Verloren gehen? Nicht mit uns!

Nie wieder verschwinden!

Na, so läufts! schlug ich, Egon Andreas, mit der Hand auf den Tisch, die Dame klapperten auf dem Spielfeld, einer, ein weißer, rollte auf die alte, vom Taschenmesser zerkratzte Holzplatte. Und? Was sagt ihr dazu, Leute?

Triumphierend lachte ich auf. Mit einem genialen Zug hatte ich meinen alten Nachbarn aus Wohnung 5, Herrn Zacharias, beim Dame-Spiel besiegt. Er schniefte nervös, zog seine Schiebermütze tiefer, rieb sich den kahlen Kopf.

Wie jetzt?! Was soll das?! winkte er mit den Armen, als wolle er zaubern, doch ich war schon hinaus, pfiff vor mich hin und streckte mich genüsslich. Meine Spielgeheimnisse verrate ich doch nicht! Wie, wie? Na, eben so.

Ich schlenderte nach Hause und blickte über den Hof. Zu dieser Stunde sind alle Jüngeren bei der Arbeit, nur die Rentner und ein paar Kinder laufen auf dem Gehweg herum langweilig! Mit der Jugend unterhalte ich mich gern, necke sie, frage nach, was sie so machen, und dann erzähle ich ihnen natürlich, dass zu meiner Zeit das kennt hier schon jeder. In meiner Zeit war das Wasser nasser, die Bäume dichter, die Milch weißer und alle waren stark und gesund. Heutzutage, ach du meine Güte! Alles kranklich, schwächlich, und im Supermarkt kriegst du nur Quatsch.

Oh! Anna Viktoria! rief ich und hielt die Nachbarin im geblümten Kleid und mit Hütchen auf, das mit einer kleinen Stricknadel am Knoten befestigt war. Wo warst du, was hast du da?

Ich schnappte ihr die Einkaufstaschen ab und ging neben ihr her.

Ach, nur Kleinigkeiten, Brot, Wiener, aber das war dann doch wieder so viel wie für eine Kompanie Soldaten, erklärte sich Anna Viktoria verlegen. Die Enkel kommen am Wochenende, da will ich sie mal überraschen, nicht immer nur Suppe und Frikadellen!

Enkel sind was Feines, brummte ich abwesend. Ich hörte ihr gar nicht richtig zu, lief einfach neben ihr Schritt für Schritt, dachte aber an ganz andere Dinge.

So, wir sind da, danke Egon Andreas! Anna zog die Taschen an sich, ich gab sie zurück und entschuldigte mich sogar noch. Sie verabschiedete sich und verschwand durch die grün gestrichene Haustür. Diese knallte dermaßen laut zu, dass das Echo wie ein Donnerschlag durch den Innenhof rollte.

Ich fluchte leise vor mich hin. Schon ewig will ich einen Türschließer einbauen schwer ist das ja nicht. Aber immer war ich zu faul, zu beschäftigt oder musste erst noch einen kaufen

Entschlossen nahm ich mir vor, das jetzt sofort zu erledigen! Ich gehe hoch, hole mein MonatsTicket, das nötige Geld in Euro, ziehe mir ein frisches Hemd, kram die Cordhose aus dem Schrank und mache mich auf den Weg besser, als nur rumzutrödeln.

Im Aufzug mit dem jungen Nachbarn Niklas Gaulke, der vor Kurzem in die neue Zweizimmerwohnung drei Etagen über mir gezogen ist, fragte ich wie immer, was die Jugend heute so interessiert. Gaulke antwortete, wie jedes Mal, dass er es nicht weiß, weil er nur beschäftigt ist, Budgets zusammenschneidet, und dass es ihm ganz okay geht.

Na, wenns okay ist, ist doch gut, nickte ich. Auf Wiedersehen.

Gaulke nickte, die Tür schloss. Oben angekommen, wird er sich bei seiner Frau Rita beklagen, dass der neugierige alte Herr Zabel ihn schon wieder mit seinen Fragen genervt hat. Rita wird nur leise den Kopf schütteln und ihm ein Glas kalte Milch bringen, ihn liebevoll beobachten: wie er isst, trinkt, Zähne putzt für sie tut er alles perfekt. Sie ist insgeheim traurig, dass Herr Zabel ihren Niklas so stresst, ihn nervös macht.

Er hat schon wieder nach der Arbeit gefragt! Einfach so, wies läuft! wird Niklas sich aufregen, sein Glas absetzen, und Rita anschauen. Der will doch was rausfinden! Über unser Budget, wie viel wir verdienen! Jeder spioniert hier jedem nach.

