faul kann man sein, dass einem selbst Unkraut zu viel ist? Was machst du den ganzen Tag, Nachbarin? Den Schweinestall geweißt? Oder haben die Enkel dich überrollt?

Ich hab meine Tochter anständig erzogen sie lässt mir die Enkel nicht aufhalsen.

Oh ja wo der Teufel nicht hinkommt, schickt er ‘ne Frau. Das war ein klarer Seitenhieb auf Frau Meier deren Tochter oft die Enkel zu ihr brachte.

Na klar, weil deine Anja weiß, dass die Kinder ungewaschen und halb verhungert heimkommen. Dir kann man nicht mal einen Hund anvertrauen, geschweige denn Kinder …

Ich putz denen nicht den Hintern, binde auch keine Schnürsenkel und buckel nicht vor ihnen!

So war das. Kürzlich war sie vor ihrem neunjährigen Enkel auf die Knie gefallen, weil dessen Schnürsenkel aufging.

Ich kann das allein, Oma aber das Bein hielt er hin, während er weiter am Apfel kaute.

Auch das hatte Brigitte schon spitzgekriegt und behalten.

Bei mir ist es für die Kinder wie im Paradies, nicht wie auf dem Bauernhof. Deshalb kommen sie gern zu mir im Gegensatz zu manch anderen.

Das tun sie nur, weil sie sonst nirgendwo hin können, Brigitte stellte ihren Eimer ab und drehte sich zu ihr, Sorg lieber für deine Hühner, statt von morgens an zu lästern. Die kommen nämlich wieder rüber. Sonst fang ich sie, und dann gibts Hühnersuppe.

Nur zu! Koch dir mal was Gescheites vielleicht nimmst du ja zu, wenn du mal ‘ne meiner Hennen verspeist. Dann kann dein Mann endlich satt essen!

Ich habs gesagt kommt mir ne von deinen Hennen auf den Salat, dreh’ ich ihr den Hals um!

Was gibts denn bei dir im Garten? Wenn meine Henne ein bisschen nascht bringt sie mir mehr Eier ein paar schenk ich dir sogar!

Von deinen Eiern wird mir schlecht! Die bleiben mir im Hals stecken!

Nach und nach kamen die Ehemänner aus den Häusern. Ohne sich abzusprechen gingen sie zur gemeinsamen Bank am Gartenzaun.

Die fetzen sich wieder, die Weiber! murmelte Brigittes Mann, Robert, lauschte den Stimmen.

Gott schuf drei Plagen: Frauen, Teufel und Ziegenböcke, sagte Frau Meiers Mann, Onkel Paul, und zündete Robert eine Zigarette an.

Sie rauchten zusammen, schwiegen und hörten ihren Frauen zu. Dann redeten sie über die Arbeit im Sägewerk, das neue Management, und wieder schauten sie zum Streitgespräch.

Ach, Weiberworte wiegen nicht mal auf einem Schwein auf. Die haben einfach zu viel Freizeit am Wochenende, dann drehen sie durch.

Sollen wir sie reinholen? schlug Paul widerwillig vor.

Bist du verrückt? Lieber einen Hund reizen als eine Frau!

Stimmt auch wieder. Wenn Frauen zanken, ist keine dagegen gefeit.

Sie steckten sich eine zweite Zigarette an. Es war besser, einfach abzuwarten. Beide wussten genau, wann der Zeitpunkt zum Eingreifen gekommen war sie spürten, wann ihren Frauen die Puste ausging.

Naja, Hauptsache ein Streit das ist wie ein Startschuss für den Tag. Die Frauen hatten ihre Portion Unterhaltung bekommen, jetzt war wieder Zeit für Pflichten. Nach so einem Krawall waren sie plötzlich besonders eifrig im Haushalt.

Bei Frau Meier stand der Mund nicht still, auch beim Arbeiten polterte sie weiter. Dabei sauste sie durchs Haus und den Hof, als wollte sie allen zeigen, dass sie die beste Hausfrau im Dorf war.

Brigitte dagegen schmollte, hielt sich zurück, errötete und zog die Stirn in Falten. Doch auch sie gab sich Mühe, ihrem Mann zu beweisen, dass Frau Meier lauter Lügen über sie erzählte.

Mach dir keinen Kopf, Brigitte.

Ich doch nicht. Auf so ein Geschwätz geb ich nichts. Sollen die erstmal bei sich schauen.

Robert merkte trotzdem, dass sie gekränkt war. Herrje, warum schaffen es Frauen nicht, in Frieden zu leben?