Keine Ahnung, wird Rita hilflos antworten. Ihre Unsicherheit macht Niklas sanft und er umarmt sie, küsst sie, bevor er sich wieder an den Computer setzt, um am Budget herumzufeilen.

Währenddessen kämpfte ich mir auf dem Baumarktgelände einen Weg. In den Eisenwarenladen nebenan gehe ich aus Prinzip nicht. Da wird man immer übers Ohr gehauen! Die Preise sind dreifach! sage ich, wenn jemand fragt, warum ich lieber auf den Markt gehe.

Hier gibts alles: stöbern, anschauen, ausprobieren, bewundernd schnalzen, wie toll das gemacht ist, tadelnd den Kopf schütteln oder einfach nur beobachten, wie Männer merkwürdige Maschinen zu ihren Wagen schleppen. Frisch gehobelte Bretter riechen, Tapeten befühlen unbezahlbar! Solche Streifzüge genieße ich meist allein

Doch heute war es anders. Vor dem Regal mit den Türschließern blieb ich stehen, wurde nachdenklich. Rosi kam einfach nicht zurück Kein Anruf, nichts! Ohne sie ist alles fade, sinnlos, deprimierend, selbst der blöde Türschließer.

Ich stand noch eine Weile dort, schlenderte dann traurig davon. Erst in der Straßenbahn fiel mir ein, dass ich gar nichts gekauft hatte, aber es war mir egal. Die Tür kann warten, das Leben geht weiter

Wieder auf dem Hof die gleichen Omis in Sonnenhüten auf der Bank, blinzelnd in die Sonne, plaudern träge. Auch ihnen ist bestimmt langweilig ohne Rosi Aber sie taucht einfach nicht auf.

Na, meine Damen! rief ich betont munter. Gesundheit! Ohne meine Rosi klappt das Gespräch nicht gut, oder? Keine Sorge, wenn sie vom Schwesterbesuch zurück ist, läuft alles wieder! Ihr seid ja schon ganz betrübt ohne meine Rosi, was?

Ich wollte schon weiter, aber die älteste, Frau Nadja Pachmann, früher Hauswartin, rief mir nur hämisch hinterher:

Und was ist mit dir? Uns gibts wenigstens Nachrichten und Serien auch ohne Rosi, aber du, Junge, bist ja völlig verloren! Rastlos, findest keinen Platz.

Wer, ich? ich drehte mich ärgerlich um. Ich war schon im Baumarkt, merkt ihr!

Und, was hast du gekauft? fragte sie eiskalt, während sie eine Fliege von ihrem Gesicht klatschte.

Was ich brauche, hab ich gekauft, schnaubte ich.

Du hast doch nix gekauft! Du wolltest nur Zeit totschlagen! zog sie mich auf. Seit wir jung waren, macht sie das schon: neckt mich, seit wir Seite an Seite aufgewachsen, geheiratet, Kinder bekommen, alt wurden immer kann sie mich noch ärgern. Und weißt du was? Wir glauben, dass Rosi gar nicht mehr zurückkommt. Sie ist zehn Jahre jünger, hat sich auf ihrem Urlaubsort bestimmt einen Jüngeren geholt! Heutzutage ist das normal: wegfahren, scheiden lassen, neue Liebe finden. Und warum kommt sie nicht zurück? Die hat jetzt einen Neuen! Nicht mehr nur Eintopf und Buletten! Find ich gut von der Rosi, jetzt lebt sie richtig!

Ach, hört doch auf! Ihr spinnt! brummte ich, verärgert. Diese Nadja weiß immer, wos weh tut!

All die Jahre hatte ich Angst, dass Rosi mich verlassen könnte. Ehrlich, warum braucht sie so einen alten Kerl wie mich? Junge Typen gingen ihr doch ständig auf der Arbeit nach ich bin doch nur langweilig, viel zu ruhig für sie. Was sieht sie denn an mir?

Sie, meine Rosl, war immer lebendig, liebte Musik, Freunde, laute Feiern, Gitarre, Spiele, tanzen. Und ich?

Ich habe meine Streichholzmodellbauerei. Nach Feierabend vom Forschungsinstitut nach Hause, was essen, mit Rosi reden, ihre kleinen Wünsche erledigen, Einkaufen, Kinder zur Schule oder zum Sport bringen, und dann bastle ich endlich meine geliebten Modelle aus Streichhölzern. Das mache ich schon seit meiner Kindheit.

Ich habe eine Miniatur des Münchner Rathauses, den Kölner Dom, den Eiffelturm, Brücken, Dorfkirchen, Bauernhäuser mit winzigen Fenstern, Türen, Gartentörchen. Alles beweglich, Türen quietschen manchmal sogar. Einige Wettbewerbsstücke hat Rosi sogar ins Stadtmuseum und in die Bücherei gebracht, weil die Sammlung zu Hause aus allen Nähten platzte. Ganze Straßenzüge, Möbel, Bücherregale alles aus Streichhölzern. Wunderbar! Aber… was hat sie davon?

Doch liebt sie mich trotzdem

Jetzt war sie zu ihrer Schwester gefahren, sagte, sie helfe bei der Kartoffelernte, käme in zwei Wochen zurück, bat mich, mir keine Sorgen zu machen und nicht anzurufen, da es kein Netz auf dem Lande gibt.

Melde dich wenigstens einmal die Woche, murmelte ich, während ich ein Streichholz am Modell eines Handwerkerviertels festhielt, das Rosi so mochte, als wir mal in Bamberg Urlaub machten. Sie packte dabei den Koffer; was sie sagte, habe ich nicht mehr mitbekommen, war zu sehr mit meinem Streichholz beschäftigt…

Was hat sie eigentlich geantwortet?! dachte ich nun ständig, ärgerte mich über Nadjas Gerede. Hat sie versprochen sich zu melden oder nicht? Ich weiß es einfach nicht mehr.

Auch das Modell bringe ich nicht voran, obwohl ich versprochen hatte, es zu ihrer Rückkehr fertigzustellen! Es läuft einfach nicht. Alles fad.

Ey, Männer! Warum so still? fragte ich und betrat die Garage, in der Zacharias und die anderen Tüftler an einem alten Mercedes schraubten. Niemand antwortete, alle starrten unter die Motorhaube. Ich trat näher.

Ist was kaputt? fragte ich leise. Grunzen. Lass mich mal!

Ich sprang ans Steuer, drehte den Zündschlüssel, plötzlich roch es verbrannt, alle winkten mir zu, wegzugehen.

Was läufst du eigentlich hier so rum, Egon?! fragte Zacharias und wischte sich die Hände ab. Den ganzen Tag lungerst du hier rum, hängst bei den Kindern, pumpst die Fahrradreifen auf, montierst Klingeln. Ohne dich können die doch gar nichts! Oder springst mit den Mädchen Gummitwist die kichern sich schlapp, für dich schön, aber ist das nicht ein bisschen kindisch? Mensch, Egon, ehre dein Alter! Geh nach Hause!

Ich zuckte die Achseln und zog ruhig ab.

Oder hat Nadja vielleicht recht? neckte Zacharias mir hinterher. Vielleicht ist deine Rosi wirklich weg? Schon ganz schön lange nichts von ihr gehört!

Ach, was weißt du schon! ich kickte wütend einen leeren Eimer zur Seite. Nadja war schon immer in mich verliebt, leidet nun halt, und du hörst ihr zu!

Wenn du meinst … lachten die anderen und machten weiter.

Ich zog mich heim, Mittagessen. Alles, was Rosi gekocht hatte, war längst aufgegessen. Jetzt gabs Dosenfleisch, Kartoffeln, und Bismarckhering. Ich legte mir die Fischchen aufs Brot, biss ab, wartete kurz, während das Brot den Räuchergeschmack annahm, dann zerdrückte ich die Kartoffeln zu Brei und aß dazu. Herrlich, besser als jede Delikatesse! Aber ohne Rosi es schmeckte trotzdem nicht richtig. Kein Appetit auf alles…

Warum ruft sie nicht an?! Von irgendeinem Hügel müsste da doch Netz sein! Einfach mal melden! Ich versuchte sie zu erreichen, aber sie war wie vom Erdboden verschluckt auch ihre Schwester Ingrid nicht erreichbar

Mit Ingrid war ich noch nie warm geworden. Sie hielt einen, der Streichhölzer für Spielereien verbrät, nicht für geeignet, ihre Schwester zu lieben. Ein Spruch kam immer:

Wie viel Holz hast du damit schon vergeudet, Egon? kicherte sie dann. Und das alles für Spielzeuge

Rosi wies sie zurecht: Ich brauche doch Entspannung, nach all dem Stress im Labor! Ihr war egal, was ich als Hobby tat.

Nein, Rosi, das ist nicht egal! zischte Ingrid dann. Wär besser, du kümmerst dich mal ums Haus, statt ständig an den Streichhölzern!