Brigitte war eigentlich zugezogen. Robert hatte sie aus dem Nachbarort Kleinwiesen hergeholt. Es hieß früher, er hätte sich eine Niete ausgesucht. Bis sie Wasser geholt hatte, war das Feuer in der Stube schon erloschen.

Frau Meier hatte einst ein Auge auf Robert geworfen. Eine Schönheit mit dickem Zopf. Doch er brachte Brigitte heim schmal, unscheinbar, und karg an Talenten.

Ein paar Jahre später heiratete Frau Meier dann Paul. Die Familien waren anfangs befreundet, feierten zusammen, ihre Kinder wuchsen nebeneinander auf. Brigitte bekam nur eine Tochter, zwei weitere Kinder überlebten nicht. Frau Meier hatte zwei: erst die Tochter, dann den Sohn.

Frau Meier war stets unermüdlich: Nächte durchgenäht, gebügelt, geputzt. Brigitte nahm’s ruhiger. Ihre Tochter war gepflegt, trug aber kein Haarnetz und auch keine Schleife wie Frau Meiers für den Sonntag war das Schuhwerk eben das, was da war. Sie rannte nicht stundenlang durch die Stadt nach dem Allerbeste. Abends las sie der Tochter lieber Bücher vor als an den Waschkessel zu gehen.

Aber in der Schule lief es bei Frau Meiers Kindern nicht rund. Die Tochter schaffte es nur knapp zur Vier, der Sohn flog beinahe von der Schule; immerhin schaffte er den Abschluss.

Ab da begannen die Dauerstreitigkeiten der Nachbarinnen. Die Kinder waren befreundet, Männer verstanden sich, aber sie, die Frauen wie Hund und Katze. Worum ging es eigentlich? Sie hatten fast dieselbe Lebenslage, auch die Häuser standen Kopf an Kopf, Probleme und Freuden teilten sie.

Die Kinder wurden groß. Brigittes Tochter studierte, heiratete, zog in die Stadt. Besuche wurden selten immer war irgendwas. Frau Meiers Kinder blieben in der Nähe. Die Tochter lebt mit Familie im Nachbardorf, der Sohn arbeitet im Kreiszentrum.

Man könnte meinen, es sollte endlich Frieden einkehren. Aber je mehr freie Zeit sie hatten, desto öfter krachte es.

Bald wusste das ganze Dorf, dass es größere Feindinnen als Margarete Meier und Brigitte Kappelmann nicht gab. Mal ging es um den Gartenzaun, dann störten Bäume oder Tiere. Fast hätten sie gar die Bank zwischen ihren Häusern zerschlagen zum Glück griffen die Ehemänner rechtzeitig ein.

Sogar der alte Hund Bello, der früher auf beiden Höfen zu Hause war, zog zu dem einsamen Herrn Lüders. Kein Wunder bei dem Krach.

***

Doch dann ereilte Brigitte das Unglück. Im Frühjahr verließ sie kaum noch das Haus. Frau Meier wartete, aber sie zeigte sich nicht. Sogar um die Hühner kümmerte sich Robert. Frau Meier ärgerte sich und erzählte im ganzen Dorf:

“Jetzt ist sie völlig dreist! Lässt alles auf den Mann abwälzen!”

Es war Zeit, umzugraben, Galine steckte nicht einmal den Kopf raus. Das würde wieder in einem Urwald enden der Giersch würde alles überwuchern, und Frau Meier schimpfte schon im Voraus.

Dann kam die Nachricht: Brigitte wurde ins Krankenhaus gebracht. Schwer krank. Die Tochter kam, traurig und verschlossen, wich neugierigen Fragen aus.

Frau Meier fragte nicht nach Details, doch in einem Dorf wie Lindental wusste man immer alles.

Man munkelt, dass Brigitte nach Hause kommt. Sie ist übel dran. Operiert. Die Tochter sagt nichts, aber es soll wohl Krebs sein.

Tatsächlich wurde Brigitte bald nach Hause gebracht. Ihre Tochter, Sabine, blieb erst ein paar Tage, dann musste sie wieder los zu Hause warteten kleine Kinder, Mann und Arbeit. Vorher engagierte sie für etwas Geld Frau Rita, eine abgebrannte Witwe, damit sie nach der Mutter schaute, solange Robert arbeitete.

Robert sah ausgemergelt aus, sprach wenig, zog sich immer mehr zurück. Früher war er schon kein Vielredner, jetzt erst recht nicht. Mit Nachbar Paul saß er ab und zu auf der Bank, zündete sich eine Zigarette an.