Doch das war gelogen. Bei mir ist immer alles in Ordnung: Wasserhähne tropfen nicht, Tapeten sitzen, Regale hängen, Putz bröckelt nicht, Fußleisten top. Alles für Rosi. Nur um ihr zu gefallen

Abends blieb ich extra drinnen, wollte niemandem über meine Einsamkeit stolpern lassen. Mein Modell bekam ich wieder nicht fertig, also entschied ich mich, zu baden. Im Badezimmer hing noch Rosis Bademantel ihr Seifenduft, so traurig

Beim Rasieren fiel mir auf: Der Wasserhahn tropft. Gleichmäßig, nervig. Eigentlich müsste ich los, den Schraubenschlüssel holen und das richten… Arbeit für einen ganzen Abend!

Ich war fast froh, etwas zu tun zu haben, ließ es dann doch bleiben. Morgen oder übermorgen… Ohne Rosi kann das warten.

Sie war für mich wie die Lokomotive, ich wurde einfach mitgezogen. Früher war das nicht so auffällig, doch da waren ihre Energie und Ideen immer der Motor für uns. Als die Kinder aus dem Haus waren, wurde ihre Rolle noch bedeutender. Als sie im Ruhestand war, blieb auch ich noch im Job, aus Stolz; wie hätte das ausgesehen, wenn sie arbeitet und ich nur auf dem Sofa liege!

Als wir beide Rentner wurden, kam ein neues Leben: Im Sommer fuhren wir auf die Märkte, kauften Beeren, machten Marmelade, Gurken einlegen, Tomaten einkochen. Die Küche war tropisch feucht, alles für die Kinder auf Vorrat. Herzlicher Alltag!

Im Herbst Kraut einlegen, Kürbis einfrieren, Äpfel schneiden und dörren. Im Winter strickte Rosi für die Enkel Pullis und Mützen, ich besorgte im Bastelgeschäft genau die richtige Wolle. Alle Verkäufer kannten mich dort. Ich lernte jeden Farbton kennen, versuchte sogar das Stricken aber am Ende bastelte ich doch lieber meine Streichholzmodelle. Und Rosi gefiel das.

Oder hab ich mir das nur eingebildet? Fand sie mich am Ende langweilig?

Ich entschied mich, das Bad zu vergessen, der Wasserhahn tropfte munter weiter. Ich ließ mich aufs Sofa fallen.

Im TV rauschte der Wetterbericht, irgendwo spielte jemand Gitarre, sangen junge Leute, lachten Mädchen. Gaulke kuschelte sich mit Rita auf dem Sofa, dachte über den alten Herrn Zabel nach. Nadja ignorierte zum hundertsten Mal einen Anruf seit Tagen ruft eine unbekannte Nummer an, vermutlich Betrüger! Da geht sie nicht ran. Lieber nicht! Wieder nur Aufregung, dann muss sie bald wieder ihren Baldrian nehmen.

Zacharias aß an diesem Abend von seiner Frau gebackenen Lachs im Teig, lobte das Essen und überlegte, wo zum Teufel meine Rosi abgeblieben ist. Im Alter weiß man ja nie

Vielleicht sollte man bei den Krematorien anrufen? schlug er vor. Seine Frau, Nina, fiel fast die Schachtel mit Plätzchen aus der Hand die schätzt Zacharias sehr, Ninas Plätzchen gibts fast täglich.

Du willst wo anrufen? Wieso das denn? fragte sie entsetzt und mit Tränen in den Augen. Mit den Jahren ist ihre Haut dünner geworden, sie weint ständig.

Naja, was ist, wenn was passiert ist! Keiner weiß Bescheid! überlegte er.

Ach, lass doch! Nina schnappte nach Luft. Die hat bestimmt Ausweis dabei, man würde Bescheid sagen! Das ist nur Urlaub! Am Meer vergeht die Zeit anders. Egon sollte da einfach selber mal hinfahren!

Er mag Ingrids Schwester nicht, die streiten sich immer. Deshalb ist er nicht mit. Schade, der leidet Und ich hab ihm heute wieder Sprüche gemacht.

Was? Ihr schon wieder? Nadja redet und ihr plappert alles nach! Es reicht! rief Nina plötzlich wütend. Genug! Es wird Zeit zu handeln!

Sie ging ins Zimmer, telefonierte. Zacharias saß weiter und grübelte, wie man am besten handelt.

Um fünf Uhr morgens riss mich lautes Hämmern an der Tür aus dem Schlaf. Keine Klingel, kein höfliches Klopfen richtiges Hämmern, als würde eine Büffelherde reinstürmen wollen.

“Der Hahn im Bad ist wohl undicht, ich hab die Nachbarn Utke überschwemmt!” fuhr es mir durch den Kopf. Doch kaum, das bisschen Tropfen kanns nicht gewesen sein

Wieder Hämmern an der Tür!

Bin ja schon da! tappte ich barfuß in den Flur

Vor der Tür stand Nina, rot im Gesicht, fast den Tränen nah, schnappte nach Luft, fiel mir um den Hals:

Geschafft! Ich hab Rosi gefunden. Heute. In Tegel. Und du hast dein Handy nicht an. Gib mir Wasser, sonst sterb ich!

Ich rannte in die Küche, holte ein Glas. Während Nina im Flur auf den Stuhl sank, erklärte sie:

Egon Andreas, hören Sie! sie sprach immer sehr höflich. Rosi hat ihr Handy verloren. Eigentlich die ganze Handtasche. Da war auch das Notizbuch drin. Sie hat hier angerufen, aber dein Apparat ist tot, sie deutete auf das Telefon neben dem Flur. Ich nahm den Hörer ab: tot Kabel raus? Die Nummern der Nachbarn weiß sie nicht mehr, und eure Mitbewohner sind ja sowieso alle neu, keiner geht ran. In einer alten Jackentasche fand sie Nadjas Nummer, aber Nadja nimmt nicht ab. Rosi rief von Ingrids Handy aus an. Sie hat sich große Sorgen gemacht, dass du dich sorgst, und gebeten, ich solle Bescheid geben: Sie kommt heute zurück, bringt dir eine Kiste Mandarinen mit! Du sollst sie abholen. Jetzt gehe ich schlafen.

Nina war schon auf der Treppe, als ich endlich begriff und ihr nachrief:

Aber Nina, wie hast du das rausgefunden?!

Ich habe Bekannte in Travemünde. Und Rosi meinte, da sei sie bei ihrer Schwester. Ich hab mir den Namen gemerkt und langsam herausgefunden, wo sie steckt. Sie hat dir auch eine E-Mail geschrieben. Gelesen?

Welche Mail? Hab ich ganz vergessen Sie hatte angerufen, dass sie gut angekommen ist und dann nix mehr Warum hat sie den Kindern nichts gesagt? Die sind alle ständig auf Achse, kaum erreichbar Bin ich ein Trottel! Danke, Nina! Ich habe schon gedacht, ihr wär was zugestoßen, eine Woche nichts gehört

Erst jetzt fiel mir auf, dass ich nur in Unterhose und Pantoffeln auf der Treppe stand. Verlegen zog ich mich zurück. Nina verschwand

Schnell reparierte ich noch den Wasserhahn, dann fuhr ich los zum Flughafen. Keine Flugnummer, keine Zeit; Nina hatte es erzählt, ich hatte logischerweise alles gleich wieder vergessen. Na egal dann eben alle Flieger durchschauen! Ist nicht so schwer

In der Menschenmenge suchte ich Rosi, wich Taschen und Koffern aus, umklammerte den Blumenstrauß, schließlich entdeckte ich sie. Sie winkte, gebräunt, frisch, jung sah sie aus! Fast war mir peinlich, auf sie zuzugehen ich kam mir vor wie ein uralter Mann.

Egon! Egon, wie froh ich bin, dass Nina mich gefunden hat! Das war ein Alptraum, Handy weg, keine Nummer, du gingst nie ran! Ich hatte schon Angst, dass dir was dass ich dir nicht wichtig bin

Sie nahm den Strauß, streichelte meine Wange, beugte sich vor zum Kuss.

Ohne dich bin ich verloren, Rosl! Bitte, verschwind nie wieder so, ja?! flüsterte ich, fest umschlungen.

Und mein Modellviertel hab ich ohne dich auch nicht fertiggebracht, gab ich auf der Taxifahrt kleinlaut zu. Es ging einfach nicht allein.

Macht nichts! lachte Rosi. Das machen wir zusammen weiter. Ich hab dich so vermisst, ich weiche jetzt nicht mehr von dir. Sind wir verrückt, Egon? Oder ist das nur das Alter? fragte sie bang.

Alt? Quatsch! lachte ich, küsste sie. Wie ein guter Wein: je älter, desto besser! Und ich lass dich nie wieder aus den Augen! Verstanden?

Sie nickte, schmiegte sich an meine Schulter

Der Taxifahrer lächelte uns im Rückspiegel an. So wollte er auch mal mit seiner Frau alt werden: Grauhaarig, zitternde Hände, Falten und doch glänzende, junge Augen voller Liebe Ach, wenn das nur möglich wäre

Heute habe ich gelernt: Ohne meine Rosi schmeckt selbst der beste Fisch nicht alleine kann ich nicht glücklich sein. Man muss den Mut haben, seine Menschen zu suchen, egal wie alt man ist. Und: Nie wieder lasse ich zu, dass wir uns verlieren.

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Homy
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