Und, wie geht’s? fragte Paul.

Ach, Robert machte eine wegwerfende Bewegung und zog an der Zigarette.

Kopf hoch, wenn was ist, sag Bescheid.

Ach, was soll’s. Nichts macht mehr Sinn. Sag deiner Frau, die Erdbeeren wachsen im Unkraut. Wenn sie will, kann sie sie nehmen.

Die macht das nicht. Du weißt doch, wie die zwei zueinander stehen.

Weiß ich. Dann sags eben Rita. Sonst gammeln die noch weg, das wär schade.

Paul erinnerte sich abends an die Erdbeeren, während er beim Abendessen saß und Frau Meier gerade Marmelade kochte. Er erzählte es nebenbei, zog dabei die Schultern ein gleich würde sie wieder schimpfen.

Doch sie schwieg, drehte ihm den Rücken, rührte still im Marmeladentopf weiter. Paul wechselte das Thema, vergaß es.

Nach ein paar Tagen bat sie ihn, eine große Tasche zu den Nachbarn zu bringen.

Was ist da drin?

In der Tasche: zwei Dreilitergläser Marmelade und ein Einliterglas, alle in Zeitung gewickelt.

Dann hast du deren Erdbeeren etwa gepflückt?

Hab ich. Und auch gleich das Unkraut gejätet. Das war wie ein Dschungel bis zur Hüfte! Die Hände sehn aus, schau mal, lauter Kratzer.

Aber … wollte er sagen, verstummte, griff die schwere Tasche und machte sich auf den Weg.

Robert war nicht zu Hause. Rita öffnete, plapperte gleich los über Brigitte, die Ärzte, die Tabletten und das ganze Elend.

Paul spähte ins Zimmer, begegnete Brigitte im Blick. Sie lag auf dem Sofa, das Haar auf dem Kissen ausgebreitet, bleich, aber ihre Augen luden ihn ein.

Hallo, Brigitte. Wie gehts? druckste er an der Tür, Margarete schickt Marmelade. Sie hat eure Erdbeeren gepflückt, alles gejätet.

Danke. Sie macht die beste Marmelade, murmelte Brigitte leise, Setz dich ruhig dazu.

Paul rückte sich einen Stuhl heran.

Fehlt dir was?

Ach was. Robert besorgt alles, was ich brauche, sie schnaufte, das Sprechen fiel ihr schwer, Paul, wenn Margarete das Unkraut gejätet hat, lass das alte Blech von der Wiese räumen. Eure Hühner sollen ruhig rüberlaufen. Mein Garten liegt ja eh brach, sie sprach kaum hörbar.

Das wird schon wieder. Im nächsten Jahr machen wir alles hübsch.

Brigitte schaute weg, atmete schwer.

Sei nicht böse, Paul. Versprichst du?

Aber Brigitte! Ich war nie böse. Das seid ihr Frauen Wir Männer doch nicht.

Ja, ich weiß

Rita kam herein, brachte Kartoffeln, schimpfte weiter über Tabletten und Ärzte. Brigitte verdrehte erschöpft die Augen selbst zu essen, darauf hatte sie keine Lust.

Paul verließ das Haus betrübt. Schlimm, so etwas zu erleben besser selbst krank werden als die Frau so zu sehen.

Er berichtete seiner Frau alles, wie Brigitte nun läge, wie schlecht sie aussah. Margarete stellte Fragen, runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf. Paul ärgerte sich immer hat sie etwas an den Nachbarn auszusetzen, jetzt wäre Mitleid gefragt. Aber nein, wieder nur Ablehnung.

Klar so eine unfähige Rita! Robert bleibt ja nichts anderes übrig. Deswegen das ganze Elend im Haus, Essen schlimm genug.

Sie meinte, deine Marmelade sei die beste, warf Paul ihr hin.

Sie hielt kurz inne, dann arbeitete sie weiter.

Herzlos ist sie manchmal, dachte Paul.

Am nächsten Morgen, als sie mit allem durch war, packte Margarete Meier Suppe vom Vortag in einen Topf, wickelte Kuchen und eine Flasche Kirschsaft in ein Tuch und band alles zusammen. Dann setzte sie sich für einen Moment auf die Bank und schloss die Augen.

Dann erhob sie sich, ging zielstrebig hinüber in Brigittes Hof. Sie schaute nicht umher, trat ein bei ihnen wurde selten abgeschlossen.

Niemand war da.

Rita? rief sie.

Wer ist da? kam eine leise Stimme aus dem Zimmer.

Ich bins, Margarete lugte hinein, schaute aber zur Tür, Wo ist denn Rita? Ich hab Suppe und Saft gebracht, sagte sie, als hätte sie auf dem Weg zufällig etwas abgegeben.

Brigitte saß auf der Bettkante, die Füße nackt und schief am Boden, das vom Schulter gerutschte Hemd ließ spitze Schlüsselbeine erkennen, dunkles Haar fiel auf die Schultern, ganz blass war sie. Margarete gefiel der Anblick gar nicht. Und die Luft im Zimmer war abgestanden.

Die ist Milch holen bei den Beckers. Kommt bald wieder, auch diese kurze Antwort fiel Brigitte schwer.

Verstehe, Margarete wusste nicht recht, was tun, ich lass das Zeug da. Iss was. Und lass dich nicht unterkriegen.

Als sie zur Tür gehen wollte, sah sie die Marmeladengläser, die sie gebracht hatte, standen noch da, direkt bei den Schuhen.

Brigitte, warum hast du die Marmelade da stehen lassen? fragte sie dann, merkte aber gleich, wie albern das war. Wer in so einem Zustand, dem sind Marmeladengläser egal, Ich bring sie schon selber in den Keller, ja?

Ohne Antwort trug sie die Gläser auf die Küche, schlug den Teppich zur Seite und öffnete die Bodenklappe. Darunter war Sand! Nicht mal in der Küche hatte Rita sauber gemacht. Margarete wurde sauer auf Rita.

Maggi, Maggi hörte sie.

Was willst du?

Gib mir was von dem Saft? Ich hab so Durst

Klar, ich bring dir was zum Trinken, sie holte einen Becher.

Je mehr Margarete sich um das Haus kümmerte, desto mehr merkte sie, dass Rita überfordert war. Brigitte sah ausgemergelt aus, klar schwere Krankheit. Aber regelmäßiges Lüften und mal ordentlich sauber machen wäre trotzdem nötig.

Nimm das Schultertuch, ich mach das Fenster auf. Dir fehlt Frische. Kannst du noch allein laufen?

Nur bis zum Klo, dann geht nichts mehr. Die Beine sind hinüber.

Und die Ärzte? Was sagen die?

Brigitte winkte ab. Sie trank etwas warmen Saft und kippte danach erschöpft aufs Kissen. Margarete legte ihr die Beine hoch und setzte sich daneben.

Schau, Brigitte! sie ballte die Fäuste, Ob dus willst oder nicht, ich bleib hier. Du kannst mich beschimpfen, rauswerfen, wie du willst ich geh nicht. Ich schau mir diese Rita genau an, und wenn sies nicht bringt, helfe ich dir.

Brigitte bewegte leicht die Finger ein stilles Einverständnis.

Nach ein paar Tagen flog die bockige Rita mit Getöse raus. Margarete schimpfte hinterher.

Ausgerechnet! So ein Jammerlappen! Die hat dich schon beerdigt, könnte man meinen. Nicht mit mir! Du wirst schon noch bei der Hochzeit deiner Enkel tanzen und was hab ich schon für ein Bild vor Augen! Da könnt ich lachen

Hast du sie rausgeworfen?

Aber sicher! Keine Ahnung von gar nichts. Jetzt bin ich da. Mit mir gehn hier die Lichter nicht aus!

Für Brigitte begann ein besonders unruhiges Leben, denn nun hatte Margarete übernommen. Sie putzte, half ihr umziehen, meckerte, wenn Brigitte Tabletten verweigerte, beim Essen streikte oder die Beinübungen nicht machen wollte.

Das Haus brachte sie auf Vordermann, kochte meist zu Hause, aber jetzt auch für vier Robert wollte ja auch essen. Im Dorf erzählte sie voller Stolz:

Heute gabs bei Brigitte und mir Eintopf mit Schwein. Sie hat ordentlich gegessen! Der Arzt sagt, sie darf jetzt auch wieder Schwein. Die steht wieder auf die Beine, da gibts kein Vertun!

Brigitte hatte gerade noch Kraft für die Prozeduren, zum Essen und Schlafen. Sie sprach wenig, nickte nur mit Margarete anzulegen, dazu fehlte die Energie. Wenn ihr das Lamentieren zu viel wurde, rollten ihr die Tränen dann ließ Margarete ab, brummte milder und rückte ab.

Kommen, jetzt bitte! Was heulst du denn? Na schau, kann doch nichts dafür, dass du zwei Löffel nicht mehr schaffst!

Robert spürte, dass der ganze Staubkram aus den Ecken verschwand, seit Margarete im Haus war. Mit ihr zog Schwung ein, und Hoffnung, dass doch noch nicht alles verloren war. Sie meckerte zwar, trieb ihn an, aber machte Mut. So räumte er den Hof auf, zupfte Unkraut.

Wie hältst dus mit ihr aus? Kein bisschen Ruhe, klagte er Paul.

Ach, wo der Teufel nicht hilft, da schickt Gott meine Margarete, lachte Paul.

Selbst Brigitte wurde munterer. Die Beine taten noch weh, aber sie konnte wieder reden, sich umziehen. Ärzte bestätigten Besserung! Hoffnung war da die OP war geglückt.

Wir gehen spazieren, meinte Margarete eines Abends und reichte ihr eine Strickjacke.

Ich geh nicht! Lass mich, die Leute sollen nicht lachen. Ich bin zu schwach, will schlafen …

Margarete befahl den Männern, sie unterzuhaken und zur Bank am Gartentor zu bringen. Die hatten ihren Stolz. Sie wollte den Leuten zeigen, dass Brigitte dank ihres Einsatzes wieder da war, gesünder und runder in den Wangen. “Die hatten sie doch längst schon beerdigt!”, dachte sie. “Und jetzt, schaut her!”

Frische Luft tat gut, Brigitte lachte, als sie saßen. Sie hockten nebeneinander auf der Bank. Unter Brigittes Seite steckten sie ein Kissen, deckten sie mit einem Tuch zu.

Ich hab viel nachgedacht, Brigitte, in diesen Tagen, begann Margarete, Wir leben Tür an Tür, streiten. Unsere Kinder sind zusammen aufgewachsen, unsere Männer sind Freunde, die Kinder weg, ihre eigenen Sorgen, ihre eigenen Leben … Am Ende bleibt uns nur die Nachbarin nebenan. Wir werden zusammen alt auf dieser Bank, jeden Abend.

Weißt du noch, dass mein Vater die Bank hier gebaut hat, wickelte Brigitte sich das Tuch fester um.

Ach was, mein Vater hat die gezimmert! Seine Hände waren das.

Nein! Robert hat gesagt, am Anfang gehörte die Bank unserem Haus, dein Vater bekam nur das Geld vom Schwiegervater für die Arbeit. Unser war sie, von Anfang an!

Unsinn! Geh, wenn du willst, in den Schuppen aber mein Vater hat sie gemacht! Das mit dem Geld ist Quatsch, völlige Erfindung …

Unsere Bank war das! beharrte Brigitte.

Geh doch nach drinnen, Brigitte! Was erzählst du da? Ich hab’s doch selbst gesehen, wie mein Vater sie gemacht hat!

Selber geh rein, Margarete! Unsere Bank war das von Anfang an, schau nur auf den Zaun …

Und das Haus? Na schau, unser Haus steht direkt daneben und eures dort hinten!

Schon war wieder ein Streit entfacht.

Was wäre ein Dorf ohne Streit?

Hinter dem Zaun saßen die Männer, Paul und Robert, rauchten still.

Paul lachte leise und wischte sich verstohlen eine Träne ab.

Ach, ich habe das vermisst. Die Brigitte wird wieder gesund, was sagst du, Robert?

Sie wird, seufzte Robert erleichtert, zog genüsslich an der Zigarette, Gott sei Dank, alles wird wieder wie früher. Unsere Frauen eben!

Und wieder loderte und erlosch der Zank. Der alte Hund Bello trabte vorbei, schaute mit klugem Blick, drehte ab auf die vertraute Bank und legte sich zu den Füßen der Frauen, Kopf auf die Pfoten.

Am Abend wurde der Himmel lila, ein kräftiger Wind zog durch das Dorf. Die untergehende Sonne, durch Regen luftfrisch, warf goldene Streifen über zwei Frauen auf der Bank.

Eine Bank, die ihre Schicksale verbunden hat.

***

Was habe ich gelernt daraus? Man kann mit seinem Nachbarn monatelang streiten und alles besser wissen wollen, aber in wichtigen Lebensmomenten zählt nicht, wer den Zaun frisiert hat oder wer das schönste Unkrautfeld besitzt. Es zählt, da zu sein, gemeinsam auf der Bank zu sitzen, und zu wissen: Wir sind doch füreinander da im Streit, im Lachen und besonders, wenns schwer wird.

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Homy
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Nachbarsleut’ – Geschichten aus dem deutschen Mietshaus
WIE MAN EINEN FRANZOSEN HEIRATET UND NICHT AUF DER STRAßE LANDT